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Gutenberg > Helene Böhlau >

Kristine

Helene Böhlau: Kristine - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleKristine
authorHelene Böhlau
year1929
firstpub1929
publisherHermann Böhlaus Nachfolger
addressWeimar
titleKristine
pages291
created20100905
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel

Indessen hatte Peter Fuhks seinen Freund wieder aufgesucht. Er hatte die Tür vorsichtig geöffnet und war zaghaft eingetreten, als wäre das Zimmer nicht mehr sein eigenes. Ker hatte den Rock ausgezogen, saß am offenen Fenster und kratzte auf Fuhksens Geige.

»Wie befindest du dich?« frug Fuhks in seiner langsamen förmlichen Weise.

»Ich habe dir hier deinen Krimskrams mitgebracht«, sagte Ker, ohne von der Geige aufzublicken.

Sie hatten mittlerweile das sonderbare Reisegepäck, das aus alten Körben, die mit allerlei Hausratwust gefüllt waren, aus dem Schiffe herausgebracht.

Fuhks stürzte darauf zu. »Wahrhaftig,« rief er, »da sind die Sachen.« Und er begann sogleich zu kramen und richtete eine große Wühlerei an. Alte Kleider quollen unter seinen emsigen Fingern aus alten Bündeln. Ein verschabtes Handbeschen fiel auf den Boden. Fuhks hob es gleich auf und blickte es nachdenklich von allen Seiten an. – »Ich weiß gar nicht,« sagte er, »ob das auch wirklich das unsrige ist. Ich meine, das hätte keinen rötlichen Streif um den Rand gehabt.«

Ker blickte lächelnd auf seinen Freund. Da polterten Flaschen, in graues, verstaubtes Stroh gehüllt, aus einem zerschlissenen Korbe, verrostete Blechbüchsen kamen zum Vorschein, ein paar abgestoßene Teller, ein Salzfaß, zwei Tassen ohne Henkel, ein verworrenes Knäuel schmutziger Fäden.

»Mein Gott,« sagte Fuhks, »was bedarf der Mensch alles zum Leben!«

Es roch jetzt im Zimmer nach feuchtgewesenem alten Staub.

83 »Nein, daß du den Krimskrams mir mitgebracht hast! Als wenn du wüßtest, daß mein Herz daran hängt, an dem alten Zeug, als wenn du das verstehen könntest, daß der alte Plunder mir so teuer ist wie meine Heimat! Ja daß er eigentlich meine einzige wahre Heimat ist! Vaterhaus und alles!«

Fuhks sprach diesen armseligen Begriff, den er von Heimat und Vaterhaus hatte, äußerst heiter aus.

»Wo ist denn aber –!« rief er mit einem Male aus, »ich hatte doch das Beste ganz nach unten gesteckt?«

Fuhks tastete zwischen den Sachen, wühlte wie ein Maulwurf und förderte ein paar vergriffene Bände zutage.

»Aber weißt du – dieser Hauswirt«, rief er außer sich, »ist ein Schwein, sozusagen, es fehlt ihm überhaupt alles Herz. Es ist gar nicht über ihn zu reden. Er liegt außerhalb von allem dem, worüber ein anständiger Mensch reden darf! – Nein! – wenn ich dir sage: – da hat er dein Judenlied behalten! – natürlich, Ker!« – Fuhks schaute ganz verwirrt. – »Nein! doch nicht! – Gottlob!«

Fuhks hatte wütend gewühlt, war ganz in Staub gehüllt.

»Da ist's!« rief er glückselig. »Ker, unser Bestes! Das Judenlied. Unser Hohes Lied. Weißt du, in deiner runden, herrlichen Stube hast du es mir vorgelesen – weißt du noch?

– Und du kannst denken, wie ich gerannt bin, um das wenigstens herauszubekommen von der Hundeseele. – Ja was denkst du, ausgespuckt hat er – der –

Nichts herausgegeben hat er.«

Fuhks schlug die kleine Mappe auf und brummte ungeschickt und bewegt vor sich hin:

»Wer ist es, die hervorschimmert
unter den Rosenbüschen,
schön wie die Morgenröte 84
und wie das erste Licht des Tages
unter den Palmen im Tal?

Ach, Ker, was bist du doch für ein glücklicher Mensch!«

Er hatte in seinem Eifer gar nicht auf den Freund geachtet, der in sich versunken saß, immer noch Geige und Bogen haltend, und der sich jetzt hastig erhob und mit von innerem Kampf verzogenen Lippen sagte:

»Laß das! Glücklich sagst du? Ich bin Bettler!« –

Fuhks starte ihn ganz verblüfft an.

Er machte keine Anstalten, sein Mienenspiel zu ändern.

»Sie haben mich betrogen,« sagte Ker weiter, »ich habe nichts mehr. Fuhks, es kann sein, daß du mir helfen mußt – es wird so sein.« –

Ker suchte in seiner Brusttasche, nahm ein zusammengefaltetes Papier auseinander und legte es auf den Tisch.

»Lies dies! Es ist eine Vollmacht, die dir das Recht gibt, mich in meiner Sache zu vertreten. Ich selbst muß fort – hab' mich schon verkauft. Mit allem, was ich wollte, ist's zu Ende – für immer zu Ende. Du wirst mich schon begreifen.«

Ker sprach mit schwer erregter Stimme in abgerissenen Sätzen.

Aber Fuhks begriff nichts, sondern starrte den Freund an.

»Hier ist, was ich noch an Geld habe – es ist ziemlich viel. Ich brauche jetzt nichts, ich habe ja Gehalt!« rief Ker höhnend, »und wenn es nicht genug ist, den Prozeß zu führen, verkauf' alles hier und in Jena. Ich habe dort Pferde, die Einrichtung, die Bibliothek und die Yachten, Boote, meine Sammlungen, was du herausbekommen kannst, Kleider, Pelze, auch noch einigen Schmuck von Mama, alles, alles! – Du lebst davon, soviel du brauchst. – Vielleicht ist alles nicht genug. – Ich hätte gern deinen Vater gehört.

85 Er ist jämmerlich zugrunde gegangen,« fuhr er fort, »du hast ihm und dir nicht helfen können! Das Schicksal läßt sich nicht ins Handwerk pfuschen. Es kann mitleidige Helfer nicht leiden – läßt sie arm sein – oder macht sie arm. – Wie dich armen Kerl, und jetzt auch mich. – Mit dem Geld ist mir meine Kraft genommen und meine Ziele; nicht das Fressen und Saufen, so viel werde ich schon finden, um mich satt zu machen. – Das ist es nicht, was mich ängstigt, wahrhaftig nicht!«

Fuhks hatte wie verwirrt seinen Freund reden gehört. »Lieber, lieber Ker«, rief er jetzt und legte seinem Freund beide Hände auf die Schultern. »Du kommst, um bei mir Trost zu suchen für etwas, was dir geschehen ist. – Ach, mein lieber Ker, wie glücklich und unglücklich bin ich darüber. – Ja, du hast recht, die Leute, die so recht von ganzem Herzen helfen möchten, die sind immer arm und elend – wenigstens arm, wie ich, denn elend bin ich nicht – mir geht's recht wohl; aber dir, mein lieber Ker, was ist dir geschehn? Sprich mit mir, sag' mir alles und jedes – und am Helfenwollen soll's nicht fehlen, das weißt du. Aber was soll ich tun?« frug er ängstlich.

Ker drückte ihm beide Hände.

Und nun erzählte Ker erregt alles, was ihm in den letzten Tagen widerfahren war.

Peter Fuhks war seinem Freunde aufmerksam gefolgt, weit mehr als aufmerksam, ganz hingebend.

Peter Fuhks konnte zuhören, wenn ein anderer von sich sprach – ganz unselbstsüchtig zuhören.

Einem Neuling im Leben scheint das nicht viel – ›zuhören‹! als wenn das helfen oder trösten könnte! zuhören! als wenn das irgend etwas bedeutete!

Mit ganzer Seele, sich selbst vergessend, hörte Fuhks, 86 aufgehend in den andern, die eigene Machtlosigkeit verwünschend, ganz hilfebereit und opferbereit, ganz Mitgefühl.

Solch einen Zuhörer hatte Ker. Was Wunder, daß er in der bösen Lage, in der er sich befand, zu diesem Freund gereist war. Unzählige Male fuhr sich Peter Fuhks über den Mund, mitfühlend, oder bedauernd, oder verächtlich, oder übereinstimmend, oder im edelsten Zorn, in der Erkenntnis, wie übel man seinem lieben Ker mitgespielt.

Und er wußte nicht zu helfen, er wußte nicht.

Ratlos hatte er in der ärmlichen Stube Umschau gehalten, seine Blicke hatten an dem eingesessenen, zerschlissenen Sofachen gehangen, dessen halbes Polster auf der Erde auflag.

Die Blicke blieben an dem Büchergestell hängen, das er sich selbst aus einem Brett und Bindfaden zusammengeknüpft hatte; an den kahlen Rohrsesseln, dem Tisch mit grünem Wachstuch überzogen, an seinem wundervollen Bärenfell, das er mitsamt der Geige als einziges Besitztum aus dem Zusammensturz seines früheren Heims sich gerettet hatte. Und während seine Blicke auf dem Bärenfell ruhten, ging mit diesem eine Wandlung vor. Es war mit einem Male nicht mehr Peter Fuhksens Bärenfell – Fuhks hatte es seinem Ker soeben in seinen Gedanken feierlich geschenkt. Ker sollte es haben – sollte es mitnehmen.

Das war das einzige, was er jetzt für ihn tun konnte.

Ker wußte von dieser liebevollen Schenkung freilich noch nichts. Aber er hatte dennoch soeben das einzige wertvolle Eigentum eines armen Menschen erhalten.

Fuhks saß vorgeneigt auf einem strohgeflochtenen Sessel. Sein straffes Haar fiel ihm wie immer, wenn er gebückt saß, in zusammenhängenden Strähnen über die Ohren. Und diese Ohren wurden bei jeder Gemütsbewegung rot, und wenn sein Gemüt bewegt war, hielt er sich immer gebückt.

87 Und jetzt war er tief bewegt und rotohrig und in sich zusammengesunken. Wenig Vertrauen erweckend für einen Menschen, der energisch handeln soll – der seinem Freund, wie Peter Fuhks es eben getan, versprochen hat, alles daran zu setzen, um eine schwere Sache durchzuführen.

Während er sich mit aller Kraft und Liebe, ganz heiß im Gesicht, hineindachte, wie der arme Ker wieder zu dem Seinigen gelangen könnte, waren die Gedanken ihm sachte, unmerklich aus seiner freundlichen Seele entwischt und ihre eigenen Wege gegangen zu ihrer Erholung.

Peter Fuhksens Gedanken also waren unversehens auf die von allen Lebendigen betretene Straße gelangt, die zum Ziele hat, die eigene Person, nur die eigene Person zu Glück und Wohlergehen, zur Erfüllung aller Wünsche zu führen.

Peter Fuhks sah im Geiste ein paar Augen auf sich gerichtet, ach, unbeschreiblich schöne Augen.

Über Peter Fuhksens Züge glitt es wie Sonnenschein, das Blut wallte ihm zum Herzen.

Er stand auf und fuhr sich langsam mit der Hand über den Mund.

»Ker,« sagte er, »wir kommen schon durch. Der Minister hat dir ja auch zu helfen versprochen.«

Das sagte der gute Fuhks freundlich beschwichtigend, und wollte doch selbst nicht so recht daran glauben.

»Er ist Freund von Sztipann Sztipannowitsch. Vergiß das nicht. – Leere Worte. – Nichts wie eine Falle – die Stellung und alles. – Und ich – ich gehe mit offenen Augen in die Falle!«

»Aber warum denn?«

»Ich kann nicht anders, ich habe schon zugesagt. Am 9. geht das Schiff. Noch zwei Tage. Ich hab mich verkauft.«

Durch das offene Fenster klangen helle Stimmen und jugendliches Lachen. Peter Fuhks fuhr mit dem Kopfe in die 88 Höhe, so daß seine steifen Haarsträhnen die roten Ohren freiließen.

Seine Augen, die am Munde des Freundes hingen, bekamen einen erschreckten Ausdruck. Er erhob sich und machte sich am Tische etwas zu tun.

»Fuhks! Herr Fuhks! Fuhks!« klang es unter Lachen. –

Fuhks, der gute Mensch, der seines eigenen Herzens Angst und Freude wie etwas Ungehöriges vor aller Welt Augen zu verbergen strebte, dem gerade standen seine Herzensempfindungen in für alle Welt leserlicher Schrift auf Stirn und Wangen, rote Flammen begannen zu glühen, die Ohren brannten, und da war kein Empfinden so rein und groß, so verschwiegen und heilig, wenn es sein Herz zu erregen begann, so glühten die Ohren. Und jetzt lachte und rief es unten wieder.

»Was ist dir, Fuhks?« frug Ker.

»Du,« sagte Fuhks, »das sind die Mädchen von Ahrensees, die wollen irgend etwas.« Er sagte es auf die gleichgültigste Weise von der Welt. –

»Herr Fuhks!« rief es, »Fuhks« und kam die breite, dämmerige Treppe, die die Freunde herabgingen, herauf, langsam, zögernd.

»Ja, das sind sie«, sagte Fuhks stotternd.

Jetzt stand man sich gegenüber.

Fuhks stellte ganz verwirrt seinen Freund den beiden Mädchen vor.

Mathilde wendete sich an Ker und begrüßte ihn als alten Bekannten aus Jena. Ker war im ersten Augenblick betroffen, schien sich Mathildens nicht sogleich erinnern zu können, begrüßte sie aber sehr höflich. Kristine war etwas befangen und sagte nach einer Weile: »Wir kamen, weil wir dem Vetter Fuhks eine Freude machen wollten. Er wünscht so sehr, daß 89 Sie uns alle kennen lernen, da wollten wir Sie bitten, mit ihm zu uns zu kommen.«

Über Fuhksens Gesicht ging ein wunderliches Leuchten, was er auf der dämmerigen Treppe, in der fast dunkeln Ecke, in die er gedrückt stand, ruhig strahlen ließ.

Wie es ihm wohl war!

Er hätte sich nichts Besseres wünschen können. Nicht seine kühnsten Träume wären auf dergleichen verfallen.

Wie gehoben stand er jetzt neben seinem schönen Freund. Ja – ja, sein lieber Ker hatte sich doch nicht an einen ganz Unwürdigen gewendet. Ker mußte fühlen, daß Peter Fuhks hier geachtet wurde, daß er etwas galt. – Und wenn er das Mädchen erst kennen würde, das hierher kam, um ihm, dem armen unbeholfenen Fuhks, solch eine Freude zu bereiten!

Ker aber schien weder die Freundlichkeit der Familie Ahrensee gegen seinen Freund noch das Mädchen zu beachten. Er war zerstreut und still und hatte nur mit einer zustimmenden Verbeugung auf die Einladung geantwortet.

»Herr Fuhks, wenn Sie doch ein vernünftiges Boot besorgen könnten, da brauchten wir den staubigen Weg nicht zurückzugehen«, sagte Mathilde sehr unternehmend. Sie waren inzwischen aus dem alten Warenspeicher, in dem Fuhks sein Stübchen hatte, hinausgetreten.

Die frische Seeluft begrüßte sie, die über das Gewühl der Schiffe und Boote im Hafen strich.

Fuhks sagte mit einer an ihm unbekannten Bestimmtheit: »Freilich haben wir ein Boot, meinen Walfisch!«

»Fuhks – Sie werden doch nicht? – lebt denn der Walfisch noch? Sie haben ihn doch als Brennholz gekauft, sagten Sie«, rief Kristine.

»Ja, sagte ich!« erwiderte Fuhks mit einem Anflug von Übermut, der ihn fremd kleidete. »Er ist aber in gutem Stand jetzt. Lieber Ker, ein Boot für zwei Rubel, was 90 meinst du? – eine Schaluppe. Das Pech und Blech natürlich nicht mitgerechnet.«

Ker erwiderte nichts.

»Kommen Sie, bitte, kommen Sie!« rief Fuhks. »Oder warten Sie, ich bringe noch etwas!« und in großen Sätzen war er auf und davon und kam nach einer Weile mit seinem Bärenfell beladen zurück.

Seine Freudigkeit und Lebhaftigkeit hatte etwas von einem kleinen Wagen an sich, der lange nicht geschmiert wurde und dessen Räder sich holprig um die trockenen Achsen drehen.

Er führte seine Gäste durch einen düstern Hof, dann durch einen langen, kahlen Hausflur, durch ein Gärtchen, in dem ein paar Birken standen und Kohl gepflanzt war und Beerensträuche wuchsen, und über eine versandete Bleiche, auf der blaue Schürzen zum Trocknen lagen.

Der Garten führte zum Hafen hinab, und an seinen Mauern plätscherte das Wasser.

Allerlei Boote lagen hier angekettet.

»Man hat mir gestattet,« sagte Fuhks, »meinen Walfisch hier aufzubewahren.«

Die Mädchen lachten.

Da lag der Walfisch, wahrhaftig eine Schaluppe, breit und lang, weitbauchig, so groß, daß man darin hätte tanzen können, ein schwerfälliges Ding, innen und außen dick mit Teer verstrichen und mit Blech vernagelt, geflickt wie ein alter Strumpf. Nur hier und da kam ein unverstrichenes Stück des vermorschten Eichenholzes zutage.

»Ich habe ihn selbst hergerichtet, er ist ganz sicher«, sagte Fuhks mit Stolz und sah überglücklich und würdig aus. »Wir können ihn benutzen, ich vertrete es, was ich sage. Er ist auch ganz rein, er sieht nur schmutzig aus.«

Peter Fuhks war wie vertauscht.

91 »Steigen Sie ein! Steigen Sie ein!« rief er lebenslustig und breitete sein Bärenfell im Walfisch aus.

»Nie und nimmermehr!« rief Mathilde.

»Ach geh,« meinte Kristine, »wenn Fuhks sagt, daß er sicher ist, so ist's gut. Natürlich fahren wir. Es liegt sich prächtig auf dem Bärenfell! Komm, Mathilde.«

Mathilde ließ sich von Ker und Fuhks hineinhelfen und strauchelte, als sie auf der Bank stand, so daß Kristine sie lachend auffing.

Fuhks trug an seiner Uhrschnur den Riesenschlüssel, der das Boot loslösen sollte. Es war aber eine beängstigende Operation, ehe dies zustande kam. Fuhksens Uhr schwebte besorgniserregend über dem Wasser, und seine Hände zitterten vor Erregung.

»Ihre Uhr, Fuhks,« rief Kristine, »schauen Sie mal meinen Schlüssel an!« Sie zog ihn aus der Tasche und schüttelte damit, »der ist an einem Gummiball, sehen Sie! der kann nicht untersinken.«

Fuhks und Ker holten unter den Bänken die Ruder vor. Das Boot ging leichter, als es sich vermuten ließ, und Kristine war sehr vergnügt, kümmerte sich um keinen der Insassen, hatte sich weit übergebogen, den Ärmel etwas zurückgestreift und ließ die Hand im Wasser nachziehen.

Sie trug ein weißes Kleid, das sich ihrer Gestalt anschmiegte. In dem blonden Haar spielte der Wind, den Hut hatte sie abgelegt.

Ker war vom Rudern endlich wachgerüttelt. Die Gegenwart hatte ihn erfaßt. Der Seewind trieb die düsteren, schweren Gedanken wie einen Traum auf den Grund seiner Seele zurück.

Halb unbewußt blickte er auf die dem Wasser zugeneigte, von ihrem weißen Kleid behaglich umhüllte Gestalt.

Wie angenehm es war, daß niemand sprach, daß die hübsche Gestalt sich nicht regte.

92 Ein kleines, unbedeutendes Zwischenspiel, das den schweren Ernst des Lebens für einige Augenblicke vergessen ließ.

Der weiche Wind, der frische Wassergeruch, das sanfte Schlagen der Ruder, die schimmernden Wassertropfen, die Wirbel im Wasser von den Ruderschlägen und der Anblick des jungen Mädchens.

Es war ihm, als läge etwas unaussprechlich Zartes in dem hingeneigten Geschöpfe, als koste ihre Hand mit dem Wasser, als schmeichelten die weichen Falten dem jungen Körper.

Man hatte ihn beraubt, betrogen, das alles hatte ihn ganz unvorbereitet getroffen.

Er war noch so jung.

Seine Natur wollte sich mit aller Kraft von dem Verzerrten, Verworrenen, Wüsten abwenden; aber wohin wenden?

»Wer steuert?« frug Kristine ohne aufzusehen.

»Niemand«, erwiderte Fuhks gutgelaunt. »Steuer haben wir ja gar nicht.«

»Da wird's schwer sein, zwischen den Blöcken durchzukommen.«

Mathilde wurde unruhig: »Ist es gefährlich?«

»Ja, aber wie werden wir landen? Der Walfisch geht zu tief.«

»Oho«, lachte Peter Fuhks auf.

Kristine blickte ihn forschend an. »Ich glaube,« sagte sie zu Ker gewendet, »Herr Fuhks ist sehr froh, daß wir Sie überredet haben, mit uns zu kommen.« Mittlerweile waren sie wieder ein gut Stück dem flachen Ufer zu gefahren, da gab es einen Ruck, es knirschte, und der Walfisch saß wirklich fest, und die Wellchen glucksten an seinen Planken.

Kristine lachte. »Stoßt nur mit den Rudern, wir müssen zurück, da wird es vielleicht besser gehen! Aber ich glaube nicht.«

93 Das war leichter gesagt, Fuhks und Ker taten ihr möglichstes, um den Walfisch wieder flott zu machen – vergebens.

»Was nun!« sagte Fuhks. »Da ist gar nichts zu machen.«

Mathilde war außer sich.

Ehe sie sich zu einer Rede recht besonnen, stand Ker im Wasser; er hatte die Schuhe ausgezogen, die Beinkleider aufgestreift und arbeitete so im flachen Wasser am Walfisch.

Peter Fuhks folgte zaghaft und verlegen seinem Beispiel.

»Es geht nicht – so nicht! Nutzt auch nichts! Das Ufer ist überall flach«, sagte Ker zu Kristine. »Bitte legen Sie mir den Arm um die Schulter!«

Kristine tat es und er hob sie aus dem Boote.

Fuhks blickte seinem Freunde erstaunt zu – und wenn sie in dem Boote hätten verhungern müssen, er hätte sich kaum dazu entschlossen, zu wagen, was sein Freund so ganz unauffällig, ohne jedes Bedenken tat: aber freilich, was sollte anderes geschehen?

So mußte auch er sich ein Herz fassen und Mathilden hinübertragen.

Ker hielt das schöne, heitere Mädchen fest und behutsam im Arm.

»Bin ich schwer?« fragte sie leicht befangen.

Es war ihm wunderlich zumute, dies fremde, warme, schöne Geschöpf so zu empfinden; war es doch, als wenn ihr ganzes Wesen ihn durchströmte.

Er lächelte nachträglich über ihre Frage und schüttelte kaum merklich den Kopf, trug sie weit hinauf aufs Land. Dann ließ er sie auf den feinen, trockenen Sand niedergleiten, und wieder wie vorhin durchströmte es ihn übermächtig.

Unterdessen war auch Peter Fuhks mit Mathilden auf das Trockene gelangt. Fuhks hatte beim Gehen sehr gespritzt 94 und Mathilden ungeschickt gehalten, da er nicht recht gewußt, wie er sich in solchen Fällen zu benehmen habe, und so war seine Last gehörig naß geworden; und um allem die Krone aufzusetzen, hatte er sie, statt auf den trockenen Boden, ein ganz klein wenig zu früh ins Wasser niedergelassen. Natürlich war dies nicht absichtlich, sondern aus reinster Verlegenheit geschehen, vielleicht auch, weil Mathilde sich gar zu tugendhaft spreizte.

Der Walfisch wurde alsdann noch energisch heraufgezogen und verankert.

Jetzt wanderten die vier, Mathilde ungnädig und mit durchnäßten Stiefelchen, Fuhks reuevoll und Kristine ganz ausgelassen, durch den Birkengarten. Das hohe, dichte Gras duftete, und die silberblinkenden Stämme standen wie darin versunken.

»Wir sind gestrandet,« rief Kristine von weitem, »Mathilde ist ganz naß geworden!«

Als sie vor dem Hause angelangt waren, begrüßte Frau Ahrensee, von der Veranda aus, ihre Gäste.

»Nun, ist es euch gelungen?« rief sie den Eintretenden freundlich entgegen, »es freut mich, unseres Fuhksens Freund kennenzulernen. Fuhks sagt mir, daß Sie mir Grüße von meiner Tochter zu überbringen haben.«

Jetzt erst dachte Ker daran, daß Kristine die Schwester der reizenden Frau des soignierten Professors sei, die er in Jena kennengelernt hatte.

Er sprach mit Frau Ahrensee, konnte sich aber aus dem wunderbaren Traumzustand, in den er gesunken war, nicht befreien.

Kristinens Vater trat ein. Ein heimisches, friedliches Behagen verbreitete sich. Sie sprachen über die bevorstehende Abreise nach Deutschland. Sie erbaten sich Rat, da Ker ja eben aus Deutschland kam.

95 Als man in bester Unterhaltung war, tat sich die Tür auf, und eine untersetzte, magere Person in wirrem Haar und aufgestreiften Ärmeln, in einer Schürze ohne Latz und im dunkeln Wollrock stolperte ins Zimmer.

»Annuschka, was willst du?« frug Frau Ahrensee und blickte lächelnd, wie sich entschuldigend, auf Mathilde.

Die Person kam näher, sie hatte wieder wie heut morgen das sehr rücksichtsvolle Vorhaben, zu schleichen und ging wie auf Stummeln. Sie näherte sich Ker und schaute ihn sich mit einer naiven Neugier an, stemmte die Arme in die Seiten und war ganz versunken in seinen Anblick – und, wie es schien, befriedigt.

»Annuschka,« frug Frau Ahrensee, »willst du etwas?«

»Katze-Teifel hier?« sagte diese und hob die Decke, die über einem Tisch hing, und benahm sich äußerst kaltblütig bei ihrer improvisierten oder wohlvorbereiteten Lüge.

»Schäm' dich, Annuschka!« flüsterte Kristine ihr zu.

»Kind ungezogen sein!« antwortete Annuschka in der Art, wie Dienerinnen einem ganz kleinen Mädchen zu antworten gewohnt sind.

Man ließ sie gewähren.

Sie suchte noch einige Zeit, ohne die mindeste Scheu oder Besserung zu verraten. Und zur Verstärkung, als Frau Ahrensee ihr ein nicht mißzuverstehendes Zeichen gemacht hatte, sich endlich zu entfernen, sagte sie: »Gut.« Dabei zuckte sie die Schultern, was wohl heißen mochte: ›Annuschka wäscht ihre Hände in Unschuld.‹

Als sie hinausstolperte, sagte sie laut und deutlich und erregte dadurch ein herzliches Gelächter: »Schönes Mensch – Schönes Mensch!«

»Das ist unsere Annuschka!« sagte Frau Ahrensee. »Man hat sich an Annuschka so gewöhnt, Annuschka muß im Hause sein. Sie ginge auch nicht. Was sie hier treibt, weiß ich 96 wirklich nicht. Sie ist aber fest davon überzeugt, daß sie – ganz unentbehrlich ist.

»Solche unnützen Geschöpfe, von denen man sich unmöglich befreien kann, hat man gottlob bei uns in Deutschland nicht«, sagte Mathilde reserviert.

»Glaub's wohl«, meinte Heinrich Ahrensee.

Es fanden sich jetzt noch einige Gäste ein. Der Diener meldete, daß serviert sei.

Fuhks war es während dieses Abendessens so angenehm wie noch nie zumute.

Er hörte seinen Ker eifrig sprechen – und sein Ker gefiel allen.

Ihm war es, als breitete sich ein Nebelschleier allmählich über die Welt aus, und es war augenblicklich nur Peter Fuhks und die große Glückseligkeit von Peter Fuhks übriggeblieben und nur was auf Peter Fuhks Bezug hatte. Er sah Kristinens schönen, blonden Kopf neben sich, und Kristine hatte ihm heute die Freude gemacht, daß er seinen Freund hier haben konnte.

Er beobachtete Kristinens Augen. Sie hat so wunderschöne Augen, dachte er wieder und sah diese Augen auf seinen Freund gerichtet – und freute sich.

Ja, meinte er für sich, Peter Fuhks ist nicht so ein Elender wie du denkst. Er kann sich sehen lassen, es gibt Menschen – und was für Menschen! – die extra zu ihm her reisen, um ihn zu sehen – eigentlich, sagte er sich, gibt es nur einen einzigen Menschen, der dies tut – aber was für einen Menschen!

Peter Fuhks erhob sich, nahm sein Glas mit sich, ging zu Ker und stieß mit diesem an.

»Lieber Ker,« flüsterte er, »ich habe etwas des Guten zuviel getan, sieht man es mir an?«

»Du?« frug Ker, »nein.«

97 »Desto besser!« sagte Fuhks, »mir ist es auch durchaus nicht unangenehm zumute.

Ist es dir auch so wohl?« fragte er leise.

Ker nickte lächelnd, und Fuhks bemerkte einen Ausdruck in seines Freundes Zügen, so weltvergessener Art – er hatte Ker wirklich noch nie so gesehen, wie diesen einen Augenblick.

Fuhks ging wahrhaft selig auf seinen Platz zurück. –

»Nun ›Freisel‹?« rief Mathilde unvermittelt und mit einem Anflug von Spott über den Tisch Kristinen zu, die still und aufmerksam Ker zuhörte, der mit ihrem Vater sprach.

»Wissen Sie auch, was ›Freisel‹ bedeutet?« fragte Mathilde und wendete sich zu Ker.

»Mathilde!« flüsterte Kristine erregt, »das ist verräterisch.«

»Nun, was denn?« fragte Ker.

Es war das erste Wort, das er während des Soupers an sie richtete, und er richtete es an sie in einer wundervollen Erregung.

Kristine schüttelte leicht lächelnd den Kopf.

»Ich will Ihnen etwas anderes sagen«, begann sie ein wenig verlegen, aber in vertrauensvollem Ton zu ihm geneigt.

»Kennen Sie unser uraltes finnisches Epos?«

»O je!« sagte Mathilde, die ihre Ohren überall hatte und überall dreinredete, »jetzt kommt sie mit ihrer Kylliki.«

Und Kristine, die ihm nur die ersten Zeilen vorsagen wollte, kam durch Mathilde in Erregung und sprach lebhaft, ergriffen und unschuldig die Lieblingsstelle in ihrer Kylliki von Anfang bis Ende:

»Haus und Hof und reiche Herden,
Unermeßlich weite Wälder
Gibt mein Vater mir zur Mitgift. 98
Ich bin reich und schön und acht' mich
Einer Königstochter gleich.
Ebenbürtig will ich meinen Gatten,
Ebenbürtig meinem Reichtum,
Meiner Klugheit ebenbürtig,
Ebenbürtig meiner Schönheit,
Ebenbürtig meinem jungen Leibe!

Glaubst du, daß ich folgsam wie ein kleines Mädchen
Diesen oder jenen nähme,
Den mein Vater mir bestimmte? –
Nimmermehr! und eher wollt' ich
Mich mit eignem Haar erdrosseln;
Oder, glaubst du, der bezwäng mich,
Welcher, roher Kraft vertrauend,
Raubend mich zum Weibe nähme? –
Nimmermehr! – denn wie die Wölfin
Bräche ich aus seinem Lager!

Solchem aber, den ich selber wählte
Aus der Schar der jungen Männer –
– Barde und zugleich ein Krieger –
Solchem wollt' ich willig folgen,
Über Ströme, über weite Sümpfe,
Über Seen, über hohe Berge,
Barfuß, jeder Mühsal trotzend,
Bis zum fernen, fernen Meere –
– Sei's denn, daß er mich verstieße –
Willig folgen bis zum Tode!«

Jetzt schaute Kristine auf und fragte Ker: »Wer kann so etwas jetzt dichten?«

Das hatte nun wieder Fuhks aufgefangen und sagte: »Weshalb nicht, auch der Ker kann das.«

99 Und Fuhks, der immer noch mitten in angenehm schwankenden Gedanken und Gefühlen steckte, tat etwas sehr Besonderes, was durchaus nicht zu dem Gebaren des guten Fuhks paßte: Er stand mit einem Male, ohne sich recht bewußt zu werden, wie es geschehen, hinter seinem eigenen Stuhl. Seine beiden Hände lagen ungeschickt auf der Lehne des Sessels, und er schaute auf diese Hände herab und grübelte.

Aller Augen waren mit Erstaunen auf den bescheidenen Fuhks gerichtet.

Und mit einem Male begann er ganz unvermittelt und mit einem unerwarteten Pathos und doch nicht ganz übel zu deklamieren:

»Was ist es, das herauf von der Wüste steigt
Wie eine Säule feurigen Rauchs,
Und wälzt sich heran wie Staub
Und wie eine Wolke über die Ebene,
Myrrhe wehend und Opferduft?«

Peter Fuhks ging es wie Kristine, er war von seiner Sache hingerissen und bemerkte die lächelnden Blicke nicht, die auf ihn gerichtet waren, und sprach weiter:

»Wer ist sie, die hervorschimmert
Wie die Morgenröte so schön,
Schön wie der Mond,
Wie Sonnenstrahlen so rein,
Und glückselig wie die Heeresscharen Jehovas?
Wer ist sie, die herauf von Jerusalem steigt,
Aufgelehnt auf den Inniggeliebten?

Mächtiger ist die Liebe als der Tod,
Fest wie die Hölle,
Unbezwinglich wie das Niederreich. 100
Wasserwogen löschen die Liebe nicht,
Ströme ersticken sie nimmer,
Ihre Gluten – Feuersgluten,
Lodernde Flammen Jehovas.
            Wahrlich!
– Um Kronen nicht und nicht um Welten –
            Liebe ist nimmer feil!«

»Fuhks,« rief Ker lachend, »was fällt dir denn ein? Fuhks!«

Da errötete Fuhks sehr tief und nahm wieder seinen Platz ein.

Alle lachten; aber Kristine ärgerte sich, daß sie lachten.

»Das war schön,« sagte sie zu Fuhks, »geht es noch weiter?«

»Natürlich,« antwortete Fuhks, »das ist ja von Ker. Das ist ja aus Kers uraltem Judenlied. – Wissen Sie? das Hohe Lied der Liebe – Wissen Sie? – Sie glauben nicht, wie schön es ist.«

»Fuhks! Fuhks!« sagte Ker wieder lachend zu ihm. »Was fällt dir denn eigentlich ein?«

Fuhks aber richtete seine Worte weiter an Kristine und wendete sich, während er sprach, nach allen Seiten hin, als hielte er eine Predigt.

»Ob es schön ist!« sagte er. »Das ist gewiß, ja, es ist schön; aber das ist noch nicht alles. Der Ker hat da eine Entdeckung gemacht, eine ganz merkwürdige Entdeckung.«

Fuhks war ganz in Eifer geraten.

»Zweihundertundvierzig bekannte hochgelehrte Herren, die alle das Judenlied haben ergründen wollen – nichts haben sie entdeckt. Ker aber hat gefunden, daß das Lied aus acht ganz gleichen Liedern besteht. Es hat einer wahrscheinlich einmal diese beinah gleichartigen Lieder 101 gesammelt, und mit der Zeit sind alle diese acht Lieder zusammengeschüttelt, alles durcheinander – immer von neuem alles durcheinander.

Sie sollten einmal die Riesentabelle sehen, die daheim bei Ker hängt: da stehen die acht Lieder darauf nebeneinander geordnet – und es hat seine Richtigkeit . . . . Es braucht nur ein Mensch einen Blick auf diese Tabelle zu tun und er ist überzeugt. Kein Drama, keine Liedersammlung, sondern achtmal ein und dasselbe Lied, nur mit kleinen Variationen! Ganz offenbar, unwidersprechlich: achtmal dasselbe Lied!

Nun aber sollten Sie hören, wie herrlich dies Hohe Lied ist – wie es jetzt mein Freund neu geschaffen hat. Ja, es ist ein Lied, ein Wunder von einem Lied – eigentlich kein Lied, sondern . . .«

»Fuhks!« unterbrach Ker wieder lachend, »was für ein sonderbarer Missionar bist du? Glaubst du, weil das Judenlied uns beiden einmal so, in dieser Form gefiel, es ginge aller Welt so?«

»Ja,« sagte Fuhks überzeugt, »ja, das glaub' ich. So gib es doch heraus, Ker! Veröffentliche es doch! Weshalb versteckst du es? Und denken Sie,« sagte Fuhks unbeirrt zu Kristine gewendet, »deutsch hat er's geschrieben. Er ist deutsch wie seine Mutter. Er ist im tiefsten Grund seiner Seele deutsch. – Jawohl.«

Fuhksens Augen richteten sich kampfbereit auf Ker, als wenn er hoffte, daß sein Freund etwas gegen diese Behauptung einwenden würde.

Ker aber schien dies alles peinlich zu sein. Er unterhielt sich mit seiner Nachbarin Mathilde, die, wie alle andern, außer Ahrensee und Kristine, auf Fuhksens Vortrag einigermaßen kühl und teilnahmlos gehört hatte.

Was war dieser Fuhks für ein sonderbarer Heiliger!

102 »Daß ich es nicht vergesse,« fuhr er immer zu Kristine gewendet fort, »das ist eine merkwürdige Geschichte mit diesem Judenlied. Es ist nämlich gar kein Judenlied, sondern ein uralt indisches Lied, eine Hymne, und heißt: Yavana und Nurvady.

Fragen Sie nur Ker, der weiß alles, der hat's herausgefunden – und reden Sie ihm zu, daß er's veröffentlicht. Er versteckt alles –«

Er wendete sich jetzt leise eifrig zu Kristine: »Reden Sie ihm zu, daß er's tut. Er muß es tun, es ist notwendig für ihn.«

»Weshalb lieben Sie die Verse, die Sie vorhin sprachen?« fragte Ker und bog sich zu Kristine hinüber.

Kristine blickte fragend zu ihm hin. Weshalb sie diese Verse liebte, das wußte sie nicht recht zu sagen.

»Sie sind nicht traurig,« meinte sie nach einer Weile, »auch nicht besonders heiter. Sie sind wie so ein frischer Wind, man wird lustig davon.«

Sie sprach leise zu ihm hingewendet.

Kers Augen ruhten auf ihr; alles Gute, alles Liebenswerte, alles Zärtliche und Frische schien ihm von diesem Geschöpf auszugehen. Und Kristine empfand es, wie seine Augen auf ihr ruhten!

Es währte nicht lange, da erhob man sich vom Tisch und trat auf die Veranda hinaus.

Der lange nordische Sommertag war noch kaum im Ersterben.

Eine weiche Klarheit lag über der Gegend. Über dem Meer schimmerte es wie zarter Dunst. Der Vollmond stand am Himmel in bleicher Scheibe. Man trat von der Veranda hinaus in den Garten. Mathilde befand sich sofort an Kers Seite und bestürmte diesen mit allerlei wissenschaftlichen literarischen Fragen, versicherte, daß man hier in dieser 103 Einöde wahrhaft verdürstete und verhungerte nach geistiger Speise.

Inzwischen hatte Fuhks sich Kristinen angeschlossen und wandelte mit ihr im Garten auf und nieder.

Daß sie so still mit ihm ging, tat ihm wohl und war ihm wie eine langersehnte Erfüllung unbewußter Wünsche.

Kristine erschien ihm wie eben in dieser weichen, hellen Nacht erblüht, so neu, als wäre sie wirklich eben erst entstanden. Sie kam ihm so jung wie nichts sonst auf der Welt vor. Er dachte über mancherlei nach, und nichts schien ihm unentweiht und frisch genug, um es mit ihr zu vergleichen.

Ja, ohne Frage, er lebte den besten Tag seines Lebens.

Nach langem Schweigen sagte er: »Der Ker sollte doch mit uns gehen, ich verstehe nicht, weshalb er nicht kommt. Ich wollte, Sie würden meinen Ker kennen!«

Kristine antwortete nicht, sondern blickte ihn nur mit großen fragenden Augen an, in denen deutlich zu lesen stand: Red' weiter.

Fuhks aber freute sich dieser schönen, von ihm so sehr geliebten Augen und verstand sie nicht.

Die beiden Spaziergänger schienen jetzt völlig verstummt, Kristine hatte die Augen gesenkt – so tief, daß es aussah, als wandelte sie mit geschlossenen Lidern – und so trafen die beiden Schweigsamen auf einen dritten, gerade als sie am großen erratischen Block vorüberkamen, in dessen Nähe es Kristinen heut am frühesten Morgen im Nebel so beklommen zumute geworden war. Dieser Dritte wanderte auch ganz versunken, sah und hörte nicht, und wäre vielleicht an seinem Freund und dessen Gefährtin vorübergegangen, wäre Fuhks ihm nicht mit ausgebreiteten Armen entgegengetreten, in die auch Ker einlief, als in den sichersten Hafen, den sein Lebensschifflein bisher gefunden.

Fuhksens Freund, Ker, blickte überrascht und erregt auf.

104 »Du wirst schon sehen, man verschnauft immer ein bißchen,« rief Fuhks seelenvergnügt, »das ist ja das Herrliche, mein Ker! – Du mußt das nur verstehen! Ja, dir ist's bisher zu gut gegangen, mein armer Ker. – Nun gehörst du zu uns Burschen, die du in deinem Zorn und deiner Ungeduld heut morgen gelästert hast. – – Ja, was meinst du denn, wir sind so elend nicht, wie du denkst – so dämlich sind wir nicht! Wohl lassen wir's uns sein bei jeder Gelegenheit, und zwar ganz anders wohl, als ihr Reichen es versteht – so aus voller Seele – weil nichts zu verlieren und wenig zu hoffen ist. – Aber wir machen's schon mit dir, – wart' nur! – du sollst nur eine kleine Weile zu uns verschlagen sein – wart' nur, wir machen's schon!«

Ker lächelte. Seine Blicke ruhten, während Fuhks sprach, mit einem wahrhaft strahlenden Ausdruck auf Kristinen. »Mein Fuhks«, sagte er zu ihr gewendet, »ist heute so gutgelaunt, wie ich ihn noch nie sah.«

»Unser Fuhks ist immer gut,« sagte Kristine, »auch immer gutgelaunt.«

»Das sollten Sie nicht von mir sagen, Fräulein Kristine, das verdiene ich gewiß nicht. Ich weiß nicht, ich bin so ein gedankenloser Mensch – die bösen Dinge sehe ich auf Erden gar nicht – nur einzig allein die guten – da ist's kein Kunststück, bei Laune zu sein!«

»Freilich,« sagte Ker, »darum bin ich auch zu ihm gekommen, um mir von ihm helfen zu lassen. Fuhks verliert den Mut nicht.«

»Ja, wahrhaftig!« rief Fuhks mit einer komischen Lebhaftigkeit, »ehe ich etwas verloren gebe, das hat gute Weile – und gar zum Beispiel den liebsten, besten Menschen! Ho ho!« rief Fuhks mit einer Stimme, die so wenig seiner gewöhnlichen Stimmlage angepaßt war, daß er selbst ganz erschreckt die Gefährten anblickte – ihm war es, als hätte 105 er gebrüllt. Unbegreiflich, dachte Fuhks, wie ich so viel Wein habe trinken können.

So bemerkte Fuhks in seiner wunderlichen Stimmung nicht, daß neben ihm zwei junge Herzen, die besten, liebsten Herzen, die er auf Erden kannte, in ahnungsvoller, banger Seligkeit sich einander im Gespräche, in Lächeln und Schweigen, zuneigten. Er bemerkte nicht das wundervolle Strahlen der Augen, das nur in erster unschuldigster Jugend in heiligsten Stunden auf dem Antlitz der Menschen liegt. Die weiche Dämmerung verhüllte es ihm vollends, und die wenigen Worte, die gewechselt wurden, trugen kein Zeichen an sich von dem uralten Wunder, das sich in zwei Seelen vollzogen hatte, ja diese beiden Menschen selbst ahnten nicht, daß sie schon vereinigt waren, und jedes von ihnen fürchtete, während eins ganz in das Wesen des andern versenkt war, daß es allein nur diese ahnungsvolle Seligkeit empfände. Wenn er sie anredete, so durchzitterte es sie; wenn er die Augen auf sie richtete, wollte ihr das Herz in der Brust zerspringen; als er neben ihr ging und wie zufällig seine Hand die ihrige streifte, war's ihr, als hätte ein Feuer sie getroffen.

Jetzt langten die drei am Hause wieder an und kamen dazu, wie die Gäste sich empfahlen. Fuhks, der es natürlich in der Ordnung fand, daß auch sie beide nun gingen, nahm einen sehr formvollen Abschied von der Frau des Hauses, und diese lud beide Freunde auf das liebenswürdigste ein, zu kommen, wann es ihnen gefiele.

Als Fuhks und Ker miteinander der See zugingen, um den Walfisch wieder flott zur Abfahrt zu machen, schaute die Familie Ahrensee den beiden jungen Menschen freundlich nach.

»Höre, mein lieber Ker, was meinst du, wie es mir hier ergeht?« fragte Fuhks. »Ach, wollte Gott, du hättest Grund, so ruhig und zufrieden wie ich zu sein.«

106 Jetzt standen sie miteinander vor einer jungen Birke.

Peter Fuhks blieb vor dem kräftig zarten Bäumchen stehen, dessen schlanker Stamm wie reines Silber durch das frische Grün glänzte, und sagte langsam:

»Siehst du, mein Ker, als ich heute mit Kristine auf und nieder ging, dachte ich: So jung, so frisch, wie eben erst erstanden, kenne ich nichts, wie Kristine. Ich dachte nach, ob mir doch etwas beifallen möchte, was ihr gliche, ich kam aber auf nichts. – Jetzt, wie ich diese Birke sehe, ist mir's, als hätt' ich's gefunden. Sie gleichen einander – du mußt mich nicht auslachen – ich meine wirklich. –«

Fuhks machte sich eifrig zurecht, um zu seinem Walfisch zu waten, um dessen Schicksal er heut abend ein paarmal Sorge empfunden hatte und den er jetzt mit großer Freude wohlbehalten vor sich liegen sah. Ker ging nachlässig, scheinbar ziellos ein Stück Wegs zurück, ohne daß Fuhks in seinem Eifer dessen gewahr wurde. – In der Nähe der schönen, jungen Birke wurden seine Schritte hastiger. – Er stürzte vor dieser Birke auf die Knie, preßte das frische, duftende, feuchte Laub leidenschaftlich an seine Lippen, vergrub seine Stirn darin – einen Augenblick, und mit klopfendem Herzen erhob er sich wieder. Das Laub schien gelebt, duftig geatmet, empfunden zu haben.

In wahrer Hast beeilte er sich, Fuhksen, der sich am Walfisch abarbeitete und nichts hörte und sah, beizustehen. Sie ließen aber bald ab davon, das Wasser war gefallen, das unförmliche Boot so festgerannt, daß es ruhig liegen bleiben konnte. So gingen sie miteinander nach Fuhksens Turm und ließen auch das Bärenfell im Walfisch liegen.

Als sie in Fuhksens Behausung angelangt waren, bereitete Fuhks seinem Freund aus Decken und seinen eigenen Kissen und allem Möglichen und Unmöglichen ein Lager mit solchem Eifer und solcher Hingebung, daß es undenkbar war, 107 dem guten Menschen irgendwie Einhalt zu tun. Er ruhte auch nicht, bis sein Freund sich sogleich zur Ruhe legte, und freute sich, als sein armer Ker bald in einen tiefen Schlaf verfiel, dann streckte auch er sich zufrieden und glücklich auf dem Sofa aus und war im Handumdrehen aus der ihm so lieben bewußten Gegenwart in eine andere, unbewußte Welt entrückt. 108

 

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