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Gutenberg > Helene Böhlau >

Kristine

Helene Böhlau: Kristine - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleKristine
authorHelene Böhlau
year1929
firstpub1929
publisherHermann Böhlaus Nachfolger
addressWeimar
titleKristine
pages291
created20100905
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Kapitel

Herr und Frau Professor Henneberg lebten so, wie es nicht anders zu erwarten stand, machten ihre Visiten, wurden eingeladen und gaben hin und wieder ein vortreffliches Diner, taten alles, was mit der allgemeinen Meinung in vollkommenem Einklang stand, waren in jeder Beziehung musterhaft vornehm, unauffällig und gediegen. – Sie hätten auf einer Ausstellung, welche die Entwickelung der Menschheit vom rohen Wilden bis zur kultiviertesten, zivilisiertesten Menschenspezies zu zeigen sich die Aufgabe gestellt hätte, diese letzte Stufe samt ihrer Villa mit gutem Gewissen vertreten können und wären sicher gewesen, von der strengsten Jury einstimmig prämiiert zu werden.

Alles war in bester Ordnung.

Trotz alledem aber sollte auch hier in der Villa ein Ereignis eintreten, das den Frieden stören mußte. Das erste Kind wurde erwartet.

Alles war auch in dieser Zeit durchaus comme il faut, die Toiletten wie die Erscheinung der jungen Frau, die Einteilung ihres Tages, ihre Ausfahrten und Spaziergänge, ihre Diät, ihre Beschäftigungen, der Trousseau des künftigen Weltbürgers, alles und jedes. Professor Henneberg verzieh seiner Frau gern eine mehr oder weniger leichte Gereiztheit, die hin und wieder hervorbrach und die er verständnisvoll ihrem Zustand zuschrieb und als völlig in der Ordnung empfand. – Man muß der Natur ihre Rechte belassen, oder: alles verstehen heißt alles verzeihen.

121 Er war vollkommen damit einverstanden, daß seine Frau Mutter und Schwester zu dieser Zeit erwartete, weniger, daß auch sein Schwiegervater, mit dem er sich nicht besonders stand, die beiden begleitete, ein kränklicher Mensch, der hier in Jena einen Spezialisten konsultieren wollte. Die Mutter sollte im Hause der Tochter wohnen – für Vater und Schwester war eine Wohnung in einem nahen Hause gemietet worden. – So war alles zum Empfang der Gäste geordnet; und als der Tag kam, der die Erwarteten bringen sollte, machte sich Herr Professor Henneberg auf, seine Verwandten auf dem Bahnhof zu empfangen. Er verabschiedete sich von seiner Frau und drückte ihr einen Kuß auf die Stirn.

 

Als die Verwandten Professor Hennebergs sich anschickten, das Kupee zu verlassen, half er seiner Schwiegermutter höflich und herzlich beim Aussteigen und drückte ihr einen Kuß auf die Hand.

»Und Olga? Olga?«, fragte diese bestürzt, »warum ist sie nicht hier? sie ist doch wohl?«

»Vollkommen – ausgezeichnet. – Wir sind augenblicklich bei ihr.«

Jetzt begrüßte er seine Schwägerin Kristine und seinen Schwiegervater, der sich auf Kristine stützte.

»Du bist etwas von der Reise ermüdet, lieber Papa,« sagte Professor Henneberg, »nun, das wird sich hier in der schönen Luft bald geben.« So führte er die Gäste seinem Wagen zu, sah mit Wohlgefallen auf die Schwägerin, die sich, seit er sie nicht gesehen, vom wilden Kinde zum jungen Mädchen entwickelt hatte, begrüßte Ahrensees Reisegefährtin, Mathilde Swensen, die sich in Wiedersehensfreude in die Arme einer mageren, gelben, kleinen Dame gestürzt hatte, an deren Kleiderrock ein schreiender, dickköpfiger Junge hing, dem die Strümpfe von den Beinen gerutscht waren.

122 Nachdem die beiden Damen nach der freudigen Umarmung Luft geschöpft hatten, stürzte Mathilde Swensen, an der Hand ihrer Freundin, die den schreienden Jungen nachzog, mitten unter die Ahrensees.

»Das ist meine Freundin, Frau Professor Majunke, von der ich euch so viel gesprochen habe – und das sind meine Verwandten aus Finnland.«

Damit war die zwanglose freudige Vorstellung erledigt. Frau Ahrensee reichte Frau Professor Majunke ihre Hand, die ihrerseits diese Höflichkeit erwiderte und sich durchaus nicht dadurch bedrückt fühlte, daß ihre Hand in einem etwas fragwürdigen schwarzen Handschuh steckte, dessen Finger wie die Schalen von aufgesprungenen Bohnenschoten auseinanderklafften.

»Nun,« rief Frau Majunke laut, um ihren schreienden Sprößling zu übertäuben, »wir werden uns ja wohl öfters sehen, da Herr Gemahl und Fräulein Tochter in unserem Hause gemietet haben – ein altes Haus – aber oben bei Ihnen recht hübsch.«

Professor Henneberg hatte durch den Diener das Gepäck besorgen lassen, und es schien, als stände dem Weiterkommen jetzt nichts mehr im Wege – da stürzte ein Wesen, dem die braunen Haare zottig um den Kopf standen, dem der oberste Rockbund weit herabgerutscht war, so daß der Rock an der Seite schleifte und der unglücklichen Person bei jedem Schritt zwischen die Füße kam, auf die Gesellschaft zu. »Kind« – rief sie – »Kind! Mátuschka! Frau! Warten! – Laufen nicht! – Verloren gehen ich!« Den Regenschirm hatte sie an der Spitze gefaßt und fuchtelte mit dem Griff in der Luft herum.

»Wer ist denn das?« fragte Professor Henneberg, »gehört die zu euch?«

»Das ist ja Annuschka«, sagte Kristine und war dabei, das 123 außer sich geratene Geschöpf zu besänftigen. Sie band ihr den Rockbund hinauf und kehrte ihr den Regenschirm um. »Geh uns nach,« sagte sie, »wir laufen nicht davon.«

»Das ist ja ein fürchterliches Wesen«, bemerkte der Professor.

»Sie wollte durchaus mit, es war nichts mit ihr zu machen, sie wäre zugrunde gegangen, hätten wir sie nicht mitgenommen«, antwortete ihm Frau Ahrensee etwas verlegen.

»Annuschka ist nur von der Reise so auseinander gekommen«, ergänzte Kristine.

»Eine allerliebste Kammerfrau, das muß ich sagen!«

Professor Henneberg war es unbehaglich zumute.

»Ich muß gestehen, daß mir, wie die Dinge augenblicklich liegen, das einigermaßen bedenklich erscheint: ich möchte die aufgeregte Person meiner Frau jetzt nicht unter die Augen bringen.«

»Annuschka wohnt bei uns«, sagte Kristine.

»Mein Gott,« rief Frau Ahrensee, »glaubst du, daß Olga das schaden könnte? Was sollen wir tun? Wir sind an Annuschka so gewöhnt, daß sie uns gar nicht mehr so sonderbar erscheint.«

In demselben Augenblick traten Mathilde und Frau Majunke Arm in Arm wieder aus dem Bahnhofsgebäude, Kristine ging auf sie zu, und es währte ein paar Augenblicke, da trabte Annuschka hastig kopfschüttelnd, von Kristine so weit beschwichtigt, den beiden Damen nach, die miteinander dem Städtchen zugingen.

Kristine faßte die Hand ihres Vaters, der ihr im Wagen gegenüber saß, mit beiden Händen und sah ihn an – und über ihr Gesicht zog ein fremder, tiefbewegter Zug.

»Olga wird sich wundern, wenn sie dich sieht, kleine 124 Schwägerin. – Was ist in so kurzer Zeit aus dem wilden Kinde geworden! Ihr seid gewohnt, sie zu sehen – euch fällt nichts auf. – Sie ist viel ruhiger geworden und hat gehalten, was sie versprach.«

»Sie ist viel ruhiger geworden –« klang Professor Hennebergs Stimme in Ahrensees Ohren nach – und wahrhaft, er mochte recht haben, ihre Heiterkeit schien ihm nicht mehr so sonnig wie früher zu sein – dachte er –, »das muß nun so ein Fremder eher bemerken als der eigene Vater.«

Jetzt hielt der Wagen. Sie gingen durch den Garten in das Haus, und oben an der Treppe stand Olga. Die Mutter schloß sie in die Arme, so zart, als wäre sie ein zerbrechliches Püppchen, sah ihr forschend, weinend und voller mütterlicher Liebe in die Augen, und küßte sie, hielt sie umfangen und wollte sie, wie es schien, niemandem gönnen.

Ein liebevoll besorgtes Leben entfaltete sich in der Villa. Aus der kleinen wohldressierten Frau war mit einemmal wieder das Kind zärtlicher Eltern geworden.

Mit einer gewissen Scheu betrachtete Frau Ahrensee die Tochter in ihrer untadelhaften Umgebung. Sie erschien ihr wie eine Meisterin in den Dingen, in denen sie selbst es nie zur Vollendung hatte bringen können. So behaglich es auch bei Ahrensees daheim zuging, so war immer etwas Urwüchsiges, Naives, Ländliches im Hause zu spüren.

Gegen Abend empfing Mathilde Swensen ihre Verwandten in der gemieteten Wohnung auf das angeregteste; sie schien im Wohlgefühl zu schwelgen. Hier wurde sie ganz verstanden! Ihre staubfarbene Taille war ausgefüllter als je, saß rund und prall und schlug nirgends ein Fältchen. An der Brust steckte ihr ein Blumenstrauß; ihr Atem duftete nach allerlei Süßem, nach Torte und Wein: sie war schon in der Eile gefeiert worden. – »Was sind die Majunkes für herrliche Menschen!« – rief sie. Annuschka hatte sie auch 125 mitgebracht, die lehnte wie betäubt in dem großen dreifenstrigen Salon, der mit seinen steifen Mahagonimöbeln einen ehrbaren altbürgerlichen Eindruck machte. Er war dämmerig und tief, war ein Raum, dem man anfühlte, daß er viel Leben schon umschlossen hatte; durch die Decke zog sich ein gewaltiger Balken.

Heinrich Ahrensee schien sein neuer Aufenthalt zu interessieren, er ging auf und nieder, beschaute sich die Stahl- und Kupferstiche, die altväterischen, frisch aufpolierten, paradierenden Möbel.

Währenddem stand Annuschka noch immer steif und unbeweglich.

Kristine, die inzwischen die andern Zimmer sich angesehen hatte, sagte, als ihr die steife Annuschka jetzt auffiel:

»Das Reisen hat jetzt ein Ende.«

Annuschka schüttelte ungläubig den Kopf.

»Denke nur an die Koffer, an nichts weiter. – Pack aus.«

Mathilde lachte: »Da habt ihr euch wirklich einen Tanzbären aufgehalst. Onkel, warum bist du eigentlich nicht energisch dagegen aufgetreten? – Es ist ja schrecklich.«

»Ich halte es für kein Unglück«, sagte Ahrensee ruhig.

»Nun, ein Unglück nicht gerade; aber eine Unannehmlichkeit.«

»Sie wird ihre Sache schon besorgen, laß sie und Kristine nur miteinander fertig werden. Mir ist Annuschka ganz recht, ein Stück Heimat!«

»Aber ein unkultiviertes.«

»Gottlob«, sagte Ahrensee. »Du weißt ja, ich bin auch unkultiviert.«

In diesem Augenblick erscholl die Treppe herauf ein gleichmäßiges Geschrei, kam näher und näher – tief, eintönig, klagend – ein Geschrei, dem wir in diesem Kapitel schon einmal begegnet sind.

126 »Bimm Bimm!« sagte Mathilde frohlockend, ging zur Tür, öffnete sie – das Geschrei drang gewaltig herein – und draußen stand Frau Majunke mit Bimm Bimm, der ihr am Rocke hing und diesen auf das straffste spannte, denn Bimm Bimm beabsichtigte offenbar, nicht näher zu treten.

Frau Majunke begrüßte mit einem süßen Lächeln Herrn Ahrensee und wendete dann ihre volle Aufmerksamkeit auf Mathilde: »Engelskind,« sagte sie zärtlich, »komm jetzt zu uns herunter. – Verzeihen Sie«, wendete sie sich höflich an Heinrich Ahrensee durch die Türspalte – weiter kam sie nicht, Bimm Bimm zog aus Leibeskräften am Rock.

»Ja, Teuerste, Beste, augenblicklich«, sagte Mathilde liebevoll und mit so warmem Herzenston, wie Heinrich Ahrensee ihn noch nicht von ihr vernommen hatte. Bald darauf waren Mathilde und Frau Majunke miteinander verschwunden. Das Geschrei entfernte sich, tief, eintönig und klagend. Schließlich hört man nur hin und wieder noch entfernt, einen langgezogenen Ton – und manchmal etwas – etwas ganz Eigentümliches – eine Art Geheul, nicht recht Erklärliches; aber dumpf, ganz dumpf.

Ahrensee ging in Gedanken auf und nieder. – Es war ihm nicht wohl, er fühlte sich erregt und abgespannt, die Reise hatte ihm nicht gut getan. Kristine stellte zwei brennende Lichter auf den Tisch, weil das Zimmer trotz der Lampe düster aussah, und wollte eben wieder geschäftig aus der Tür gehen.

»Bleib' doch hier«, sagte ihr Vater, und gleich darauf lag Kristinens blonder Kopf an seiner Brust.

»Einem alten Menschen wird das Reisen sauer, die Fremde ist nichts mehr für ihn. Wir wollen uns hier eine Heimatsecke machen – wir beide!«

»Ja,« sagte Kristine – »hätten wir nur unser Boot und 127 die See, und den Garten, und alles miteinander auch gleich hier.«

»Sing' mir etwas – sing' deine Kylliki.« –

Sie saßen miteinander auf dem steiflehnigen Sofa.

»Nun?« fragte Ahrensee. Kristine sah ihn mit großen, erschreckten Augen an.

»Deine alte Kylliki.«

»Etwas anderes –«

»Was du willst. Aber was hast du denn gegen die Kylliki?«

Kristine schüttelte den Kopf leicht und machte sich von ihrem Vater los – saß eine Weile ganz still. Mit einemmal begann sie ein Liedchen mit halber Stimme zu singen, fast flüsternd leise wie ein Vogel, der sich selbst in Schlaf singt.

»Was ist das?« fragte sie und brach mitten im Liede ab. Es hatte wieder dumpf und sonderbar lang anhaltend vielstimmig geheult. – »Da muß etwas geschehen sein«, sagte sie ängstlich. »Es ist schon öfters so gewesen. – Hast du's noch nicht gehört? Es klingt so angstvoll.« Und mit einemmal begann sie zu weinen, ihr ganzer Körper wurde von diesem Weinen durchzittert.

Ihr Vater zog sie an sich, hielt ihren Kopf zwischen seinen Händen, aber sie wendete sich von ihm ab.

»Was ist dir? Bist du müde? Hast du dich erschreckt?« fragte er bewegt. »Sei ruhig! Es ist ja nichts. Unten wohnt die sonderbare Person. Gott weiß, was sie treiben! – Es sind viele Kinder da – denke nur, wie der eine einzige schrie!«

»Jawohl«, erwiderte Kristine unter Tränen lächelnd. »Aber es klingt so angstvoll – so« – Kristine schüttelte den Kopf und verbarg das Gesicht in den Händen.

Da erscholl es eben wieder – dumpf und dröhnend – das Geheul kroch wie an den Wänden herauf – Türen 128 wurden geschlagen – Fenster geöffnet. Das Geheul klang jetzt aus den offenen Fenstern ins Freie – in die Nachtluft hinaus. Es schien vom Hof oder Garten herzukommen. Ein Trappen, Rufen, Treten auf der Treppe, eine befehlende Männerstimme, eine sehr hohe Stimme – das war Frau Majunkes Stimme – und wieder das Geheul. Es schien, als sollte Ahrensee gleich am ersten Abend in die Geheimnisse des Majunkeschen Hauses eingeweiht werden.

Jetzt kam Annuschka aus dem Nebenzimmer gestürzt, deutete mit beiden Händen auf die Diele und rief:

»Was ist das? Teifel unten – schreien Teifel! Kind nicht erschrecken. – Alles verrückt hier. Anders wie zu Haus. – Warum fort sein! – zu Hause sehr gut haben gewesen sein! Leute in Säcken zum Fenster herausgeschafft worden seind, – geschaut haben ich.«

»Geh, Annuschka«, sagte Ahrensee.

»Was! Kind weint?« rief Annuschka, laut und drohend, »Kind noch nie geweint haben, nur bei verfluchte Teifel, hier!«

In diesem Augenblick klopfte es äußerst sittsam an die Zimmertür.

Vor der Tür stand ein langer Junge von fünfzehn Jahren, schmächtig und gelb.

»Eine schöne Empfehlung von Mama und Papa,« sagte er verlegen, »und Sie möchten entschuldigen, wenn es nicht ganz ruhig war, aber wir werden gerettet.«

»Was werdet ihr?« frug Ahrensee.

Da schaute der Junge ihn verblüfft an und erwiderte, indem er die Augen fest auf seine Schuhspitzen bannte.

»Wir werden Sonnabends alle vierzehn Tage gerettet, oder alle vier Wochen, wegen dem Feuer, damit wir's einmal können.«

»Ich versteh's zwar nicht, aber das scheint ihr ja zu können«, 129 sagte Ahrensee. »Komm einmal her, Kristel, und sieh dir einen von den Schreihälsen an.«

Kristel stand schon neben ihm. Sie war bleich und sah müde aus.

Feste Schritte kamen eilig die Treppe herauf.

Mathilde Swensen war es.

»Ich wollte euch fragen, ob ihr einen Augenblick mit hinunter kämt, es ist zu interessant. Vor Majunkes braucht ihr euch nicht zu genieren, das sind die zwanglosesten Menschen, die man sich denken kann. Es werden unten Feuerwehrübungen gemacht. Das habt ihr auch noch nicht gesehen. Die Kinder sind noch alle auf.

Nicht wahr, Johannes, alter Junge?« fragte sie und legte um die Schulter des schmächtigen Knaben ihren prallen staubfarbenen Arm.

»Aber bitte, kommt, gerade werden wieder welche im Sack aus dem Fenster gelassen!«

Mathilde Swensen war auf das jugendlichste eifrig im Gegensatz zu dem schmächtigen Johannes, der die ganze Geschichte trübselig aufzufassen schien.

Mathilde ruhte nicht, bis Ahrensee und Kristine mit ihr gingen.

Ihnen nach schlüpfte Annuschka, geräuschlos und geduckt wie eine schwarze Katze.

Es war ein gehöriger Lärm, und bei jeder Stufe, die sie hinabstiegen, versanken sie gewissermaßen tiefer darin.

Als sie unten angekommen waren, befanden sie sich in einem Wirbel von Stimmen und Gepolter. Alle Türen standen auf.

Alles lief durcheinander, und sie waren, ehe sie es sich versahen, in einem großen düstern Zimmer angelangt, in dem es hin und her huschte, in dem geschrien und gerufen wurde, wie jedenfalls in allen andern Zimmern bei Majunkes auch.

130 Von der Decke herab hing die Urform einer einfachen Blechhängelampe, die ein sehr mäßiges, verräuchertes Licht um sich her verbreitete. Eine ganze Anzahl von schmalen Betten stand in diesem Raum, hölzerne und eiserne.

Die Bettücher waren in Unordnung geraten, hingen und zipfelten an allen Ecken und sahen nichts weniger als blütenweiß aus. Mit den mißfarbigen Bettdecken schienen sich die Majunkeschen Kinder geworfen zu haben.

Mathilde führte die Gäste in das Wohnzimmer; mitten darin stand Herr Professor Majunke in Hemdärmeln, eifrig beschäftigt, einen Knaben in einen Sack zu stecken, drei andere Sprößlinge hielten den Sack offen, nach Herzenslust Rufe, Schreie und Töne aller Art ausstoßend. Der Sack war an einer Leine befestigt und wurde mitsamt seinem Insassen auf das Fensterbrett gehoben und von da in den Garten, nicht allzuhoch, herabgelassen. Indessen stürzten welche von den Rangen mit Blitzesschnelle die Treppe hinab, um den aus dem Fenster Beförderten unten in Empfang zu nehmen.

Jetzt erst begrüßten Herr und Frau Professor Majunke noch ganz erhitzt die Eintretenden.

Frau Majunke sagte artig: »Wissen Sie, mein Mann hat so großes Interesse an der Feuerwehr, deshalb!«

Diesmal hing Bimm Bimm nicht wie gewöhnlich am Rocke seiner Mutter und brüllte; es stand aber etwas Unbestimmtes, Unbegreifliches mitten im Zimmer und tat das, was Bimm Bimm unter allen Verhältnissen tun mußte, dies Unbestimmbare, Unbegreifliche brüllte, und zwar ganz in Bimm Bimms Manier.

Es war ein Sack, der in Hosenbeine verlief, das heißt, in zwei von allen Seiten geschlossene Säcke, in denen ein paar Beine zu stecken schienen. Oben war der Sack zugeschnürt und bildete eine handliche Quaste. Ein Stück unter dieser 131 Quaste waren ein paar runde Löcher geschnitten, wie die Augenlöcher in einer Femrichterskappe – und aus diesen Löchern im Sacke blitzten auch wirklich ein paar Augen wütend heraus, und unter der Sackquaste bewegte sich ein runder Kopf, und alles übrige war von einem stämmigen Körperchen ausgefüllt.

»Darin steckt Bimm Bimm«, sagte Herr Professor Majunke, nahm den Sack an der Quaste und hielt ihn hoch, während Bimm Bimm wütend zappelte und schnickte und schrie.

»Diese Einrichtung habe ich seit kurzem getroffen, und wir sind beide eingenommen dafür« – das heißt nicht Bimm Bimm und Herr Majunke, sondern Herr Majunke und Frau Majunke.

»Bricht ein Feuer aus, wird solch ein Kind einfach in einen derartigen Sack gesteckt. Ein jeder kann es so auf das leichteste an der Quaste transportieren, ohne es zu erkälten; selbst einem Kinde wäre dies möglich, und sollte der Sack während des Transportes verloren oder vergessen werden, so kann es sich vortrefflich weiterhelfen.

Petrus!« rief Majunke, »schaff Bimm Bimm fort!«

Sogleich sprang ein dünnes Jüngelchen vor, einen halben Kopf größer als Bimm Bimm, das faßte ohne weiteres den Sack an der Quaste, schleifte ihn mit Anstrengung, aber unaufhaltsam, trotz Bimm Bimms Gebrüll zur Tür hinaus – wohin, das blieb unaufgeklärt, doch nach geraumer Zeit stand derselbe Sack mit demselben Inhalt wieder mitten im Zimmer – und brüllte immer noch aus Leibeskräften und schrie immer dasselbe: »Niß mis anlangen! Niß mis anlangen!«

Herr Ahrensee erkundigte sich, weshalb Bimm Bimm nur allein so glücklich sei, solch einen Sack zu besitzen.

»Zufall«, sagte Frau Professor Majunke eifrig. »Sie 132 sollten alle solche Säcke haben, die Geduld aber reichte nicht aus. Vielleicht kommt's noch.«

In diesem Augenblick kamen zwei Knaben herein, gelb, müde, übernächtig, rückten jeder einen Stuhl an den Tisch, legten Bücher und Hefte lässig auf, und der eine schnappte an dem Deckel eines Taschentintenfäßchens gedankenvoll und trübselig auf und nieder.

»Nun, wird's bald?« sagte Herr Majunke.

Da saßen die beiden armseligen Burschen mitten im Spektakel, verstopften sich mit den Fingern die Ohren und steckten die blassen Nasen in die Bücher.

Das alles spielte sich in wenigen Augenblicken ab.

Müde und abgespannt kamen Vater und Tochter nach diesem Genuß in ihrer stillen Wohnung an.

Die Lampen waren indessen wieder angezündet, und es sah leidlich wohnlich aus, wenn man einen Vergleich mit Majunkes Etage anstellte.

Ahrensee küßte sein Kind, ehe er es entließ, und schüttelte lächelnd den Kopf.

»Geh,« sagte er, »morgen erzählen wir uns einander von diesen Käuzen.«

Bald war im ganzen Hause tiefste Stille.

Nur eine Hängelampe brannte trüb über zwei müden Jungen, die wegen der Feuerwehrübung ihre Schularbeiten in später Nachtstunde nachholen mußten.

Sie saßen überbürdet und trübselig und schauten mit den bleichen Nasen mißmutig in ihre zerarbeiteten Schulbücher.

Und das Treiben bei Professor Majunkes setzte sich abenteuerlich und spukhaft in den ersten Träumen der Neuangekommenen fort. 133

 

In der Villa wurde der neue Weltbürger mit tausend Sorgen erwartet.

Frau Ahrensee ging oftmals sinnend im Hause umher; es war ihr darum zu tun, etwas zu finden, was sie hätte in Ordnung bringen können. Sie hatte sich vorgenommen, auf allen Gängen Teppiche legen zu lassen, aber fand keinen Fußbreit im ganzen Hause, der nicht neu und weich bedeckt gewesen wäre. Sie hatte sich vorgenommen, Türen und Schlösser auf das sorgfältigste ölen zu lassen, fand aber zu ihrem Verdruß, daß keine Tür, kein Schubfach auch nur den allerleisesten Ton von sich gab; sie versuchte und horchte, fand aber nicht das geringste zu ändern und zu bessern. Das machte Frau Ahrensee nervös und verstärkte ihre sorgenvolle Erregung, die durch nichts abgeleitet wurde, so daß sie bei hellem Tag Gespenster aller Art sah, sich mit Befürchtungen quälte, auf Vorahnungen lauschte und es ihr mitunter schwer wurde, der Tochter ein unbefangenes, heiteres Gesicht zu zeigen. –

So kam der Tag, an welchem Frau Ahrensee auf einen Augenblick zu ihrem Mann kam, gerade nur auf einen Augenblick, der so viel Zeit gab, ein paar Worte tiefbewegt zu flüstern, die Hand zu drücken, eine besorgte Entgegnung zu hören und wieder davonzueilen.

In das hohe Giebelhaus, in dem Heinrich Ahrensee und Kristine wohnten, hatte der schwüle Augusttag, die Sorge und das Ausschauen um Nachricht eine schwere Stimmung gebracht. Stunden auf Stunden vergingen.

Heinrich Ahrensee wanderte schweigsam in seinem Zimmer auf und ab.

Er trat an das Fenster und schaute dem Gewitter entgegen, das sich über den Bergen dunkel zusammenzog. Annuschka war eben dagewesen, und er hatte von ihr erfahren, daß es noch immer nicht gut stände.

134 Gern wäre er selbst nach der Villa gegangen, fühlte sich aber zu krank. Die Reise hatte ihm nicht wohl getan, seit Wochen konnte er sich nicht davon erholen, empfand sein Leiden heftiger und ununterbrochener denn je.

Der berühmte Arzt, den er hier konsultierte, hatte ihm sofort mit großer Sicherheit den lateinischen Namen seines Leidens genannt und ihm damit die Gewißheit der Unheilbarkeit und des nahen Todes gegeben – ein einziges Wort, das er sehr wohl kannte und das ihm oft in schlaflosen Nächten beängstigend vorgeschwebt. Von nun an hatte das Morgenlicht und die hellste Sonne nicht die Macht, dieses Wort aus dem bedrückten Herzen auszulöschen.

Er wußte, daß er noch eine kleine Weile gequält und immer gequälter leben würde. Er wußte aber auch, daß irgendeine Kleinigkeit genügte, das gefürchtete und doch ersehnte Ende rasch herbeizuführen.

So schaute er zu, wie sich die Gewitterwolken ballten, hörte den fernen Donner, und schwül umgab ihn die Atmosphäre seines Zimmers.

»Arme Menschen,« sagte er vor sich hin, »arme Menschen! – Arme angefressene Menschen. Nun wird wieder ein solcher Narr geboren mit Qualen, um in Qual zu leben und zu sterben.«

Vor Ahrensees Augen zog das Leben vorüber in dunkeln, schweren Zügen. Das Gewitter kam näher, die Wolken wälzten sich massig über die Gipfel der Berge hin.

Volle, warme Windstöße fuhren gegen das Haus und drangen bis in das dumpfe Gemach.

Er sah die Leute auf der Straße eilen. Jedes wollte vor Ausbruch des Wetters ans Ziel kommen.

»So sehen sie ganz wohl aus, als wär's in bester Ordnung mit ihnen!« dachte Ahrensee.

»Ist auch in bester Ordnung. – Jeder trägt den 135 Todeskeim in sich, wie sich's gehört, denn in einer kurzen Spanne Zeit ist mit ihnen allen gründlich aufgeräumt. Bis dahin müssen die, die jetzt hier laufen – und alle Millionen der Erde – zerfressen, zermartert, zermalmt sein, jeder auf seine Weise.

Arme Menschen, arme Menschen!

Und nicht genug, daß die Natur an ihnen frißt und zehrt, sie hinschmelzen läßt; – sie tun's der Natur nach, sehen es ihr ab, quälen einander, einer den andern – und so geht's fort ohne Aufhören, ohne Ende.«

Die schwülen Windstöße fuhren ins dumpfe Zimmer hinein und der Donner rollte. Die Wolken stürmten immer noch dahin, ohne Regen zu bringen.

Heinrich Ahrensee blickte mit dem ruhigen Gedanken in das Sturm- und Wolkentreiben, daß er bald von dieser Erde scheiden müsse.

Er schaute in das Nebenzimmer nach Kristine aus, ihn verlangte nach ihr. Sie waren sich in diesen stillen Wochen, in denen sie mehr als je aufeinander angewiesen waren, noch näher gekommen. Kristine schien ihm unentbehrlich geworden zu sein. Ein heiteres, hoffnungsvolles Lächeln von ihr, die von dem Urteil des Arztes nichts wußte – wie auch niemand sonst außer ihm selbst – tat ihm wohl.

Bisher war sie ihm das Kind gewesen, sein liebes Kind. Er hatte sie sich nicht anders als harmlos froh denken können. Jetzt, wie er sie fast ununterbrochen um sich hatte, empfand er, sie hatte sich in etwas noch viel Lieblicheres umgewandelt: in etwas Tröstliches für Kranke, in etwas Verständiges, Ruhiges für Leute, die verstanden sein wollten, in etwas Helfendes für alle, die ihrer bedurften. Ihrer Heiterkeit war ein fremder, stiller Zug beigemischt – es war nicht mehr die alte Kinderheiterkeit, die ihn so sehr an ihr entzückt hatte. Heinrich Ahrensee konnte diesen Schmerzenszug, der hin und 136 wieder zutage trat, nicht recht erklären. War es das ahnungsvolle Erkennen seines nahen Todes? war es Mitleiden mit ihm? – er wußte es nicht. Dieser Zug in ihrem Wesen mochte wohl auch nur für ein sorgendes Auge wahrzunehmen sein. Er drängte sich nicht vor. Kaum war ein Augenblick am Tage, daß sie nicht bei ihrem Vater, bei Mutter und Schwester und da unten in dem armseligen Durcheinander helfend beschäftigt war. Dort mochte sie wohl der erste helle, ruhige Stern sein, der diesen Geschöpfen aufging.

Und auch jetzt waren die Kinder wieder bei ihr.

Das Gewitter hatte sich inzwischen kräftig entwickelt, die Windstöße waren naß und kühl geworden. Die Blitze zuckten, der Donner rollte und der Regen troff mächtig nieder.

Als der Kranke in Kristinens Zimmer eintrat, fand er sie mitten unter den Kindern; Bimm Bimm saß auf ihrem Schoß und hatte den Kopf an ihren Hals versteckt, aus Furcht vor den Blitzen.

Kristine erzählte ihm und den andern. Die drei größten Buben waren ihren Schularbeiten entlaufen, um mit zuzuhören, und hielten Buch und Federhalter in den tintigen Fingern.

Annuschka kam angeschlichen und meldete Frau Müller – Jekatirina Alexándrowna –, die eben trotz des Gewitters vorgefahren war.

Jekatirina Alexándrowna begrüßte Heinrich Ahrensee auf eine weiche Art. Sie wußte, daß er ein aufgegebener Mann sei. Bei Professor Henneberg waren sie einander begegnet und schienen sich gegenseitig sympathisch zu sein.

Jekatirina Alexándrowna strich Kristine, die den eingeschlafenen Bimm Bimm auf den Armen hielt, über das Haar und sagte zu Heinrich Ahrensee gewendet: »So ein Blondkopf! Es ist etwas Eigenes um diese Blondköpfe; 137 wenn sie die rechte Art sind, so hat man mit ihnen einen Sonnenstrahl im Zimmer. Aber es müssen die rechten sein.«

»Sie ist ein rechter«, sagte Heinrich Ahrensee.

Kristinens Augen aber hingen gespannt – durchdringend, angstvoll, forschend an Jekatirina Alexándrownas Zügen. Sie wußte es ja, wessen Schwester diese gealterte Frau war. Sie hätte ihr mit einem Aufschrei an die Brust sinken mögen. Sie hätte vor ihr hinknien mögen und bitten: »Sag' mir von ihm! Sprich mir von ihm! Wo ist er um Himmels willen?«

Aber der tapfere Blondkopf wurde der sie überwältigenden Erregung Herr. Es war nur ein Augenblick, dann schauten ihre Augen wieder ruhig.

Jekatirina Alexándrowna blickte nachdenklich auf das junge Mädchen, als hätte sie den eigentümlich angstvollen Blick, der auf sie gerichtet war, bemerkt. Als sie sich nach der jungen Frau erkundigt hatte, sagte sie zu Heinrich Ahrensee gewendet:

»Wir beiden alten Weltverächter sehen der Geburt von so einer armen Eintagsfliege mit größerem Mitleid entgegen als die allermenschenfreundlichsten Herzen. Nicht wahr? Es soll nur vernünftig sein und nichts besonderes werden. Solche Leute kommen durch die Welt. Wozu soll man einem Kinde Dinge wünschen, die für diese Welt verderblich sind, etwa ein weiches Herz, oder ein tiefes Gemüt, oder einen großen Hang zur Wahrhaftigkeit oder dergleichen. Blinde, die so etwas ihren Kindern wünschen können oder sich freuen, wenn sie dergleichen entdecken! Arme Kinder, euer Reich ist nicht von dieser Welt, und sie sollen doch hier gerade Fuß fassen.«

Kristine blickte Jekatirina Alexándrowna mit großen Augen an. Es war zum erstenmal, daß sie einen Menschen sagen hörte, es wäre besser, nicht wahr zu sein, es wäre besser, kein weiches Herz zu haben. Und die es sagte, war Kers Schwester. Und Kers Schwester hatte dies mit solch warmer 138 Stimme gesagt, so ruhig und einfach, daß man hätte meinen können, sie hätte gerade vom Gegenteil gesprochen.

Und ihr Vater hatte zu dem, was Jekatirina Alexándrowna meinte, genickt, ihr eigener Vater!

Die Stimme aber, mit der Jekatirina Alexándrowna die neue Botschaft verkündete, hatte es Kristine angetan. Erinnerte diese Stimme sie an Kers Stimme?

Kristine lauschte mit angehaltenem Atem, und ihr war, als versänke sie rettungslos in ein Meer von Sehnsucht. Aber nein, nein, nein! Sie wollte nicht versinken, sie durfte nicht, und wieder kämpfte sie stark und tapfer und siegte wieder über sich selbst.

Heinrich Ahrensee hatte den erstaunten, fragenden Ausdruck seines Kindes bemerkt und sagte zu Jekatirina Alexándrowna:

»Wir haben da eine Zuhörerin, die sich jetzt über uns ihre Gedanken macht. Nicht wahr, Kristel?«

»Ja,« sagte sie leise, »ich glaubte, Wahrheit wäre das Beste.«

»Für Engel«, unterbrach sie Jekatirina Alexándrowna.

Jekatirina Alexándrowna faßte Kristinens Hand.

»Armes, kleines Lamm«, sagte sie.

In diesem Augenblick trat wie durch einen Zauber vor ihre Seele das Bild ihres Bruders Dmitri, und sie erinnerte sich, daß er bei Ahrensees ein paar Tage gesteckt haben sollte. Von ihm selbst hatte sie, seit er von Jena fort war, nichts mehr gehört. Und wie Dmitris Bild in ihrem Herzen auftauchte, war's ihr zumute, als müßte der junge Blondkopf auf ihren Bruder Eindruck gemacht haben. Sie erinnerte sich, daß er schon von der Schönheit der Schwester gesprochen hatte, der närrische Schwärmer, trunken ohne Wein und verliebt ohne Mädchen, dieser Wolkenläufer! so dachte sie. Wenn das Leben ihn einmal zu packen bekommt! Möchte wissen, ob er sich bewährt.

139 »Wie ist es denn,« frug Jekatirina Alexándrowna, »der Junge, der Dmitri, war bei Ihnen – und ging nach Petersburg zurück? Ich verstehe nicht, er hat mir nicht geschrieben, die ganze Zeit nicht –«

»Nicht nach Petersburg zurück,« entgegnete Ahrensee, »nein, er hatte eine Reise vor sich um die halbe Welt, zum Amur. Ich glaube, er ging als Gehilfe des Gouverneurs oder im besonderen Auftrag. Ein wichtiger Posten für einen so jungen Mann.«

»So weit?« fragte Jekatirina Alexándrowna.

»Er blieb nur zwei Tage, glaube ich, und mußte dann an Bord. Das Kriegsschiff, mit dem er ging, hatte bei uns angelegt.«

»Er hat Ihnen nicht geschrieben?« fragte Kristine kaum hörbar, während sie Bimm Bimm, der erwacht war, von ihrem Schoß gleiten ließ. Sie war erbleicht.

Was ist da vorgegangen? dachte Jekatirina Alexándrowna und schaute vor sich hin.

»Ist er, wie soll ich sagen – zufrieden gegangen?«

»Das schien mir so«, antwortete Heinrich Ahrensee. »Er sagte mir, daß er hinaus in die Welt wolle, daß er arbeiten wolle, als er Abschied nahm. Deshalb habe er die Stellung, die sich ihm bot, fast ohne Besinnen angenommen.«

»Ohne Besinnen«, sagte Jekatirina Alexándrowna langsam und blickte auf Kristine, als wollte sie von der das Wahre erfahren.

Kristine aber schwieg. Was sie wußte, war in ihrem Herzen begraben, und sie dachte, Ker werde seinen Grund haben, weshalb er nicht schrieb. Aber es zog sie mächtig hin zu seiner Schwester, sie hätte ihr die Hände küssen, den Kopf an die Brust der ernsten Frau legen und sich ihr vertrauen mögen.

In diesem Augenblick tat sich die Tür auf, und Frau Ahrensee trat mit rotgeweinten Augen, den Hut nicht mit der an 140 ihr gewohnten Sorgfalt gebunden, eilig ein. Heinrich Ahrensee fuhr merklich zusammen und wurde bei dem Anblicke seiner Frau bleich.

»Es ist ein Töchterchen!« sagte Frau Ahrensee. – »Es ist alles viel besser gegangen, als wir dachten.« Damit sank sie mit beiden Armen ihrem Mann um den Hals. »Aber wie soll man sich über ein Geschöpf freuen, das mit solchem Jammer auf die Welt gebracht wird? Die arme Olga, wir werden sie noch lange, lange krank haben.« Damit brach Frau Ahrensee in heftiges Weinen aus, die Erregung, die Angst des ganzen Tages machten sich jetzt bei ihr geltend.

Heinrich Ahrensee ließ sie sich ausweinen.

»Die Kinder leiden zu sehen, das ist doch das härteste auf Erden!« sagte Frau Ahrensee mit von Tränen gebrochener Stimme und strich Kristine, während sie das sagte, zärtlich über die Wangen, so mütterlich schützend.

»Nicht wahr, meine Kristel, du bleibst bei uns? du Herzenskind!« schluchzte sie. 141

 

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