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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 39
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Salzburg 20. März

Wer Moritz Benedikt gekannt hat, vermag sich kaum vorzustellen, daß die grenzenlose Vitalität dieses rings alles in Bewegung setzenden, selber von Bewegung taumelnden, strotzenden, rauchenden, aber auch überall Bewegung erregenden, steigernden, beschleunigenden Mannes jetzt still stehen soll! Das vermessene Wort, daß Bewegung alles sei, das Ziel nichts, recht aus dem Wesen des Berliner »Betriebs« gesprochen, ist mir niemals so sinnlich gegenwärtig geworden als beim Anblick dieser grandiosen, ja fast dämonischen Zeitungsexistenz. Wir hatten miteinander kaum zwei Gedanken und nicht ein einziges Gefühl gemein: alles was mir am alten Oesterreich lieb und wert war, schien ihm verdächtig und wofür er sich erregte, ließ mich kalt. Meine Bewunderung für das Außerordentliche seiner Erscheinung, für das Geheimnisvolle seiner Wirkung wird dadurch nicht geringer. Es gelang ihm, sich der letzten Generation des alten Oesterreich zu bemächtigen, indem er es verstand, sich ihr unentbehrlich zu machen. Seit etwa fünfundzwanzig Jahren war die »Neue Freie Presse« dieser eine Mann und ohne die »Neue Freie Presse« zu leben, schien in dieser Zeit dem richtigen Normalösterreicher undenkbar; er mußte sich täglich zweimal über Moritz Benedikt ärgern. Von einem adligen Jüngling wird erzählt, daß er, nach lebhaft verbrachter Jugend bald aller Freuden dieser Welt überdrüssig geworden, entschlossen, Mönch zu werden, und vor keiner Entbehrung zurückschreckend, sich doch an der Klosterpforte noch besann, über die Zumutung empört, das Abonnement der »Neuen Freien Presse« aufzugeben, die natürlich auch er »gräßlich« fand, aber doch im Dasein eines Oesterreichers unvermeidlich. Daß sie so sehr eine Lebensmacht in unserem Lande geworden, mag sie zunächst Friedländer und Etienne verdanken, die westlichen Journalismus klug den Bedürfnissen des sich rasch nach Bildungsglanz umsehenden Wiener Bürgertums, und besonders seines dem Handel benachbarten Teils, anzupassen wußten. Daß sie's blieb, auch in einer Zeit, da die Vorherrschaft des »liberalen Gedankens« erschüttert, ja gebrochen, daß sie's selbst über ein allmählich schon überhaupt jedem Gedanken entfremdetes und nur noch durch den Anfall von Impulsen bestimmbares Bürgertum blieb, verdankt sie Benedikt. Er muß doch irgendwie der letzten Menschenart des alten Oesterreich geheimnisvoll tief verwandt und doch auch, um sie so gängeln zu können, wieder selbst ihr weit überlegen gewesen sein . . . Die Redaktion der »Times« hielt sich einst einen Mann, den sie zuweilen jahrlang spazieren gehen ließ. Denn er war nur für den Superlativ begabt und wurde darum für die großen Gelegenheiten aufgespart: nur in den Stunden der Entscheidung, bei nationalem Unglück oder zu hohen Festen, wenn es galt, mit aufgestauter Kraft einen unerhörten Ton anzuschlagen, ließ man ihn los; er war gewissermaßen als das Ereignis seines Blattes angestellt. Benedikt, auch ein solcher geborener Superlativ, ließ sich auf das Kunststück ein, seinen Abonnenten täglich zweimal ein Ereignis zu liefern, und er hat damit ein dringendes Bedürfnis erfüllt in einem Land, das von der Maxime Franz Josefs beherrscht war, Vorgänge welcher Art immer, äußere wie innere, zu verhüten, unter allen Umständen zu verhüten, um jeden Preis zu verhüten, weil, daß überhaupt etwas vorging, von vorneherein schon als ein verdächtiges Zeichen und mit dem »System« unvereinbar galt. Der »Vorgang« an sich wurde von der Obrigkeit wunderlich überschätzt; kein Wunder, daß ihn dadurch auch der Untertan ganz ebenso überschätzen lernte. War man oben nur darauf aus, nicht zuzulassen, daß etwas vorging, so ließ man sich nur desto gieriger unten auf alles ein, womit etwas vorzugehen versprach. In dem ereignislosen Oesterreich Franz Josefs war jeder willkommen, von dem man sich ein Ereignis verhieß. Und aus allem, was immer es auch war, sogleich ein Ereignis zu machen, Tag für Tag und Jahr um Jahr, ist recht eigentlich das Geheimnis Benedikts gewesen, es gab nichts, was nicht unter seiner Hand zum Ereignis wurde; so hat er das stärkste Bedürfnis der letzten österreichischen Generation erfüllt: über die Leere des langweiligsten Daseins hinweggetäuscht zu werden durch den Schein fortwährender ungeheurer Aufregung; er war in einem gewissen Sinne das notwendige Komplement Franz Josefs. Auch der besten Absicht allein wäre das niemals gelungen, aber es lag offenbar schon in seiner Natur: er konnte die Dinge gar nicht anders sehen als aufregend. Und wenn Speidel einmal von Dingelstedt gesagt hat, für diesen habe jede Sache nur insofern existiert, als sie ein Glanzlicht auf ihn warf, so hat Benedikt umgekehrt alles, was es auch immer war, nur als eine Gelegenheit für sich gebraucht, ein Glanzlicht darauf zu werfen. Bald wurde eine Methode, zuletzt fast eine Manie daraus, für die das Leben überhaupt nur noch aus Ereignissen bestand, fortwährend Unerhörtes geschah, die Luft voll Drohungen, immer irgendeine Gefahr im Anzug, immer irgendeine geheime Verschwörung abzuwehren, unser ganzes Dasein ein einziges ungeheures Abenteuer war, was im Grunde ja auch die Weltanschauung der tragischen Dichter ist, Shakespeares wie Wagners, deren Anwendung auf ein zum Frühstück und zur Jause gelesenes Blatt aber freilich zunächst eher fragwürdig scheint, doch für Oesterreich durch den Erfolg beglaubigt worden ist und eigentlich ja nicht einmal so ganz neu war, denn sie geht eigentlich auf Börne zurück. (Die Geschichte der österreichischen liberalen Presse zeigt immer wieder dasselbe bewegende Motiv: der Ton Börnes und Heines sucht immer wieder irgendeinen, nie ganz gelingenden Ausgleich mit den nachhallenden Akzenten der klassischen deutschen Humanität. Einige Male wird diese Spannung nach der Seite der deutschen Humanität hin entschieden, das sind dann unsere höchsten Erscheinungen: Emil Kuh, Speidel, Hugo Wittmann) . . . Vor dem Krieg hat Benedikt sein Blatt geraume Zeit vom Semmering aus redigiert, ein Kunststück ohnegleichen, gar bei seinem Ehrgeiz, sich selber, seinen Sinn und seinen Ton bis in die letzte Zeile hinein vernehmen zu lassen. Eben um diese Zeit war auch ich dort, der leise sich ankündigenden Neigung des Alters zu stadtmüder Einsamkeit und Waldesstille gehorchend. Dies gab mir Gelegenheit zur Entdeckung, daß in diesem atemlos von der Arbeit gehetzten, ja fast vom Augenblick verschlungenen Zeitungsmann doch auch ein Mensch enthalten war. Er ging dort in aller Früh, sobald er telephonisch den Grundriß des Abendblattes besorgt, eilends im Winterglanz auf den Sonnwendstein, wo dann oben auch wieder sein erstes war, die Redaktion telephonisch anzufallen, was er, rüstig heimgekehrt, noch vor dem Essen und dann jede Stunde wieder bis in die Nacht hinein fast mit einer Art Monomanie wiederholte; ja er hielt es aus, ganze Feuilletons am Telephon abzuhören und das Merkwürdige war mir, daß er aus diesem gelinden Wahnsinn dann, statt erschöpft, vielmehr wie von einem erfrischenden Bad zurückzukehren schien und das unterbrochene Gespräch, das ich inzwischen halb vergessen hatte, mit einer mir fast unheimlichen Sicherheit sogleich richtig wieder aufzunehmen eine mir unbegreifliche Kraft der Konzentration besaß. Sein stupendes Wissen trug er gleichsam in Fächern oder Laden wohlverwahrt mit sich herum, die er denn nur herauszuziehen hatte, um nach Wunsch alles unter seinem Buchstaben vorzufinden. Mir, der eigentlich gar nichts weiß, weil ich nichts behalten kann, was nicht mit mir verwächst, so daß ich, was ich jetzt lese, es sei denn, daß ich daran mich selber erlebe, stets schon eine Stunde darauf wieder vergessen habe, kam die Registratur dieses Gehirns, das überhaupt irgend etwas, das es einmal aufgenommen, je wieder vergessen zu können unfähig schien, oft geradezu magisch vor, wenn auch von einer sozusagen mechanisierten Magie. Sein Gedächtnis, mit dem ich, vom Anblick eines solchen Phänomens völlig bezaubert, gern experimentierte, mir vorher daheim die verwegensten Fragen an ihn aus allen Gebieten vorbereitend, hat mich immer wieder verblüfft. Ein Buch, das er vor zwanzig Jahren gelesen, ein Mensch, den er damals gekannt, ein Gespräch von damals waren ihm noch fast wörtlich gegenwärtig, und besonders seine Kenntnis englischer Menschen wie Dinge schien unerschöpflich. Wie freilich dies alles eigentlich unter sich zusammenhing und wie dies alles dann noch mit ihm selber zusammenhing, ist mir nie klar geworden, ja nicht einmal, ob es überhaupt mit ihm zusammenhing. Er war mir das merkwürdigste Beispiel eines von sich getrennt lebenden Menschen. Jenen, von dem der mächtige, gefürchtete, umschmeichelte, umworbene, belogene, verhaßte, verleumdete, beneidete, verleugnete, zuletzt schon fast legendäre Zeitungsgewaltmensch getrennt lebte, hab ich erst auf dem Semmering gelegentlich überrascht. Da kam dann zuweilen unversehens ein kleiner Privatmann aus ihm hervor, eher fast ein bißchen verlegen, höchst gutmütig, ja bis zur Schwäche, mit Anwandlungen einer gewissen, nicht sehr tiefen Sentimentalität und von einer halb rührenden, halb auch fast leise komischen Bewunderung für starke Menschen, besonders wenn sie groß oder auch nur breit gewachsen waren: eben der Privatmann aus Mähren. Sogar seine Stimme bekam dann zuweilen den leise singenden mährischen Klang, wenn er in einem kritischen Gespräch über irgend wen oft auf einmal, die Augen niederschlagend, beschämt zärtlich gestand: »Ich hab ihn aber gern!?« Leute, für die das noch ein Argument ist, sind nicht mehr allzu häufig heutzutage. Dieser Privatmensch aus Mähren, der noch fähig war, einen ganz einfach »gern zu haben«, trat aber aus dem Tyrannen der »Neuen Freien Presse« jedesmal sogleich hervor, wenn dann seine Frau, um uns zum Tee zu rufen, in der Tür erschien, wirklich wie der Waldmüller-Zeit entstiegen, mit einem Schubert-Hauch. Und ich meine, daß, was für eine Frau jemand hat, doch im Grunde mehr über ihn sagt, als was er selber tut und läßt, ja vielleicht mehr, als er selber über sich weiß.

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