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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 87
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100315
modified20171128
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2. Sept.

Da schlägt man das Buch eines Inders auf und findet sich mitten unter unseren Fragen, Sorgen und Nöten! Rabindranath Tagores »Das Heim und die Welt« (aus der englischen Uebersetzung verdeutscht von Helene Meyer-Franck, im Kurt Wolff-Verlag, München, 1920) ist eigentlich ein Ludendorff-Roman und man könnte fast im Ernste meinen, dieses ganze Morgenland sei hier, wie in den kleinen Erzählungen Voltaires oft, überhaupt bloß Kostüm. Der fanatische Swadeschi-Häuptling Sandip Babu, mit seinen Grundsätzen, daß alles Große grausam, daß Grausamkeit das Kennzeichen und Vorrecht der Großen, Gerechtigkeit die Tugend der Schwachen, daß darum für den Starken Uebungen in Grausamkeit Pflicht, zur Ueberwindung aller Reste von Rechtlichkeit oder Menschlichkeit, bis zur Erlösung der alten Götter durch den neuen Menschen, bis zur Geburt Gottes aus dem Menschen, dieser »Ideengaukler« übermenschelt auf allen abgeweideten Gemeinplätzen vom Raskolnikow bis zum Zarathustra herum und wenn ihm dann der edle Radscha Nikhil antwortet, meinen wir wieder Romain Rolland oder Andreas Latzko zu hören. Dabei fühlt man aber durchaus, daß dies ja gewiß nicht »Literatur« aus zweiter Hand, nach abendländischem Muster, ist, nein, man fühlt alles durchaus pris sur le vif, und gerade dies macht die Seltsamkeit des Buchs aus, daß, indem es Inder porträtiert, Bildnisse von Alldeutschen, oder für englische Leser von Jingos, daraus werden. Dies zeigt, wie international eigentlich aller Nationalismus ist. Nationalisten schauen sich aller Orten zum Verwechseln gleich, im richtigen Nationalisten ist überall jeder nationale Zug ausgetilgt, Tagore selbst empfindet auch offenbar den indischen Nationalismus als etwas ganz Unindisches. Er empfindet ihn als Import. Das ist sicher unrichtig, führt aber auf die rechte Spur. Nein, Import ist der Nationalismus nirgends, aber überall entsteht Nationalismus erst durch Import, nämlich als Antwort auf Import, als Alarmsignal, wenn sich der Geist eines Volkes durch Import fremder Geistesart bedroht fühlt: Nationalismus ist immer zunächst ein Hilferuf. Daß aber überhaupt ein solcher Import fremder Geistesart versucht werden kann, ist wieder stets ein Zeichen, daß in der geistigen Entwicklung dieses Volkes irgend etwas versäumt worden ist. Nur wenn in der Entwicklung eines Volkes sich geistige Bedürfnisse melden, die nun aus seinem eigenen Geiste zu bestreiten dieses Volk die Kraft nicht hat, noch nicht hat oder nicht mehr hat, nur dann wird der Versuch geistigen Imports überhaupt möglich. Er gelingt natürlich nie; nur Geist des eigenen Blutes belebt. Und ein Notschrei des Blutes nach eigenem Geist ist zunächst aller Nationalismus: Rettung eines Volkes, wenn er, wie der Fichtes, den Geist aus dem eigenen Blut wirklich zu wecken vermag; sinnlos, wenn er unproduktiv, wenn er bloßes Geschrei oder gar, wie so oft, selber auch wieder in der Nachahmung fremdblütiger Nationalismen stecken bleibt. Darum enttäuscht der Roman Tagores eigentlich: er geht nämlich nicht bis an sein Ende. Vielleicht ist er nur ein erster Teil. Vielleicht folgt noch einer, der erst das Ende bringt. Denn unerfüllt, unerlöst bleibt jeder Nationalismus, so lang sein Ruf nicht die Geistestat in den Tiefen der eigenen Nation erregt. Das Ende dieses Romans wäre darum, wenn die »Swadeschi-Bewegung« dem Sandip Babu, dem nationalistischen »Ideengaukler«, entwunden und nun aber dann nicht aufgelöst, sondern von Nikhil selber, diesem indischen Rolland oder Latzko, frommen Sinnes und reiner Hand übernommen würde. Nationalismus kann weder durch sich selbst erfüllt, noch von außen durch Gewalt überwunden werden. Erst wenn, was er sich vom Hasse verhofft, durch Liebe geschieht, wird er erlöst . . . Dieser Roman ist eine Warnung für England. Selbst die politische Weisheit Englands, die höchste des Abendlandes, hat doch auch ihre Grenzen. Alle politischen Formen Englands sind Ausdrücke seiner Wirklichkeiten und eben darin besteht jene Weisheit, sich mit keiner politischen »Idee« jemals einzulassen, bevor sie sich über einen hinreichenden Gehalt an tragkräftiger Wirklichkeit ausgewiesen hat. Auf diesem sicheren Gefühl für Wirklichkeiten, physische wie psychische, ruht auch Englands Weltmacht. Sie ruht auf dem englischen Begriff der Freiheit: der Engländer weiß, daß Freiheit nicht Ungebundenheit ist, sondern Bindung an Wirklichkeiten; dieser Begriff der Freiheit und sein Gebrauch hat den Engländern die Welt erobert. Es scheint aber jetzt zuweilen dieser Instinkt Englands irre zu werden, auch England scheint schon vom Aberglauben des Kontinents an die Magie westlicher politischer Ideen und westlicher politischer Methoden angesteckt. Maurice Baring hat seinen Landsleuten schon vor zehn Jahren diese Gefahr signalisiert, in den Briefen, die er 1909 aus Konstantinopel an die »Morning Post« über die Jungtürken schrieb (dann auch als Buch erschienen bei Smith, Elder & Cie., London 1913). An den Jungtürken, die ja versuchten, »Ideen« auf ein Land anzuwenden, dem es an ihrem inneren Grunde, dem die Wirklichkeit zu diesen darum dort höchstens einen äußeren Anstrich gebenden Ideen fehlt, tut er dar, that if you introduce, into Eastern countries the forms without the reality of Western gouvernement and Western methods, the result will be ferocious despotism and ultimate disintegration. Zu diesen Eastern countries gehören übrigens auch wir, und dieser Satz enthält auch das Motiv unserer Geschichte seit hundert Jahren. Österreichs Zerstörung begann mit dem Josefinismus, dem ersten grandiosen Versuch eines Western in form ohne Western in fact, und ganz ebenso wird doch auch Deutschlands Entwicklung bis auf den heutigen Tag immer wieder durch den ungeduldigen Wahn verstört, fix und fertig vom Ausland zu beziehen, was doch nur am eigenen Stamm wachsen und reifen kann; auch Deutschland fand noch nie die Kraft, seinen eigenen Gehalt zu gestalten, und statt endlich die Form seines Wesens zu suchen, den Ausdruck seines Sinnes, sein Selbstbildnis, worin allein recht eigentlich das Geschäft aller Politik besteht, meint der Deutsche noch immer, ein Volk könnte sich gleichsam sein Gesicht nach Belieben zusammenstellen, indem es jeden Zug, der ihm an irgendeinem anderen in der weiten Welt gefällt, geschwind herüberholt. Daher immer wieder die Notwendigkeit von »Swadeschi-Bewegungen« in Deutschland. Und zu retten ist es nur dadurch, daß sich vielleicht doch dereinst ein deutscher Nikhil noch der »Swadeschi-Bewegung« bemächtigt. Er könnte Hermann Keyserling heißen.

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