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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 30
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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9. Februar

Es scheint, daß Amerika jetzt beginnt, sich autochthon zu fühlen: der Amerikaner, den Whitman entwarf, erwächst jetzt. Das hat lange genug gebraucht. Wenigstens was wir hier von drüben bisher zu sehen bekamen, verriet noch immer die Herkunft von uns: englischen Stocks, wenn auch zuweilend gern etwas pariselnd. Selbst der tapfere I. E. Springarn, von der Columbia University, der Fürsprecher aller new realities of art, immer für die Jugend, immer gegen den alten Geist der herrschenden Kritik und ihre dependence on the decaved and genteel traditions of Victorian England, kämpft damit doch eigentlich nur einer künstlerischen Freiheit vor, die wir im Abendland uns schon vor dreißig, vor vierzig Jahren erstritten. Aus der Sammlung seiner Aufsätze, »Creative Criticism«, Essays on the unity of genius and taste (bei Henry Holt in New-York, der den Amerikanern auch den Jean Christophe Rollands gebracht hat) weht unsereinen ein Hauch der eigenen Jugend an: für eben dies haben wir uns in den achtziger Jahren erregt, ebenso heiß und mit eben derselben Zuversicht; wir haben uns seitdem etwas abgekühlt und sind dieses Dogmas der undogmatischen Kritik (deren höchstes Beispiel, Kerr, den Undogmatiker in Reinkultur, dem Kritik durchaus zum Selbstbildnis wird, übrigens Spingarn leider gar nicht zu kennen scheint) längst nicht mehr ganz so felsenfest gewiß. Und seltsam ist das, der eigenen Meinung in fremdem Mund nun selber mit stillem inneren Widerspruch zuzuhören. (Denn ich vermute jetzt, daß es sich auch hier nicht um ein Entweder oder, sondern um ein Sowohl als auch handelt: daß es eine noch höhere Kritik geben muß, eine Synthese der dogmatischen mit der undogmatischen!) Auch der Zank um das Recht auf den Vers libre ist bei uns schon fast seit einem Menschenalter erledigt, für Whitman war er es schon 1855. Aber Whitman blieb immer allein. Was wir sonst aus Amerika vernahmen, von Denkern oder Dichtern, war immer eine neue Welt wieder in unserer alten Form. Selbst dieser staunenswerte Mulford, den uns jetzt Max Hayek wiederbringt (Verlag E. P. Tal),ein Nebenast vom Baume Whitman, hat im Grunde nicht seinen eigenen Ton, sondern unseren: dieses alles ist, schon im Original, gleichsam Uebersetzung ins Europäische, ja das Urerlebnis davon scheint schon, in der inneren Empfängnis selbst, europäisch infiziert zu sein. Und so war ich immer lauschend nach einem, der einmal wieder die Mundart der amerikanischen Seele spräche, wenn auch nicht gleich so gewaltig wie Whitman. Man muß sich aber etwas nur fest genug wünschen, so hat man's! Nur sieht es freilich dann immer ganz unerwartet aus! So tritt mir mein autochthoner Amerikaner jetzt nicht einzeln, sondern als Schar entgegen: dieser »Playboy«, eine neue Zeitschrift, herausgegeben von Egmont Arens (Washington Square Book Shop, 17 west 8th Street, New-York), nein, ich kann mich nicht täuschen: Hier ist einmal wirklich Amerika! Schon gleich in seinem Programm: »A new Magazine of Spiritual Adventure. Dedicated to Joyousness in the Arts . . . No magazine in America has heretofore succeeded in being both Alive and Modernly Beautiful. The humorous magazines have lacked art. The art magazines have been dull and old-fashioned. Now with weapons of art and satire comes a Playboy to fight the fight of the Moderns, to fight with Laughter, not Bitterness for the work of this our Generation.« Aber ich müßte ja das ganze Heft abschreiben, so voll von herzhafter Zuversicht und dem stärkenden Salzwassergeruch der Lebensfreudigkeit! Und gerade daß keiner darin eigens vortritt, daß es ein einziger kraftschallender Chor ist, daß man den Rundgesang eines Volks oder doch einer froh gescharten Generation zu hören meint, ist das Schönste dran! Keiner tut hier groß mit seiner Eigenheit, keiner will anders als die anderen, sie pochen nicht auf die »Persönlichkeit«, sondern auf das, was sie alle zusammen sind. Es bestätigt ganz wunderbar, was Whitman schon 1879 vorausgesagt hat, daß in Amerika die Führer nicht viel zu bedeuten haben, aber der Durchschnitt des Volks ungeheuer ist und daß sich eben darin auf allen Gebieten, auch dem der Kunst, Amerikas Ueberlegenheit zeigen wird: We will not have great individuals or great leaders, but a great average bulk, unprecedentedly great.

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