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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 86
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100315
modified20171128
projectid5f145b65
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1. Sept.

Endlich wieder einmal ein Maler, der mich umschmeißt! Dieses Gefühl, besoffen zu sein von einer Kunst, gab mir seit Kokoschka keiner mehr. Ernst Wagner ist es, mit acht Bildern, die jetzt der Wassermann ausstelllt, die neue Vereinigung bildender Künstler Salzburgs. Im ersten Augenblick schreckt man zurück und schreit auf, ohne gleich recht zu wissen, ob vor Wut oder aus namenloser Seligkeit: so stark schlagen sie zu. Visionen scheinen sie, doch von so sanft gewaltiger Realität, daß man, wenn's Träume sind, mitzuträumen hingerissen wird: es muß die Wahrheit sein, von der sie träumen! Und eben dies, daß man hier endlich wieder einmal gar nicht erst gefragt wird, ob man will oder nicht, sondern muß, mit muß, seinen Blick abgeben und ihren Blick annehmen muß, dies ist es, wodurch sie sich sogleich als echte Kunst ausweisen, die stets an uns zunächst ja sozusagen eine Augenoperation vornimmt. Und wenn man erst zu träumen meint, bald wird man die grandiose Wirklichkeit dieser Bilder gewahr, die ja vielmehr durchaus naturalistisch sind, nur von einem ungewohnten Naturalismus, einem nämlich, der aufs Wesen geht, auf die Natur der Natur gewissermaßen, auf eine von allem Zufall entblößte, ganz auf sich selbst allein, auf ihren eigenen Willen gebrachte Natur. Es ist Natur, aber nicht bloß gesehen, von außen angesehen, sondern durchschaut, in ihrem Innern erschaut. Wir stehen vor Wirklichkeiten, aber in magische Beleuchtung: es ist das Licht einer großen inneren Anschauung, einer um die Geheimnisse wissenden Anschauung, das auf sie fällt; Wirklichkeiten vor dem richtenden Auge des Propheten . . . Aber der immer undankbare Mensch will dann aus solchen Erschütterungen ja wieder zurück und, um sich wiederherzustellen, wird er auf einmal kritisch. Wer sucht, der findet. So fand ich, daß die Hand dieses hohen Künstlers freilich nicht immer der ungeheuren Intensität seines inneren Blicks ganz nachzukommen vermag. Immer fühlt man hier auf jeden Reiz des äußeren Auges das Auge der Seele sogleich Antwort und Bescheid erteilen, das ist der unbeschreibliche Zauber dieser Bilder, aber nicht immer hat dann auch die Hand, die nun das Urteil ausfertigt, dieselbe ruhige Kraft, sie zittert zuweilen leis im Sturm. Wo sie standhält und ihn bändigt, wo der Maler den Seher erreicht, wo der Geist ganz zur Gestalt wird, ist es, wie bei dem »Bibelleser« und dem einen »Stilleben« von einer sinnlichen Schönheit der geistigen Macht, dergleichen mir seit Kokoschka (in dem vor allem schon der primäre Maler ja weitaus stärker ist) aus dem ganzen letzten Jahrzehnt deutscher Malerei kaum erinnerlich ist . . . Wieder ein paar wunderschöne Faistauers; der hat jetzt, besonders in Blumenstücken, wirklich geradezu schon etwas Altmeisterliches. Und unerschöpflich wieder Hartas reiche Zauberhand, die nur dann aber immer auf einmal versagt, wenn sie beten will: das geht eben doch manuell nicht.

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