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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 31
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100315
modified20171128
projectid5f145b65
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12. Februar

Ueber Briefen Dehmels. Dreißig Jahre kannten wir uns, haben's einander nicht leicht gemacht (denn dies war eine Kraft unserer Generation, daß jeder sich vom anderen immer noch mehr verhieß und ihn, unerbittlich fordernd, immer noch höher trieb), aber schließlich fand man sich doch immer wieder! . . . Eine Karte von 1896, mit Liliencron zusammen, aus Altona, Donnerstag Mitternacht in der »Sonne«: Bitte, schicken Sie uns für achthundert Mark Sekt!!! Und fast in jedem Brief kehrt damals der Name Liliencron wieder. Einmal plötzlich auch wieder »nachts«, das dringende Geständnis, daß »ich Sie mit meinen grünen Jahren mal nicht leiden konnte,« doch »bitte antworten Sie mir nicht auf diese Dummheit«. Ein anderes Mal die Hoffnung, daß wir uns nach »diversen Metamorphosen« jetzt doch am Ende »so ziemlich entpuppt, nicht bloß wir beide, sondern noch manche andere Larve unserer Zeit«, und daß nun »die vereinzelten künstlerischen Kräfte zur gemeinsamen Besinnung auf ihren menschlichen Formwert« gekommen; traurig liest sich das jetzt, wo diese »Besinnung« wieder verloren und aller »menschlicher Formwert« wieder fragwürdig geworden scheint. Dann, November 1913, auf meinen Glückwunsch zum Fünfziger, ein froher Dank: »Das Möwengleichnis werde ich nie vergessen. Hoffentlich gelingt es mir noch, auf den Regenbogen hinaufzufliegen, der seit je über meiner Sündflut schimmert.« Aber das Jahr darauf flog er, statt in den Regenbogen hinauf, in den Krieg hinein. In seinem »Kriegstagebuch« hat er's erzählt. Ich schrieb darüber und erhielt dafür von ihm noch eine letzte Karte: »Von Herzen Dank! Dehmel.« In den festen, zustoßenden Zügen seiner gewaltigen Hand steht das da, mit dem so charakteristisch zurückgeschwungenen D der Unterschrift. Es ist auf einer der Klingsportkarten des alldeutschen Münchener Verlags Lehmann geschrieben, sie hat einen Spruch Lagardes aufgedruckt, der heißt: »Was hilft, ein Ziel als das Endziel alles Menschenlebens feiern und niemanden zu ihm hinführen?« War also Dehmel alldeutsch geworden? Vor Jahren luden ihn Monisten ein, in einem ihrer Vereine vorzulesen, mit dem Ersuchen, einleitend seine »Weltanschauung« in Kürze darzulegen, da er ja »ein besonders origineller Repräsentant des esoterischen Monismus« sei. Der Einladung kam er nach, doch mit der Versicherung, diese schmeichelhafte Liebeserklärung »nur mit Glacéhandschuhen« annehmen zu können, ja das verehrte Publikum eindringlichst warnen zu müssen, bei Dichtern »Weltanschauungen« zu suchen. Und dann fuhr er fort: »Der Künstler denkt nicht in Verstandesbegriffen, wenn er bei seiner Arbeit ist; er denkt in Gefühlsvorstellungen. Er will nicht erst zum Glauben gelangen, er geht vom Glauben aus. Er glaubt an alles, was da ist in der Welt; er glaubt auch an die verschiedenen Weltanschauungen, die in seiner Zeit miteinander kämpfen. Ich habe einmal einem Politiker, einem Konservativen echten Schlages, der mich fragte, was ich nun eigentlich sei, Sozialdemokrat oder Anarchist, nationalsozial oder liberal – dem habe ich geantwortet: Unter anderem auch konservativ! Und so könnte ich auch Ihnen sagen: Ich bin unter anderem auch Monist, das heißt, unter Umständen auch Dualist oder Trialist oder Milliardist oder sagen wir Polymonist.« Und warum soll er also nicht auch einmal »alldeutsch« gewesen sein, »unter anderem«? Ich kann das so gut verstehen! Es kommt dabei doch immer nur auf die Gesellschaft an: ich muß bloß eine Stunde mit Internationalisten zusammen sein, gleich bin ich alldeutsch, aber freilich nur solange man weit und breit keinen Alldeutschen sieht. Ich gehöre stets zu der Partei, von der sich im Augenblick niemand sehen läßt . . . Zu jenem »Möwengleichnis«, das seinen fünfzigsten Geburtstag erfreute, war ich durch den Dichter Dauthendey gekommen, der einmal erzählte, ihm sei, als er zum erstenmal Dehmel vorlesen hörte, gewesen, als hätte man den Stuhl, auf dem er saß, plötzlich mitten in eine Meeresbrandung gestellt. Dies war ein so herrlich aufregendes Schauspiel, daß man in der Freude darüber ganz zu fragen vergaß, was denn aber eigentlich in diesen Gedichten so brandete. Wer sich aber von ihrer finsteren Brandung nicht gleich ganz betäuben ließ, konnte darin doch immer bald einen ganz seltsamen feinen Ton vernehmen, ein helles Aufschäumen, ein kleines, leises Auflachen gleichsam, das, einer Möwe gleich, weiß aufflog und still über dem Lärm der stürzenden Wogen schweben blieb. Irgendein solcher kleiner, weißer Punkt leuchtet stets in der Höllennacht auch seiner wildesten Gedichte. Daß ich die kleine Möwe schweben sah, schon als er noch ein Satanist hieß, der Hauptmann Dehmel, das hat ihn gefreut.

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