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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 12
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100315
modified20171128
projectid5f145b65
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28. Dez.

Ein Kritiker verübelt mir mein neues Lustspiel. Wie kann, wer eben noch mit seiner »Bekehrung« groß getan, sich noch darin gefallen, die Welt zu verulken? Aber, verehrter Herr, dann doch erst recht! Denn gerade, wer »die Welt« einmal durchschaut hat, dem bleibt doch wirklich nichts übrig als sie zu verulken. Und wenn Sie das mir nicht glauben wollen, so hören Sie Wagner, der an Liszt schrieb: »Wie bezeichnend ist es nun auch, daß fast alle großen spanischen Dichter in der zweiten Hälfte ihres Lebens sich in den geistlichen Stand zurückzogen. Wie einzig aber ist es, daß von hier aus, nach vollkommener ideeller Ueberwindung des Lebens, diese Dichter dann dasselbe Leben mit einer Sicherheit, Reinheit, Wärme und Deutlichkeit schildern konnten, wie nie vorher, da sie im Leben standen, ja die graziösesten launigsten Schöpfungen sich aus jener geistlichen Zurückgezogenhelt zutage brachten!« Damit ist das Verhältnis des barocken Künstlers, ja überhaupt des barocken Menschen zum Irdischen auf das reinste dargetan: eben indem er den Trug dieser Welt erkennt, sie verläßt und selber nicht mehr mittut, gewinnt er, von drüben her, die Freiheit, nun ruhig in diesen Wahn, den er nicht mehr wähnt, zurückzukehren, um hinfort von dieser Welt zu sein, als wäre er von ihr nicht, an ihr zu leiden, als litte er nicht, sich mit ihr zu freuen, als freute er sich nicht mehr; durch Weltüberwindung gewinnt er die Freiheit, in der Welt mit Welt zu spielen. Diese barocke Freiheit hat freilich einen doppelten Boden: das Spiel, erst als Reiz, als Lust empfunden, wird dann aber auch noch als Pflicht, als Beruf, als unser wahrer Ernst erkannt, und welch ein grimmiger Ernst, wenn wir des ewigen Auges gedenken, das unserem irdischen Spiel zusieht, um uns dafür dereinst zu lohnen und zu strafen. Das sind die Stufen der Erkenntnis: das Leben ein Zweck, das Leben ein Leid, das Leben ein Traum, das Leben ein Ulk, das Leben ein Spiel, das Leben ein Gottesdienst! Und wer mit dem Leben ulkt, ist also freilich noch nicht sehr weit, aber immerhin doch schon der Wahrheit viel näher, als wer es noch buchstäblich nimmt. Joculatores Domini hat der heilige Franziskus seine Schar genannt, die Spaßmacher des Herrn. Dem tragisch gesinnten Spießer wird's allerdings schwer, das zu verstehen.

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