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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 82
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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modified20171128
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... August

Aus einer neuen, sehr handlichen Ausgabe von Laotses »Tao Teh King« (Uebertragung von H. Federmann. C. H. Becksche Verlagsbuchhandlung, München 1920) notiert:

Nur wer frei von den Dingen,
Geistigkeit begreift.
Wer noch strebt nach den Dingen,
nur die Schale ergreift,
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Sein und Nichtsein auseinander entspringen.
Schwer und Leicht einander bedingen.
Lang und Kurz einander erweisen.
Hoch und Tief einander erst zeigen.
Ton und Stimme sich eng verbinden. Vorher und Nachher zusammen sich finden.
Darum verharrt der Heilige im Nicht-Tun
bei allem was er treibt
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Er vollbringt sein Werk, doch hängt nicht daran.
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Wahrlich! Dem wahrhaft Vollkommenen strömt
alles von selbst zu.
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Der Heilige hat kein eigenes Herz.
Das Herz des Volkes macht er zu seinem Herzen.
Zu den Guten bin ich gut,
zu den Bösen bin ich auch gut,
denn Tugend ist Güte.
Zu den Treuen bin ich treu,
zu den Falschen bin ich auch treu,
denn Tugend ist Treue.
Der Heilige lebt einsam inmitten der Welt,
aber in seinem Herzen hat er Raum für alle.
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Wahre Worte sind nicht schön,
schöne Worte sind nicht wahr.
Der Gute streitet nicht;
wer streitet, ist nicht gut.
Der Weise ist nicht gelehrt,
der Gelehrte ist nicht weise.
Der Heilige häuft keine Schätze auf.
Je mehr er für die Menschen tut,
desto mehr wird er erlangen.
Je mehr er den Menschen gibt,
desto mehr wird er empfangen.

Und im Nachwort des Uebersetzers ist vortrefflich der Abschnitt über das Wu Wei, die Lehre vom Nichttun, die durchaus nichts östlich quietistisches sei: »Laotse meint mit Wu Wei nirgends ein Nicht-Handeln, sondern, wie aus allen dafür zu beachtenden Stellen hervorgeht, ein nicht eigenmächtig der eingeborenen himmlischen Natur der Dinge Entgegenhandeln, also eher ein: »nicht mit Werken umgehen«, wie es Paulus in seinem Römerbriefe gebraucht. Laotse selbst aber zerstört jeden Zweifel an dem wahren Sinn seines Wu Wei, indem er es erweitert und in seiner Negativität aufhebt durch die zweite größere Forderung, die er ihm gegenüberstellt: Wei Wu Wei gleich Tun durch Nichttun sagt Laotse geradezu und stellt damit klar, daß es sich um keine äußere Vielgeschäftigkeit handelt, die dem Geist entgegenwirkt, sondern um eine wahre innere Aktivität, um eine göttliche Gelassenheit, etwa in dem Sinn, wie Philo der Neuplatoniker Gott als den apoios den Nichthandelnden bezeichnet.

10. August

Im fünften Heft des »Inselschiffs«, das, den Barken von Malamocco mit den blutiggelben Segeln gleich, bald still vor dem Winde liegt, bald dreist ins Weite stößt, ein verschollener Aufsatz Adalbert Stifters über die »Sonnenfinsternis am 8. Juli 1842«. Nach dem auch fast völlig vergessenen, in den meisten Ausgaben fehlenden »frommen Spruch«, seiner schönsten Dichtung, der einzigen deutschen Erzählung, die fast noch über die Höhe der »Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten« emporschwebt, ist dieser Aufsatz vielleicht das stifterischeste, was er je geschrieben hat. Alle Grenzen der Künste verschwinden da: mit den einfachsten, den nächsten Worten wird die Musik der Sphären gemalt! Und ich glaube, wenn nach unserer Sintflut doch einst die Taube mit dem Oelblatt kommt und die Menschheit allmählich wieder versucht, menschlich zu werden, aufhorchend nach den Stimmen der Ewigkeit, dann wird auf sie diese Stille Stifters so unbegreiflich groß und übermenschlich rein wirken, wie von allem was je gedichtet worden, nur Homer noch.

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