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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 117
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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20. Nov.

In einer jetzt erst von Adolf Erman ausgedeuteten altägyptischen Inschrift wird geschildert, wie das Land der Pyramiden nach dem Sturz der Könige, der Priester und der Beamten aussah: »Die Listen sind fortgenommen, die Sackschreiber sind ausgetilgt, und jeder kann sich Korn nehmen, wie er will. Die Bureaus stehen offen, die Personenlisten sind weggenommen und Untertanen gibt es nicht mehr. In den Gerichtssälen gehen die Geringen ein und aus, und das Haus der Dreißig (der höchste Gerichtshof) ist entblößt. Jede Stadt sagt: Wir wollen die Starken aus unserer Mitte jagen, und nun dreht sich das Land, wie eine Töpferscheibe tut: die hohen Räte hungern und die Bürger müssen an der Mühle sitzen, die Damen gehen in Lumpen, sie hungern und wagen nicht zu sprechen, die Söhne der Vornehmen sind nicht mehr zu erkennen, und ihre Kinder wirft man auf die Straße und schlägt sie an die Mauer. Die Sklavinnen können das große Wort führen, Raub und Mord herrschen im Lande, die Städte werden zerstört, die Gräber werden erbrochen und die Bauten verbrannt. Man wagt nicht mehr zu ackern, man baut nicht mehr, und Holz wird nicht mehr ins Land gebracht. Das Land ist wüst wie ein abgeerntetes Flachsfeld; es gibt kein Getreide mehr, und vor Hunger raubt man den Schweinen das Futter. Niemand achtet mehr auf Reinlichkeit; man lacht nicht mehr, und die Kinder sind des Lebens überdrüssig. Der Menschen werden weniger, die Geburten nehmen ab, und schließlich bleibt nur der eine Wunsch, daß doch alles zugrunde gehen möge. Die Beamten sind abgetan, sie sind verjagt, kein Amt ist mehr an seinem Platz und das Land wird von wenigen sinnlosen Leuten des Königstums beraubt. Und nun beginnt das Reich des Pöbels, er ist obenauf und freut sich dessen in seiner Weise. Er trägt das feinste Leinen und salbt seine Glatze mit Myrrhen, hat ein großes Haus und Speicher, dessen Korn freilich einem anderen gehört hat. Er hat Herden und Schiffe, die auch einmal einen anderen Besitzer hatten. Sonst ging er selbst als Bote, jetzt freut es ihn, andere auszuschicken. Er schlägt die Harfe, und seine Frau, die sich früher im Wasser besah, paradiert jetzt mit einem Spiegel. Auch seinem Gotte, um den er sich sonst nicht kümmerte, spendet er jetzt Weihrauch – allerdings den Weihrauch eines anderen. Während so, die nichts hatten, reich geworden sind, liegen die einstmaligen Reichen schutzlos im Winde ohne Bett, zerlumpt und durstig. Der nichts hatte, besitzt jetzt Schätze, und ein Fürst lobt ihn, selbst die Räte des alten Staates machen in ihrer Not den neuen Emporkömmlingen den Hof.« Stimmt auffallend. Uebrigens sind Könige, Priester und Beamte schließlich dann doch wieder zur Macht gelangt in Aegypten, aber freilich erst nach dreihundert Jahren. Dreihundert Jahre hat's dort gebraucht. Dreihundert Jahre lang haben Raub und Mord geherrscht . . . Ich fand diesen ägyptischen Text im Novemberheft der »preußischen Jahrbücher«, in einem Aufsatz Delbrücks. Erstaunlich dieser Hans Delbrück, dem über Siebzig noch eine dritte Jugend grünt. Menschen seiner saturnischen Art müssen sich offenbar erst am Bratspieß des Lebens gehörig rösten, um ganz reif und schmackhaft zu werden. Der Aufsatz zeigt, wie der Marxismus »in eben dem Augenblick, wo er sich praktisch einen großen Teil der Welt unterworfen hat, theoretisch zusammengebrochen ist«. Marx hat richtig prophezeit, aber auf Grund ganz falscher Voraussetzungen. Die Kritik, die Delbrück an ihm übt, bringt nichts Neues. Dies alles haben die jüngeren Marxisten selber seit Jahren schon gesagt. Aber daß er sich die Geduld nimmt, es noch einmal zu sagen, ist sehr gut. Man wird es nämlich immer wieder noch einmal sagen müssen, solange Dogmen, an die der wissenschaftliche Marxismus selber längst nicht mehr glaubt, agitatorisch immer noch gebraucht werden. Auch wird dadurch, daß man den Marxismus widerlegt, Marx nicht im mindesten kleiner. Wir sehen das Werk dieses Propheten erst jetzt in seiner wahren Bedeutung: es hat die revolutionäre Kraft erzeugt, durch die Rußland und Deutschland zersprengt worden sind; die »Geschichtsauffassung« hatte bloß das nötige Pathos zu liefern. Zur Wirkung gehörte freilich aber auch der gute Glaube der Marxisten an den Marxismus. Fahren sie jetzt aber fort, Lehren, die sie selbst indessen für falsch erkannt haben, auch ferner noch zu verkünden, so schwächen sie sich nur selbst. Delbrück erinnert an ein Wort Lassalles: »Alle große politische Aktion besteht in dem Aussprechen dessen, was ist, und beginnt damit. Alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist.« Aber zum Schluß gibt Delbrück seinem Aufsatz, ja der ganzen »Arbeiterfrage« plötzlich noch eine neue Wendung, eine neue Höhe dadurch, daß er den Gegensatz von Kapital und Arbeit, der zunächst überall nur um Anteil am Gewinn, um Lohnsteigerung zu pendeln scheint, als »Kampf um die soziale Stellung« erkennt: »Die Not des Arbeiterstandes liegt nicht im Materiellen. Die Not des Arbeiterstandes ist psychologischer und pädagogischer Natur . . . Es ist der Gegensatz zwischen der höheren Bildung und der Volksbildung, zwischen den sogenannten Gebildeten und Ungebildeten.« Er rührt hier an die tiefste Wunde des deutschen Lebens: daß die Deutschen nämlich noch immer kein Volk sind. Volksgefühl entwickelt sich, wie Lagarde einmal gesagt hat, erst im gemeinsamen, am gemeinsamen Besitz eines Heiligtums. Seit die Deutschen durch Luther zerrissen worden sind, gibt es nichts allen Deutschen Heiliges mehr. Franzosen, auch ungläubig, sind immer noch von derselben inneren katholischen Form, Engländer sind alle desselben Gewissens. In England sieht Delbrück jenen Gegensatz zwischen der höheren und der Volksbildung »durch das viel intensivere kirchliche Leben überbrückt: die verschiedenen Gesellschaftsklassen finden sich in England in ihren kirchlichen Gemeinschaften, sei es der Staatskirche, sei es der Sekten, zusammen; die Bildung in Deutschland ist mehr weltlich, sie ist tiefer, aber darum auch mehr exklusiv, der Spalt wird sehr stark empfunden.« Wenn aber Delbrück nun hofft, daß »vielleicht der Schillersche Gedanke, das Theater als die große und höchste Volksbildungsanstalt anzusehen, der Gedanke der Zukunft wird«, so kann ich diese Hoffnung nicht teilen, weil eben jene gemeinsame Bildung, die er vom Theater erwartet, erst schon da sein muß, damit ein solches Theater, wie wir es seit dem bayrisch-österreichischen Barocktheater ja nicht mehr hatten, überhaupt entstehen kann. Theater kann uns nicht zur Nation machen, denn Theater setzt selber schon eine Nation voraus. Der Kraft, mit der Wagner uns die Illusion aufzwang, wir wären schon eine, verdanken wir den einzigen Ansatz zum wahren Theater: Bayreuth. Theater, selbst ein Geschöpf der Nation, kann uns sie nicht geben. Zur Nation können wir erst werden, wenn alle Deutschen gemeinsam beten. Anders ist noch keine jemals entstanden. Wir müßten erst eine nationale Bewegung haben: eine verbindende, statt der trennenden, und die kann nur religiös sein . . . Indem ich, von meiner Bergwanderung so gut durchfroren und eingesonnt zugleich, in jener herrlichen Müdigkeit, wo der eingeschlafene Leib den Geist willig allen Launen überläßt, noch in dem Heft der Jahrbücher blättere, fällt mir auf, wie merkwürdig gut sich an Delbrück der nächste Aufsatz anschließt, über Tagore, von Martin Kaubisch. Ist's ein Zufall? Er wäre seltsam. Denn gerade dort, wo Delbrück verstummt, setzt diese helle Stimme des neuen Ostens ein. Als »ein unreligiös erschütterter Mensch« wird hier Tagore gezeigt, den nach einer »übernational-menschheitlichen Ergänzung und Versöhnung von Westen und Osten, von Europa und Asien«, verlangt, »aus welcher dann vielleicht auch ein neuer und anderer ›westöstlicher Diwan‹, das heißt, eine neue übereuropäische geistige Weltgemeinschaft hervorgehen könnte«. Wie beseligt's mich, von indischen Lippen da mein altes Lied zu hören, mein ewiges Lied von Oesterreich! Was war mir denn Oesterreich immer als eine Verheißung dieses, wie ich's gern nenne, zweiten Barocks, eines westöstlichen, wie jenes erste nordsüdlich gewesen, eines, das, was jenes vertikal begann, nun auch noch horizontal vollenden sollte, den Bogen, den jenes einst vom Mittelmeer zur Nordsee zog, jetzt von Walt Withman über Goethe und Dostojewski hin bis zu Laotse spannend! Und mußt ich nicht, wenn mich unsere Patrioten mit sich verwechselten, immer wieder beteuern: Mein Oesterreich liegt in der Zukunft? Und dort liegt es so fest, daß es jetzt auch von dem Seherauge dieses Inders schon erblickt wird! Daß jetzt, indessen es unter uns niemand mehr sein will, auf einmal ein Inder schwarzgelb wird, ist das nicht ein herrlicher Spaß? Auch er haßt, wie ich, allen Nationalismus, aber auch er weiß, wie ich, daß der Weg ins Uebernationale nur durch nationale Geschlossenheit geht. Der Sprung zur Menschheit über die Nationen hinweg, den das XVIII. Jahrhundert versucht hat, ist überall ein Absturz in die Nationalismen geworden. Eher fährt der Mensch aus seiner Haut als aus seiner Nation. Auch die Clarté, überhaupt gedanklich durchaus nichts als aufgewärmtes XVIII. Jahrhundert, wird die Natur des Menschen nicht ändern. Indem der Einzelne seine Nation in sich auswischt, wird er nicht übernational, er wird nur zunichte. Wenn aber eine Nation vollkommen wird, ist sie dadurch schon übernational. »Alles Vollkommene in seiner Art«, sagt Goethe, »muß über seine Art hinausgehen, es muß etwas anderes, Unvergleichbares werden.« Und noch reiner spricht er dieses Urgeheimnis aus, wenn er sagt: »In manchen Tönen ist die Nachtigall noch Vogel; dann steigt sie über ihre Klasse hinüber.« Alle Vollendung zeigt sich durch solches Hinübersteigen über die Klasse. Erst indem sich eine Nation in sich vollendet, steigt sie über ihre Klasse hinüber; es gibt keinen anderen Weg. Natura non facit saltum: mit seinem Scheitel berührt das Individuum die Nation, mit ihrem Scheitel die Nation das Reich Gottes. Nicht gegen den Nationalismus, nur durch den Nationalismus, indem wir ihn vollenden, gelangen wir über den Nationalismus empor.

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