Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Walter Benjamin >

Kritiken und Rezensionen 1912 - 1931

Walter Benjamin: Kritiken und Rezensionen 1912 - 1931 - Kapitel 107
Quellenangabe
pfad/benjamin/kri12-31/kri12-31.xml
typeessay
authorWalter Benjamin
booktitleGesammelte Schriften III
titleKritiken und Rezensionen 1912 ? 1931
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch wissenschaft
volume933
printrunErste Auflage
editorHella Tiedemann-Bartels
year1991
isbn3-518-2S533-5
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110110
projectid02da8a59
Schließen

Navigation:

Das Problem des Klassischen und die Antike.

Acht Vorträge gehalten auf der Fachtagung der klassischen Altertumswissenschaft zu Naumburg 1930. Herausgegeben von Werner Jaeger. Berlin, Leipzig: Verlag von B. G. Teubner 1931. X, 128 S.

Auf gute Art unterscheidet die vorliegende Sammelschrift sich von der Mehrzahl derer, in denen maßgebende Vertreter eines Faches zusammenwirken. Hier geht es nicht um Repräsentation, sondern um eine wirkliche Arbeitsgemeinschaft, die sich denn auch im Vorwort von Jaeger andeutungsweise, aber bewußt gegen den landläufigen Kongreßbetrieb abgrenzt. Schon die Formulierung des Themas bekundet eine seltene Bereitschaft, es mit echten Fragen aufzunehmen. Denn wenn es ein Wort gibt, dem für unser Ohr der Frageklang sich ganz verschmolzen hat, so ist es: das Klassische. Nur ist es vielleicht eher ein Echo als eine Antwort, was dieser Frage aus dem wuchtigen Massiv der klassischen Wort- und Bildforschung – Philologie und Archäologie – hier zurücktönt. Ein vielfach abgestuftes Echo, das den Intervall zwischen dem ersten und dem letzten Aufsatz der Reihe füllt.

Der Band wird eröffnet von J. Stroux mit einer Abhandlung über die »Anschauungen vom Klassischen im Altertum«. Der Verfasser unterscheidet drei Hauptstücke der klassischen Theorie vom Klassischen: Erstens die Lehre von der normativen Geltung der Gattungen, die darauf beruht, daß sie aus dem Wesen der Kunst notwendig hervorgehen und in ihrer Physis das Gesetz ihrer Entwicklung in sich tragen; zweitens die Lehre von der Symmetrie und organischen Struktur des Werkes, die es haben muß, um das Schöne zu verwirklichen; drittens die Lehre von dem Geziemenden – dem Prepon – das man kurz als die Theorie von allen harmonisch zu gestaltenden Bezügen und Maßen fassen darf.

Man sieht: soviel Bestimmungen, soviel Rätsel. Das Rätselhafte aber an diesen Aufstellungen ist ganz identisch mit dem von Rechts wegen – de jure, leider nicht de facto – Einmaligen an ihnen: daß die Besinnung auf die Kunstübung in der klassischen Epoche des Griechentums von jedweder Bezugnahme auf ein geschichtliches Werden, einen historischen Index des eigenen Daseins frei ist. Man ist einem sehr einladenden Abhang gefolgt, als man, wie es zuletzt Georg Lukács in seiner »Theorie des Romans« getan hat, diese Abwesenheit geschichtlicher Fragwürdigkeiten im antiken Bewußtsein als ideale Natürlichkeit, Naivität im Schillerschen Sinne begriff. Demgegenüber behauptet Nietzsches Entdeckung von dem heroisch exponierten Dasein des griechischen Menschen, den ungeheuren Spannungen, die er in sich zu überbrücken hatte, ihr besseres Recht, wie sie ja auch der Gegenpol viel mehr als der Gegensatz zu Winkelmanns »edler Einfalt und stiller Größe« gewesen ist. Dem schwebend Gefährdeten jener Existenz tragen solche Bestimmungen viel eher Rechnung als der idealistische Humanismus, der schlechtweg an die Musterhaftigkeit des reinen Menschentums anschließt und unter den Mitarbeitern der Sammelschrift einen radikalen Vertreter nur in Schadewaldt gefunden hat. »In der organischen Gestalt«, heißt es bei ihm, »läßt klassische Kunst die Idee der Norm am Bilde der Natur aufleuchten; so macht sie dem zerstückten Leben gleichsam vor, wie es denn möglich sei, eines und ein Ganzes zu werden.« Mit dieser Einkörperung der Norm in die Natur ist die griechische Kunst bisher nur allzu oft umschrieben und daher nicht sowohl der griechische Naturbegriff gedeutet, als vielmehr Griechentum als Natur oktroyiert worden.

In einer ganz anderen Welt steht man mit dem Verfasser der letzten Arbeit, H. Kuhn. »›Klassisch‹ als historischer Begriff« ist sein Beitrag betitelt. Es ist, wie es darin heißt, »dem Griechentum eigentümlich, daß es das eigene reifende Leben als etwas zu Vollbringendes auffaßte, als eine Leistung, die, gedankenhaft vorausgenommen, an ihrem höchsten Entwurf als ihrer Norm zu messen ist«. Oder genauer: »›Klassisch‹ heißt die Reife einer geschichtlichen Entwicklung, die dem organischen Wachstum analog ist. Gemäß dem Charakter des menschlichen Tuns ist diese gewordene Vollendung zugleich Lösung einer zu leistenden Aufgabe und als solche musterhaft. Aber wie die Vollendung nur im ›fruchtbaren Augenblick‹ als Erfüllung hervortreten konnte, so wird sie ihre Musterhaftigkeit nur nach Maßgabe der Geschichtszeit entfalten können.« Wenn ein Humanist alten Schlages – und der bleibt Schadewaldt ungeachtet seiner Neigung zu Georgischen Denkmotiven – erklärt, daß die Klassik »allein in der Kunst« sich vollende, so spricht in Kuhn ein Mann, dem keine der Erscheinungen des klassischen Lebenskreises mehr selbstverständlich – und das heißt heute sicher: falsch verstanden – ist und dem die Schwierigkeit, den Begriff einer Klassik zu denken, »leichter einzusehen« scheint als je. »Wir erinnern nur an das Unternehmen, in der Kunstgeschichte mittels des Begriffes vom ›Kunstwollen‹ die Begriffe von Blüte und Verfall ganz auszuschalten; oder an die mannigfachen, an die Romantik, vor allem an Bachofen anknüpfenden Versuche, das Schwergewicht in frühere als die sonst klassisch genannten Perioden zurückzuverlegen. Diese Schwierigkeit ist durch keine philosophische Verfügung und durch keine Ordnung und Deutung des empirischen Materials aus der Welt zu schaffen. In ihr meldet sich die Bedeutung jenes ... Sachverhaltes, der in die geschichtliche Begriffsbildung ein Moment der Unruhe hineinträgt und sie einer permanenten Grundlagenkrisis aussetzt.«

Sehr schlüssig greift hier mit seiner Ablehnung aller falschen Beruhigungsmittel B. Schweitzers Arbeit »Über das Klassische in der Kunst der Antike« ein. Sie geht in der Hauptsache gegen Wölfflins Versuch, das Klassische, wenn nicht mechanisch-, so historisch-zeitlos im Zuge einer autonomen Entwicklung der Sehweise zu bestimmen. »Sollten nicht ebenso wie die Vorgänge der Stoffwahl auch die Kräfte der formal-künstlerischen Gestaltung, die Art und Weise des Sehens historisch bedingt sein?... In der Tat, das Gegenständliche zum Gehalt, das Formale zur Gestalt erhoben können nur als Ausdruck auf ein hinter beiden Liegendes bezogen werden, auf ein ›Kunstwollen‹.«

Was mit dergleichen Überlegungen punktiert erscheint, ist freilich nur die eine Achse in dem hier zur Bestimmung der Klassik errichteten Koordinatensystem. Die universalhistorische wird senkrecht von der römisch-antiken geschnitten. Diesen Schnittpunkt: den der römischen Klassik – die da als erste Renaissance ebenso originell ist wie die griechische Urklassik – mit der griechischen zu bestimmen, ist zumal in Fraenkels Untersuchung über »Die klassische Dichtung der Römer« der Gegenstand.

Dergleichen spezielle Untersuchungen sind umso unentbehrlicher, als gerade der Reichtum der Vermittlungen, die gedankliche Organisation und Verknüpfung der Fakten darüber entscheidet, wieweit der Begriff des Klassischen gegen den der Humanität, der Natur, der absoluten Vollendung und ähnliche Allgemeinheiten abzudichten, wieweit seine Einbringung in eine Philosophie der Geschichte vollziehbar ist, die ihrer obersten Aufgabe, das Gegenwärtige als ein historisch Entscheidendes zu begreifen, gerecht wird. Kein Zweifel, daß diese Intention durch eine Auseinandersetzung mit außerwissenschaftlichen Deutungen des Sachverhaltes an Schärfe hin und wieder gewonnen hätte. Wie nahe rührt nicht die vorzügliche Ableitung des Klassischen aus dem Gedanken einer »königlichen Techne«, welche das Griechentum »nach dem Modell der spezialisierten kunstmäßigen Leistung«, der Techne überhaupt, sich gebildet habe, an das Tiefste, was Valéry über die Klassik zu sagen hat. Macht eine Forschertagung sich von den Schranken des berufsmäßigen Alltags einmal frei, so sähe man gern, daß sie, wenn nicht in persona so im Zitat, bedeutende Denker zu Gast bäte. Heute hat über Klassik kaum einer mehr zu sagen als der Verfasser des »Eupalinos«. Auch er aber hätte wohl nur zum Ausdruck bringen können, wovon die Spur in den besten Arbeiten dieser Reihe erkennbar ist: die dringende Frage, wie die vollendete Klassik oder die »Herrschaft der Kunst« mit den Mächten sich auseinandersetzt, die von zwei entgegengesetzten Seiten her gegen sie anrücken: denen des religiösen Gemeinwesens, das keine Vollkommenheit als in Erfüllung offenbarter Satzungen kennt, und denen einer sozialistischen Gesellschaft, die keine als die der menschlichen Beziehungen selber achtet.

Diese Frage bleibt offen. Und das ist gut so. Denn eine Betrachtung der Klassik, die von der Sklaverei nichts zu sagen weiß, kann am Ende doch nicht als abschließend gelten.

 << Kapitel 106  Kapitel 108 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.