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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 60
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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6. Juni

»R.F.C.H.Q. 1914-1918« by Maurice Baring (London, G. Bell and Sons 1920). Das erste Kriegstagebuch von drüben, das mir unterkommt. Und ich freue mich, daß es gerade von Maurice Baring ist, der mir aus den Erzählungen unserer gemeinsamen Freundin Ethel Smyth noch in so heller Erinnerung steht! Engländer gefallen uns immer am besten, wenn es eigentlich keine ganz richtigen Engländer sind, siehe gleich Bernard Shaw. Wahrscheinlich geht's ihnen ja mit uns ebenso. Nur ist da doch aber ein Unterschied. Der Deutsche, der kein ganz richtiger ist, gerät nämlich dann meistens sofort in Widerspruch gegen alles Deutsche, er schlägt sich mit dem Deutschen in sich herum, es wird ihm zum Problem, während der Engländer höherer Art für sein eigenes Gefühl noch immer ein ganz richtiger Engländer bleibt, der nur eben ganz sachte dann noch ein bischen weiter geht: er wird mehr, als ein ganz richtiger Engländer ist, doch ohne darum von diesem irgend etwas aufzugeben; er nimmt nicht ab, er nimmt nur zu. Gerade das macht mir ihn so wert: denn mir schien eben dies immer das Ideal vollendeter Bildung, ich wünschte mir immer, über die Grenzen meiner Nation zu gehen, aber dabei den Eigensinn, den Eigenlaut meiner Nation unversehrt mit hinüber zu nehmen. Baring ist das schönste Beispiel eines solchen Europäers, dem man doch immer die heimische Mundart noch anhört. Das Schicksal hat's ihm aber freilich auch leicht gemacht; es traf alles aufs Glücklichste zusammen . . . Zunächst wuchs er in Eton und Cambridge auf, was einem eine so feste Form mitgibt, wie bei uns Kremsmünster, Kalksburg oder Schotten: dem Individuellen bleibt noch Raum genug, aber es wird den Einschlag nie mehr los, im ganzen Leben nicht. Dann Diplomat, erst in Paris, später in Kopenhagen und Rom. Also zum Humanismus der Erziehung nun noch der Hintergrund der großen Welt. Und von vornherein in lateinischer Beleuchtung. Hat erst diese den Dichter in ihm erweckt? Das weiß ich nicht. Das Ergebnis war jedenfalls ein latinisierter Engländer. Die sind ein eigenes Kapitel der englischen Literatur. Rosetti, Swinburne, Oskar Wilde. Der merkwürdigste Fall davon aber vielleicht Henri Brewster: halb Amerikaner, halb Engländer, in Frankreich erzogen, in Italien lebend, französisch dichtend, im Stil seines inneren Daseins ein Römer. Dieser Schlag hat immer eine leise Neigung zum Paradox; seine ganze Existenz ist ja selber schon ein Paradox. Immerhin bleibt's wunderlich, wenn der junge dichtende Diplomat nun aber plötzlich ausspringt, um Journalist zu werden: Kriegskorrespondent der »Morning Post« im russisch-japanischen Feldzug, dann ihr russischer Korrespondent zur Zeit der ersten Duma, später in Konstantinopel. Das Wunderlichste daran aber ist nun, wie rein er in sich dabei den Dichter vom Journalisten, den Journalisten vom Dichter geschieden hält. Es kommt ja gelegentlich auch bei uns vor, daß jemand aus der Dichtung zuweilen in die Zeitung hinüber wechselt oder auch umgekehrt, aber dann mischt er meistens. Solche Mischungen haben einen gewissen Reiz, lyrische Reporter wie hinwieder auch Leitartikler auf der Bühne machen Eindruck, aber auf die Dauer wird Dichtung wie Zeitung doch ungemischt vorzuziehen sein. Dabei schadet's der Dichtung noch weniger, mit Zeitung vermischt zu werden (Epos fängt doch ursprünglich überall als Zeitung an, es erwächst aus der Zeitung, die dann aber am Epos darauf geht), als es der Zeitung schadet, wenn sich ein Dichter einmischt. Man ist ein Dichter, wenn einem alles zum Ausdruck des eigenen Gemüts wird; die ganze Welt ist dem Dichter nur ein Stoff, an dem er sich selber Gestalt gibt. Die Zeitung aber hat dem Leser die Welt eben als Stoff gerade zu liefern, nicht als Gestalt. Der eigentliche Reiz des Feuilletons ist es, daß hier sozusagen umgeladen wird: wir sehen noch den Stoff, das Urmaterial, sehen aber auch die Hand schon, in der auf einmal der rohe Stoff zu holden Worten erblüht. Und jede Zeitung muß immerfort auf der Hut sein, nicht durchaus zum bloßen Feuilleton zu werden. Ja, sie dürfte sich eigentlich mit Dichtern nur insoweit einlassen, als sie nicht Dichter, als sie noch etwas anderes und fähig sind, dieses andere vom Dichter rein zu halten. Und das ist mir nun an Baring so wunderbar, mit welcher Sicherheit er als Journalist den Dichter gewissermaßen abzustellen weiß. Dem Dichter kommt's immer auf den Ausdruck an, dem Journalisten auf die Sache. Dem Dichter diktiert sein Herzschlag den Stil, dem Journalisten diktiert ihn der Puls der Welt. In den Puls der Welt hinein das Herz des Dichters schlagen hören, bereitet Vergnügen, aber eines, dessen man bald überdrüssig wird. Baring dagegen ist ein Muster der reinen Scheidung des Dichters vom Journalisten, was ihm auch schon dadurch erleichtert wird, daß er dichtend zum Lateiner wird, als Journalist aber sich wieder zurück auf den Engländer besinnt (wie Wickham Steed auch, der durchaus der englische Korrespondent großen Stils ist, doch in heimlichen Stunden italienische Sonnette gedichtet hat). Den Versen Barings hört man heute noch Paris an: sie sind durch so viel Formarbeit getrieben, daß darüber zuweilen fast das ursprüngliche Gefühl etwas abgekühlt ist. Dieselbe hohe Wortkultur und dasselbe richtigen Engländern unbekannte Gehör für Nuancen der Sprache zeigt auch die Prosa seiner Dichtungen: jedes Wort gewählt, jeder Satz gepunzt, ein Stil, der sucht und findet. Die »Diminutive Dramas« (London, Martin Secker), lauter allerliebste kleine Szenen, deren Witz es ist, große geschichtliche Gestalten in alltägliche Situationen zu setzen (ungefähr dasselbe Spiel, das ich einst in meiner »Josephine« trieb), gleichen geschnittenen Steinen. Der Einfall ist zuweilen fast operettenhaft. Zum Beispiel Heinrich VIII. beim Frühstück mit Catherina Parr, sich über die schlecht gekochten Eier ärgernd, woraus ein Streit entsteht, ob das Pferd Alexanders des Großen ein Schimmel oder ein Rappe gewesen. Oder eine »Macbeth«-Probe zu Shakespeares Zeit, der da von den damals schon gerade so launischen Schauspielern mit eben der Unverschämtheit behandelt wird, wie heute noch irgendein armer Autor. Auch seine »Lost Diaries« (London, Duckworth) beruhen auf demselben Scherz. Wie Walter Pater einmal ein altes französisches Tagebuch fingiert, um sich unter unseren Augen Watteaus Schicksal entfalten zu lassen, so schreibt hier der Kaiser Titus von Tag zu Tag die Bedrängnis auf, in die ihn der Besuch der reizenden, ihm so lieben, doch leider von ihrer ganzen Familie begleiteten Berenice bringt, deren Abstammung vom König Salomo doch immerhin auch allerhand köstliche Schattenseiten hat. Oder das Tagebuch Hamlets in Oxford, unter der Aufsicht des Polonius, in Gesellschaft eines deutschen Studenten namens Faust und des jungen spanischen Edelmannes Don Quichote. Oder das des kleinen Washington auf der Schule, der da schon ganz ebenso darauf erpicht ist, ein Musterknabe zu sein, wie später ein Mustermensch. Daß, wie Goethe das einmal so grandios gelassen ausspricht, »Erfahrung fast immer eine Parodie der Idee ist«, ist das Thema jener kleinen Dramen wie dieser verlorenen Tagebücher; es ist im Grund das ewige Thema des Lebens überhaupt. Zu der Schadenfreude, mit der es hier ausgesponnen wird, einer stockenglischen Schadenfreude, die schon Swift und noch Shaw hat, wenn ein Mensch auf einer Menschlichkeit ertappt wird, gesellt sich hier das Lächeln einer gütigen Heiterkeit von unbeschreiblicher, geradezu griechischer Anmut, gesellt sich der Wohlklang dieser still fließenden Prosa von kristallinischer Klarheit. Nun ist aber das Merkwürdige, daß er nicht, wie solchen hohen Stilisten fast immer geschieht, zum Gefangenen seiner Sprache wird, der sagen muß, was sie verlangt, nein durchaus nicht, sondern er bleibt so sehr sein eigener Herr, daß er sie nach Gebrauch ruhig wieder entlassen kann, ja sich für andere Fälle noch eine zweite Sprache hält: dieser Artist einer vollkommenen, alle Koloraturen meisternden Kunstsprache schreibt als Korrespondent ein breites, sachverständiges, unverblümtes Englisch von der höchsten darstellenden Kraft, ein durchaus nur den Dienst der Anschaulichkeit verrichtendes Englisch, ein um Finessen des Ausdrucks ganz unbekümmertes Englisch, in dem nun aber gerade von dem Menschen, der er ist, in seinem ganzen Umfang schließlich viel mehr zum Vorschein kommt als in seinen Dichtungen (wodurch man fast an allen Stilkünsten irre werden könnte; man lernt jedenfalls begreifen, daß das Kunstwerk zwar Ausdruck des Künstlers ist, aber nur insofern, als er selber Ausdruck eines Höheren ist, und daß es ihn darum immer zum Verzicht auf einen Teil von sich zwingt; weshalb auch Goethen die Kunst zu seinem völligen Ausdruck niemals genügen konnte und er sich als Journalist, Mann der Wissenschaft und täglicher Briefschreiber aushelfen mußte). Die Sammlungen seiner russischen Korrespondenzen »What I saw in Russia« (Thomas Nelson and Sons, London) und »A year in Russia« (Methuen and Co., London) sind Prachtbeispiele jenes englischen Journalismus großen Stils, der bisher sonst nur von Italienern zuweilen erreicht worden ist, am schönsten vom europäischen Stab des Mailänder »Corriere de la Sera«. Wenn Baring einmal sagt: »I entertain perhaps a foolish desire for goodwill among Nations«, so spricht er damit aus, worin dieser Weltjournalismus eigentlich wurzelt; es gehört ein humaniste accompli dazu (der Ausdruck stammt von Sainte-Beuve). Baring ist das so sehr, daß er gelegentlich gegen England so ungerecht wird, wie sonst nur Deutsche gegen ihr Vaterland (immer wenn er auf den englischen Zwang der Sitte zu sprechen kommt, uneingedenk, daß gerade dieser Zwang ja die Vorbedingung der englischen Freiheit ist: je mehr die Gesellschaft den einzelnen bindet, desto weniger braucht es der Staat). Es gehört ferner dazu, daß man nicht von einer Redaktion aus oder vom Kaffeehaus korrespondiert, sondern ins Volk geht, seine Sprache spricht, mit ihm lebt und dritter Klasse reist. Besonders aber gehört dazu, daß man Nachrichten für unwesentlich hält, Seelen aber für wesentlich (deutschen Chefredakteuren bisher noch unbekannt). Darum hat es keinen Sinn für einen Korrespondenten, Minister zu besuchen, denn gerade was der Korrespondent wissen will, weiß doch der Minister selber nicht (das bißchen, was unsere letzten Minister über unser altes Oesterreich wußten, hatten sie von Wickham Steed). Dagegen ist es von der größten Wichtigkeit für einen Korrespondenten, auf der Gasse zu sein. Nur auf der Gasse kann man erfahren, was einem in fremden Ländern niemand sagt, nämlich das, was diesen Leuten dort selbstverständlich ist, also das Wichtigste gerade, das ihnen Eigentümliche. Dezember 1905, in der Zeit der größten Aufregung, fragt Baring einen Kutscher in Moskau, wie das jetzt wohl werden wird. Der Kutscher antwortet: »Es geht vorüber, aber Gott bleibt.« Baring setzt hinzu: »I agree with him.« Und ein anderer Kutscher sagt ihm: »Es wird immer reiche Leute geben und es wird immer arme Leute geben; das ändert sich nicht, auch wenn sich die Regierung ändert.« Ein armer Bauer steht vor einem reichen Hause, da kommt ein Agitator und sagt zu ihm: »Ist das recht, daß der da drin so gut lebt und dir geht's so schlecht? Wirf ihn hinaus und setz dich hinein!« Der Bauer antwortet: »Wie denn? Der ist doch gewohnt, reich zu sein. Was fängt der also dann als ein Armer an? Nein, das ging nicht! Wir, die gewohnt sind arm zu sein, müssen schon Mitleid haben mit denen, die's nicht gewohnt sind.« Gar seltsam aber Barings Gespräch mit einem »aufgeklärten« Bauer, der ihn fragt, ob man in England Christus noch für Gott oder bloß für einen großen Menschen hält, und der es gar nicht glauben will, daß die Engländer dieselbe Bibel haben wie die Russen, mit demselben Zeug von Jonas und dem Wal und derlei Geschichten. Dann fragt er, ob man in England an Geister glaubt. Baring sagt: Ich glaube daran. Der Bauer belehrt ihn, man könne höchstens an Telepathie, an eine Art drahtloser Telegraphie glauben; Gott aber kann es nicht geben, denn wenn es einen Gott gibt, muß er gerecht sein und die Ungerechtigkeit in der Welt beweist also, daß es keinen Gott gibt. Er hält alle Religion für eine Erfindung der Regierung und ist also sehr erstaunt, einem Engländer zu begegnen, einem aus einem freien Land, und der dennoch an Gott glaubt! Wie hier ein Mann der höchsten abendländischen Kultur von einem, der noch vorgestern Analphabet war, Belehrung im Unglauben empfängt, das ist von einem Uebermut der Satire, den sich nur das Leben selber in seiner grotesken Verwegenheit erlauben kann! An solchen small fragments of firsthand evidence sind diese Bücher überreich. Einmal kommt ein Sozialist in ein Dorf, ergreift ein geweihtes Bild und sagt: »Wenn es einen Gott gibt, wird er Feuer auf mich herabsenden und mich töten, wenn ich dieses Heiligenbild zerreiße!« Er zerreißt es, wartet, und da kein Feuer kommt, erklärt er: »Also ist bewiesen, daß es keinen Gott gibt.« Da packen ihn die Bauern, töten ihn und erbringen sich so den Gegenbeweis. Oder: er hat (im japanischen Krieg) einen chinesischen Diener, dem er einmal ärgerlich sagt: Du bist blöd! Natürlich bin ich blöd, antwortet der Chinese, denn, wenn ich nicht blöd wär, wär ich nicht Ihr Diener, sondern ein Mandarin! Oder wenn er von den Chinesen im allgemeinen sagt, fast mit einer Wendung Hermann Keyserlings: es kommt ihnen im Leben nicht auf die Quantität an, sondern auf die Qualität; sie spielen es aus Lust am Spiel, nicht aber um einen ausgesetzten Preis zu gewinnen. Oder wenn er entdeckt, daß in russischen Dörfern zu den von den Bauern am liebsten gelesenen Büchern neben dem »Monte Cristo« und Dostojewskis »Totenhaus«, Miltons »Verlorenes Paradies« gehört. Wie viele Exemplare des »Verlorenen Paradieses« mögen in Oberösterreich sein, zu dessen barocken Bildwerken es doch eigentlich sehr gut stünde? Ja: wie viel Berliner mögen zurzeit Leser Miltons sein? . . . Da war ich nun sehr neugierig auf sein Kriegstagebuch, das ich unwillkürlich beim Lesen immer wieder mit dem Dehmels verglich. Er kam eben wieder aus Rußland zurück, als er in Berlin von der Ermordung Franz Ferdinands erfuhr. Er eilt heim, London ist noch »gedankenlos und heiter«; niemand glaubt an den Krieg, niemand will den Krieg, auch am 1. August noch bleibt die Stimmung gegen den Krieg. Beim Ausbruch meldet er sich sogleich; es geschieht nicht aus patriotischer Wallung, es wird nicht von Pflicht gesprochen, es wird überhaupt kein Motiv angegeben, dies scheint unnötig, es scheint selbstverständlich. Die Stimmung ist in England keineswegs zuversichtlich, aber auf französischer Erde sind alle Sorgen sogleich wie weggeblasen. So blieb es den ganzen Krieg hindurch. Kam er auf ein paar Tage heim, war's immer dieselbe atmosphere of gloom and depression, aber in Frankreich everbody was brisk, cheerful and optimistic. Das ganze Buch ist ein einziger Lobgesang auf Frankreichs Nervenkraft, die nur eine Bedingung stellt: beim Dejeuner nicht gestört zu werden (das bat sich Foch, als er das Kommando übernahm, sogar eigens aus). Baring, der sieben Sprachen spricht und technische Bildung hat, wird als Dolmetsch dem Nachrichtendienst beim Fliegerkorps zugeteilt; so macht er den ganzen Krieg mit, vom Leutnant sachte zum Major aufrückend, auch mit der Ehrenlegion dekoriert, sogar empfindlich: der französische Oberst, der ihm das Kreuz an die Brust heftet, sticht ihn dabei vor Verve so, daß er höchst unheroisch aufschreit. Zunächst läßt uns das Buch nun zusehen, wie England seine Armee sozusagen improvisiert; es geht alles ohne Rausch in guter Haltung ganz sachlich ab, mit großer Geduld, in ruhiger Entschiedenheit, ohne starke Hoffnungen; erst allmählich wächst, seit Mitte 1917, der Glaube, daß one fine day the Germans would crack. Erbitterung gegen die Deutschen wird nirgends laut, allerdings auch Sympathie für sie nicht (während in dem Buch über den russisch-japanischen Feldzug ausdrücklich erwähnt wird, daß die Russen »voll Bewunderung« für die Japaner und diese wieder mit den gefangenen Russen geradezu »zärtlich« waren; was Novalis »die Christenheit oder Europa« nannte, scheint jetzt immer mehr in Asien zu liegen). Baring nimmt in den Krieg eine Taschenausgabe Dantes mit, die ihn schon vor zehn Jahren durch die Mandschurei begleitet hat; zu Conlonniers fängt er am 9. September 1914 den ersten Gesang der Hölle zu lesen an; am 18. Oktober 1918 schließt er zu Paris den letzten des Paradieses in eben der Nacht, die die Nachricht bringt, daß die Deutschen einen Waffenstillstand verlangen. Auch sonst ein starker Leser: Homer, Horaz, Plinius, Shakespeare, Molière, Racine, aber auch Musset, Bourget, France, Hermant, Claudel usw. So weiß er sich immer eine Lebensecke frei vom Tagessinn zu halten. Er ist überhaupt ein Meister der uns Deutschen schwer erreichbaren Kunst, in sich sozusagen das Leben mehrerer Personen bei gut vor einander verschlossenen Türen zu führen. Wir haben den Ehrgeiz, bei jeder Handlung, auch der alltäglichsten, immer gleich unseren ganzen inneren Menschen einzusetzen; dadurch wird dieser bald verbraucht; der Engländer schont ihn, indem er das meiste gar nicht selbst erledigt, sondern konventionell abtut. Er hat ein viel richtigeres Verhältnis zur Konvention als wir. Er benutzt sie, um selber hinter ihr frei zu sein; wir schlagen uns entweder fortwährend mit ihr herum oder sitzen ihr auf, meistens beides zugleich. Ein Beispiel: Baring wird nach Italien geschickt, um irgendeinen neuen Apparat kennen zu lernen, die Fliegerschule dort gibt ihm ein Diner. At the end of luncheon the Captain made a speech about delicious England and the adorable English people, and I made a speech about divine Italians, quoting Browing, Dante and d'Annunzio. Was hätte sich da doch unsereiner abgequält! Unsereiner sagt sich dann entweder: Nein, ich kann nicht lügen! und bringt mit einem muffigen Gesicht vor Verlegenheit überhaupt nichts heraus, oder er redet sich, um nur nicht zu lügen, das, was er sagt, selber ein, das gibt dann den unerträglich geschwollenen Enthusiasmus, ohne Maß und Takt. Der Engländer weiß, daß er jetzt einen speech zu machen hat, wozu nun einmal gehört, alles delicious und adorable und divine zu finden, und er genießt das selbst, mit ironischer Laune, weil doch er gar nicht dafür verantwortlich ist, denn nicht er spricht ja, sondern es ist doch nur der speech, der spricht. In dieser ruhigen Ergebung in die Wirklichkeit, die ja schließlich von uns immer nur eine höfliche Verbeugung, aber deswegen noch gar nicht unsere Billigung verlangt, ruht das Geheimnis der englischen Freiheit.

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