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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 73
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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12. Juli

»Das rätselhafte Deutschland« von Oskar A. H. Schmitz (Georg Müller, Verlag München, 1920). Schmitz, den geborenen Weltfahrer, den höchst Geselligen, hat ein Witz seines Schicksals jetzt schon fast auf mich reduziert und, statt wie sonst, als uns Europa noch einließ, bald mit einem Oxfordman durch den Peloponnes zu traben, bald an blauen Küsten mittelmeerisch oder auch dann wieder auf einem Wolgadampfer rechtgläubig zu schwelgen, muß er jetzt mit mir untergegangenem Oesterreicher winters durch schneestarren Wald den Gaisberg hinauf, sommers durch Almenrosenbrand zum Hochthron empor. Wir zwei sollten von Rechts wegen einander eigentlich nicht ausstehen können, darum sind wir uns allmählich fast unentbehrlich, ja soweit das nach überwundenen Flegeljahren überhaupt noch möglich ist, beinahe schon ungefähr etwas wie Freunde geworden: er wittert in mir einen Bolschewiken, ich schimpfe ihn gelegentlich Boche, aber ihm hat offenbar gerade dieses Gran Bolschewismus, das ich enthalte, bisher ebenso gefehlt, wie mir wieder ein »bocher« Zusatz vielleicht nur guttun könnte. Und eins ist uns ja beiden gemein, nämlich daß von keinem das heutige Deutschland den rechten Gebrauch macht und wir uns aber beide nun, statt zu klagen, darüber noch freuen: wir haben beide den uns vom Schicksal zugedachten Beruf verfehlt und atmen auf, unserer Bestimmung echappiert zu sein. Heute, wo mein Vaterland zergangen ist, hat's ja keine Gefahr mehr, wenn ich verrate, was meine Vokation war: ich hätte 1898, nach Burckhard, Burgtheaterdirektor werden müssen, der letzte; wovon Schreyvogel der Anfang war, das hätte doch unter allen Menschen dieser Zeit eigentlich nur ich, jenem Anfänger so geheimnisvoll verwandt, wahrhaft vollenden können, der Kreis wäre dann geschlossen gewesen (gerade darum schlug ich ja doch auch vor zwei Jahren mit solcher Entschiedenheit ab, Burgtheaterdirektor zu heißen in einem Augenblick, als es kein Burgtheater mehr gab, als das Burgtheater, das Schreyvogels, das meine, längst zersprungen war). Und ganz dasselbe hat nun in seiner Art auch Schmitz erlebt: denn mit ihm war doch vom Schicksal offenbar der Journalist großen Stils gemeint, der bisher den Deutschen immer noch fehlt. Der durchaus in der Eigenart, ja im Eigensinn seiner Nation wurzelnde, doch eben von diesem so sicheren Stand nun nach allen Fernen ausblickende, umblickende, weltverlangende, weltdurchsuchende, weltversammelnde, niemals sich daheim beruhigende, völkerverbindende Journalist, der immer irgendwie heimlich ein Dichter ist oder früher einmal ein Dichter war oder ein Dichter geworden wäre, wenn ihm das genügt hätte, der aber ebenso stets auch einmal daran war, Politiker zu werden, der vielleicht nur viel zu sehr Politiker ist, um sich der Politik irgend einer Partei fügen zu können, der ferner stets glaubt, eigentlich ein Philosoph oder eigentlich ein Nationalökonom oder eigentlich ein Historiker, jedenfalls eigentlich alles eher als ein Journalist zu sein und in dem ja doch auch dies alles steckt, und überdies aber auch noch ein Abenteurer, ein Glücksritter, ein Landsknecht, zugleich Pizarro, Casanova, Cagliostro, ja bis zum Commis voyageur herab in einer Person, dieser Journalist, der noch einen letzten Nachklang vom barocken Menschen hat, der Journalist von der Art Wickham Steeds, Maurice Barings oder auch Keynes' und der großen Weltreisenden vom Mailänder »Corriere de la Sera«, der fehlt ja bisher in Deutschland. Theodor Wolff hat manches davon, er hätte vielleicht alles dazu gehabt; er ist nur zu früh seßhaft geworden, während andere, die schon auch den Ehrgeiz zu dieser Art Journalismus hätten, wieder nicht genug seßhaft sind: denn sie verlangt beides, sie verlangt zur treibenden Unruhe einer unsteten Wanderseele dann doch auch noch das Gegengewicht angeborener ganz starker innerer Seßhaftigkeit. Davon hat, soweit ich sehen kann, unter den Deutschen heute keiner eine bessere Mischung als Schmitz. In Homburg geboren, in Frankfurt erzogen, immer also von Jugend auf an jener Kurve, wo das Süddeutsche schon einen härteren Klang vom Norden her, aber auch wieder einen überrheinischen Anhauch hat, selber dazu noch durch einen erregenden fremden Tropfen im Blut aufgeschreckt, zwar noch gesichert genug, um sich niemals ganz verlieren, aber doch schon zu sehr bedroht, um sich jemals ganz beruhigen zu können, jung in den edlen Kreis Georges eingelassen, der, mit Wahnfried zusammen, in jener tiefsten Dämmerung des deutschen Geistes die Wacht am verborgenen Licht hielt, in der strengen Zucht dieses bis zur Hoffart reinen Kreises früh schon an die höchsten Forderungen künstlerisch wie sittlich gewöhnt, zu seinem Glück aber dieser Enge dann, kaum flügge, nach Paris entrückt, um die Zeit gerade, wo diese Stadt des stärksten Gefühls für Tradition bei höchster Leidenschaft für ungestüme Freiheit eben wieder einmal, im Dreyfus-Handel, in diesem Stahlbad ihrer sämtlichen nationalen Energien, zur Besinnung auf sich selbst in allen ihren Widersprüchen und eben auf die Notwendigkeit, Unentbehrlichkeit, Wesentlichkeit des Ganzen aller dieser Widersprüche gelangt war, ist auch er, wie die Besten unserer Generation fast alle, dort erst seiner deutschen Art, der alten deutschen Art, der goethisch weltweiten, ganz bewußt und so sicher geworden, daß er sich fortan getrost allen Eindrücken aussetzen und hingeben konnte, ohne von ihnen in seiner Eigenheit bedroht zu werden: nur wer sich durchaus in sein Volk verwurzelt weiß, bis in die letzten Tiefen, ja bis ins Absurde dieser Volksart hinein, nur der darf sich dann erst über sein Volk hinaus wagen, hinaus und empor; wer, ohne bis ins Absurde national zu sein, über seine Nation will, der entwest und verwest. Schmitz war nun gerettet, ein richtiger Deutscher, und gerade dadurch allen Völkern offen, mit einer inneren Spannung von Oxford bis Laotse, freilich aber eben darum seitdem beiden Arten von verstockten Deutschen gleich verdächtig, den im eigenen Wesen erstarrten Nationalisten ganz ebensowie den für Volksverwischung schwärmenden Allerweltsamphibien, den Commis voyageurs des Internationalismus. Gerade diese sind jenes großen Journalismus, des internationalen, ganz unfähig, weil es ihnen an der Eigenart fehlt, von der allein sich doch die fremder Völker erst abheben kann. Schmitz aber, von Jugend auf schon mit geheimen inneren Verlockungen über sich hinaus und nun in Paris noch zugleich seiner Eigenheiten erst recht bewußt, aber auch weltweit geworden, dann Jahre lang durch Europa bis ins Morgenland abenteuernd, wovon sein vortreffliches Buch über Disraeli, das über »Französische Gesellschaftsprobleme«, die »Fahrten ins Blaue« und »Scheinwerfer über Europa« (alle bei Georg Müller, München) berichten, der hätte nun zu jenem großen Journalisten, der uns fehlt, alles; nur die Zeitung nicht, bei uns steht immer entweder ein Platz leer und der Mensch für ihn findet sich nicht oder es erscheint ein Mensch und findet seinen Platz nicht, so wird alles bei uns irgendwie stets leise zur eigenen Karikatur, früher die Monarchie, jetzt die Republik, es scheint schon Schicksal zu sein. Ohne die Zeitung, die dieser geborene Journalist großen Stils brauchte, sieht sich Schmitz also genötigt, sie gewissermaßen selber auf eigene Faust herauszugeben, er hat sich in seinen Büchern einen Preßersatz bereitet, von ganz eigenem Reiz, nur daß man doch immer wieder irgendwie leise heraushört, wie schmerzlich er, vielleicht ganz unbewußt, das Echo von dreimalhunderttausend Abonnenten vermißt, dieses gerade dem geborenen Journalisten unentbehrliche Korrektiv. Mit dem in Deutschland so seltenen Blick für die Wirklichkeit, ja noch ganz besonders eben fürs Detail der Wirklichkeit, für den Eigensinn jeder Einzelheit verbindet er Ideenvermögen, die Kraft, vieles in eins zusammen zu sehen, den überall die geheimen Verbindungen ahnenden Sinn, und wenn dieser ihn zuweilen bis ans Urphänomen selber lenkt, so bewahrt ihn eine gewisse Geradheit oder Redlichkeit des Ausdrucks, es bewahrt ihn ein unüberwindliches Bedürfnis nach Deutlichkeit vor jedem Schwulst und der fatalen Neigung des philosophierenden Deutschen, im Dunkeln zu munkeln. Er denkt gegenständlich, das wird Deutschen immer am schwersten, aber wenn er stets vom Gegenstand aus und am Gegenstand hin denkt, so denkt er zuletzt über den Gegenstand doch bis zur Idee durch, und ohne dann dort das metaphysische Pfauenrad zu schlagen. Er ist klar, ohne seicht zu sein, er wird tief, ohne darin unterzugehen, er bleibt, auch wenn er sich gelegentlich bis ans Phantastische wagt, immer noch besonnen, und wenn es jetzt Mode geworden ist, auch das Banalste möglichst extravagant zu sagen, ist er, so verwegen er zuweilen spricht, selbst dann noch auch dem mittleren Leser verständlich. Dadurch bringt er sich freilich um die beste Wirkung auf ein Volk, das Bücher um so mehr schätzt, je weniger es sie versteht . . . Vom »Rätsel, das Deutschland der Welt aufgegeben hat«, handelt seine neue Schrift. Wie, fragt sie, konnte aus dem Volk der Dichter und Denker in wenigen Jahrzehnten das Volk der Handlungsreisenden und Feldwebel werden? Sie antwortet: Durch eine Entgleisung seines alten tiefen Unendlichkeitsdranges. Den deutschen Denker zeichnet sein eigentümliches Verhältnis zum Unendlichen aus und indem nun dieses Verhältnis von der ganzen Nation, auch von den Nichtdenkern, übernommen wurde, sei sie verwirrt worden. »Der alte deutsche Idealismus ist in die Säue gefahren«, so kräftig drückt Schmitz das aus. Und wenn nun die Feinde verlangen, der Deutsche müsse, damit sich ihm die Welt wieder öffnen kann, erst »ein anderer« werden, entgegnet er: Nein!, ein anderer ist er ja während der ganzen wilhelminischen Ersatzzeit gewesen; nein, er selbst muß er wieder werden! Zunächst aber ist er auch in der demokratischen Verkappung doch wesentlich wilhelminisch geblieben: unvornehm. »Die westlichen Demokraten wollen, daß alle an der Kultur, das heißt, an den vornehmen Werten teilhaben . . . Die deutschen Demokraten aber wollen die Vornehmheit überhaupt aufheben, die allgemeine geistige wie gesellschaftliche Rüpelei endlich von ihren letzten Dämmen befreien . . . Die deutsche Zukunft hängt einzig und allein davon ab, ob es gelingen wird, eine neue Oberschicht von lebendigem Geist und unstarrer Form zu schaffen . . . Nichts ist daher heute für uns wichtiger als die höhere Schule. Nicht die Einheitsschule tut uns not, die noch den letzten Rest ererbter Kultur auflösen würde, sondern die vornehme Schule (er denkt an Eton und Harrow) . . . Gerade die nur tüchtigen Deutschen pflegen auffallend subalterne Persönlichkeiten zu sein. Nur der geistige deutsche Typus besitzt jene kostbare, von den Kriegern geschmähte, von den Snobs nachgeäffte Universalität des wahren Kosmopolitismus.« Dieser deutsche Typus sei nun aber »im Protestieren« stecken geblieben und ihn wiederzufinden, dazu sieht Schmitz nur »eine mögliche Wirklichkeit: die vereinigten Staaten von Europa unter Führung des einzigen Volkes, das seit den Römern wahre staatsmännische Begabung bewiesen hat, der Engländer«. Und »Grundbedingung ist, daß der Schwerpunkt des deutschen Reiches wieder dort ist, wohin er gehört, nämlich im Süden . . . Unsere politische Unbegabtheit, unser weltliches Ungeschick waren nur Laster, als wir täppisch anmaßend sie zu verleugnen suchten; aber der Selbsterkenntnis zeigt sich dieses Nichtkönnen als ein tieferes Nichtwollen« . . . Wie hier aus einer großen Anschauung der höchst ergiebige Begriff der deutschen Bestimmung zur Unendlichkeit im Irdischen und auf diesem eigentlich ganz barocken Grunde dann gleichsam in Stockwerken alles Gebot und Verbot für den Deutschen emporsteigt, das ist in seiner Strenge, Klarheit und Ordnung echt schmitzisch aufgebaut. Echt schmitzisch aber wirkt freilich auch der whim, aus dieser grundsätzlichen Erörterung dann plötzlich auf einen vielleicht ganz gescheiten, aber jedenfalls grundsätzlich gleichgültigen, rein praktischen Vorschlag loszufahren, den der eine gutheißen, der andere bezweifeln mag, niemand aber für wesentlich halten wird, den Vorschlag eines Ständehauses, eines »Nebenparlaments« der »wirklich Kompetenten«, wo die vier Stände, der der höheren Bildung, der der Bodenbebauer, der des Handels und der der Arbeiter, unabhängig von ihrer quantitativen Stärke gleichberechtigt sein sollen, wogegen ja, schon weil es nur zu beraten, nichts aber zu bestimmen hätte, niemand etwas einwenden, wofür aber eben darum auch niemand sich ereifern wird, und des Redens hätten wir jetzt doch eigentlich auch schon genug.

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