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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 54
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100315
modified20171128
projectid5f145b65
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3. Mai

Goethe schreibt einmal an Karl Friedrich v. Reinhard: »In Ihrem Urteil über Corinna hat mich Ihr treffender Geradsinn abermals sehr erfreut. Sie lassen ihr vollkommen Gerechtigkeit widerfahren, und das, was Sie tadeln, möchte ich nicht in Schutz nehmen. Nur gestehe ich gern, daß ich gegen dieses Werk wie gegen alles Hervorgebrachte nachsichtiger und schonender verfahre, indem schon Talent erfordert wird, auch das, was nicht recht ist, hervorzubringen.« Vielleicht wird man unserer Zeit und ihren Werken überhaupt erst dann gerecht, wenn man so weit ist, zu bemerken, daß ihr das Gefühl für das, was recht ist, ja noch mehr: das Gefühl, daß es überhaupt Rechtes und Unrechtes gibt, daß auch in der Kunst ein Unterschied zwischen Rechtem und Unrechtem ist, fehlt und fehlen muß, weil man ja nicht, was allgemein abgeschafft worden ist, an einer einzelnen Stelle bewahren kann. Steht es jedermann frei, Gott abzusetzen oder einen Gott nach eigener Wahl für sich einzusetzen, und gilt als Gesetz alles, was dazu durch den Beschluß einer zufälligen Mehrheit ernannt worden ist, so sieht man in der Tat nicht ein, warum gerade nur das Schöne noch der Willkür, der man das Wahre längst preisgegeben hat, entrückt bleiben sollte. Alle Bindungen sind zerstört und eigentlich ist es ja schon höchst inkonsequent, daß wir uns noch vorschreiben lassen, ob eine Präposition den Dativ oder den Akkusativ verlangt. Gar seit wir uns jetzt auch von der Sonne noch befreit haben und selber ohne sie nach Gutdünken festsetzen, wie viel Uhr es zu sein hat! In einer Zeit, die nicht mehr glaubt, daß es irgend etwas gibt, was an sich recht wäre, was auf jeden Fall recht wäre, was, auch unerkannt, recht wäre, in solcher Zeit überhaupt noch irgend etwas hervorzubringen, das erfordert wahrscheinlich ein viel gewaltigeres Talent, als Zeiten, die noch Recht und Unrecht anerkennen, zu vollkommenen Werken brauchen. Und haben wir nur nächstens erst, was nicht ausbleiben kann, auch noch den letzten Zwang der Syntax abgetan, so wird ein ungeheurer Aufwand von Talent dazu gehören, um auch nur einen einzigen Satz zu schreiben, der sich aus eigener Macht das Vertrauen der Leser erzwingt. Auch der Satzbau beruht ja nämlich auf Sittlichkeit. Aber woher nehmen? Denn, wie schon der gute alte Fontane wußte, »die Kunst der Lebensführung besteht bekanntlich darin, mit gerade soviel Dampf zu fahren, wie gerade da ist«. Und es ist halt jetzt gar keiner da!

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