Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Bahr >

Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 120
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100315
modified20171128
projectid5f145b65
Schließen

Navigation:

2. Dez.

Erschütternd ein Aufsatz Harry Keßlers in der »Deutschen Nation« (Zeitschrift für Politik und Geschichte, Deutsche Verlagsgesellschaft, Berlin W 8) über »die Kinderhölle in Berlin«. Es ist wirklich eine Hölle, in die wir da mit Augen sehen! Acht Photographien zeigen sie und Keßler versichert, daß es im Berliner Norden und Osten, am Wedding, am Gesundbrunnen, um den Görlitzer und Schlesischen Bahnhof herum kaum ein Haus ohne solches Elend gibt. Die Not ist ja längst über die Schicht der Arbeitslosen, deren am 15. September in Deutschland siebenmalhundertdreißigtausend gezählt worden sind, emporgekrochen. Im statistischen Amt zu Berlin-Schöneberg ist berechnet worden, daß das Existenzminimum einer Berliner Familie von vier Köpfen jetzt neunzehntausend Mark beträgt und von kaum zehn Prozent der Berliner Familien erreicht wird. Drei Viertel der Berliner Bevölkerung sind unterernährt. Das Frühstück der Kinder besteht in zwei trockenen »Stullen« mit Kaffeeersatz; mittags dieselben »Stollen«, bestenfalls mit Margarine, zum Abendbrot Kartoffeln, Weißkohl oder Mohrrüben. »Ohne die Quäkerspeisung, die der einzige Lichtpunkt im Leben von Tausenden und aber Tausenden von Berliner Familien ist, würde eine ganze Kindergeneration aufwachsen, die nie etwas anderes zur Kräftigung oder zum Genuß bekommen hätte, als trocken Brot, Kaffeeersatz und Wassergemüse.« So schwach sind diese Kinder, daß sie meistens mit sieben Jahren kaum die Größe von Dreijährigen haben und mit sieben oder acht Jahren erst allmählich gehen zu lernen die Kraft finden. »Untermenschlich« nennt Keßler diese Generation rachitischer, mit skrophulösen Schwären bedeckter, fast nackt zu dritt oder viert in einem Bett schlafender Kinder; die, ohne Wäsche, ohne Schuhe, ohne irgendwelche Kleider, wenn sie doch einmal ans Tageslicht sollen, in Tüchern über die Straße getragen werden. Keßler wundert sich, daß »die toten Kinderaugen der deutschen Großstädte« so wenig Eindruck auf die Nation machen, daß »diese Volkskatastrophe, diese ungeheure Kindertragödie, die sich in unserer Mitte abspielt, anscheinend kein Aufsehen bei uns erregt!« Das ist die deutsche Republik.

 << Kapitel 119  Kapitel 121 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.