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Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 104
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100315
modified20171128
projectid5f145b65
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20. Oktober

Hier in Salzburg hat heuer ein Student den Sommer über tagaus tagein Steine geklopft und sich von der Löhnung so viel erspart, daß er nun den Winter in Wien vielleicht doch vor dem Hungertod bewahrt zu bleiben hofft. Student als Steinklopfer, es hat etwas Heroisches, aber ich weiß nicht, ob das Beispiel viele locken wird. Wahrscheinlicher ist, daß die Studentenschaft ausstirbt; die höhere Bildung, im alten Oesterreich wirklich auch dem Aermsten zugänglich, wird in dieser herrlichen Republik bald nur noch ein Vorrecht von Schieberjünglingen sein. Auch in Deutschland scheint dies der Sinn der Demokratie. Doch dort sieht man der ungeheuren Schmach wenigstens nicht mit unserer fatalistischen Ergebung zu, dort versucht man doch, sich zu wehren. Eduard Meyer, der Rektor der Berliner Universität, schickt mir im Auftrage des »Kuratoriums der Studentenhilfe« einen von den Rektoren der sieben Berliner Hochschulen, von Haenisch, dem Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, und von allerhand guten Namen gezeichneten »Aufruf« zu, der zur öffentlichen Kenntnis bringt, daß zurzeit Tausende von Berliner Studenten nur einmal wöchentlich ein warmes Essen haben, daß viele längst nicht mehr wohnen, nirgends wohnen, sondern den Tag in allgemeinen Räumen, Hörsälen oder Bibliotheken, die Nacht auf den Bahnhöfen verbringen und daß es diesen, kaum einmal in der Woche warm essenden, nirgends wohnenden, unstet durch die Stadt streichenden, zerlumpten, frierenden Studenten natürlich auch durchaus an Büchern fehlt (die sich ja selbst die Lehrer kaum mehr beschaffen können; der Wucher der Sortimenter wäre noch ein eigenes Kapitel). Es ist ein erschütterndes, herzzerreißendes Bild! Wie herrlich hat's dagegen doch der Bettelstudent der alten Zeit gehabt! »Studio auf seiner Reis, jupheidi, jupheida!«, fast mythisch klingt uns heut das Studentenlied! Das Jupheidi verscholl, die Studentenschaft wird zum Lumpenproletariat, in eben der Zeit, da, sinnlos anschwellend, ein lärmendes Heer von feisten Beamten in Prachtautos durchs ausgesogene Land gröhlt. Daß aus den Burschenschaften noch keine Räuberbanden wurden, ist nur wieder einmal ein Beweis der deutschen Schafsgeduld, aus der allein es auch erklärlich wird, warum Leute, schamlos genug, während Studenten verhungern, drei Stunden Puccini mit vierhundert Kronen zu bezahlen, doch noch immer nicht erschlagen werden.

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