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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 43
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100315
modified20171128
projectid5f145b65
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6. April

Ein selbstgefällig perorierender Knirps belehrt einen geduldigen alten Herrn so laut, daß auch wir andern alle, die den sich immer noch mehr verspätenden Zug erwarten, gezwungen sind zuzuhören. »Daß diese Wirtschaft nicht weiter geht,« erklärt er, »das weiß doch schon ein jeder! Denn warum? Das Geld fehlt. Der Mensch braucht nämlich ein Grundkapital und folglich braucht auch das Land ein Grundkapital, das ist es! Jetzt aber, wie verschafft es sich das? Ganz einfach: wenn wir diese Länder, die früher einmal Oesterreich waren, jetzt aber auseinander sind, öffentlich ein jedes versteigern! Also: Tirol, Salzburg, Oberösterreich usw., wer gibt mehr dafür? Zum ersten, zum zweiten, zum dritten! No da braucht uns Salzburgern doch wahrhaftig nicht bang zu werden, uns gewiß nicht, weil wir ja weltbekannt sind, schon durch den Mozart. Gleich werden s' alle da gelaufen kommen, der Engländer, der Italiener und der Franzos, gar aber der Amerikaner, alle werden s' sich tummeln und mitlizitieren. No und warum soll sich denn für Oberösterreich und Tirol nicht doch auch ein Liebhaber finden, ja vielleicht sogar für Wien? Denn merkwürdige Gustos gibt's in der Welt. Und grad so möcht sich dann einmal erst zeigen, was ein jedes Land eigentlich überhaupt wirklich wert ist! Da käm das dann endlich einmal deutlich zum Vorschein! Und so wär das auch doch nur höchst gerecht! Wer aber dann für unser Landl schließlich am meisten bietet, der Franzos oder der Engländer oder wer's halt dann ist, dem gehört's; wir aber hätten dann ein Grundkapital, damit könnten wir erst wieder ein ordentliches Leben anfangen. Er aber, der Amerikaner oder wer's halt dann sein wird, hätt damit dann doch auch selber gleich ein Interesse dran, daß er gut wirtschaftet, weil keiner, der sich das Regieren so viel Geld hat kosten lassen (denn sie möchten einander beim Ausbieten ja schon gehörig hinaufschrauben!), nachher so dumm sein wird, daß er schlecht regiert, weil das ja sein eigenes Geld wär, das er vertut, währendgegen die uns jetzt regieren, nicht das ihre, sondern unser Geld vertun und auch doch gar keinen vernünftigen Anlaß haben, daß sie gut regieren, weil s' ja dafür auch nicht mehr gezahlt kriegen, als wenn sie schlecht regieren, also da wären sie ja dann doch Narren, sich erst anzustrengen, daß sie gut regieren!« Volkesstimme. Man sieht daraus, daß wir erst gar keine Clarté mehr brauchen, um uns den Nationalstolz abzugewöhnen.

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