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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 21
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100315
modified20171128
projectid5f145b65
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16.Januar

In der »Neuen Zürcher Zeitung« erzählt Alfred H. Fried, er habe Lammasch für den nächsten Friedenspreis der Nobelstiftung vorgeschlagen (den nun wohl Barbusse erhalten wird): »Lammasch«, meint Fried, »hätte nicht bloß diese Ehrung verdient, sondern leider auch die damit verbundene materielle Gabe notwendig gehabt, da er, wie so viele geistige Arbeiter der Mittelmächte, durch den verbrecherischen Krieg in seinen alten Tagen zu einem unerhörten Daseinskampf gezwungen war. Es ist dies eine bei allen durch das Elend dieser Zeit aufgeworfenen Fragen noch zu wenig beachtete Tragik, die in das Schicksal unserer geistigen Arbeiter eingreift. Mit einem Instinkt, der richtig erfaßt, daß es vor allen Dingen die Zukunft zu retten gilt, hat sich der Ruf nach Hilfe und die Erfüllung dieses Rufs in erster Linie den Kindern in den verheerten Ländern zugewandt. Das ist unbestreitbar vernünftig und logisch gedacht. Leider aber hat man dabei ein anderes Element unseres Lebens, das der geistigen Entwicklung, vergessen, das für die Aufrichtung in der Zukunft ebenso notwendig ist wie die Rettung der Kinder. Die Pioniere der Menschheitsförderung in ihren vom Lärm der Welt abgeschlossenen Stuben gehen zugrunde. Direkt durch Hunger und Entbehrung; indirekt durch Kränkung und Verzweiflung. Wo ist die Rettungsaktion für diese Zukunftsbringer?« Sonderbarer Schwärmer! Er rührt damit an die schlimmste Gefahr für den deutschen Geist. Daß es immerhin etwas wie Geist noch unter uns gibt, verdanken wir jenen wunderlichen Stillen im Lande, die nicht um Lohn denken, sondern von einer Art Dämon genötigt. Sie hatten es schon in der Monarchie nicht leicht; gar den Schiebern aber, die jetzt herrschen, fehlt jedes Verständnis für sie. Die Notwendigkeit solcher Sonderlinge läßt sich doch auch wirklich nicht beweisen; es ist Gefühlssache, und um dieses Gefühl zu haben, muß man eigentlich schon selbst einer von ihnen sein. Wie sollen sie sich da helfen? Die meisten haben immer schon in solchen Einschränkungen gelebt, daß ihnen einzuschränken nichts mehr übrig bleibt. Wollen sie streiken? Man würde sie ruhig streiken lassen. Denn nach ihrer Arbeit ist kein Bedürfnis. Ja, der jetzt vorherrschenden Menschenart kommt Arbeit, die sich nicht von selbst bezahlt macht, recht unglaubwürdig vor. Nietzsche hat in mönchischen Entbehrungen gelebt. Was wäre heute mit ihm? Wer hätte die Beredsamkeit, einem unserer Staatsgewaltigen die Bedeutung Nietzsches, nämlich eines noch unverstorbenen, noch von keinem Georg Brandes ausgerufenen Nietzsche darzutun? Wer mag jetzt für Josef Popper-Lynkeus sorgen? Geschmackvolle Menschen werden sich damit helfen, daß sie solche Fragen überhaupt unzart und taktlos finden. Und wer zählt denn nach, wie viele Denker man aus lauter Takt verhungern läßt? Aber vielleicht kann auch da die von Keyserling geplante Schule der Weisheit helfen, indem sie derlei nichts als Geist besitzenden, also jetzt ganz unbrauchbaren Leuten Unterkunft und irgendeine Möglichkeit sich ihr Brot zu verdienen gewährt. Den Regierungen ist das nicht zuzumuten: denn der Geistige »leistet« ja nichts.

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