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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 23
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100315
modified20171128
projectid5f145b65
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30. Januar

Im »Neuen Buch«, einer Berliner »Zeitschrift für Bücherfreunde«, bläst Sophie Hoechstetter Alarm für Dornburg, Goethes Dornburg, das von der Sozialisierung bedroht wird: »Mietlustige ziehen über den Berg und betrachten auf ihre Nützlichkeit die alten Zimmer Goethes, Leute, die sich bisher in Wohnküchen glücklich fühlten, begehren in Karl Augusts und Maria Paulownas Schloß zu ziehen: der Garten, den Goethe selbst bepflanzte, hat die Aussicht, unter Kriegsgewinnler geteilt zu werden.« Und sie schildert dann den alten Louis Bachstädt, den Hofgärtner und Kastellan, der »ein wenig Wieland, ein wenig Karl August glich, die Allüren eines Herrschers hatte«, keine Veränderungen zuließ und in seinem langen Leben einige zehntausend Fremde durch Schloß und Garten geleitet haben muß, jeden Frühling auf die weißen Bänke wieder mit frischer Oelfarbe »von Goethe« schrieb und den Plural majestaticus von Goethes Person auch auf Goethes Sachen übertrug, indem er in seiner singenden Mundart nicht bloß sagte: »Hier haben Goethe die Iffichämie gedichtet«, sondern auch: »Hier haben Goethes Tisch gestanden!« Sophie Hoechstetter hat selbst eine Zeit in Dornburg gelebt, in den ärmlichen, aber auch noch von Erinnerungen an Liszt beglänzten Stuben des grauen Hauses im Park, und so kann sie auch erzählen, wie der letzte Großherzog von Weimar, Wilhelm Ernst, einmal mit der Großherzogin und ihren Damen auf einige Stunden nach Dornburg kam: die Hoheiten waren sehr verlegen und wußten nichts anzufangen, weder mit sich noch mit Dornburg noch mit Goethe. Man kann das eigentlich aber dem Großherzog gar nicht verdenken, er ist auch zu gräßlich geplagt worden mit Goethe! Nach deutschem Brauch kam er in jungen Jahren auf ein paar Semester an eine Hochschule, um »das Leben kennen zu lernen«. Dies bestand darin, daß er sich von einem Geheimrat zum anderen durchzudinieren hatte, rings dem Range nach herum. Und da saß er denn immer zwischen den beiden ältesten Geheimrätinnen, es waren nicht immer dieselben, aber sie waren immer gleich. Und es begann die Geheimrätin rechts, mit Augenaufschlag: »Ja, Goethe! Unser großer Goethe!« Schon aber kam die Geheimrätin links daran: »Und das stille Gartenhaus! Und Tiefurt!« Und so zählten alle Geheimrätinnen rings im Chor verzückt ihre Goethe-Kenntnis auf (eine der jüngsten hat mirs dann einmal lachend vorgespielt). Da kann einem Goethe wirklich für Lebenszeit vergehen! Aber daß jetzt auch das deutsche Volk mit ihm ebenso wenig anzufangen weiß wie jener arme Großherzog, ist nicht schön.

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