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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 27
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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modified20171128
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5. Februar

In einem Entwurf, den er unausgeführt ließ, erzählt Fontane von einem Ehepaar, das, als es zur goldenen Hochzeit kam, beschloß, die Hochzeitsreise, die es vor fünfzig Jahren gemacht, noch einmal zu machen, neugierig, wer sich inzwischen mehr verändert hätte, die Welt oder sie selbst. Und so machten sie sich, sie siebzig, er fünfundsiebzig, wiederum, wie damals, nach Venedig auf und siehe da, die Gondel und der Kanal, Rialto und Campanile, alles war unverändert, und die Tauben von San Marco und die Assunta auch. Nur sie selber sind verändert. Denn damals haben sie sich in einem fort gezankt und jetzt zanken sie nicht mehr. Und damals haben sie Engländer nicht ausstehen können und jetzt finden sie sie doch eigentlich ganz fein. Und damals war der jungen Frau die Assunta »zu dunkel, zu katholisch« und jetzt ist auf einmal der alten Frau »der Ausdruck der Verklärung, das allem Irdischen Abgekehrte« ganz vertraut – »ach, in unseren Jahren versteht man es« (nur warum sie dazu denn eigentlich »ach!« sagt, weiß ich nicht). Kurz: das Leben draußen ist ganz dasselbe geblieben, das Leben bleibt immer dasselbe, nur der Mensch ändert sich mit den Jahren, er wird um so besser, je mehr er durchgebraten wird. »Es fällt vieles von uns ab, aber das, was bleibt, das ist das bessere Teil und vor allem auch das glücklichere.« Mir recht aus dem Herzen gesprochen! (Wenn ich auch leider zurzeit die Probe darauf in Venedig nicht machen kann, denn Fontane hat nur eines vergessen: die Welt ändert sich allerdings nicht und der Mensch wird immer besser mit den Jahren, aber unsere Valuta nicht.) Wir könnten aus der allerliebsten kleinen Erzählung vor allem lernen, daß man doch auch die Weltgeschichte nicht überschätzen darf. Sie hat einige Macht über die Landkarten, man muß sich zu Zeiten neue Namen merken, unter denen aber doch immer das Alte bleibt. Ich denk mir's oft, wenn ich, an solchen Wintersonnentagen durch die römische Ebene Salzburgs schreitend, nachsinne, was sich alles mit uns begeben hat und wohl noch begeben wird, aber dann auf einmal über den sinkenden Morgensilbernebeln unser alter Untersberg sein verschneites Haupt rötlich schimmernd erhebt: der Untersberg hat von Umsturz, Republik und Sozialisierung noch nicht die geringste Notiz genommen! Was immer sich an sogenannten geschichtlichen Ereignissen zutragen mag, das Eigentliche, das Wirkliche des Menschenlebens wird dadurch nicht berührt, ja das Eigentliche, das Wirkliche des Menschenlebens merkt gar nichts davon. Wenn sich zwei Menschen lieb haben, können sie wirklich auf den übrigen Rest der Weltgeschichte ruhig verzichten. Man braucht nur doch etwas lange, bis man die wahrhaften Wirklichkeiten entdeckt. Für die Jugend sind gerade sie: Sonnenschein, Sternenhimmel, Schnee, das Gesicht eines guten Hundes, der Untersberg, gerade des Lebens Unvergänglichkeiten, die Pfänder der ewigen Seligkeit sind für die Jugend meistens noch gar nicht vorhanden, während sie fest an Billard, Politik und derlei Zweideutigkeiten mehr glaubt. Und eben an Fontane, je mehr ich jetzt wieder mit ihm zusammen bin (Fischers kleines »Fontane-Buch« ist mir dabei der liebste Gehilfe), wird mir das Geheimnis der wahrhaft glücklichen Menschen offenbar, nämlich: früh alt, mit den Jahren immer jünger zu werden; die schönste Zeit scheint doch eine Kindheit mit weißen Haaren zu sein! Und dazu hat er dann auch noch die Kraft gehabt, ein Privatmensch zu bleiben; er hat sich von der Oeffentlichkeit nicht auffressen lassen, das Beste von sich behielt er bei sich. Aber plötzlich verlangt mich dann doch immer wieder mit Gewalt aus der Berliner guten Stube Fontanes in die große Landschaft Whitmans hinaus, wo man immer das Meer rauschen hört: erst beide zusammen haben ganz recht! . . . Der Hauptunterschied zwischen ihnen ist übrigens, daß der Wanderer durch die Mark dennoch von Grund aus städtischer Sinnesart blieb, auch in seinem Verhältnis zur Natur (genau demselben, das schon der Osterspaziergang im »Faust« schildert: der Bürger spaziert in der Natur, er steht auf dem Besuchfuß zur Natur, einem Sonntagsbesuchfuß; auch dann noch, wenn er sich für einen Alpinisten hält), während Whitman ein Unikum ist als seefahrender, landstreichender, passioniert pflastertretender Mensch in einer Person, der erste nämlich, dem auch die Großstadt zur Natur geworden ist, der Marktgewühl und Straßenlärm und Massendrang als etwas ganz ebenso Elementares empfindet wie Meeresbrandung oder Waldesrauschen oder Bergesstille, gewissermaßen ein ins Gigantische wachsender, ein kosmischer Handwerksbursch. Das abendländische Vorurteil, ein Schlot könne nicht schön sein oder ein Menschenauflauf sei weniger malerisch als eine Büffelherde, kennt er nicht; er nimmt auch eine Fabrik ganz naiv als ein natürliches Gewächs hin, mit einer Unschuld des Blicks, die hier auf unserem Kontinent, dem alten, nur allenfalls Arno Holz und Verhaeren gelegentlich haben. Arno Holz am schönsten im »Buch der Zeit«. Das ist 1885 zum erstenmal erschienen, jetzt aber in der dankenswerten Auswahl seiner Werke wieder abgedruckt, durch die das Berliner Deutsche Verlagshaus Bong die Deutschen an den reinsten Dichter meiner Generation mahnt. Sie bringt von Lyrischem das »Buch der Zeit«, den »Dafnis«, die »Blechschmiede«, von Dramatischem die »Sozialaristokraten«, die »Sonnenfinsternis« und »Ignorabismus«. Kein anderer meiner Generation hat mit solcher Gier um den Ausdruck unserer Zeit, um eine neue Form geworben (gar in Ignorabismus, wo versucht wird, auch den äußeren Apparat der Welt, auch jedes Geräusch unseres Lebens mitspielen zu lassen und nicht bloß die Worte, nicht bloß den Akzent, sondern jeden Atemzug der Gestalten und auch noch das Mitschwingen, das Mitzittern, ja sozusagen selbst Dunst, Geruch und Luft ihrer Umgebung zu fixieren), aber merkwürdig!, in keinem seiner späteren Werke steht das »Neue« der Zeit in der ganzen Unmittelbarkeit der augenblicklichen Erscheinung mit solcher Gegenwart, ja solchem Aroma des Augenblicks da, wie jenes noch ganz unbefangen die gewohnten ererbten lyrischen Formen, den guten alten »Leierkasten« handhabende »Buch der Zeit« es uns fast in jedem Verse vernehmen läßt. Er hat hier nicht bloß die »Poesie der Großstadt« entdeckt, sondern auch schon das grandios Naturhafte, den Zug von Ewigkeit an ihr, einer freilich gewissermaßen neugebornen Ewigkeit, welches paradox allerdings bei Whitman noch gewaltiger die Flügel sträubt. Im »Buch der Zeit« aber hat's einen ganz eigenen lieben Reiz gerade dadurch, daß im Grunde dazu noch immer die Schalmei der guten alten Zeit geblasen wird.

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