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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 2
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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modified20171128
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18. Nov.

»Die Schlamperei der Revolution hat uns das ganze alte Oesterreich unangetastet erhalten,« sagt Walter Rode in einer kleinen Schrift über »Wien und die Republik« (Verlag Karl Wilhelm Stern, Wien und Leipzig) und an einer anderen Stelle fragt er da: »Glaubt man, daß unsere Bureaukratie, weil sie die Fähigkeit bewiesen hat, den alten Staat zugrunde zu richten, deswegen einen ganz neuen, noch nicht dagewesenen Staat aufbauen kann?« Ich will ihm nicht widersprechen, keineswegs, muß aber doch nun meinerseits fragen, ob er denn glaubt, in Oesterreich wäre jemals eine andere Revolution möglich gewesen als eine schlamperte, mit Erlaubnis und unter den wohlwollenden Augen der Bureaukratie? Schlamperei und Bureaukratie sind ja wahlverwandt. Zunächst entstand unsere Bureaukratie schon aus Schlamperei. Aus einer Schlamperei der Dynastie, die sich sonst nie diese Laus in den Pelz gesetzt, und aus einer Schlamperei des Hochadels, der sonst nicht für bloßen Schein auf die Macht verzichtet hätte. Ja noch mehr: ihrem Wesen nach ist diese Bureaukratie von Anfang an nichts als unsere nur in Staatsbetrieb gesetzte Schlamperei. Andere Menschenarten wollen und handeln; die österreichische hat dazu weder Kraft noch Lust. Sie braucht daher immer einen, der »es ihr richtet«. Niemand unter uns weiß, was er will; es muß also jemand da sein, der es ihm sagt. Das hilft ihm aber auch noch nicht viel: denn niemand unter uns kann wollen, wir möchten bloß; es muß also dann jemand da sein, der ihm dieses Manko deckt. Und schließlich muß, weil niemand unter uns, selbst wenn er wollte, handeln kann, auch noch jemand da sein, durch den es geschieht. Dies alles zusammen heißt auf österreichisch »sich etwas zu richten wissen« und recht eigentlich als öffentliches Organ dieser Kunst ist die Bureaukratie entstanden, als die Habsburger sich schon so weit verösterreichert hatten, daß auch sie sich ohne die Kunst des »Richtens« nicht mehr zu helfen wußten, ungefähr um dieselbe Zeit, als sie Lothringer wurden. Es sah seitdem nur noch aus, als ob sie regierten; sie selber wußten aber ganz gut, daß längst der Hofrat regierte: daher auch ihr wachsender Ehrgeiz, immer weniger Habsburger zu sein und immer mehr zum Hofrat zu werden, was sich dieser aber, der wirkliche Hofrat, energisch verbat, indem er schließlich zu frondieren begann und sich schließlich statt der Habsburger jenes Amphibium mit dem sozialisierenden Kopf und dem christlichsozialen Gemüt nahm, dessen rastloser Mund von Karl Renner betrieben wird. Wie der Hofrat gestern für die Habsburger dieses Amphibium eingetauscht hat, kann er morgen natürlich auch das Amphibium wieder vertauschen, das Amphibium kann aber nicht den Hofrat vertauschen, weil es ein österreichisches Amphibium ist und also selber immer erst jemanden braucht, der ihm das alles zu richten weiß. Nein, alles kann man in Oesterreich fortschicken, schließlich auch den Rest von Oesterreich selbst, aber nur den Hofrat nicht, es wäre denn, daß unter uns ein Menschenstamm erschiene, der wollen kann, wollen und seinen Willen selber tun! Aber, wie man in Wien zu sagen pflegt: Woher denn nehmen und nicht stehlen? Und wenn er selbst erschiene, dann würde Wien erst wieder sagen: Der kann uns gestohlen werden! . . . Allerhand Kluges steht in Rodes Schrift. Den geistigen Gehalt der Regierung formuliert er so: »Revolution und Gegenrevolution verkrusten sich zu einer Koalition, in der die Handhabung der landesüblichen Schikanen dem Proletariat als Diktaturersatz überlassen wird.« Auch die tragische Situation Wiens, die sich die meisten Wiener noch immer nicht eingestehen wollen, erkennt er: »Wien hat aufgehört, ein Herrschaftszentrum zu sein. Nicht mehr sind die Länder zwangsweise an Wien gebunden; Wien ist auf die Kräfte seiner natürlichen Anziehung beschränkt.« Aber ich fürchte, selbst er überschätzt diese »Kräfte der natürlichen Anziehung« noch. Was bleibt denn Wien eigentlich noch? Es war die Kaiserstadt. Es war die Hauptstadt eines großen Reiches. Es war ein Wahrzeichen der barocken Welt. Die Welt ist längst nicht mehr barock, der Kaiser ist weg, das Reich ist weg. Es bleibt die Hauptstadt von Niederösterreich. Und seine Schönheit, Anmut und Laune bleibt ihm, für die nur leider aber keine Zuschauer mehr da sind; und gerade Wien hat immer sehr den Zuschauer gebraucht, für den und an dem es immer erst zu voller Entfaltung kam! Wien ohne den Zuruf eines begeisterten Publikums, Wien vor leeren Bänken, Wien mit sich allein? Speidel, der Wien so durchschaut hat, wie das nur fremden Augen gelingen kann, versichert freilich einmal: »Der Wiener hat stets die Kunst besessen, sich aus widerwärtigen Lagen durch eine wunderbare Schnellkraft der Seele rasch wieder herzustellen.« Worauf wartet diese »Schnellkraft der Seele« dann eigentlich noch? Fühlt Wien noch immer nicht, was ihm rings überall droht? Ressentiment, hundertjähriges Ressentiment, das Ressentiment dumpf Arbeitender gegen den festlichen, leicht lebenden Herrn! Jeder alte Mann in der Provinz, der vor Jahren einmal als hungernder Student unter der Tegetthoff-Säule stand und neidisch die bekränzten Wagen zur Hauptallee rollen sah, brummt heute befriedigt: Los von Wien! . . . Jetzt muß Wien einmal zeigen, was es aus eigener Kraft vermag. Verschwender, dritter Akt. Aber kein Valentin weit und breit!

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