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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 98
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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1. Oktober

Schon als Student fiel mir Robert Müller unter seinen Kameraden auf durch das Wesentliche seiner Bemühungen, als einer, der nicht bloß jongliert, sondern nach der Wahrheit späht. In seinem Blut ist dem schweren Ernst nordischer Geistesart ein österreichischer Glanz beweglich aufgesetzt und ragt er schon durch Talent hervor, so noch vielmehr dadurch, daß dieses Talent sich nicht in sich selber beruhigt, sondern durchaus empor zum Sittlichen strebt. Dies zeichnet ihn aus, aber eben dies drängt ihn freilich auch wieder zurück, da gerade dafür ja bei Wienern, und heute noch mehr als je, doch alles Gefühl, alles Verständnis fehlt. So lastet auch auf ihm drohend der Druck jener entsetzlichen Einsamkeit, an der, wer irgend etwas ernst nimmt, in dieser lieben Stadt erstickt, und er sieht sich fast zum Gespött werden gerade weil er, wie sonst dort von den Heutigen so sichtbar vielleicht nur noch Ernst Wagner und Werfel, um die Probleme ringt, mit denen die anderen sich immer nur allerliebst drapieren. Doch diesem ängstigenden Gefühl, allein und ganz auf sich angewiesen zu sein, verdankt er es, daß sein Blick aus der Enge der stumpfen Umgebung, um Hilfe suchend, ins Weite muß: weil er daheim nichts Festes für den fordernden Tritt seiner Geistesart findet, sieht er sich in die Welt hinausgewiesen, und zu der Freiheit, die schon durch sein ganzes Wesen ihm vorbestimmt scheint, drängt ihn auch noch innere und äußere Not. Ihm stand in jungen Jahren schon an der Stirn, daß er zu den nirgends verweilenden, zu den schweifenden Geistern gehört, die erst lange kreisen müssen, um sich ihren Mittelpunkt zu sichern. Auf den ersten Blick sah man ihm den Wikinger oder Normannen an, den land- und seefahrenden Menschen, mit der inneren Spannung von Grönland bis Sizilien; und dem phantasierenden Blick seiner Baumeisteraugen war eine seltsame Nüchternheit beigemischt, eine Nüchternheit, die sich erlauben kann, Haschisch zu rauchen. In dem Alter, wo man sonst Indianergeschichten liest, hat er sie lieber gleich erlebt, und während Oesterreicher sonst meistens auch in den Flegeljahren schon irgendetwas Pensioniertes an sich haben, ist er da eine Art Cowboy, und wenn die paar guten Oesterreicher, die es bis zum November 1918 allenfalls noch gab, alle doch eigentlich eher Stephanstürmer waren, ist er der letzte Revenant des großen Oesterreich, des barocken, gewesen, des Oesterreich, das schon immer nur in der Vergangenheit und in der Zukunft lag. Wie rein er diesen unsterblichen Mythos empfand, bezeugen nicht bloß seine Bücher »Oesterreich und der Mensch« und »Europäische Wege« (S. Fischers Verlag, Berlin). Als nun der Mythos dann wieder einmal eine Zeit entwich, schien auch Robert Müller mehrere Tage hindurch dem Wahn nicht abgeneigt, was sich da so pompös als Revolution ankündigte, könnte wirklich eine sein oder doch vielleicht, wenn sich ein Führer fände, mit der Zeit eine werden. Es fand sich keiner, und aus einer Herzenssache der Menschheit, die der Sozialismus fünfzig Jahre lang gewesen, wurde über Nacht wieder die nur etwas vergröberte Mundart der conglomerated mediocrity, der Hofrat atmete beruhigt auf, die Jugend aber, gewahr, daß sich die mediocrity jetzt nicht mehr zu genieren brauchte, wodurch allein nämlich die neue Zeit sich von der alten unterschied, die Jugend verstummte. Ihr sogenannter Idealismus besteht im Grunde ja bloß darin, daß sie wünscht, über die Gemeinheit des Menschenlebens irgendwie getäuscht zu werden. Es ist aber das Charakteristische dieser Epoche, daß sie jetzt solche Täuschungen erst gar nicht mehr für nötig hält: die Gemeinheit des Lebens wird jetzt akzeptiert. Der Jugend, die noch irgendwie jung geblieben ist, bleibt, seit daheim nichts mehr vorhanden ist als Niedertracht, über die sie selbst die lebhafteste Phantasie nicht hinweglügen kann, also nichts übrig als ihre Sehnsucht auswandern zu lassen, und sie hat gar nicht weit zu wandern, da begegnet sie dem Bolschewismus. Jugend hat heute keine Wahl; wenn sie, worauf echte Jugend nicht gern verzichtet, schwärmen und glühen will, kann sie's heute nur für den Bolschewismus. Es ist ja sonst öffentlich in Mitteleuropa jetzt nichts mehr vorhanden, woran lebendige Phantasie kristallisieren könnte. Robert Müller hat denn auch schon geschwind an ihm kristallisiert: in »Bolschewik und Gentleman« (Erich Reiß, Berlin 1920). Damit ist, schon in der Aufschrift, vortrefflich ausgedrückt, was der Bolschewismus dem Abendland bringen müßte, wenn er überhaupt dem Abendland etwas bedeuten können soll: er muß irgendwie den Gentleman vollenden. Die letzte große Form des Europäers ist der barocke Mensch gewesen. Auf ihn hat seit dem XVIII. Jahrhundert die Verstandesbildung ihre Schatten geworfen. Der Gentleman ist schließlich eine Art Kompromiß davon und dieses Kompromiß ist erstarrt. Wir fühlen, er selber fühlt schon leise, daß ihm irgend etwas fehlt; ein Hauch von Wärme, Freiheit, Weite: der Gentleman müßte wieder einmal in Schwingung geraten. Und eben diese Schwungkraft ist es, die sich Robert Müller vom Bolschewismus für ihn erhofft: eine neue Geistesrasse kündigt sich ihm in Sibirjaken an, den »intuitiven Hochstil einer anderen, fremden, jedenfalls dunkelrassigen Zukunftskultur« meint er da zu vernehmen. Ich kann das sehr gut verstehen. Auch ich empfinde die fast magische Gewalt des Dunkels, in das sich Lenin hüllt. Vielleicht ist es auch bloß der Reiz, den Chaos immer hat. Und vielleicht ist es gerade nur Chaos, was dem Gentleman fehlt. Vielleicht muß wieder einmal Chaos nachgefüllt werden, wenn das Abendland nicht erstarren soll. Aber es ist auch möglich, daß, was uns alle so geheimnisvoll am Bolschewismus lockt, den ja keiner von uns kennt, über den wir uns doch alle bloß aus vagen Gerüchten eigentlich auf gut Glück nur allerhand zusammen phantasieren, daß dies gar nicht der Bolschewismus selber ist, sondern nur der Wogenschlag des Ostens in ihm, vielleicht auch einfach das russische Volk, dessen Urkräfte der Bolschewismus jetzt, solang er sich noch verteidigen muß, und solang er noch erobern will, alle zusammenfaßt und zunächst noch zusammenhält. Aber wie wird er aussehen, wenn er sich erst entscheiden muß? Er ist echt russisch darin, daß er durchaus das Reich Gottes errichten will, aber er hat sich noch nicht entschieden, ob er das Reich Gottes errichten will mit Gott oder ohne Gott. Das ist im Grunde ja die einzige russische Frage seit hundert Jahren; es ist auch der Inhalt Dostojewskis. Jeder Russe glaubt, daß es der geschichtliche Sinn des russischen Volkes ist, zur Verwandlung der irdischen Welt in das Reich Gottes berufen zu sein. Nur erwarten es sich die einen von Gottes Ankunft auf Erden, wie sie vom heiligen Johannes verheißen ist, die anderen aber erwarten sich das Reich Gottes nicht von Gott, den sie längst, wie Dostojewski das einmal nennt, »kassiert« haben, sondern sie trauen es der Menschenkraft zu, ja sie vermessen sich, daß aus dem Menschen selber Gott werden soll, den es für sie jetzt noch gar nicht gibt, den erst der Mensch erschaffen muß. Den Kampf, der über den Bolschewismus entscheiden wird, hat er gar nicht mit dem Abendland, nein, den hat er in sich selber, mit sich selber auszutragen: zwischen dem Christus des russischen Volkes und jenem frommen Unglauben der russischen Intelligenz, den Mereschkowski (im »Anmarsch des Pöbels«, bei R. Piper, München, wo jetzt auch sein »Auf dem Wege nach Emmaus« erschienen ist, wirklich die ganze Geistesgeschichte der russischen Revolution, in ihren Wurzeln aufgedeckt) einmal einen »mystischen Atheismus« genannt hat und in dem die Gottesnähe der russischen Vergangenheit noch so gewaltig nachglüht, daß auch in seinen Blasphemien noch mehr Gottesfurcht steckt als in den lyrischen Platitüden deutscher Monisten, deren letzten, aus Jean Marie Guyaus »irréligion de l'avenir« frisch gewürzten Aufguß jetzt Leopold Ziegler serviert, in seinem »Gestaltwandel der Götter« (S. Fischer, Berlin), einer mit Nietzsche, der sich im Grab umdrehen muß, gepfefferten David Friedrich Straußiade, die sozusagen auf ein seelisches Onanieren hinausläuft. Atheisten der reinen Art, wie der edle Fritz Mauthner etwa (von dessen Geschichte des Atheismus im Abendland eben der erste Band in der Deutschen Verlagsanstalt, Stuttgart und Berlin, erschienen ist, ein in seinem jeder anderen Geisteskraft entsagenden Vertrauen auf nichts als den gesunden Menschenverstand, in seiner Ahnungslosigkeit der Geheimnisse rührendes, tragisches Werk) oder der verehrungswürdige Josef Popper, zwingen mir durch den tapferen Ernst ihrer Vermessenheit einen oft fast an Ehrfurcht grenzenden, freilich immer von einem leisen Grauen begleiteten Respekt ab, ich habe für sie die tiefste Bewunderung und das innigste Mitleid zugleich; wer sich aber aus Gott, dessen er stolz entraten zu können meint, gleich darauf ein lustiges Spielzeug zur Emotion müßiger Stunden macht, der beleidigt gar nicht so sehr meinen Glauben als mein Bedürfnis nach intellektueller Rechtschaffenheit. Mit keinem dieser abendländischen Atheismen hat der »mystische Atheismus« der Russen, von dem Mereschkowski spricht, das geringste gemein, schon darum nicht, weil er durchaus dämonisch ist. Es ist ein Atheismus, der Gott beleidigen will: damit setzt er eigentlich schon Gott voraus, er braucht Gott (im Abendland finden wir Züge davon nur beim Marquis de Sade, bei Goethes Prometheus und zuweilen im Byronismus). Dostojewski hat ihn am tiefsten erkannt, an jener Stelle seines Tagebuchs (im zwölften Band der Ausgabe Pipers), wo er von dem Bauernburschen erzählt, der, um den anderen im Dorf zu beweisen, daß er sie sämtlich »an Frechheit« noch überbieten könne, seine Flinte holt und auf die Hostie schießt: »Da, wie der Schuß fiel, bekennt der Bauer dann in der Beichte, da stand plötzlich vor mir das Kreuz mit dem Gekreuzigten; da fiel ich bewußtlos hin.« Indem Dostojewski nun die »psychologische Seite dieses Falles« erörtert, findet er manches daran »in hohem Grade für das ganze russische Volk typisch«, vor allem die Maßlosigkeit, ja das »Bedürfnis, über das Maß hinauszugreifen, das Bedürfnis nach herzbeklemmenden Empfindungen, das Verlangen, an einen Abgrund heranzugehen, sich mit dem halben Körper schon über den Rand zu beugen, in die schaudervolle Tiefe zu blicken und – sehr oft oder wenigstens in nicht seltenen Fällen – sich wie ein Wahnsinniger mit dem Kopf voran in die Tiefe zu stürzen. Das ist das Verneinungsbedürfnis im russischen Menschen, bisweilen sogar in einem durchaus nicht verneinenden, sondern alles bejahenden Menschen – die Verneinung von allem, selbst des größten Heiligtums des eigenen Herzens, seines höchsten Ideals, des ganzen Volksheiligtums, vor dem er soeben noch ehrfurchtsvoll gekniet, das aber dann plötzlich gleichsam zu einer unerträglichen Last für ihn wird. Er ist dann bereit, alles zu zerreißen, zu vernichten, sich von allem loszusagen, von der Familie, von den Sitten, von Gott. Der gutmütigste Mensch, wenn er einmal in diesen Zyklon gerät, kann dann zum Tier, zum scheußlichsten Verbrecher werden, in diesem verhängnisvollen Wirbel momentaner konvulsivischer Selbstverneinung und Selbstzerstörung, der dem Russen so gefährlich ist.« Klingt's nicht, als schilderte Dostojewski den Bolschewiken? Gleicht der nicht jenem Bauern, dem aber dann, wie der schändliche Schuß fällt, das Kreuz mit dem Gekreuzigten erscheint? Wird auch dem Bolschewismus das Kreuz mit dem Gekreuzigten erscheinen? Novalis sprach einst das dunkle, fast unheimliche Wort: »Die Sünde ist der große Reiz für die Liebe der Gottheit; je sündiger man sich fühlt, desto christlicher ist man«. Vielleicht bestätigt sich das am Bolschewismus wieder. Vielleicht erlebt er in seinem unbändigen Freiheitssinn noch das Johanniswort: »So euch nur der Sohn frei macht, so seid ihr recht frei!« Der Bolschewismus ist im Grund eine religiöse Frage. Im Grund gibt es doch überhaupt nur religiöse Fragen.

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