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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 85
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100315
modified20171128
projectid5f145b65
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... August

Je mehr man jetzt auf einmal für religiöse Kunst modisch zu schwärmen beginnt, desto größer wird nur die Konfusion. Einen Künstler, der, er sei Maler, Bildhauer oder Dichter, die von Personen oder Gegenständen des Glaubens erregten oder mit frommen Bräuchen verbundenen Assoziationen für sich und seinen eigenen Zweck ausnutzt, deshalb für religiös zu halten, ist ein Irrtum. Nicht die Kunst, die sich, um zu wirken, des Glaubens und der Kirche bedient, ist religiös, sondern die Kunst allein, die sich selber und alles, was sie hat und kann, dem Glauben und der Kirche darbringt, die sich selbst aufgibt und hingibt, um dem Glauben und der Kirche zu dienen. Nicht was einer malt, entscheidet da, sondern welchen Sinns er malt. Will er noch sich und seine Kunst, ja will er auch nur im Grunde doch eben bloß Kunst, so kann das ein herrliches, durch die Hilfe des Glaubens und der Kirche gewaltig wirkendes Werk ergeben, nur niemals ein religiöses. Religiös ist ein Bild, das nicht um der Kunst willen gemalt ist, sondern zur Ehre Gottes; der Künstler mit seiner Kunst muß ganz darin verschwunden sein. In diesem höchsten Sinne kann man sagen, daß Manets Spargel in der grenzenlosen Hingebung und Aufopferung des von der Idee der Erscheinung überwältigten, ja sich selbst für sie vernichtenden, sich und seine Kunst ihr demütig ausliefernden Künstlers weit eher den Namen eines religiösen Werkes verdient als manches Bild, das, mit Heiligenscheinen und allen sonstigen Emblemen des Glaubens operierend, doch immer nur auf seinen eigenen Ruhm oder jedenfalls bloß auf Wirkung spitzt.

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