Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Bahr >

Kritik der Gegenwart

Hermann Bahr: Kritik der Gegenwart - Kapitel 10
Quellenangabe
typediary
authorHermann Bahr
titleKritik der Gegenwart
publisherHaas & Grabherr Verlag
addressAugsburg
year1922
firstpub1922
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100315
modified20171128
projectid5f145b65
Schließen

Navigation:

26. Dez.

»Mein Freund, die Menschen so zu lieben, wie sie sind, ist unmöglich. Und doch soll man es nun einmal. Deshalb verbeiße deine Gefühle, wenn du ihnen Gutes tun willst, halte dir die Nase zu und schließe die Augen.« Dostojewski im »Jüngling« (Siebenter Band der sämtlichen Werke in der deutschen Ausgabe von Moeller van den Brück unter Mitarbeit Mereschkowskis, bei R. Piper in München). Ich kannte diesen Roman Dostojewskis noch nicht, der zwischen den »Dämonen« und dem »Karamasow« steht, künstlerisch jenen näher, weil er wie sie so viel zu sagen hat, daß im Gedränge die Handlung noch fast erdrückt und ein einziger ungeheurer Monolog daraus wird; aber man sieht hier den Urstoff zu den Karamasow, man sieht sie gleichsam entstehen. Und ich empfinde dabei wieder so stark, was man mir immer nicht glauben will, daß alle diese vermeintlich so stockrussischen Probleme Dostojewskis die Grundfragen des ganzen Abendlands sind, es geht in seinen Romanen immer um uns, um das Schicksal Europas, und zu jeder Stelle Dostojewski vermesse ich mich, Konkordanzen in den Wanderjahren, im zweiten »Faust« oder in der Farbenlehre, bei Balzac, bei Radowitz, Lagarde und Nietzsche, bei Hello und Barrès, bei Newman, Matthew Arnold und Chesterton zu finden: wir stehen alle, wenn auch gegeneinander, doch an demselben Werk! »Mein Gott, das ist ja für uns eben das wichtigste: gleichviel was für eine Ordnung«, wenn es nur endlich einmal eine selbstgeschaffene Ordnung ist, heißt's im »Jüngling«, und der eine Satz enthält doch eigentlich den ganzen Lagarde, enthält alle »wahrhaft deutsche« Politik, enthält alles, was jetzt wieder Keyserling verkündet, ganz wie, fast mit denselben Worten, die rührende Märchengestalt Peguys es den Franzosen verkündet hat, und was sonst meint denn Gundolfs Goethe mit seinem Drängen aufs »Urerlebnis«? Aber auch der innere Verlauf Deutschlands seit 1890 wird schon im »Jüngling« (ohne Beziehung auf Deutschland) pragmatisch dargestellt: »Es ist nicht mehr der Nachschub von unten, der sich an die höhere Menschenschicht anschließt und mit ihr zusammenwächst, sondern umgekehrt, von der schönen und feststehenden Schicht bröckeln mit fröhlicher Eilfertigkeit Stückchen und Klümpchen ab und scharen sich in einen Haufen mit den Vertretern der Unordnung und des Neides.« Daraus zieht Dostojewski dann seinen Begriff der »zufälligen Familie«, im Gegensatz zur traditionell erwachsenen. Dies ist ein noch lange nicht in seiner ganzen Fruchtbarkeit erkannter Begriff. Aus »zufälligen« Familien entstanden »zufällige« Völker, bis schließlich die Menschheit Europas »zufällig« wurde: das haben wir erlebt. Und jetzt müssen wir zeigen, wer von uns etwa noch die Kraft hat, aus dem Zufälligen wieder ins Notwendige zurückzufinden. Ist in Europa noch ein Volk, das sich wieder auf das Geheimnis seines eingebornen inneren Wachsens zu besinnen weiß?

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.