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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 114
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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16. Nov.

Ich stecke noch immer in Josef Redlichs unerschöpflichem »Reichsproblem« fest!

In seiner Zeichnung Franz Josefs zeigt Redlich eine Meisterschaft, die nur von den höchsten Künstlern geschichtlicher Darstellung zuweilen erreicht wird; nur etwa mit dem unvergänglich über die Zeiten hin ragenden Denkmal, das, aus lauter unscheinbaren kleinen Zügen, Macaulays sinnende Hand William dem Oranier und seiner Mary gesetzt hat, mag ich sie vergleichen. Wie wer immer seit 1848 in Oesterreich irgend etwas zu tun oder zu sein versucht hat, muß wohl auch Redlich an Franz Josef sozusagen persönlich gelitten haben, doch er läßt es in keinem Atemzug merken: er tritt selber ganz still zurück, urteilt gar nicht über ihn, läßt ihn nur erscheinen, aber mit welcher unheimlichen Gegenwart! Der ungarische Graf Szecsen hat einmal im Ministerrat mit offenbarer Ironie, doch sicher, daß der Kaiser sie nicht merken würde, vorgeschlagen, daß die »Mitwirkung« der Landtage eine »entscheidende« sein sollte, »allein Seiner Majestät ein ausgleichender Einfluß zur Beseitigung des Drucks der Majoritäten zu wahren wäre«. Diese herrliche Formel, deren Nachsatz den Landtagen die Entscheidung, die sie ihnen im Vordersatz zuspricht, im selben Atem wieder abspricht, indem die Majoritäten zwar anerkannt, aber zugleich ihr »Druck« »beseitigt« wird, enthält das ganze System Franz Josefs. Ihm blieb er bis ans Ende treu, denn es war das System seines Wesens. Er hat nie Nein gesagt, wenn er etwas nicht wollte, aber er hat auch sein Ja nie getan; er hat allem, was ihm zuwider war, zugestimmt, aber immer mit einer Wendung, durch die seine Zustimmung unwirksam wurde. Er war noch »ganz und gar von der Herrschervorstellung und dem Herrschergefühl des XVIII. Jahrhunderts erfüllt«, aber bei dieser bloßen Vorstellung, diesem bloßen Gefühl davon blieb's dann, er hatte nicht die Herrscherbegabung dazu, den sich unmittelbar auf den anderen übertragenden Willen. Er »befahl« gern, gar in seiner Jugend, aber wenn, was er befohlen, dann meistens nicht geschah, ließ er es gut sein. Niemand hat Menschen und Dinge so rasch wieder fallen lassen, mit derselben Ungeduld, mit der er eben noch auf sie vertraut hatte. Ungeduld, leidenschaftliche Hast und eine merkwürdige Vorliebe für »überraschende und überstürzte Wendungen«, die freilich aber immer nur Zeichen seines Aergers, in dem er, wenn ein Versuch nicht gleich gelingt, lieber von der ganzen Geschichte überhaupt nichts mehr hören will, niemals aber innere Wendungen sind, bleiben ihm eigen. Das Haus Habsburg, das jahrhundertelang die hohe Kunst, warten zu können, mit solcher Meisterschaft geübt hat, Pläne von einer Ewigkeit hegend, daß es auf ein halbes Jahrhundert früher oder später dabei wirklich nicht ankam, hat in diesem Spätling plötzlich die Geduld verloren; in ihm wird es auf einmal nervös. Vielleicht auch, weil er, was ebenso ganz unhabsburgisch war, sich um zu viel »gekümmert« hat. Die Habsburger schufen, aus ihren Träumen, aus gebietenden, ihnen selbst oft kaum recht verständlichen starken Instinkten, zuweilen aus Marotten; »kümmern« mochten sich dann die Handlanger darum, Franz Josef aber war sein eigener Handlanger, er »kümmerte« sich gern, und am liebsten um Kleines, Kleinstes. Als er einst eine seiner »Kundmachungen« im verstärkten Reichsrat einfach zu verlesen befahl, ohne irgendeine Diskussion darüber zuzulassen, vergaß er nicht, dieses Verbot doch durch den Zusatz zu mildern: »Höchstens die Vorbringung eines Dankes und deren Annahme per acclamationem«. Und er vergaß, wie das Protokoll berichtet, auch nicht, noch ausdrücklich anzuordnen, »die Sitzung werde erst nach der Mittagsstunde abzuhalten sein, damit nicht entstellte Berichte darüber in die Abendblätter dringen; das Abendblatt der ›Wiener Zeitung‹ aber habe den Text des a. h. Handschreibens zu veröffentlichen«. Man sieht: er war nicht bloß sein eigener Ministerpräsident, er war noch mehr, er war sogar auch sein eigener Präsidialist. Bismarck hat einmal gesagt: »Der Kaiser von Oesterreich hat viele Minister, aber wenn er will, daß etwas geschieht, muß er es selbst machen.« Bismarck wußte aber nur den Grund nicht: denn den Minister, durch den etwas geschehen wäre, hätte der Kaiser ja sofort davongejagt. Le roi règne, mais il ne gouverne pas heißt der Grundsatz; bei Franz Josef war's gerade umgekehrt. Diesem Sinn für kleine, kleinste Dinge entsprach auch seine Neigung, wenn er die Wahl hatte zwischen einem bedeutenden Menschen und einem unfähigen, immer diesen vorzuziehen. Er hatte eine fast rührende Schwäche für unbegabte Leute, besonders wenn sie das selber wußten, ihn selber davor warnten, aber dann das, was sie nicht konnten, dennoch auf Befehl gehorsamst übernahmen, wie jener unglückliche Benedek, der jedesmal im voraus wußte, daß er versagen würde, der das auch jedesmal treuherzig im voraus beteuert und der denn dann auch jedesmal wieder pünktlich gehorsamst versagt hat . . . Das Wesen Oesterreichs wird in diesem Buch zum erstenmal aufgedeckt, ganz bloß und nackt liegt es da vor uns, und was wir schaudernd erlebt, hier lernen wir es zum erstenmal verstehen; die Formel ist im Grunde ganz einfach: eben als es sich vollenden sollte und das erste Beispiel eines übernationalen Reiches unter den dem Nationalismus verfallenen Staaten des Abendlandes geben mußte, in diesem größten Augenblick hat es nur kleine Menschen gehabt, kleinwinzige Menschen . . . Und wie stark hört man dem gelassenen Vortrag dieses durchaus »wissenschaftlichen« Werkes aber doch überall sein persönliches Erlebnis an: nur tiefst erlittene Bücher haben solchen unvergeßlichen Klang. Einen merkwürdigen Weg ist Redlich gegangen. Er ging als Jüngling zunächst zur Wissenschaft; der Schüler Maurenbrechers in Leipzig, Dietrich Schäfers in Tübingen wollte das Wesen des modernen Staates erkennen lernen. Aber bald fand er, daß, was die Wissenschaft ihn lehrte, doch nirgends mit der Wirklichkeit ganz stimmte: die Begriffe, vom Westen geholt, deckten sich mit der deutschen, mit der österreichischen Erfahrung nicht. Der junge Staatsrechtsforscher unterschied sich nun von seinen Staatsrechtslehrern dadurch, daß er den Einfall hatte, gerade diesen Hiatus zwischen den Staatsbegriffen und unseren Staatserfahrungen selber zu seinem Problem zu nehmen. Er beschloß, sich die Staatswirklichkeiten einmal näher anzusehen, von innen her, durch eigene Teilnahme. Um Politik verstehen zu lernen, schien es ihm das einfachste, selbst Politik zu machen. Die Schule mag ihm nicht leicht geworden sein: zehn Jahre Deutscher Nationalverband und dann noch drei Wochen Finanzminister! Aber sein Buch zeigt, daß es schon dafür stand. Und ob ihm nicht doch bestimmt ist, nachdem er nun aus der Erfahrung durch Anschauung zur Erkenntnis gelangt, erst recht noch einmal zur »Erfahrung« berufen zu werden, als einer jetzt, der erkannt hat und daraus handeln kann? . . . Wie reich ist mir der Segen dieses Monats, der mich zugleich mit Redlichs Buch und Werfels herrlichem »Spiegelmenschen« (Kurt Wolffs Verlag, München), dem österreichischen Faust, beglückt hat! Und dieser freut mich vor allem schon auch für meinen lieben Albert Heine so; denn von »Dies irae« über »Jakobs Traum« zum »Spiegelmenschen«, wahrhaftig, eine so gewaltige Klimax ist lange keinem Burgtheaterdirektor beschieden worden!

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