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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 48
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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modified20171128
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16. April

Ich suchte Goethe lange vergeblich nach einem Urteil über Pascal ab und fand nichts als im neunten Band der Naturwissenschaftlichen Schriften in einem Exzerpt Goethes aus Karl Wilhelm Noses »Kritik der geologischen Theorie« die Stelle: »nach Pascal am menschlichen Geiste verzweifelnd«. Da kommt mir aber jetzt unverhofft eine der »Rezensionen«, die Goethe in den Jahren 1772 und 1773 für die »Frankfurter gelehrten Anzeigen« schrieb, unter, die mit einem Wutanfall gegen Pascal schließt. Es handelt sich um eine »Bekehrungsgeschichte des vormaligen Grafen J. F. Struensee«, die der Rezensent, so wenig er an ihr im Grunde zu loben weiß, »demohngeachtet allen Eltern, Lehrern, Predigern und übertriebenen Devoten angelegentlichst empfehlen« zu können meint, weil sie daraus »die große Wahrheit lernen werden, daß allzu strenge und über die Grenzen gedehnte Religionsmoral den armen Struensee zum Feind der Religion gemacht hat. Tausende sind es aus eben der Ursache heimlich und öffentlich. Tausende, die Christum als ihren Freund geliebt haben würden, wenn man ihn ihnen als einen Freund und nicht als einen mürrischen Tyrannen vorgemalt hätte, der immer bereit ist, mit dem Donner zuzuschlagen, wo nicht höchste Vollkommenheit ist. Wir müssen es einmal sagen, weil es uns schon lange auf dem Herzen liegt: Voltaire, Hume, Lamettrie, Helvetius, Rousseau und ihre ganze Schule haben der Moralität und der Religion lange nicht so viel geschadet, als der strenge, kranke Pascal und seine Schule.« Man versteht das: Goethes unbefangener reiner Weltsinn ist's, den die schlechten Nerven Pascals empören. Aber wenn er dann diesen Zorn auch auf die »Schule« Pascals ausstreckt, fragt man sich, wer denn damit eigentlich gemeint sein mag. Pascal hatte keine »Schule«. Er war selber ein Schüler: der Jansenisten. Auf sie, die bald zerstoben, kann Goethe nicht gezielt haben. Auf wen also? Die Frage weckt in mir einen alten Verdacht. Ich konnte mir ja niemals recht erklären, warum Goethe, der von den paar Katholiken, die er von Angesicht gekannt hat, immer mit der höchsten Bewunderung spricht, der für die Sakramente soviel Verständnis hat, daß ihm ihrer noch zu wenig sind, der den hohen, »allen Menschen insgeheim Ehrfurcht einflößenden« Sinn der Jesuiten, ihre »große Klugheit«, und zwar »Klugheit« mit einer »Freude an der Sache dabei«, und die »Konsequenz«, mit der sie »nicht die alte, abgestumpfte Andacht fortgesetzt haben, sondern mit dem Genio Säkuli fortgegangen sind«, gar nicht laut genug zu rühmen weiß, warum derselbe Goethe dann doch wieder bei jeder Gelegenheit gern gegen alles katholische Wesen aus irgendeinem doch offenbar sehr starken Instinkt heraus protestiert. Er schätzt die Katholiken, doch vor dem Katholizismus graut ihm. Hat er ihn denn überhaupt gekannt? Was von ihm hat er eigentlich gekannt? Es wäre möglich, daß er einfach Pascal, der ihn anwidern mußte, daß er diesen Jansenisten Pascal für den Katholizismus genommen hat. Gerade daß er häretisch ist, das nimmt ja Nichtkatholiken immer von vornherein für Pascal ein: er hat ihr Vorurteil gegen die Kirche für sich. Und ich kann mir nun ganz gut vorstellen, daß jemand dann so folgert: Dieser Pascal, ein Häretiker, offenbar also nach dem Urteil der Kirche noch zu frei, zu weltlich gesinnt, ist unerträglich in seinem Lebenshaß, wie muß es dann aber gar erst diese Kirche selber sein! Auch Nietzsche hat ja Pascal geradezu mit dem ganzen Christentum verwechselt, so sehr, daß er einmal den heiligen Paulus, ein Schimpfwort suchend, den »jüdischen Pascal« nennt. Auch er sieht einen »Verzweifelnden« in Pascal, und einen Verzweifelnden, der nun noch den Versuch macht, »jedermann zur Verzweiflung zu bringen«. Und »mit Grimm, mit Mitleid, mit Entsetzen« steht er vor »dieser fast willkürlichen Entartung und Verkümmerung des Menschen«, deren »Beispiel« ihm Pascal ist. Ein anderes Mal sagt er: »Gesetzt, wir empfänden den andern so, wie er sich selber empfindet, so würden wir ihn hassen müssen, wenn er sich selber, gleich Pascal, hassenswert findet. Und so empfand wohl auch Pascal im ganzen gegen die Menschen, und ebenso das alte Christentum, das man, unter Nero, des odium generis humani »überführte«, wie Tacitus meldet.« Also wieder Pascal als »Beispiel«, immer wieder dieselbe Formel: Pascal = Christentum. Und ganz zuletzt noch in einem Brief an Brandes: »Pascal, den ich beinahe liebe, weil er mich unendlich belehrt hat; der einzige logische Christ.« (Brandes antwortet klüger: »Auch ich liebe Pascal. Aber ich war schon jung für die Jesuiten gegen Pascal [in den Provinciales]. Die Weltklugen, sie hatten ja recht; er hat sie nicht verstanden.) So falsch wie Nietzsche hat nun vielleicht auch Goethe generalisiert und wie jenem zum »Beispiel« des ganzen Christentums, ward vielleicht diesem der Jansenist ein Anlaß, zeitlebens alles Katholische zu scheuen . . . Pascal, katholisch aufwachsend, doch ohne zunächst den Glauben tätig zu gebrauchen, dann aber, als er dies lernt, ihn ganz groß und tief erlebend, wendet auf dieses Erlebnis nun eine besondere Geistesart an: die mathematische. Nicht, wie Nietzsche meint, »der einzige logische Christ« ist er, aber ein nichts als logischer und noch dazu von einer augenlosen Logik, den sie darum terrorisieren kann und der aus Rache nun wieder mit ihr unseren Glauben zu terrorisieren versucht. Da dieser Terrorist seiner selbst und der ganzen Menschheit nebenher auch noch ein schöpferisches Sprachgenie von bezaubernder Wortgewalt ist, hält er bis auf den heutigen Tag Leser in einem grauenhaft empfundenen Bann, der sich zuletzt als Haß gegen den Katholizismus entladet. Ein seltsamer Fall, dem Katholiken beklagenswert, dem Stilisten beneidenswert: es scheint gar nicht darauf anzukommen, was einer sagt, sondern nur wie, gar nicht auf den Gehalt, sondern nur auf die Gewalt des Sagens.

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