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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 116
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100315
modified20171128
projectid5f145b65
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22. Nov.

»Als Herre Krist geboren ward. Christnachtsröselein gebrochen dem ewigen Lieb« von Paschalis Schmid; mit hundertvier meist ganzseitigen Bildern in Tonüberdruck sowie zahlreichen Initialen in Altrot (München 1921, Gesellschaft für christliche Kunst). Das ist für Aug und Ohr, für Kopf und Herz, für alt und jung in Lust und Leid das allerschönste Weihnachtsbuch; was Schöneres läßt sich für einen deutschen Menschen überhaupt nicht erdenken. Denn indem hier gezeigt wird, wie von unseren Altvordern die Geburt des Herrn in Bild, Lied und Schrift begangen worden, tun sich alle Tiefen ungebrochener deutscher Art uns auf, ihr Hochsinn und ihr Zartsinn, das Gewaltige wie das Gelinde, der Drang zum Unendlichen wie das Glück im Kleinsten, das aus jedem Wegerich noch den lieben Gott vernimmt. Und es ist eine ganze Kunstgeschichte: da ziehen alle unsere Meister auf, der des Marienlebens und Francke, Stephan Lochner, der des Sterzinger Altars, der der Lyversberger Passion und der Cölnische, Martin Schaffner, Isenbrant, Goes, Bouts, Mabuse, Memling, Schüchlin, Striegel, Burgkmair, Cranach, Altdorfer, die van Eyks und Weyden, Holbein, Dürer und Grünewald. Es ist aber zugleich auch eine Geschichte des deutschen Liedes: von Leisentritts und dem Tegernseer Gesangbuch des XVI. Jahrhunderts mit dem Andernacher, dem Cölner, dem Mainzer, dem Speyrer und dem Corners durch den Dreißigjährigen Krieg hindurch bis zur Geistlichen Nachtigall. Und auch eine Geschichte deutscher Prosa wird es schließlich noch: Mechtild von Magdeburg, die Fließende, Bertold von Regensburg, David von Augsburg, das Passional und Tauler und immer aber zwischendurch wieder Seuse, in den Himmel so himmlisch verliebt; aus ihnen spricht die ewige Weisheit selbst, und so, daß es jedes Kind verstehen kann. Mir aber war das schönste Geschenk darin der Hermann von Fritslar, den ich noch gar nicht kannte (um 1343). »Es ist, schreibt der einmal, es ist eine Gewohnheit: wann die guten Engele erscheinen, so forchtet sich der Mensch zum ersten ein wening und wird darnach fröhlich zur Hand; aber wann die bösen Engele erscheinen, so ist der Mensch zum ersten fröhlich, und aber danach wird ihm sehr grauend.« Das ist eine jener Wahrheiten, die man, sind sie nur erst einmal ausgesprochen, niemals mehr verlieren kann, weil man sie ja selber schon immer gewußt und nur bisher noch nicht gewußt hat, daß man sie weiß; ich vergehe vor Ungeduld, den Fritslarer ganz kennen zu lernen, und da meinen unsere Weisen aber dann immer erst noch nach Indien entlaufen zu müssen! Ich könnte, dies edle Weihnachtsbuch in den dankbaren Händen, das bißl Zeit, das mir noch bleibt, getrost auf einer einsamen Insel verbringen, ich nähme die Heilige Schrift mit und brauchte dann für den Rest wahrhaftig mein Lebtag nichts Gedrucktes mehr.

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