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Kritiken und Rezensionen 1912 - 1931

Walter Benjamin: Kritiken und Rezensionen 1912 - 1931 - Kapitel 18
Quellenangabe
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typeessay
authorWalter Benjamin
booktitleGesammelte Schriften III
titleKritiken und Rezensionen 1912 ? 1931
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch wissenschaft
volume933
printrunErste Auflage
editorHella Tiedemann-Bartels
year1991
isbn3-518-2S533-5
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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W[ladimir] I[ljitsch] Lenin, Briefe an Maxim Gorki 1908 – 1913.

Mit Einleitung und Anmerkungen von L. Kamenew. Wien: Verlag für Literatur und Politik 1924. 126 S.

Die Briefe, welche Lenin in den Jahren 1908 bis 1913 an Gorki gerichtet hat, liegen den deutschen Lesern jetzt in einem kleinen Bande vor, zu dem Kamenew das Vorwort geschrieben hat. Darin sagt er: »Es gibt viel weniger Dokumente, die Hunderten und Tausenden Menschen die Möglichkeit geben, an Lenins Persönlichkeit, an die Grundzüge seiner geistigen Erscheinung heranzutreten, als solche, die ihn als Gelehrten, führenden Politiker schildern. Es gibt ihrer nur sehr, sehr wenige. Unter diesen seltenen Dokumenten sind die Briefe an Gorki wohl die wichtigsten.« Wer hieraus aber folgern würde, es seien nicht auch diese Briefe durch und durch politisch, der würde sehr irren. Denn passionierend sind sie gerade dadurch, daß das politische Gepräge in ihnen die menschlichsten Beziehungen bestimmt. »Privat« und »öffentlich« stoßen ja nicht aneinander wie Schlafzimmer und Ordination in einer Arztwohnung, sondern sind ineinander eingebaut. Wo das Privateste sich öffentlich begibt, kommen dann auch die öffentlichen Dinge privat zur Entscheidung und führen damit eine physische, politische Verantwortung herauf, die etwas ganz anderes als die metaphorische moralische ist. Es haftet die Privatperson für ihre öffentlichen Akte, weil sie in ihrer jeden voll zur Stelle ist. Revolutionen statuieren immer diese Haftbarkeit (wo nicht noch härtere) und mit Lenin kam dieser Typ der Verantwortung als Diktatur des Proletariats weithin sichtbar zur Geltung. Es wohnt jedoch in Lenins diktatorischer Unerbittlichkeit ein so unablenkbarer Sinn für das Wirkliche, daß diese Briefe stellenweise bei all ihrem Schroffen die Süßigkeit von großer Epik haben. Lenin muß mit dem Dasein im reinen gewesen sein und sein Haß gegen die herrschende Ordnung viel inniger dessen dialektischen Frieden, dessen »schöpferische Indifferenz« umfangen haben als manch anderer mystische Liebe.

Theoretisch ist Lenins Stellungnahme gegen Gorki im Atheismusstreit der Hauptgehalt dieser Briefreihe. Sie wenden sich in den vehementesten Ausfällen gegen sozialreligiöse Bewegungen, wie sie unter dem Namen der »Gotterschaffung« eine Zeitlang vor allem von Lunatscharski in Rußland propagiert wurden. Gorki scheint ihnen nicht ohne Sympathie gegenüber gestanden zu haben. »Nun, ist es denn nicht grauenhaft, was da bei Ihnen für eine Sache herauskommt?« schreibt ihm daraufhin Lenin. Diese Drastik findet in allen Briefen sich wieder, ob sie an Gorkis Einsiedelei auf Capri aus Genf, Bern, Krakau oder Paris sich richten – aus Paris, wo Lenin dann später Märchen wahr werden ließ und, wie Giraudoux schön gesagt hat, unter allen Versprechen, die Großmütter wohl kranken oder verträumten Kindern machen, eines zumindest, und ein einziges, war eingelöst worden. Und das kraft Lenin und Trotzki. »Denn mit Brot bedienten einen im Restaurant Großneffen Puschkins und die Enkelinnen Iwans des Schrecklichen reichten das Salz.« Wenn aber Persönliches durchbricht, und die Besorgnis für das körperliche Wohlergehen Gorkis laut wird, dann kommt in Lenin selber etwas Großmütterlich-Gewaltiges mit fast erschreckender Autorität zum Vorschein. »Danach zu urteilen, daß Sie eine Ziege haben..., ist Ihre Stimmung gut und Ihre Geistesverfassung die richtige und Ihr Leben normal.«

Nicht als private Zeugnisse eines »Genies« im Sinne bürgerlicher Geschichtsschreibung sind diese Briefe zu lesen. Jede undialektische Konstruktion der Individualität – und die bürgerliche ist eine solche – muß fallen. Die dialektische aber kristalliert sich um die Verantwortung. Einzig und weit ist die Person nicht in der Fülle dessen, wie sie lebt – sie reicht, soweit der Kreis der Dinge sich dehnt, für welche sie haftet: haftbar gemacht werden muß, nicht haftbar sich fühlt. Größe im Sinne des historischen Materialismus bestimmt sich an dem Maße, in welchem die »Indifferenz« der Person »schöpferisch« durch Verantwortung wird. So gesehen sind diese Briefe, in welchen Freundschaft unter dem Diktat politischer Verantwortung sich zeigt, ein neues Zeugnis für Lenins Größe.

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