Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Bahr >

Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 106
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100315
modified20171128
projectid5f145b65
Schließen

Navigation:

28. Oktober

Der Kunstverlag Anton Schroll in Wien bringt jetzt den ganzen Anzengruber in fünfzehn Bänden, unter Mitwirkung seines Sohnes, herausgegeben von Dr. Rudolf Latzke und Dr. Otto Rommel. Zunächst sind zwei Bände »Dorfgeschichten«, ein Band »Vorstadtgeschichten« und, zum erstenmal, der »Dramatische Nachlaß« (enthaltend »Die schauderliche Blunzen«, »Der Reformtürk«, »Die Libelle«, »Der Sackpfeifer«, »Soloszene«, »Glacehandschuh und Schurzfell«, »Ein Geschworner«, »Der ewige Jud« und »In der Theaterkanzlei«) und ein Band Aphorismen, den Otto Rommel, etwas herausfordernd, »Gott und Welt« nennt, erschienen. Rommel sieht in diesen Aphorismen »ein erschütterndes Ringen eines furchtlosen Denkers mit den großen Problemen«, er findet sie »nicht nur für Anzengruber selbst, sondern für die ganze Zeit charakteristisch«; und er wiederholt dann nochmals: »sie zeigen Anzengruber durchaus auf der Höhe der Zeitbildung«. Wenn das stimmt, welch eine Zeit muß das gewesen sein! Denn es ist das »Ringen« eines an unverdautem Haeckel würgenden Dorfschullehrers, der auch nur wo die »Probleme« liegen, nicht einmal ahnt. Anzengruber war um fünf Jahre älter als Nietzsche, beide traten im selben Jahr ab: 1889 wurde Nietzsche wahnsinnig und Anzengruber starb. Nun aber sich vorzustellen, daß in der Epoche der »Unzeitgemäßen« und Zarathustras ein deutscher Dichter noch solchen Kehricht einer »Aufklärung« für Handlungsreisende wiederkäuen konnte, daß eine, wenn auch rohe, doch zuweilen bis in die letzten Tiefen tragischer Schauder langende Kraft, ja daß die schönste, reinste Menschlichkeit sich wohlgemut mit solchem Ungeist verträgt, das hat etwas geradezu Phantastisches. Dankenswert ist der dramatische Nachlaß, hier sehen wir Anzengruber sozusagen in seinem Urzustand. Er nahm in unserem Land, das den homerisch gewaltigen, uhlandisch schlichten, eichendorffisch innigen Stelzhamer ja bis auf den heutigen Tag noch immer nicht kennt, geschweige denn erkennt, die letzten vierzig Jahre hindurch die Stelle des Volksdichters ein. Der Nachlaßband zeigt, wohin ihn sein eigener Instinkt wies: er hatte zunächst keinen höheren Ehrgeiz als das Werk der Berla, Kaiser, Elmar, Anton Langer, O. F. Berg fortzusetzen. Auch die hießen damals Volksdichter; für den Wiener jener Zeit war nämlich »Volk«, was in der Vorstadt wohnt. Wie Daniel Spitzer einmal den braven Ludwig August Frankl den »Dichter der inneren Stadt« genannt hat, so können die von O. F. Berg bis Anzengruber für »Volksdichter« gelten; ihr letzter Nachfahr war noch Costa, Bäuerle mit seinem »Staberl« ist der Ahn gewesen (Raimund wie Nestroy schlugen von Anfang an ganz aus der Art). Aber Anzengruber, sobald er sich in der überlieferten Weise nur erst halbwegs fest fühlt, das Technische los hat und den Apparat handhaben lernt, ragt freilich aus dem Kreise sogleich gewaltig empor, ja zuweilen fast bis ins Sublime, soweit dieses der Vorstadt erreichbar ist. Bei demselben angeborenen sicheren Theatersinn, derselben nach jeder Wirkung, ohne lange zu wählen, zufahrenden, fest anpackenden Faust, der richtigen »Theaterpratzen«, derselben blühenden, von keiner Ueberlegung gestörten Lust an theatermäßigen Verkürzungen, Ueberzeichnungen, Unterstreichungen, wenn's nur zuletzt gehörig kracht, hat er überdies einen ungewöhnlichen Blick für die Geheimnisse kleiner Menschen, ihre versteckten Zärtlichkeiten wie ihre verschämten Ruchlosigkeiten, er weiß mehr von ihnen, als sich ihrer einer sonst einzugestehen wagt, und wenn er anfangs die hergebrachte Form einfach übernimmt, lernt er sie bald bewußt, ja mit einem ganz unwienerischen Raffinement gebrauchen. Dr. Rommel hat ganz recht, wenn er »Glacehandschuh und Schurzfell« mit dem »Hüttenbesitzer« vergleicht: den ganzen Anzengruber legt er, stellt er damit zum erstenmal bloß. Denn nicht nur im Thema berührt sich Anzengruber hier mit Georges Ohnet und nicht nur hier berührt er sich mit Georges Ohnet, sondern sie sind von Grund aus, die beiden sind wesentlich verwandt, darin nämlich, daß sie beide sich ungetrübt die naive Kraft durch Bildung unangefochtener einfacher Menschen bewahrt haben, die Kraft, überall im Leben fortwährend die »großen Szenen« zu sehen: der Ungebildete sieht nichts als große Szenen im Leben, der »Gebildete« sieht sie nirgends und erst auf der Höhe Calderons und Shakespeares sieht man sie wieder. Den eigentümlichen Reiz Anzengrubers macht es nun aus, daß immer unentschieden bleibt, ob er die großen Szenen mit den Augen der Vorstadt oder Shakespeares sieht, wie man denn im »Vierten Gebot« nie genau weiß, ob man eigentlich in einem Kolportageroman ist oder auf der Heide Lears. Ich taumle seit vierzig Jahren zwischen Bewunderung für ihn und Erbitterung gegen ihn hin und her. Einen so großen Theatraliker hatten wir in Oesterreich nie, neben ihm wirkt Grillparzer anämisch. Schlägt er aber sein Theater unter Bauern auf, wird's mir, der sie kennt, fürchterlich: seine sind nicht einmal Weinbauern vor der »Linie«, sondern was er da vor uns auf einem kitschigen Almhintergrund in einer höchstens allenfalls auf Salontirolerkränzchen erlauschten Mundart herumhopsen läßt, ist nur vom Brillantengrund alpin. Und ich frage mich z. B. im »G'wissenswurm« immer wieder, ob es denn (ich weiß, das Wort klingt komisch, aber es drückt eben doch ganz genau meine Empfindung aus) »erlaubt« ist, Gestalten von der nestroyschen Kraft des Düsterer, Szenen von der goldonischen Verve des letzten Aktes in ein Kostüm zu stecken, mit dem sie durchaus unverträglich sind. Natürlich würde der Knieriem auch meinetwegen in der Tracht eines gorkischen Barfüßlers nicht weniger wirken, aber irgend eine künstlerische Sittlichkeit fragt da doch wieder tief in mir: Darf man denn das? Und gerade weil Anzengruber nach dieser künstlerischen Sittlichkeit nicht fragte, auf sie nicht hörte, gerade darum ist er für den »Pfarrer von Kirchfeld« zum großen Volksdichter ausgerufen worden. Er hatte freilich auch das Glück, zurecht zu kommen: in Wien war damals ein großer Dichter gerade fällig. Eine neue Gesellschaft, eben emporgekommen, die von ihrem Geld nun aber auch etwas haben, ihre Macht zeigen, der alten gleichen oder doch ähneln wollte, hatte, kaum eilends trocken geworden, das dringende Bedürfnis, sich vor allem jetzt aber auch geistig zu möblieren. Und so wird vom Anfang der sechziger Jahre bis Ende der siebziger über Nacht ein neues Wien improvisiert. Die Geschichte dieses höchst erfinderisch betriebenen Unternehmens ist noch nicht geschrieben. Es hat den größten Reiz, wie da, wenn auch unauffällig und eines offenbar nicht ganz guten Gewissens, ein großes Bürgertum, das es noch gar nicht gibt oder das jedenfalls zunächst noch lange nicht groß ist, eine westliche Stadt, ein Paris des Ostens auf einmal fertig geliefert, mit allem Zubehör ausgestattet und ihm jede der charakteristischen Figuren, die der Aufwand einer Großstadt braucht, beigestellt werden soll. Ich vermute, daß die Potemkins dieses raschen Zaubers hauptsächlich in der Redaktion der eben damals gegründeten »Neuen Freien Presse« saßen. Und vielleicht hat ihr stärkster, ihr fruchtbarster Geist, der ruhelose Michael Etienne, von dessen genialischer Ungeduld noch ein letzter Hauch auf Moritz Benedikt lag, vielleicht hat dieser halbe Franzose dabei ganz bewußt an das Julikönigtum gedacht und sich selber als den Balzac dieses neuen Wien gefühlt, aber als einen noch weit höheren Balzac, einen nämlich, dem die Wahrheit der Kunst nicht genügt, sondern der gleich unmittelbare Wirklichkeit selber schafft. Die besten Gehilfen an dieser Ernennung einer neuen Stadt waren ihm Speidel und Hanslick. Speidel hatte sich dazu sogar ein eigenes Laboratorium angelegt, in dem mancher Wiener Homunkulus gebraut worden ist. Das war das berühmte Winterbierhaus in dem Gäßchen zwischen Tuchlauben und Wildbretmarkt. Dort ist manches gute Glas Schwechater weit über den Durst getrunken worden: bloß aus Ehrgeiz, weil, wer nur lange genug zechend dort durchhielt, dafür hoffen durfte, doch schließlich eines schönen Tags in einem Feuilleton berühmt aufzuwachen. Speidel sah sich seine Leute sehr gut an. Er war auch ein künstlerisch viel zu rechtlicher Mann, um Unwürdiges je gelten zu lassen. Aber Würdige, deren Begabung ihm gewiß schien, mit seiner gewaltigen Hand gelegentlich dann leise noch ein bißchen über ihre Begabung emporzuheben, emporzuschnellen, hielt er, da nun doch einmal die Hauptsache war, die neue Gesellschaft möglichst rasch mit allem Nötigen, auch in der Kunst, zu versorgen, nicht bloß für erlaubt, sondern die Not der Zeit gebot es ihm eigentlich geradezu: vor allem war damals zunächst das große Spiel des neuen Wien, dessen letzter Trumpf dann der Makart-Festzug war, einmal in Gang zu bringen, das ging nicht ohne mancherlei »Notbesetzungen« ab. Diese »Notbesetzungen« werden in jener erst noch zu schreibenden Geschichte der »Gründerzeit« ein eigenes Kapitel sein: so gleich Makart selbst, den übrigens jetzt wir noch ärger unterschätzen als er damals überschätzt worden ist, auch Brahms, gar aber der Bildhauer Natter. Und der Stammtisch im Winterbierhaus bekam ja bald Junge. Noch bis in die neunziger Jahre hinein erhielten sie sich. Und so wird bei Gelegenheit auch erst einmal, vielleicht anläßlich dieser höchst dankenswerten Ausgabe Schrolls, zu revidieren sein, wieviel von Anzengrubers Ruhm sein gutes Eigentum ist und wieviel auch davon bloß Stammtischlerei.

 << Kapitel 105  Kapitel 107 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.