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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 68
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100315
modified20171128
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5. Juli

Als Thomas Manns »Gesang vom Kindchen« erschien und ich fand, kein anderes Gedicht meiner Generation sei Goethe näher gekommen, belehrte mich jedermann, wie miserabel aber seine Hexameter sind: wenn nämlich derlei nur einer sagt, sagen's ihm gleich alle nach; kein Deutscher bleibt ja gern im Tadel zurück. Ich ließ sie reden; mir war genug, daß ich wußte, wie herrlich gerade seine Hexameter sind, aber freilich nur für den, der Verse nicht bloß befingert, sondern mit dem Geiste hört. Daß es doch auch in Deutschland noch Ohren des Geistes gibt, zeigt mir ein Aufsatz W. Matthießens über »Thomas Manns Hexameter und unsere Zeit« im Juniheft des »Hochlands« (Verlag Kösel, München), der gerade den formalen Wert dieser von allen Schulmeistern geschmähten Hexameter dartut: »Diese Form, Thomas Manns neue Form, ist ein ganz zartes frisches Gewächs, eine ganz unerhört neue Blüte, die treuester Pflege bedarf . . . Was Goethe ahnend begann, setzte Thomas Mann bewußt fort. Was der Dichter damit erreichte, ist ganz einfach das: er gewann der deutschen Sprache das klassische Metrum.« Ich möchte nicht mit solcher Zuversicht behaupten, daß gerade Goethe darin ein Ahnender und erst Thomas Mann der Bewußte war; es kann auch umgekehrt sein. Jedenfalls übernimmt Mann das Wagnis Goethes, den Hexameter einzudeutschen. Der Unterschied ist: die Alten skandierten nach dem Gewicht, der Deutsche skandiert mit dem Gemüt. Es ist dem Deutschen eigen, sein Wesen immer zunächst in ausgeborgten Formen darzutun. Wie denn zum Beispiel Richard Benz in seiner wunderbaren Ausgabe der »Legenda aurea« (Eugen Diederichs, Jena) nachgewiesen hat, daß das Mittellatein, das Kirchenlatein, im Grund durchaus ein »latenter germanischer Dialekt« ist, wie Konrad Burdachs Forschungen ergeben haben, daß »der neue Prosatypus«, der in der Kanzleisprache Karls IV. entstand, »sich am Lateinstil emporrankt«, zugleich aber auch einen Hauch italienischer Sprachschöpfung empfängt, so sehr, daß Burdach die paradoxe Wendung wagt, man könne, recht verstanden, Dante den Mitbegründer der neuhochdeutschen Schriftsprache nennen (»Forschungen zur neuhochdeutschen Sprach- und Bildungsgeschichte«, in den Sitzungsberichten der preußischen Akademie, 1920, IV). Vermeintlich nachahmend neu zu schaffen, ist des Deutschen Art: indem er ein Vorbild nachzubilden glaubt, wird sein Selbstbildnis daraus. Wer Goethes Hexameter an Homer und Vergil mißt, dem sind sie schlecht, eben weil in ihnen der Hexameter deutsch wird. Und so sind Manns Hexameter wirklich noch weitaus schlechter als Goethes; sie sind schon fast völlig deutsch, wie bisher nur die Stelzhamers (aber der hat es dadurch leichter gehabt, daß der Fluß unserer Innviertler Mundart ja durchaus homerisch ist – Max Burckhard hat einst einen Gesang der Odyssee ins Oberösterreichische übersetzt, da war die Seelenähnlichkeit im Klang frappant.)

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