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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 28
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100315
modified20171128
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7. Februar

In einem der jetzt an der Universität Berlin vom Ministerium für geistliche Angelegenheiten eingerichteten Kurse für staatswissenschaftliche Fortbildung sprach jüngst Graf Hermann Keyserling über »Erscheinungswelt und Geistesmacht«. Eigentlich müßte dieser Vortrag, der dann in der »Kreuzzeitung« erschien, durch ganz Deutschland hin plakatiert werden; er könnte, wenn er erhört wird, wirken wie einst Fichtes Reden an die deutsche Nation, ein neues Geschlecht erweckend, ein Geschlecht des Willens. Denn einen »Aktivismus«, aber von der höchsten Art, verkündet er, mitten in der alle betäubenden und entnervenden Stimmung »fröhlicher Pleite«. Daß es nicht die Welt an sich ist, die wir erfahren, sondern nur ihr Spiegelbild in uns, davon geht er aus, aber ganz im Sinne jenes Leibnizschen geheimnisvollen Worts vom »schaffenden Spiegel«, das auch Goethe mit solchem orphischen Schauer empfand, zeigt er nun unseren eigenen Anteil an diesem Spiegelbild auf, das ja wir selber mitbestimmen, so daß die Welt, von unserer Seite gesehen, »nicht aus Erscheinungen, sondern aus Entscheidungen besteht«. Das hatten die Deutschen nach Bismarck vergessen: sie glaubten an ein schöpferisches Selbst in sich nicht mehr, so waren sie zu völligen Passiven geworden; ein »philosophischer Fehler« wurde mit der Zeit zur »metaphysischen Schuld«. Und so sieht er, was den deutschen Professor tief empören wird, den Grund der angelsächsischen Ueberlegenheit eigentlich in ihrer besseren Erkenntnis. Wenn die »meiste positive Veränderung der Welt« von Angelsachsen stammt, so komme dies daher, daß »sie den subjektiven Nachdruck nicht auf den Erscheinungscharakter der Welt, sondern auf die Geistesmacht in sich legen, welche diese zu verändern vermag, daß sie ihr Bewußtsein sonach von vorneherein im schöpferischen Grund zentrieren.« (Mein in den Jahren 1909 bis 1912 erwachsenes Büchl »Inventur« bezeugt auf jeder Seite, gar aber in der Abrechnung mit dem »Betrieb«, mit welcher leidvollen Sehnsucht nach dem Schöpferischen ich mich damals Schritt für Schritt aus einem gebornen und erzogenen Impressionisten zum Expressionisten, der Entschließung freilich nur, nicht oder noch nicht der Begabung, emporwand, bis dann in der unmittelbar vor dem Krieg verfaßten kleinen Schrift über den »Expressionismus« die Freiheit zum Glauben errungen, bis ich mit der inneren Freiheit zur Tat des Guten, Schönen, Wahren begnadet war.) Dann aber spricht Keyserling Worte von so gewaltiger Herzenskraft, daß man meint, sie müßten ganz Deutschland aufhämmern können! »Von jedem einzelnen selbst hängt es ab, ob er zu einem tiefen oder flachen Menschen wird . . . Also muß jeder alle Kraft daran setzen, sein Bewußtseinszentrum aus der Aeußerlichkeit in sein tiefstes Inneres zurückzubeziehen . . . Es gilt ja bloß sich umzustellen, den Nachdruck auf das lebendig Schöpferische, das in jedem lebt, zu legen.« Aber freilich, wie viele gibt's unter uns Deutschen, die das wagen? »Das Wesentliche, worauf es ankommt, nämlich daß die Deutschen andere, tiefere Menschen werden, wird überhaupt nicht erfaßt . . . Deutschland, äußerlich betrachtet, noch immer das Land der ehrlichsten Leute, ist heute tatsächlich das der tiefsten metaphysischen Unaufrichtigkeit . . . Aber in jedem lebt etwas, was schöpferische Initiative werden kann. Erziehen wir uns dazu. Finden wir den Kontakt mit dem tiefsten Lebensquell. Und wir werden entdecken, daß eben die Welt, die uns jüngst noch übermächtig in Bande schlug, in stiller Verwandlung zu unserem Werkzeug wird.«

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