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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 113
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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15. Nov.

Josef Redlichs unvergleichliches Buch über »Das österreichische Staats- und Reichsproblem« (Der neue Geist, Verlag, Leipzig) läßt mich noch immer nicht los: welch schmerzliches Glück, unserm alten heiligen Oesterreich da noch einmal in sein brechendes Auge zu sehen! Die Bedeutung des erstaunlichen Werkes, das sich aus vergilbten Akten, Protokollen, Entwürfen einen spannenden Roman holt, liegt darin, daß es zunächst zeigt, wie die Lebensfrage, die die neue Zeit dem alten Reich stellt, nämlich, ob es ihm gelingen wird, dem überlieferten Zusammenhang so vieler, vorher nur durch die Willenskraft des Hauses Habsburg vereinter Völker und Stämme nun, da dem erstarkenden Bürgertum in der alten Form zu enge wird, einen neuen, allen diesen Völkern und Stämmen gerechten oder doch erträglichen Ausdruck zu geben, wie diese Lebensfrage nur ein einziges Mal überhaupt erkannt worden ist: auf dem Reichstag zu Kremsier, dessen Ideen fortan immer wiederkehren, so oft ein wirkliches Oesterreich versucht wird, aber auch immer durch die Bureaukratie, die nur über ein unwirkliches Oesterreich zu herrschen vermag, im letzten Augenblick noch wieder verhindert werden; daß es ferner zeigt, wie bei uns 1848 keineswegs das österreichische 1789, wofür es seine Führer hielten, sondern etwas wesentlich Neues, nämlich eine nationale Bewegung, ja geradezu die Geburt des Nationalismus war; und daß es endlich zeigt, wie die »Reaktion« der fünfziger Jahre keineswegs, wofür man sie gemeinhin auszugeben pflegt, eine »Restauration«, sondern etwas seinem ganzen Wesen nach bisher in Oesterreich Unbekanntes, dem alten Oesterreich durchaus Fremdes, ja für Oesterreich Revolutionäres, nämlich eine »in ihren politischen und geistigen Elementen völlig neue Autokratie« ist, deren aus dem Geiste der Bureaukratie geborenes System: indem man ja sagt, nein zu tun, den Bedürfnissen und Forderungen der Völker niemals zu widersprechen, aber immer zuwiderhandeln und alles, was man nicht will, dadurch zu vereiteln, daß man es auszuführen übernimmt, aber durch die Art, in der man es ausführt, um allen Sinn und die gehoffte Wirkung bringt, noch bis in die letzten Tage Franz Josefs, der ja geradezu symbolischen Gestalt dieses konstitutionell persönlichen Regimes, durchgehalten und fortgewirkt hat. Daß in Kremsier, das einzige Mal, wo die Völker Oesterreichs ungestört und im Morgenlicht der jungen Freiheit noch vertrauensvoll einander ihr Herz, allerdings gar etwas reichlich, ausschütten konnten, der Weg nach Oesterreich gefunden war, auf den bis zuletzt noch, wer immer wirklich dahin wollte, stets wieder zurückkam, durch keinen Steinregen der Bureaukratie abgeschreckt, das wußte ich längst, selbst aus der verdrossenen Darstellung des ganz unösterreichischen, ja widerösterreichischen, allem »Großdeutschen« (»großdeutsch« hießen im Frankfurter Parlament die für Oesterreich gegen Preußen Gesinnten, die Rheinländer, die süddeutschen Demokraten, großdeutsch hieß also damals alles, was unsere heutigen Großdeutschen hassen; so sehr wandeln Worte mit der Zeit ab und werden sich untreu!) abholden Anton Springer geht das ja ganz deutlich hervor. Maria Theresia hätte gern die Länder Oesterreichs verstaatlicht: dies gelang nicht, sie hat sie nur bureaukratisiert. Daß Oesterreich, um seinen Völkern erträglich zu werden, also vor allem wieder debureaukratisiert werden mußte, das hat in Kremsier Palacky, der Austroslawist, zuerst bekannt, aber allmählich haben ihm darin, wenn auch zögernd, mißtrauisch und unwillig, dann doch auch die Deutschen zugestimmt; das besonders in den Alpenländern noch unversehrte Gefühl fürs eigene »Landl« und die Liebe zur »Gemeinde« halfen ihnen dabei. Nicht ohne geheime Sorgen freilich, denn sie wußten, daß die Frage doch schwieriger war, als jener biedere Tiroler meinte, der im Landtag fragte, wozu sie denn in Oesterreich erst noch einen Reichstag brauchten, da jedes Land schon selber am besten seine Sachen zu bestellen wisse, für alles übrige aber die »uralte Verbindung des Volkes durch die geheiligte Person des Monarchen« ausreichend sei; sie wußten, daß diese bloß persönliche Verbindung der Völker jetzt nicht mehr genügte, daß es jetzt galt, durchaus nun auch noch eine rechtliche zu schaffen, eine völkerrechtliche, durch gegenseitiges Zugeständnis und Einverständnis gesichert (so lange das Haus Habsburg noch die innere Kraft gehabt hatte, seine Völker ihre Gemeinschaft immer wieder an ungeheuren Schicksalen unmittelbar erleben zu lassen, so lange sie, am Wallenstein oder am Prinzen Eugenius, von jedermann mit Händen zu greifen war, war's unnötig, sie nun erst auch noch schwarz auf weiß zu haben: in eben dem Grad erst als das Haus Habsburg selber unsicher wird, wird eine Staatssicherung notwendig, das Gefühl seiner eigenen Schwäche macht Josef zum rabiaten Zentralisten). Also wenn der Kremsierer Entwurf noch immer das Problem nicht rein, nicht ohne Rest zu lösen wußte, so mahnt uns Redlich mit Recht, nicht zu »übersehen, daß das, was die Männer von Kremsier versuchten, . . . technisch politisch betrachtet, eine Aufgabe bedeutet, wie sie in der Geschichte bisher einzig nur hier gestellt worden war: nämlich die Aufgabe, ein aus vielen historischen Territorien und verschiedenen Völkern bestehendes, bisher durch den Machtwillen der Dynastie zusammengefaßtes Reich zu einer organischen Verbindung der Teile umzugestalten, den ›Staat‹ zu dekonzentrieren und zu dezentralisieren und ihn dabei doch zu erhalten, nämlich das Ganze dieser Länder als Großmacht nach außen und als Zentralgewalt im Innern unerschüttert in Funktion zu erhalten. Das Gegenteil: die Föderisierung freier Länder zu einem neuen Ganzen ist oft gelungen, ist überhaupt die einzige Form, in der seit dem XVII. Jahrhundert schöpferische Staats- und Großmachtbildung durch die Menschen westlicher Kultur sich als möglich erwiesen hat. Die völlig neue Aufgabe, die aber nun hier gestellt war, erforderte auch völlig neue politische und juristische Begriffe und Formen. Die Autonomie der Länder war davon nur die erste und wichtigste Konzeption.« Die ganze Verhandlung ging damals eigentlich nur zwischen Tschechen und Deutschen. Beide waren bereit, entgegenzukommen, aber auf verschiedene Art: die Tschechen waren als Autonomisten bereit, dem »Staat« entgegenzukommen, die Deutschen zentralistisch der Autonomie. Daran, daß die Deutschen nach Kremsier sich von der Bureaukratie wieder einfangen ließen und, statt von den freien Gemeinden aus über die Länder empor einen höchsten Ausdruck wirklicher Völkergemeinschaft zu wölben, in allen entscheidenden Augenblicken zuletzt doch niemals von der Verwechslung des Staates mit dem alten theresianisch-josefinisch-bureaukratischen starren Machtapparat loskommen konnten, daß sie niemals den liberalen Wahn vom »deutschen Charakter Oesterreichs« überwanden, daß darum der Kremsierer Entwurf bis in die letzten Stunden Oesterreichs »das einzige große politische Denkmal des gemeinsamen Willens zum Staate blieb, welches im kaiserlichen Oesterreich die Völker durch ihre Vertreter geschaffen haben«, daran zerbrach Oesterreich. Nun ist's erreicht, nun sind wir Böhmen und Ungarn los, wir sind allein, so herrlich allein! . . . Ueberraschend aber, ja verblüffend war mir, daß Redlich von 1848 den Nationalismus datiert. Draußen erscheint er 1806 zuerst, nach Jena, doch bloß als Notwehr gegen Napoleon, noch lange nicht aggressiv. Das Erwachen eines dankbar stolzen Gefühls für die besondere Sinnesart des eigenen Volkes, für das schlechtweg Einzige, Unnachahmliche, Unersetzliche, wie jedes einzelne Volk für sich in der Welt steht, seinen eigenen Segen und seinen eigenen Fluch mitbringt, den die anderen kaum ahnen, niemals verstehen können, und seines Schritts seinen unbetretenen Weg geht, für das Geheimnis, dessen Offenbarung die Geschichte jedes Volkes ist, danken wir Herdern; durch ihn ist auch, unter den ermutigenden Blicken Goethes, das Selbstgefühl der Tschechen erst erweckt worden. Aber erst wenn sich in dieses Gefühl des eigenen Wertes und der eigenen Sendung noch Anmaßung, das Verlangen, nicht bloß anders als irgendein anderes Volk, sondern besser als alle, mehr als sie, ja zum Führer der anderen, zum Herrn über sie bestimmt zu sein, und der Drang, sich über das ihm geschichtlich überlieferte Maß auszustrecken, mischt, erst dann wird es zum Nationalismus. Redlich zeigt nun, wie Kaiser Josef durch seinen Versuch, das alte Völkerreich in einen »deutschen Obrigkeitsstaat« zu verwandeln, das Selbstgefühl der Ungarn und Tschechen aufscheucht, das bei Kroaten und Slowenen sich an Napoleons Illyrischem Reich, bei den Serben an Karageorgs Heldenkämpfen gegen die Türken entzündet. Noch greift es damals nirgends an, hält sich zunächst im Kulturellen, am liebsten bei den alten Sprachschätzen der Nationen, bleibt auch zunächst im engen Kreise der »gebildeten« Oberschicht; das ist das romantische Zeitalter des Nationalgefühls. Erst allmählich, unter dem Druck längst unterirdischer drohender, durch die wirtschaftlichen Stoßkräfte des Bürgertums angeschwollener Spannungen, streckt es die Hörner vor und kaum hat es sein Recht verlangt, verlangt es auch schon ein Vorrecht, kaum weiß es sich frei, will es im nächsten Atemzug schon die Freiheit zur Bewältigung der anderen mißbrauchen: der Drang nach nationaler Selbstbestimmung schlägt sogleich nach nationaler Expansion und damit in nationale Herrschaft um, ganz wie das Bürgertum, eben noch selber des Adels Knecht, beim nächsten Augenblick den Arbeiter zu knechten unternimmt. 1848 holt unser Bürgertum nicht bloß, sich erhebend, 1789 nach, sondern es schießt sogleich, sich überhebend, auf die noch gar nicht errungene Freiheit halb schon wieder verzichtend, darüber hinaus und schießt auf die Macht, die Staatsmacht los; eben noch demokratisch maskiert, entblößt es sich nationalistisch. In Frankfurt hatte der Freiherr von Andrian, vom niederösterreichischen Landtag ins Vorparlament entsendet, eben noch feierlich verlangt, »daß der Ausschuß die Garantie der nichtdeutschen im Deutschen Bund befindlichen Nationalitäten als eine der vornehmsten Aufgaben der Versammlung erkläre«, als schon in einer der ersten Sitzungen sich alles voll Aufregung »ob der drohenden slavischen Gefahr« zeigt und bald darauf Giskra das Lob des Fürsten Windischgraetz singt, weil der den Prager Juniaufstand niederkartätscht. Die Deutschen, deren Bürgertum dem der anderen österreichischen Völker an Entwicklung voraus ist, machen die Wendung von Revolutionären in Nationalisten zuerst, aber man kann nicht sagen, daß sich die anderen spotten lassen, bald ist's ein Wettrennen und so ward Oesterreich eingerannt. Aber auch heute noch, nachdem Oesterreich zersunken, behält der Nationalismus überall sein doppeltes Gesicht: ein sanftes, um Schutz flehendes, das gleiche Recht aller Völker ansprechendes, solang die Nation schwach ist, und ein grimmig grausames, Herrschaft heischendes, sobald sie sich stark fühlt. Dadurch aber, daß Redlich nun den nationalistischen Charakter von 1848, seinen Zusammenhang mit den Gedanken des XVIII. Jahrhunderts von angebornen Rechten des Individuums, welche Gedanken der Nationalismus einfach vom Individuum auf die Nation überträgt, und den Nationalismus als »die unausweichliche Konsequenz der Grundideen von 1789« gezeigt hat, ist eine Geistesgeschichte des Nationalismus, dieser Inversion der Revolution, durch die diese zuletzt überall sich selber wieder auffrißt, erst möglich geworden. Und eben von hier aus erblicken wir nun auch die »Reaktion« der fünfziger Jahre zum erstenmal recht, in der zwei Gewaltsamkeiten einander begegnen: die des Bureaukraten der des Nationalisten. Diese Reaktion ist durchaus nicht, wofür man sie stets ausgibt, eine »Restauration des alten Habsburgischen Herrschertums«, sondern mit ihr beginnt in Oesterreich etwas ganz neues: ein »durchaus persönliches Regime«, die »Epoche der völlig ungehemmten kaiserlichen Machtpolitik«, die Verbindung des zentralistischen Absolutismus im Innern mit »einer ausgesprochen dynastischen Prestigepolitik nach außen«. Für meine Generation, die zwischen 1860 und 1880 Geborenen, ist es ein Verhängnis gewesen, daß wir, noch unmittelbar unter den Nachwirkungen dieses säbelrasselnden Schreiberschreckensregiments aufwachsend, von Eltern und Lehrern verleitet wurden, es für »das alte Oesterreich« anzusehen, von dem doch dieses allerneueste wahrhaftig nicht einen einzigen Zug hatte, sondern nur zuweilen die Grimasse. Das hat die meisten von uns blind für Oesterreich gemacht, auf Lebenszeit blind für jede österreichische Wirklichkeit, ja manchen blind für alle Wirklichkeit überhaupt, für den bloßen Begriff von Wirklichkeit, dafür, daß es in der Welt so was wie Wirklichkeit überhaupt geben könnte! Denn von aller Wirklichkeit abzusehen, wegzusehen, sie gar nicht zuzugeben, geschweige zuzulassen, einzulassen, niemals auch nur zu vermuten, daß etwas, was nicht in den Akten war, dennoch vielleicht vorhanden sein könnte, diesen grandios absurden Versuch einer Weltschöpfung auf kaiserlichen Befehl unternimmt das Ministerium Bach. Das Bürgertum antwortet später mit den »Gründerjahren« darauf, geradewegs einer Parodie davon, in der dann ganz ebenso plötzlich über Nacht von ein paar genialen Journalisten eine neue Gesellschaft, ein neues Wien »ernannt« wird wie früher von Bach ein neuer Staat, ein neues Oesterreich. Wir haben von klein auf nur in Fiktionen, von Fiktionen, für Fiktionen gelebt und wenn einer unter uns einmal die Dreistigkeit hatte, sich zu fragen, ob sich nicht immerhin doch auch etwas denken ließe, was keine Fiktion wäre, vor solchem Verrückten wurden wir dringend gewarnt. Das Ministerium Bach war freilich, als meine Generation erschien, schon durch die Niederlagen von Magenta und Solferino weggeblasen, es war ja doch nur durch eine versteckte Wirklichkeit hinter sich überhaupt möglich, aber so konsequent gewesen, auch diese: das Heer Radetzkys verkommen zu lassen. Aber jenes »Ministerium lauter Premiers« hatte doch im Grund eigentlich gar nicht regiert, es war nur eine Fassade von Ideen. Oesterreich hatte sich umgekehrt: in seinen großen Zeiten war's Habsburg, dessen Idee herrschte, während Beamten die Durchführung überlassen blieb; jetzt war's der Kaiser, mit dem brennenden Ehrgeiz, »sein eigener Ministerpräsident zu sein«, der alles selber durchzuführen und eigenhändig auszuführen recht eigentlich für sein Amt hielt und sich nur die Ideen dazu von den Ministern supplieren, soufflieren ließ. Minima non curat praetor, heißt's, aber Franz Josef ist gar kein praetor gewesen, gerade nur auf die minima verstand er sich am liebsten, bis so sein ganzes Land selber eines Tages nur noch ein Minimum war.

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