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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 81
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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7. August

Walter Rathenau, Geschäftsleuten unheimlich als Phantast und Denkern verdächtig als Faiseur, aber gerade durch seinen Einblick in zwei Welten, in den Doppelsinn der Welt, und durch sein starkes Gefühl für das Utopistische, das aller Erfahrung beigemischt ist, nicht bloß, sondern zugleich doch auch wieder für den Bodensatz von Wirklichkeit in allen Ideen wirksam, kommt damit zuweilen viel näher an die Wahrheit, la vraie vérité, heran, als die nur immer auf einem Leisten, seis theoretisieren, seis praktizieren. Ob er freilich darum aus seiner richtigen Erkenntnis dann auch der richtigen Tat fähig wäre, weiß ich nicht. Dieser Einwand wird immer wieder benutzt, um ihm den Eintritt zu verwehren. Aber daß alle, denen das Schicksal Deutschlands anvertraut ist, der richtigen Erkenntnis wie der richtigen Tat, ja vielleicht selbst auch nur des bloßen Begriffs schon, daß es überhaupt noch etwas Richtiges geben könnte, gleich unfähig und in allem was Himmel und Erde betrifft, gleich ahnungslos sind, das weiß ja nicht bloß ich. Freuen wir uns indessen, daß er dadurch immer wieder auf Wort und Schrift zurückgewiesen wird. Er sprach neulich im Demokratischen Klub zu Berlin über die Fortentwicklung der demokratischen Idee und diese Rede, die die »Vossische Zeitung« in einer von ihm gebilligten Verkürzung bringt, ist wieder von erstaunlichen Einsichten, die freilich zu weniger erfreulichen Aussichten führen. Er vergleicht zunächst die deutsche Revolution mit der großen französischen, die durch zwei Generationen vorbereitet war, während unsere improvisiert wurde, fast ungewollt, jedenfalls unerwartet. Auch hatten jene Franzosen damals, was uns in Deutschland heute fehlt, sie hatten einen großen gegenseitigen Respekt. Auch damals billigte nicht jeder immer den andern, doch sie verstanden und achteten einander, so konnte sich ein gemeinsamer Geistesgehalt ergeben. Diese westlichen Demokratien sind aber Autokratien geworden. Die »Gesellschaft« ist es, die sie beherrscht. Was aber ist »Gesellschaft«? Die kollektive Einheit der Wohlhabenden und Gebildeten. Die westlichen Demokratien schätzen den Wohlstand, während wir in der Herrschaft der Wohlhabenden eine Gefahr sehen. Wir sind nämlich zu spät zur Demokratie gekommen, ganz so, wie wir zu spät zum Imperialismus kamen. Imperialismus war die Bewegung der siebziger und achtziger Jahre: da wollten wir sie nicht. Sie war schon in den neunziger Jahren bedenklich, im zwanzigsten Jahrhundert unmöglich für uns geworden: da fingen wir sie an. Und wir wenden uns der liberalen Demokratie, dem System also, das seine großen Zeiten unter dem Imperialismus hatte, in eben dem Augenblick zu, wo Imperialismus, der ja nur den Kampf ums Dasein von den Individuen auf die Staaten überträgt und die Konkurrenz der Einzelnen zur internationalen Rivalität ausdehnt, eben daran ist zu zerbrechen. Daß unsere Demokratie so spät kommt, hat auch die Folge, daß es ihr sozusagen an Unschuld, daß uns der Kinderglaube an sie fehlt. Ueber den Gedanken, daß es in Deutschland immer wohlhabende Gruppen geben wird, die sich einen Wahlfeldzug auch schon einmal fünfzig Millionen kosten lassen können, kommen wir nicht mehr mit einem Lächeln hinweg, wie [zu] Zeiten, denen die Demokratie noch neu war. Wir haben eben die demokratischen Formen in dem Augenblick eingeführt, da die westlichen Länder schon Erschütterungen dieser Formen fühlen, zugleich aber ein Strom neuer Ideen aus Rußland über uns kommt. Rußland ist heute keine Sowjetrepublik, sondern die Autokratie eines Klubs, aus der in zehn Jahren eine Adelsrepublik nach venezianischem Muster geworden sein wird. Jetzt gibt es in den Fabriken noch Sowjets, aber sie haben nichts mehr zu sagen: der Regierungskommissär befiehlt, Arbeitszwang besteht in schroffer Form, zehn- bis zwölfstündige Arbeitszeit ist geboten, Streik verboten und Akkorde werden erzwungen. Aber aus diesem Rußland brechen zwei Riesenströme hervor, der kalte Strom des Ressentiments: Rache zu nehmen an der Bourgeoisie, und der heiße Strom eines radikalen Gedankens, des Rätegedankens. Der entstammt der Erfahrung, daß Menschen sich am besten dann verstehen, wenn sie zusammen arbeiten, sich also kennen und darum dem Nächsten, im eigentlichen Sinne »Nächsten« vertrauen können. Er ist von so gewaltig werbender Kraft, daß ihm auch Deutschland nicht widerstehen konnte, wie das Betriebsrätegesetz und der Reichswirtschaftsrat beweisen, Institutionen, die Rathenau »für mühselig, aber aussichtsvoll« hält, ja, die für ihn schon etwas von dem »neuen lebendigen Ideengehalt« haben, der sonst unserer Demokratie noch fehlt. Sie beginnt am Grabe des Hochkapitalismus, der verschwenderisch im Betrieb, aber sparsam, unendlich sparsam in der Verwaltung war. Was immer die neue Form der Wirtschaft und Gesellschaft sein mag, sie wird jedenfalls teurer verwaltet: jeder einzelne spricht vom Gesamtertrag einen höheren Lohn an, den er noch dazu nicht wie früher der Kapitalist akkumuliert, nicht wieder in den Betrieb steckt, sondern den er verbraucht. Dies macht es fast unmöglich, sich die Zukunft eines Landes vorzustellen, das ja mit dem Kapitalismus zugleich auch noch selber zusammengebrochen ist, das sich erst wieder aufrichten muß und das auch noch die Milliarden an Kriegsentschädigung zahlen soll: »Jede Milliarde Gold jährlich bedeutet eine Summe von zehn Milliarden Papier, die hier gedruckt und irgendwie herangesteuert werden müssen; jede Milliarde Gold bedeutet fünfzehn Millionen Tonnen Kohlen zum Auslandspreis, fünfzig Millionen zum Inlandspreis.« Was man so gemeinhin sparen nennt, kann uns da nicht helfen. Organisieren heißts, organisieren und ordnen, denn wir müssen fortan bei gleicher Menschenzahl, verminderten Bodenschätzen, gleicher Arbeitsleistung das Dreifache wie bisher erzeugen. Und wir können das auch, wenn wir die Kraft finden, ökonomischer zu produzieren als bisher, wo unsere Produktion, kindlich primitiv, der Laune, dem Eigennutz, dem Zufall überlassen war, wie die Landwirtschaft vor hundert Jahren, als sie noch kaum ein Viertel von heute trug. Darum werden wir uns bei der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der alten Demokratie nicht beruhigen können, sondern auf einen neuen Dreiklang hören müssen: Freiheit, Verantwortung und Gemeinschaft . . . Ich erstaune stets von neuem darüber, wie groß, klar, klug, ja weise Deutschland spricht, mit hohem Mannesmut in die drohenden Augen seiner Not blickend. Es geschieht nur aber dann nie was.

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