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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 65
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100315
modified20171128
projectid5f145b65
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26. Juni

Im letzten Heft von »Kunst und Künstler« ein sehr merkwürdiger Aufsatz R. Valentiners über »Amerikanische Privatsammlungen«. Danach sind diese dummen reichen Amerikaner offenbar viel klüger, als wir denken. Sie haben nämlich vor unseren »neuen Reichen« voraus, zu wissen, daß sie nichts wissen. Darum erkundigen sie sich und lernen. Da ist zum Beispiel Altmann, aus der Damenwarenkonfektion, dem ein Velasquez angeboten wird. Er hat keine Ahnung, wer Velasquez ist, und läßt erst im Museum fragen, ob ein Maler dieses Namens denn auch würdig sei, in die Sammlung des großen Konfektionärs aufgenommen zu werden. Er fuhr solange im Museum derart zu fragen fort, bis am Ende seine Sammlung zwar immer noch nur etwa vierzig Bilder enthielt, aber lauter Meisterwerke, darunter acht Rembrandts, zwei Velasquez, drei Frans Hals, zwei van Dyck, drei Memling und so weiter. Valentiner schreibt: »Urteilt man nach dem Resultat, nach der Zusammensetzung der Sammlungen, so kann man nur sagen, daß Besseres erreicht worden ist als in Europa, zieht man allein die guten Sammlungen in Betracht; denkt man an die schlechten, so ist freilich auch das Groteske entsprechend gesteigert. Man hat jedenfalls keinen Anlaß mehr, über die amerikanische Art des Sammelns zu spotten; denn im ganzen ist man schnell über die Zeiten hinausgekommen, in denen man aus einer kritiklosen Anfangsbegeisterung und Kauflust heraus wahllos Falsches und Echtes durcheinander erwarb. Der Amerikaner lernt schnell und hat meist schon umgelernt, wenn wir gerade anfangen, auf seine Fehler aufmerksam zu werden.« Und ferner, was doch wirklich beschämend für uns ist: »Von den rund achtzig erhaltenen Gemälden des Velasquez besitzt Amerika ein Dutzend, Deutschland nur zwei oder drei; Greco, Zurbaran, Goya wurden in den Vereinigten Staaten viel früher anerkannt als bei uns und sind dort mit bedeutenderen Werken vertreten.« Auch bewirkt der Ehrgeiz dieser Snobs, für ihr Geld immer nur das Allerbeste, nur das Allerfeinste, nur Primaware zu nehmen, Sammlungen, die den Kunstsinn viel reiner erfreuen, als unsere mit gleichgültigen, nur den Gelehrten allenfalls interessierenden Werken überfüllten, in denen antiquarischer Schund den Ausblick aufs Schöne so oft verstellt. Unsere Hoffnung ist nur noch, daß wir ja jetzt »neueste Reiche« haben, die vielleicht auch ganz ungebildet, hoffentlich jedenfalls ungelehrt, und so dumm sind, nur das Teuerste zu kaufen. Merkwürdig nämlich, von welcher Intelligenz die geheime, den Preis bestimmende Macht ist: auf dem Weltmarkt kommt nach einiger Zeit doch schließlich immer die Wahrheit heraus, man erfährt den Wert eines Künstlers noch am ehesten aus seinen Preisen (nicht des Tages freilich, aber den säkularen), der Händler ist im Grund doch künstlerisch zuverlässiger als der Gelehrte, besonders seit die besseren Gelehrten längst selber Händler geworden.

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