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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 76
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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modified20171128
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26. Juli

Ou sont les gratieux gallans
Que je suyvoye au temps jadis
Si biens chantans, si bien parlans
Si plaisans en faictz et en dictz?
Les aucuns sont mortz et roydiz
D'eulx n'est-il plus rien maintenant
Repos ayent en paradis
Et Dieu saulve le remenant.

Der Wiegenton dieser gelinden Klage, die ich neulich bei Maurice Baring fand, in seinem charmanten Weltreisebuch »Round the World in any Number of Days« (London Chatto Windus 1919), geht mir heute den ganzen Tag durch den umflorten Sinn, da nach Fritz von Kaulbach, nach Albert von Keller jetzt auch Ludwig Ganghofer uns entrissen ist. Eine Künstlerart stirbt damit aus, die schon darum der heutigen unverständlich sein muß, weil diese sich ja ganz für ihr Werk aufspart, ganz an ihr Werk ausgibt, während jene, die beste Kraft vielmehr unmittelbar an ihr eigenes Leben wendend, in ihr eigenes Leben einsetzend, nur mit dem Rest, der ihr dann allenfalls noch blieb, nur sozusagen mit den Abfällen ihres prassenden Lebens das Werk abgespeist hat. Dabei kam freilich leicht die Kunst zu kurz; heute kommt wieder der Mensch zu kurz. Und es bleibt immer noch fraglich, ob auch das höchste Kunstwerk jemals ein volles Menschendasein aufwiegen kann. Wer will entscheiden, ob die Welt mehr Glück von der strahlenden Existenz Fritz von Kaulbachs oder dem schönsten Bilde van Goghs empfing? Selig die Meister, in denen sich die beiden Künstlerarten vermählen, wie Phidias, Bernini, Gluck oder Goethe (der sich aber doch eigentlich schon leise mehr nach der Ganghofer-Seite neigt, und gar in seinem letzten Setzling Paul Heyse) . . . Der junge Ganghofer war schon auf den ersten Blick ein Dichter: blond, schlank, groß, das Profil stolz, kühn und klar, dabei rasch an Geberden und von einer solchen stillen Anmut der ganzen Erscheinung, daß ich, wenn er, fast dreißig Jahre wird das bald sein, neben mir an der Alserkaserne vorbei zur Redaktion der »Deutschen Zeitung« schritt, mich immer wunderte, die Wache nicht ins Gewehr treten zu sehen vor den blitzenden Augen dieses Germanenkönigs. Den Frauen lieb, der Natur vertraut, Wanderer, Jäger, Segler, unersättlich nach Schönheit, des Weibes wie des Waldes, weiter Räume, prunkender Verse, satter Bilder, ein unvergleichlicher Erzähler, der liebenswürdigste Wirt, auf der Adlerjagd ebenso unermüdlich wie im Ersinnen rauschender Feste, mit derselben Gier in Bergeinsamkeit schwelgend wie in lauter Geselligkeit: das Leben hat keinen Freudenkrug, den unser Ludovico il Magnifico nicht geleert hätte. Welch ein Verschwender von Kraft, Schönheit und Fülle! Welch ein Künstler des Lebens! Und wer ihn kannte, so daß er sich, wenn er etwas von ihm las, seiner erinnern und seine Gegenwart supplieren konnte, der vernahm diese Künstlerschaft dann schon auch zuweilen in den Büchern leise pochen. Aber seine Bücher, seine Stücke waren freilich nur ein Schatten von ihm. Vielleicht gerade weil ihm das Leben selbst, das unmittelbare Leben, soviel gab, daß er nicht nötig hatte, wie die vom Leben Verschmähten, sich erst noch einzubohren in den tiefen Schacht der Kunst. Vielleicht auch nur, weil er um ein paar Jahre zu früh kam, weil er noch aus einer Zeit war, der das Gefühl fürs Wort, für Maß und Gewicht des Worts, für das eine präzise, gerade hier notwendige, das unersetzliche, das nicht bloß ungefähr andeutende, sondern gerade hier durchaus kein anderes zulassende, das nicht bloß benennende, sondern erschaffende Wort fehlte. Jene Zeit begnügte sich damit, von den Dingen zu reden. Die Dinge darzutun, sie nicht bloß zu nennen, sondern herzurufen, hervorzurufen, diese Forderung haben erst wir wieder entdeckt, wir, die gleich unmittelbar nach ihm kamen, kaum um zehn Jahre jünger als er, aber eben darum mit ihm unversöhnlich: die Generation, deren heißen Atem man im eigenen Nacken spürt, versteht einen immer am wenigsten, sie lernt man eigentlich nie verstehen, mit ihren Ueberwindern verständigt man sich dann wieder leicht. Und dann hatte Ganghofer auch noch das Unglück, dem deutschen Kaiser zu gefallen. Da war's um ihn geschehen; das hielt selbst Hebbel kaum aus. Man wird aber doch mit der Zeit schon erkennen lernen, daß Ganghofer das nicht verdient hat; mir ist da gar nicht bang. Erst neulich, noch vor seinem Tode, kam ich im Gespräch mit einem jüngeren, selber in seinem Geschmack den Jüngsten, den Allerjüngsten geneigten Dichter auf ihn. Ich fragte da nämlich: »Wer, meinen Sie, hat mehr Talent, von wessen Werken wird in dreißig Jahren noch mehr am Leben sein, wer ist schließlich, alles in allem, der hohen Kunst, der ewigen, der die Zeiten verbindenden, noch näher: Ganghofer oder Edschmid?« Ich nannte mit Absicht unter den Jungen den, der durch seinen hochgespannten edlen Ehrgeiz die große priesterliche, wenn auch zuweilen vielleicht etwas erkünstelte Gebärde, die Strenge seines künstlerischen Gewissens, sein reines Pflichtgefühl, den weiten Blick für alle Probleme des Abendlandes und wohl auch durch seinen sorgsam verwalteten, klug gebrauchten journalistischen Einfluß jetzt eine fast diktatorische Macht, wenn auch noch nicht über das große Publikum, so doch über einen guten, ja vielleicht den besten Teil der gebildeten Jugend hat. Ich fragte nur, ich war mir selber noch der Antwort nicht gewiß: die wollten wir eben sokratisch erst finden. Und so schritten wir von der Gotzentalalm zum Vorderbrand, immer zu Zeiten wieder in Lichtungen das Auge des Königsees erblickend. Es ergab sich allmählich folgendes: Edschmid, unleugbar ein Artist ersten Ranges, nicht bloß für seinen reinen Kunstwillen verehrungswürdig, sondern schon auch zuweilen von einem erstaunlichen, wenn auch mühsamen und sich wie den Leser ermüdenden Können, zudem von ungemeiner Wortkultur, der aber eine produktive Kraft zuzumuten auch mein junger Freund so wenig den Mut fand, als er mir in Edschmids bisherigem Werk den menschlichen Gehalt, eine Seele, irgend etwas Elementares aufzeigen konnte; Ganghofer dagegen ohne den gerinsten Zug vom Artisten und den Künstler, den er in sich gefühlt haben mag, in seinen Werken fast geflissentlich verbergend, jedenfalls niemals verratend, immer aber von einer so starken menschlichen Empfindung, so viel Natur und einer solchen Fülle von Lebenskraft, Lebenslust und Lebensdrang, daß sich durch seine verwöhnten Ohren oft fast unerträgliches Stottern hindurch doch immer wieder ein hinreißender Klang vernehmen läßt – wovon? ja, das konnten wir selber eigentlich nicht sagen, wir fanden den rechten Namen für diese Magie nicht, der immer wieder bei Ganghofer an manchen Stellen selbst ein vorsätzlich widerstrebender Leser zuweilen verfällt. Und nun war uns bang, ob nicht am Ende, da doch alles Artistische sich immer alsbald in bloße Technik umsetzt und als Technik dann sogleich Gemeingut wird, ob nicht Edschmid in dreißig Jahren, da das von ihm Errungene dann jedermann geläufig und also dem Leser unmerklich geworden sein wird, eine menschlich ergreifende Kraft der Empfindung aber seinem Werke fehlt, ob nicht Edschmid in dreißig Jahren also vielleicht nur noch die Germanisten interessiert, während auch in dreißig Jahren Ganghofers »Schloß Hubertus« immer in allen Jagdhütten noch abends am Feuer manch fröhliches Herz stärken wird. So läuft die ganze Wertfrage schließlich darauf hinaus, für wen einer lieber schreibt: für Germanisten oder für Jägerleut; ich war insgeheim stets meinem geliebten Ganghofer um seine Leser neidig, dagegen den von mir bewunderten Dichtern um ihre doch eigentlich nie.

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