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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 67
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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1. Juli

Wir sind reich an mittleren Begabungen. Aber nicht bloß ihre Zahl erregt Staunen, sondern doch auch ihr hoher Rang. Wir haben mehr mittlere Begabungen und diese mittleren Begabungen reichen jetzt höher als je, mit dem Können, das heute jeder Liebhaber der Kunst hat, war man früher schon ein Virtuos und unsere Virtuosen beschämen technisch manchen alten Meister. Wenn dieser Hochgrad des Durchschnitts ein Gewinn ist, so bezahlen wir ihn aber damit, daß dem Abendland zur Zeit in Kunst und Wissenschaft überall der Große fehlt. Es fehlt überall der geniale, der eine ganze Zeit summierende, der säkulare Mann. Mittlerer Begabungen in höchster Vollendung haben wir die Fülle und wir haben überall Spezialisten von so verblüffender Geschicklichkeit, daß uns das Außerordentliche fast gemein und darum eigentlich auch wieder schon gleichgültig geworden ist. Den aber, der nun seine Kunst oder Wissenschaft durch die Macht, den inneren Gehalt oder auch nur das Ausmaß seiner Erscheinung entscheidend bestimmen könnte, so daß er sich fortan aus der Geschichte der Menschheit nicht mehr wegdenken läßt, den Mann, auf den eine ganze Zeit nur gewartet zu haben scheint, um in ihm erst ganz erfüllt und so selber aber durch ihn eigentlich überflüssig zu werden, hat heute das Abendland weder in der Tonkunst noch in der bildenden noch im Schauspiel. So waren noch Bruckner, Hugo Wolf und Mahler, so noch van Gogh, Cezanne, Rodin, so noch Mitterwurzer, Kainz, Novelli und die Duse. Heute hat bloß die Dichtung einen solchen, das Maß der Zeit überragenden, ihr den Sinn weisenden, Völker verbindenden, Vergangenheit erntenden, Zukunft säenden Mann. Daß sein Name den Vielen noch fremd klingt, daß er, o Schande! nicht einmal den Nobelpreis hat, daß er sein erlauchtes Leben als Schulmeister im Winkel eines mährischen Dorfs verspinnt, darüber wird am Tage des Gerichts unsere Zeit dereinst verhört werden . . . Otakar Brezina, 1868 geboren. 1901 erschienen seine »Hände«; sie wurden 1908 von Dr. Emil Saudek verdeutscht (Verlag von Moritz Frisch in Wien). Stephan Zweig, mit den immer witternden Ohren, hat ihn damals gleich erkannt, auch ich fing dann bald gelegentlich für ihn zu trommeln an. Durch Ernest Denis, den Vollstrecker Palackys, mit seinem Feingefühl für »le millénaire qui sommeille dans toute âme slave«, und durch die Vorlesungen über die neue böhmische Literatur, die H. Jelinek 1910 an der Sorbonne hielt, erfuhren auch die Franzosen von ihm. Diese Vorlesungen Jelineks erschienen dann als Buch im Verlag des »Mercure de France«. Daß ich Böhmen kenne, liebe, vielleicht auch ein wenig zu verstehen hoffen darf, hab ich Ernest Denis, Masaryk, Machar, Kvapil und diesem Buch zu danken (das leider meines Wissens nicht ins Deutsche übersetzt worden ist). Es hat mir auch Brezinas Geheimnis erst erschlossen, mit einigen Versen aus seiner ersten Dichtung: Les Lointains mysterieux. Diese Verse sind mir unvergeßlich:

La lèvre brûlante des femmes n'a point entflammé mon sang de passion,
la folie amoureuse n'a point lui dans mon regard;
la braise blanche de la volupté n'a point étinceleé dans mes nerfs
et j'ai peu respiré d'odeurs amicales dans man vie.
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Le résolvais tout seul, dans ma clôture silencieuse, le calcul de la vie
je ne me baissais que sur le parterre de mes rêves,
je péchais plus dans les pensées que dans la vie
et j'aimais la chimère et je baissais la vapeur de mes désirs . . .
Mon printemps a été une triste chanson élégiaque
que la vie m'a jouée, flûtant, d'un trêmolo doux . . .
J'ai respiré de bonne heure le parfum aigre de la pauvreté,
et je moissonnais sur mes sillons, la récolte des humbles . . .

Je ne désire pas me désaltérer aux rivages de la vie
moi qui ai recueilli dans mon âme la douceur des rayons mystiques,
qui me suis agenouillé, rêveur, dans le temple du mystère.

Aus diesen Versen schlug mir das Herz eines Menschen, den mich Saudeks Übersetzung der »Hände« doch nur erst ahnen hatte lassen. Das will kein Tadel seiner Übersetzung sein. Sie klingt sehr gut übersetzt, doch sie klingt eben übersetzt. Das hat wohl Saudek selbst gefühlt und so rief sich dieser Sprachkünstler jetzt unseren gewaltigen Dichter Franz Werfel zu Hilfe: Brezinas »Winde von Mittag nach Mitternacht« sind jetzt »in deutscher Nachdichtung von Emil Saudek und Franz Werfel« erschienen (Kurt Wolff Verlag, München). Ein Glücksfall, für uns und Brezina. Hier ist wieder einmal ein Meisterwerk der Weltliteratur deutsches Eigentum geworden! Jede leiseste Spur von Uebersetzung ausgetilgt, alles ganz eingedeutscht, ja wie vom Genius unserer heiligen Sprache selber rauschend! So sehr, daß man nicht bloß das Original keinen Augenblick vermißt, sondern eher fast Angst hätte vor dem Original, weil man sich kaum vorzustellen wagt, daß es die Gewalt, die Höhe, die Flammenpracht dieser Uebersetzung erreichen kann! Und was ich mir immer schon leise von Brezina verhieß, aber dennoch zu glauben den Mut nicht fand, wie beseeligt's mich in dieser reinsten Erfüllung! Seit Jahren träumt mir von einem zweiten Barock, das, wie jenes erste nordsüdlich gewesen, nun dazu nun auch noch westöstlich wäre und wenn jenes gotischen Seelendrang mit der Sonne Lateins vermählt, jetzt dazu durch abendländische Kraft noch Asiens altheiligstes Urgeheimnis mit der unschuldigen Jugendlust Amerikas verschwistern sollte! Von einer zugleich seelischen wie geistigen Spannung träumt ich, so hoch und so weit, daß in ihr Raum noch für Dostojewski, doch aber irgendwie über Goethe hin schon auch für Walt Whitman wäre! Wie oft, wenn ich dann aus diesem Traum von einem Dichter, der beides wäre, Walt Whitman und Dostojewski zugleich, erwachte, wie hab ich mich dann oft selber ausgelacht! Und siehe, jetzt ist mir's aber erfüllt: in Brezina sind wirklich Whitman und Dostojewski heiter lächelnd beisammen, jenes erste Barock ist hier gleichsam erst noch einmal wieder gotisiert, dann aber durch diese slawische Gotik, eine weichere, zugleich aber auch heißere, eine fast zerfließende, verdampfende, dann aber wieder sich zusammenballende Gotik hindurch und empor getrieben worden, empor und dahin, im Flug nach Fernen über Länder und Meere gleitend und ihren Atem, ihren Dunst einziehend und aufsaugend, bis es gleichsam von allen Zeiten, von allen Orten trächtig geworden, ein überschwellender Ball der Welt. Denn das ist ja das ungeheure der Dichtung Brezinas, wie hier Stimmen aller Völker durch Aeonen einander zurufen, wie hier Urlauten der böhmischen Erde der Schrei der Zukunft antwortet, wie Patriarchenluft um den Mund dieses Futuristen weht! Es gibt ein böhmisches Kirchenlied, »Hospodine, pomiluj my«, das man früher den Slawenaposteln zuschrieb, jetzt aus dem XII. Jahrhundert datiert: bei Brezina, dessen Grundform überhaupt ja der Psalm ist, kehrt es wieder, aber auch Peter Chelcicky, Hußens Evangelist, der Tolstoi des böhmischen Mittelalters, klingt immer wieder durch, aber auch des Saazer Notars »Ackermann« (den Konrad Burdach mit Alois Bernt auferweckt und jüngst Darmstadt gespielt hat, aber das Burgtheater leider noch immer nicht) klingt zuweilen an, die ganze Heimat klingt nach, klingt mit, aber so, daß aus ihr zugleich doch auch die ganze Welt widerklingt: dieser Dichter ist von seiner Zeit, ist von seinem Volk, ist von sich selbst so tief durchdrungen, daß er dadurch ihr und ihm und sich entkommt, in eine Höhe, wo dies alles schweigt, wo die Masken vom Antlitz der Wahrheit fallen, wo Zeit, Volk, Individuum wieder zum großen Vater heimgekehrt sind. Dort entquillt ihm aus Schaudern geheimsten Freudenleids dann von bebenden Lippen solches Stammeln letzter Ahnungen:

O du, dessen Liebe regnet
wie brennender Schwefel nieder
in die Gärten irdischer Liebe!
Wir beten, beten Gebete,
für unsere Feinde Gebete,
für die, die wider uns schreiten
durch die Dämmerungen des Lebens.
– – – – – – – – – – – – – – – – – –
Unsere Siege sind Wege zu Dir,
doch selbst unsere Niederlagen
bedeuten unsichtbaren Sieg.
In den sausenden Hieben der Schwerter
saust auch das Klirren der Aehren
der geheimnisvoll reifenden Ernte.
O wie freudig schallen die Schläge
aus der Ferne als Echo zurücke!
In unsern geschliffenen Klingen
und in den Klingen der Feinde
läßt du doch die Eine Sonne
allgemeinsamen Morgens blitzen.
Und den Samen aus blutigen Händen,
du heißt ihn als Lilie aufblühn.
Unzählige ewige Flammen
fressen die Finsternisse,
so auch die Sonne und also
der Durst, der geheime, der Welten.
Doch von den Gipfeln des Kosmos
wälzt es sich finster aufs neue,
und dennoch! Am Ende ist Licht!
– – – – – – – – – – – – – – – – – –
Denn Schmerz und Licht
sind beide – Formen
der einen, der gleichen Schwingung
deines Geheimnisses nur.
Durch den Mittag unserer Gefechte
möge uns läuten
die Glocke ätherischer Küsse
der im Tode versöhnten Seelen.
Gib, daß auf unsre
vom Schamrot der Erbschuld
entbrennenden Wangen
der Tauwind des neuen
Schattens kühlend sich senke,
in welchem auch wir einst
mit unseren Seelen
die Seelen der Feinde
durchdringen in reuiger,
leidvollster Liebe.

»Und dennoch! Am Ende ist Licht!« – hat das nicht einen Beethoven-Klang? »Und den Samen aus blutigen Händen, du heißt ihn als Lilie aufblüh'n« – ist es nicht das Merkwort dieses kreißenden Augenblicks? Wo schlug seit Walts Salut au monde das Herz der Menschheit jemals mit solcher Gewalt?

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