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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 9
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100315
modified20171128
projectid5f145b65
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25. Dez

Diese wunderschönen Avalundrucke, die Julius Brüll, von den hellen Augen Artur Rößlers beraten, jetzt ediert, sind mir ein höchst willkommenes Geschenk. Schon der Name des neuen Verlages spricht mich traulich an: Avalun, das Feenland, von der Schwester König Arturs mild beherrscht, Heimatland uralter Sehnsucht! Ja, das bleibt uns, wenn wir auch alles verlieren. Und wie viel Avalun jeder von uns heimlich in seiner Seele trägt, das ist die Frage, die jetzt dieses ungeheure Schicksal an uns stellt . . . Der erste dieser meisterhaften Drucke bringt Andersens »Reiseblätter aus Oesterreich« mit zwölf Radierungen von Luigi Kasimir: diese Blätter der Bozener Laubengasse, des Wiener Kleppersteigs und der Prager Karlsbrücke lassen uns mit Augen greifen, daß dies alles doch beisammen bleibt, was auch Menschenwillkür immer meine. Der Zweite begleitet Hans Müllers Erzählung vom »Spiegel der Agrippina« (deren Einfall, wahrhaft Oskar Wildes würdig, dann freilich im Ton nicht ganz durchgehalten wird) mit Radierungen Stephan Slawas. Der dritte, mir der liebste, buchtechnisch das Meisterstück, gibt den »Tristan«-Text, mit Radierungen von Alois Kolb und einem Nachwort Berthold Viertels, das in seiner gotischen Gedrungenheit das Wagnis besteht, uns über den »Tristan« noch etwas zu sagen. Als vierter folgt Aucassin und Nicolette, von Erwin Rieger übersetzt, von Rudolf Junk geschmückt. So hoher Leistung hätte man sich zu jeder Zeit dankbar erfreut, in unserer wirkt sie rührend, tröstlich und erhebend zugleich: sie zeigt, was wir noch können, zeigt, daß wir noch wollen. Und solange wir noch wollen können, solange wir uns nicht selber aufgeben, solange wir noch wissen, was wir an uns haben, selbst wenn wir auf alles in der Welt verzichten müßten und nichts behielten als unser nacktes Selbst, hat's keine Gefahr. Das klingt ein bißchen nach der Postille, ich weiß. Aber wer älter wird, verliert die schwächende Furcht, banal zu werden. Die paar Wahrheiten, von denen die Menschheit lebt, sind in ihrer eisgrauen Ehrwürdigkeit wirklich schon recht langweilig geworden. Aber es haben sich halt bisher noch keine besseren gefunden.

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