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Kritiken und Rezensionen 1912 - 1931

Walter Benjamin: Kritiken und Rezensionen 1912 - 1931 - Kapitel 113
Quellenangabe
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typeessay
authorWalter Benjamin
booktitleGesammelte Schriften III
titleKritiken und Rezensionen 1912 ? 1931
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch wissenschaft
volume933
printrunErste Auflage
editorHella Tiedemann-Bartels
year1991
isbn3-518-2S533-5
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Grünende Anfangsgründe
Noch etwas zu den Spielfibeln

Tom Seidmann-Freud, Spielfibel 2. Berlin: Herbert Stuffer Verlag 1931. 53 S.; dies., Hurra, wir rechnen! (Spielfibel 3.) Berlin: Herbert Stuffer Verlag 1931. 60 S.

Vor einem Jahr (13. Dezember 1930) machte die »Frankfurter Zeitung« ihre Leser mit der ersten Spielfibel von Tom Seidmann-Freud bekannt. Es wurde dabei der Gedanke, die Fibel spielhaft aufzulockern, seiner geschichtlichen Entwicklung nach dargestellt und zugleich ein Hinweis auf diejenigen Umstände gegeben, die für jene letzte und radikalste Lösung die Voraussetzung waren. Inzwischen ist das Unternehmen fortgeschritten: es liegt der zweite Teil der Lese- und der erste Teil der Rechenfibel vor. Wieder haben die beiden methodischen Leitmotive sich glänzend bewährt: die restlose Aktivierung des Spieltriebs durch die innigste Verbindung von Schreiben und Zeichnen und die Bestätigung kindlichen Selbstvertrauens durch die Ausweitung der Fibel zur Enzyklopädie. Es ist bei dieser Gelegenheit an einen der entscheidenden Sätze aus dem Geleitwort zur ersten Spielfibel zu erinnern: »Sie ist nicht auf ›Aneignung‹ und ›Bewältigung‹ eines bestimmten Pensums gerichtet – diese Art des Lernens ist nur den Erwachsenen gemäß –, sondern sie trägt dem Wesen des Kindes Rechnung, für das Lernen, wie alles übrige, von Natur aus ein großes Abenteuer bedeutet.« Waren auf dieser Abenteuerfahrt anfangs Blumen und Farben, Kinder und Ländernamen die Inselchen im Meere der Phantasie, so tauchen nun schon gegliederte Kontinente, die Welt der Baumblätter und der Fische, der Kaufläden und der Schmetterlinge empor. Und überall ist für Stationen oder Unterkunftshütten gesorgt: das heißt, das Kind hat nicht nötig, bis zur Ermüdung fürbaß zu schreiben, sondern da wartet ein Bild auf seine Unterschrift, dort eine Geschichte auf die in ihr fehlenden Worte, da wieder ein Käfig auf den hineinzuzeichnenden Vogel, oder an anderer Stelle Hund, Esel und Hahn auf ihr Wauwau, Ya und Kickeriki. Gruppierungen und Klassifikationen treten hinzu, hin und wieder schon lexikalischer Art, indem die gemalten Dinge nach den Anfangsbuchstaben, oder realenzyklopädischer, indem sie nach Sachbegriffen in Fächer geschrieben werden. Da sind Kästchen für ABC so gut wie für lederne, hölzerne, metallene, gläserne Dinge, oder für Möbel, Früchte und Gebrauchsgegenstände. Bei alledem wird das Kind niemals vor, immer über den Lehrgegenstand gestellt: als würde es beispielsweise im zoologischen Unterricht nicht vor das Pferd geführt, sondern, als Reiter, darauf gesetzt. So ein Pferd ist hier jeder Buchstabe, jedes Wort und Sache des Zeichnens – das alle Stadien dieses Lehrgangs begleitet – ist es, mit seinen Kurven, wie mit Zaum und Kummet den Widerspenstigen unter die Gewalt des kleinen Reiters zu bringen. Es ist ganz außerordentlich, wie die Verfasserin die Kommandogewalt, die für das kindliche Spiel so entscheidend ist, von Anfang an auch der Zahlenreihe gegenüber zur Geltung bringt. Das Punktschema muß schon nach den ersten paar Seiten abdanken, dann folgen rote oder schwarze Bataillone von Fischen oder Insekten, Schmetterlingen oder Eichhörnchen, und wenn das Kind ans Ende jeder Reihe deren Zahl setzt, so malt es die Ziffer nicht anders, als wenn es einen Sergeanten vor der Riege aufpflanzt.

An jeder Stelle hat man Bedacht genommen, dem Spielenden die Souveränität zu wahren, ihn keine Kraft an den Lehrgegenstand verlieren zu lassen und das Grauen zu bannen, mit dem die ersten Ziffern oder Lettern so gern als Götzen vor dem Kinde sich aufbauen. So erinnert eine ältere Generation zumindest sich gewiß noch des schwer beschreiblichen Eindrucks, den die ersten »angewandten Aufgaben« im Rechenbuch ihr gemacht haben. Welche Kälte verbreitete nicht die falsche Biederkeit dieser Zeilen, in die ein Zahlwort hin und wieder, einer Falltür ähnlich, eingelassen war. Nichts andres waren sie als ein Verrat durch das Vertrauteste und Liebste, was das Kind nach seiner Mutter hatte: die Geschichten. Und darum ist es eine ganze Welt von Versöhnung, die aus dem schlichten Imperativ dieser Rechenfibel herausklingt: »8 - 6 = 2. Erfinde dazu eine Geschichte und schreibe sie hierher.« Es ist der Charme – und zugleich die hohe pädagogische Leistung – dieser Lehrbücher, auf welche Art sie die Entspannung, die solcher souveränen Haltung entspricht und die das Kind ursprünglich außerhalb von ihnen suchen mag, in sich fassen. Denn schickt es sich nun an, das kaum Gelernte zu verquatschen, Unfug und Widersinnigkeiten mit ihm anzustellen, ist wiederum dies Buch sein bester Freund. Es hat ja weiße Stellen genug zum Bemalt- und Bekritzeltwerden, weite fruchtbare Territorien, auf denen alle Unholde und Lieblinge seines Besitzers geräumig angesiedelt werden können. Ohne Rodungsarbeiten geht es dabei natürlich nicht ab: »Streiche in dieser Geschichte aus

Alle A und a rot
Alle R und r blau
Alle D und d grün
Alle L und 1 braun.«

Aber zu welchen Festen sieht es nicht nach getaner Arbeit sich eingeladen! Da ziehen sich jene Girlanden durchs Leseland, die schon in der ersten Fibel als Spuren des »Schreibturms« auftauchten, und die Buchstaben geben sich zu karnevalesken Verkleidungen her. »As wer aunmel aun klaunas mēdchan, des hetta auna windarketza. Duasa ketza konnta sprachan«, fängt es in einer Mundart zwischen Althochdeutsch und Räubersprache an; daneben aber ist Platz für die Demaskierung: »Schreibe die Geschichte ab, aber setze für jedes a ein e und umgekehrt; für jedes i ein u und umgekehrt.« Ganz unter der Hand ist damit gleichzeitig eine alte pädagogische Streitfrage entschieden: ob man den Kindern Falsches zur Warnung vormachen dürfe? Antwort: Ja, wenn man übertreibt. Diese erfahrene Vertraute der Kleinsten: die Übertreibung ist es denn auch, die ihre gewaltige Hand schirmend über so viele Seiten dieser Fibel breitet. Oder heißt es die Lüge nicht übertreiben, wenn eine Geschichte anfängt: »Ein Junge mit Namen Eva stand morgens aus dem Schrank auf und setzte sich zum Abendbrot.« Kann man sich wundern, wenn so einer sein Tagewerk damit beschließt, daß er sich Schokoladenplätzchen pflückt, die im Grase wuchsen, bis er hungrig wurde? Bestimmt ist, daß das Kind an solchen Geschichten sich sättigt. Oder wenn eine andere anfängt: Adolf wohnte bei einem Bauern zusammen mit der kleinen Cäcilie – heißt das nicht die Weltordnung übertreiben, alle Hauptwörter bis Yukatan und Zauberkasten in der Reihenfolge ihrer Anfangsbuchstaben in die Geschichte eintreten zu lassen? Heißt es am Ende nicht sogar die Rücksicht auf den ABC-Schützen übertreiben, ihm Fragebogen vorzulegen wie einem Professor: was tust du am Montag? Dienstag? Mittwoch? usw. oder ihm einen Tisch mit liniierten Tellern decken, auf die er seine Lieblingsgerichte schreiben kann? – Ja. Aber übertrieben ist auch der Struwwelpeter, übertrieben ist auch Max und Moritz, übertrieben auch Gulliver. Übertrieben ist Robinsons Einsamkeit und was Alice im Wunderland sieht – warum sollen nicht Lettern und Ziffern durch übertriebene Ausgelassenheit sich vor den Kindern beglaubigen? Gewiß werden ihre Anforderungen noch streng genug werden.

Vielleicht bewahrt der eine oder andere (so wie der Schreiber dieser Zeilen) noch die Fibel auf, aus welcher seine Mutter lesen lernte. »Ei«, »Hui«, »Maus« – so mag die erste Seite beginnen. Es sei nichts gegen diese Fibeln gesagt. Und wie könnte einer, der aus ihnen lernte, sich gegen sie auflehnen? Was von all dem, was ihm im späten Leben begegnete, könnte es mit der Strenge und Sicherheit aufnehmen, mit der diese Züge an ihn herantraten, welche Unterwerfung erfüllte ihn so mit der Ahnung ihrer unermeßlichen Tragweite wie die Unterwerfung unter die Letter? Also nichts gegen diese alten Fibeln. Aber es war »der Ernst des Lebens«, der aus ihnen sprach, und der Finger, der ihre Zeilen entlangfuhr, hatte die Schwelle eines Reichs überschritten, aus des Bezirk kein Wanderer wiederkehrt: er war im Bannkreis des Schwarzaufweißen, von Gesetz und Recht, des Unumstößlichen, des für die Ewigkeit gesetzten Wesens. Wir wissen heute, was wir von dergleichen zu halten haben. Vielleicht ist das Elend, die Rechtlosigkeit, die Unsicherheit unserer Tage der Preis, um den allein wir das bezaubernd-entzaubernde Spiel mit den Lettern treiben können, dem diese Fibeln der Seidmann-Freud eine so tiefe Vernunft abgewinnen.

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