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Gutenberg > Helene Böhlau >

Kristine

Helene Böhlau: Kristine - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleKristine
authorHelene Böhlau
year1929
firstpub1929
publisherHermann Böhlaus Nachfolger
addressWeimar
titleKristine
pages291
created20100905
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel

Jena, 4. Mai.    

Vier Tage hatte uns die Ostsee geschaukelt, als wir in das enge Fahrwasser der Swine einlenkten und vor Swinemünde anlegten. Ich betrat deutschen Boden. Das Wetter hatte sich in diesen Tagen allmählich freundlicher gestaltet. Am blauen Himmel zogen leichte Wölkchen, und ein milder Wind strich über die in vollem Lenzesschmuck prangende Landschaft. Niedrige bescheidene Häuschen, von wildem Wein umrankt, Obstbäume in voller Blüte, Deutsch redende Menschen. Was mir als Knabe vorgeschwebt, war zur Wirklichkeit geworden. Deutschland! Das Land der Dichter und Denker, der tiefen Liebe und Treue. Das Land des umfassenden Wissens, ehrlicher Arbeit, das Land der Biederkeit und Redlichkeit! Goethes Land! Ich empfand alles wie ein Wunder.

Gegen Abend langten wir in Stettin an, und noch in derselben Nacht war ich in Berlin und sah auf die menschenleere Straße ›Unter den Linden‹. In den Tagen auf der See waren mir die Worte des alten Jermák immer wieder von neuem durch den Kopf gegangen und hatten in mir den Entschluß gezeitigt, die Schwester aufzusuchen. Und zwar gleich. Ehe der Zug mich tags darauf weiter führte, hatte ich nur wenig Zeit, mich umzusehen. So kurz mein Blick war, den ich auf Berlin werfen konnte, er genügte mir, die Überzeugung zu geben, daß ich eine neue Welt betreten hatte, und ich sagte mir mit Verwunderung, daß hier jeder Stein intelligent liege.

Es war meiner Mutter Heimatland, durch das ich fuhr – ich stand ihm nahe.

Jekatirina Alexándrowna, meine älteste Stiefschwester, von der Jermák so wunderlich gesprochen, lebt auch in Deutschland, das wußte ich, aber wo in Deutschland? Man 18 sprach spöttisch von ihr, daß sie ›studierte‹ in einem verlorenen Bauernnest, einer sogenannten Universitätsstadt. Gut! Vielleicht ist es Jena.

Den ersten Abend, als ich in dem winzigen Nest, das so angenehm zwischen sonderbar geformten Bergen liegt, im Gasthof zum Bären saß und es mir wohlsein ließ – das Nest gefiel mir, heimelte mich an – es war so deutsch – genau so wie ich »deutsch« mir vorgestellt hatte – da kam mir ein dünnes, abgegriffenes Heft in die Hand, das auf dem Tisch im Speisezimmer lag, das Adreßbuch, ich sah hinein und erfuhr so, gleich eine halbe Stunde nach meiner Ankunft, am allerersten Abend, daß meine Schwester wirklich hier – gerade hier lebte. – Unter den zwei Dutzend namens Müller war richtig eine Katharina, verwitwete Müller, und jedermann wußte von ihr, daß sie eine russische Fürstin sei.

Jermák, der ernste Jermák würde sagen: »Wunderbare Fügung Gottes.«

Und ich machte mich ohne Zögern auf.

Ich marschierte durch die Sträßchen, schöne alte Bäume, alte Mauern, alte Häuser – alles im Frühlingsschmuck – die Luft weich, das Leben heiter, so etwas wie zwanglos, alles lächerlich richtig »deutsch«. Auf dem Marktplatz saßen Studenten an Tischen im Freien, tranken und sangen.

Meine Schwester wohnte ein Stück draußen vor der Stadt.

Ich fand mich ganz gut zurecht. Das Haus lag in einer Seitenstraße der alten Chaussee nach Weimar.

Bald stand ich vor dem Hause – dies mußte es sein – mitten in einem Garten lag es. Wie ich bei dem sternenhellen Himmel sehen konnte, war es ein einfaches Landhaus mit einem hohen Ziegeldach. An dem Gartentor tastete ich nach einer Glocke.

Aus einem großen Ausbau über dem Dach schimmerte ein Lichtschein.

19 Es blieb lange alles still. Niemand kam, mir zu öffnen.

Endlich tat sich im ersten Stock ein Fenster auf – und eine harte, angenehme Stimme rief deutsch, doch unverkennbar in unserem russischen Deutsch:

»Wer ist da – bitte zu sagen.«

Mir klopfte das Herz, und ich wußte nicht recht, was ich antworten sollte.

»Nun?« rief es noch einmal.

»Dein Bruder!« rief ich.

»Wessen Bruder?«

»Nun, dein Bruder aus Petersburg.«

»Geh' nur wieder fort, ich hab' keinen Bruder.«

Das Fenster schloß sich heftig, und es währte eine ganze Weile, da hörte ich, wie das Fenster wieder geöffnet wurde.

»Jekatirina Alexándrowna«, rief ich.

»Nun, wer ist es denn?«

»Dmitri.«

»Was für ein Dmitri?«

»Von Papas dritter Frau.«

»Der Deutschen?«

»Ja, der Deutschen.«

»Also das Baby der Stiftsdame?«

»Ja, ja!«

»Das Tier schläft schon.«

»Welches Tier?«

»Ich kann dir das Tor nicht aufmachen!«

»Ich steige über, wart!«

Dabei schwang ich mich auf den Zaun zum Übersteigen und saß rittlings auf dem Torpfosten und schaute sehr bedenklich nach allerlei Spitzen und Stacheln, die das Tor mit teuflischem Raffinement flankierten.

»Dmitri?« rief es noch einmal fragend.

»Jawohl, Dmitri!«

20 Es folgte ein lange Pause.

»Jekatirina Alexándrowna!« rief ich ungeduldig. »Ich bitte, entschließe dich, ob du mich überhaupt hereinläßt. Ich sitze höchst unbequem auf deinem verdammten Stachelzaun . . . – – Gut also, ich werde morgen in aller Form um eine Audienz nachsuchen. Meine Empfehlung!«

»Nun, so komme ans Haus, ich will aufschließen!«

Ich stieg äußerst behutsam in den Garten herunter.

»Scheußliches Frauenzimmer«, sagte ich halblaut, als ich trotz aller Vorsicht wieder in einen Stachel gegriffen hatte.

Ein Lichtschein fiel durch den Ritz unter der Tür. Der Schlüssel drehte sich langsam im Schloß.

Ich trat ein. In der äußersten Ecke des Vorsaals stand eine mittelhohe Gestalt in schwarzem Kleide und auf dem ergrauten Haar ein schwarzes Spitzentuch, in der Linken einen Stock und in der Rechten ein blitzendes Ding, wahrhaftig! ein Revolver! Sie stand vor der Portiere einer halbgeöffneten Tür, offenbar um sich unter Umständen den Rückzug zu sichern.

Dies sollte nur sehr gefährlich aussehen, aber ein Pudel, ein wunderschönes braungeschecktes Tier, der sich bis dahin ganz still verhalten hatte und wie auf etwas Besonderes gewartet zu haben schien, war offenbar über die Situation ganz anderer Meinung als seine Herrin und nahm alles für einen ganz außerordentlichen Spaß. Er sprang hin und her, wedelte aus Leibeskräften, warf sich auf die Vorderpfoten und bläffte seine Herrin kreuzfidel an.

»Couche-toi, canaille.«

Dann wendete sie sich zu mir mit herrischer Stimme:

»Nimm das Licht und geh die Treppe voran. Geh nur voran!« wiederholte sie hastig, als ich zögerte, »du bist doch auch ein Spitzbube wie alle andern.«

21 Ich gehorchte lachend, und die Schwester humpelte hinterdrein, bei jedem Schritt den Stock schwer aufsetzend.

»Halt!« rief sie auf halber Treppe und blieb schwer atmend stehen. »Ich habe dich ins Haus gelassen unter der Bedingung, daß ich nichts von dort höre. Ich meine unser Rußland. Keine Silbe! Nichts von den Brüdern – nichts von der Schwester, nichts vom Schwager, nichts von der ganzen Sippschaft! – Ich will nichts von ihnen hören, nichts von Rußland, nichts von Petersburg, nichts vom Gut! – Nichts vom Geld, oder Erbschaft, oder Versöhnung! Will nichts wissen, hören – Kanaille! Alles Kanaille! Ich kann nicht, ich will nicht! Ich hab' genug.« – »Gott sei gelobt,« setzte sie etwas ruhiger hinzu, »ich bin zwanzig Jahr ohne euch ausgekommen.« Auf dem Treppenabsatz stand sie wieder still.

»Warte mal,« sagte sie aufatmend, »du wirst doch gerade solch ein Narr sein wie alle anderen und wissen wollen, wie es mit dem Kinde ist. Gut. So ist es: das Kind ist nicht mein.

Ich sag' das dir, wie ich's deinen Brüdern sagte – es geht niemand etwas an, und wenn ich zehn Kinder hätte. Ob ihr es glaubt oder nicht glaubt – gleichgültig – abgetan.«

Jekatirina tappte die Treppe weiter in die Höhe.

»Wohl aus der Art geschlagen – heh? – Wäre nicht übel – deutsches Blut also – dann nimm dich nur in acht – du – hörst du.«

Ich wendete mich um: »Vor wem in acht? Vor dir in acht?«

»Nein,« sagte Jekatirina, »vor deinen lieben Verwandten in Rußland.«

Wir hatten den ersten Stock erreicht.

»Höher hinauf!« sagte Jekatirina, blieb aber wieder stehen. »Übrigens, um alles abgetan zu haben – das Kind ist schon 22 zwanzig Jahre tot – oder dreißig, ich weiß nicht, Zeit ist nichts, und gehört wirst du haben, daß ich hier in Deutschland verheiratet war – diese Heirat ist wie üblich, das heißt unglücklich, ausgefallen. Gottlob! Ich habe ein schnelles Ende gemacht. – Nun ist auch er längst tot. – Ich bin allein – und das ist gut so – ist mir recht – sehr recht. Ich heiße Frau Müller, nicht wahr, hübsch?«

Jetzt waren wir im zweiten Stock, der mir eine Art ausgebauter Bodenraum zu sein schien.

Meine Schwester öffnete eine Tür, und wir standen in einem hohen turmartigen Raum, mit Bücherregalen an den Wänden, mit Oberlicht, einer großen Öffnung, durch welche die Sterne hereinblickten und die frische Luft einströmte; ein mächtiges Glasfenster war zurückgeschlagen –

Und unter der Öffnung, da stand ein prachtvolles, astronomisches Fernrohr und blinkte und schimmerte und war aufgerichtet und gestellt. –

»Stell' dich so – so – – so – sage ich!« Meine Schwester fuhr mich ungeduldig an. –

»Nicht anrühren – nicht verrücken.«

Und ich beugte mich ein wenig – und sah klar und deutlich auf tiefschwarzem Grunde den blitzenden Jupiter und seine vier Mondchen – zum erstenmal in meinem Leben.

»Dabei hast du mich vorhin gestört«, sagte meine Schwester. »Jetzt setz' dich.« Wir sprachen dann ruhiger miteinander – und ich schaute mich in dem stillen Raume um. Die Sterne blickten zu uns hernieder. Es brannte eine Lampe, dicht verdeckt, mit großem grünem Schirm. Meine Schwester saß zurückgelehnt auf einer Chaiselongue, und ich ging im Raum auf und nieder – und wußte nicht recht, wovon ich reden sollte.

»Du gehörst also zu den Menschen, die im Zimmer hin und her laufen – so – so!« sagte sie.

23 Sie saß zurückgelehnt, fast liegend, und sah auf mich, Innigkeit, Bedauern und Mitleid im Blicke, dann erhob sie sich schwer, trat an den Tisch, schlug den Deckel eines Buches zurück und wies mit dem Finger auf das vorgeheftete Bildnis eines Mannes mit großer Stirne, von spärlichen Haaren affenartig eingerahmt, mit klugblickenden Augen und riesigem Maul.

»Kennst du den?« fragte sie und sah mich eigentümlich an.

Ich las: »Arthur Schoppenhauer.«

»Nicht Schoppenhauer – Schopenhauer«, sagte sie.

»Nein, ich kenne ihn nicht, was ist's mit dem?«

»Was mit dem ist? nun, wenig und viel, wie man es nimmt. Ein alter Mann, der sich und andern das Leben sauer gemacht hat. Ein deutscher Bär von klassischer Grobheit. Ein Zänker, der in jedermann seinen Feind wittert, immer bereit, um sich zu hauen und jeden zu Boden zu schlagen, der anderer Meinung sein will als er. Immer in Angst und auf der Wehr, halb Hase, halb bissiger Köter. Einer, der sich wie Preiskämpfer zum Faustkampf sein Lebelang zur Philosophie trainiert hat. Weißt du – ein Einsiedler, der die Menschen nicht entbehren kann. Einer, der sehr stolz darauf ist, daß er Spanisch kann, denn Latein und Griechisch – können andere auch; ein Deutscher, der sich scheut, deutsch zu sein, und prahlt, von Niederländern abzustammen, ein Mensch, wie andere auch, der in Ermangelung von etwas Besserem Bücher schreibt, der seine Kapitelchen mit Überschriften aus allen Sprachen versieht, der andere niederdonnert und sich überhebt, der sich krank ärgert, daß ihn alle Welt links liegen läßt und daß sich kaum einer findet, der in ihm, wofür er sich selbst hält, das Licht der Welt erblickt. Ein Menschenfeind, der seinen Pudel höher wert hält als die besten Freunde, der jede Dummheit unbarmherzig an den Pranger stellt, der nur ein Ziel hat, seine 24 Weisheit sicherzustellen, der zu kurz trifft oder übers Ziel hinaus und nur hin und wieder ins Schwarze, groß auf einem Gebiet, auf anderen kleinlich, kurzsichtig, albern bis zur Kinderei.

Auf einen Gedanken versessen, wird er blind und taub gegen alles andere, was ihm nicht in den Kram paßt. Ein Philosoph, der keine Ader eines Weisen an sich hat.«

»Nun und weiter?«

»– Weiter! – Du wirst dich ja schon etwas unter den Alten umgetan haben. Und wenn es dir so ergangen ist wie mir, da wirst du dich erschreckt haben, daß die größten unter ihnen voll sind von schönen Redensarten, voll von Irrtümern, haltlosen Voraussetzungen, falschen Schlüssen, leerem Geschwätz, und daß nur hin und wieder ein Gedanke die Nacht erhellt wie ein Blitz, ein Gedanke, wie von einem Gott eingegeben, der dich im Innersten packt – der dir den Blick öffnet in eine Welt, die nicht die unsere ist – dann kommen wieder andere, die erklären solche Gedanken, loben oder widersprechen, zwängen sie in ein System und treten sie breit und ruhen nicht eher, bis alles Leben daraus gewichen ist. Du siehst mit Staunen, wie dann an solchen Wechselbälgen sich die ganze Menschheit erbaut und Jahrtausende an mißverstandenem, verlogenem Unsinn widerkäut.

Mühselig drängt sich dann hier und dort die Wahrheit ans Tageslicht, und ein neues Körnchen kommt wohl auch dazu. So baut es sich unendlich langsam weiter. Die Quelle fließt unendlich spärlich; wen es nach Weisheit dürstet, der muß sich mit wenig Tropfen begnügen. Was von Plato, Aristoteles bis auf Kant vom tiefsten menschlichen Wissen geschrieben worden, ist – versteh mich recht – vom höchsten Standpunkt – bis auf wenige Ausnahmen nicht der Rede wert. Viele geistreiche Einfälle und viele tiefe Gedanken, viel Grübelei, wenig lichtvolle Klarheit.

25 Nun sieh mal, dieser Alte hier, Schopenhauer, hat es unternommen, alles Gedachte zusammenzufassen, das Rätsel der Welt zu lösen, ist ihm näher gekommen als irgendein anderer.«

So sprach sie noch vielerlei – aber ich war sehr müde.

 

Jermák langweilt mich. Wie mag er meine Adresse bekommen haben? Er will durchaus wissen, wie es meiner Schwester Kaatya, dem Engelsangesicht, geht und wie es mit dem Würmchen steht. Nun – das Würmchen ist tot; aber von dem Engelsangesicht will ich ihm schreiben, um ihn loszuwerden.

 

Meine Schwester, daß ich's sage, hat ganz mein Herz gewonnen. Ich gehe tagtäglich zu ihr, tagtäglich. Sie ist immer von derselben Liebenswürdigkeit, immer von derselben göttlichen Grobheit und Überhebung. Wir werden nicht müde, bald Schopenhauer und Kant, bald einen der alten Philosophen durchzuhecheln und uns gegenseitig zu beweisen, was für dumme Leute, bei aller wunderbaren Tiefe ihrer Gedanken, sie doch im Grunde gewesen. Wo wir beide selbst hingehören, darüber sind wir uns offenbar noch nicht recht klar. Vollends mit unbeschreiblich hoheitsvoller, souveräner Verachtung wird alles Lebende behandelt, Hartmann, Nietzsche usw. Sunt pueri, pueri, pueri, puerilia tractant! Es sind Kinder, Kinder, Kinder und treiben Kindereien.

Das sage nicht ich – meine Schwester.

Im Herbst gehe ich nach Paris. 26

 

Nach einem Jahr

Wieder Jena, 1. Mai.    

Wieder mal Frühling. Wieder mal Mai.

Von Paris will ich gar nichts sagen, jeder Esel weiß was Kluges darüber zu schwatzen oder zu schreiben. Aber ich weiß, wenn ich das nächstemal wieder von Jena gehe, so gehe ich weit fort, fort aus Europa! Es ist nichts hier – ich wenigstens finde nichts. Wenn es auf Erden Weisheit gibt, so ist es in Urasien! Buddha, die Veden! Ceylon, Indien, Tibet! Jetzt heißt es: Sanskrit!

 

2. Mai.    

Ich kam wie gewöhnlich zu Mittag zu ihr – und wie gewöhnlich kam sie mir mit ihrem Stock entgegen geholpert, reichte mir die Hand und sagte: »Dmitri, ich freue mich, dich zu sehen. – Wie steht's? Wann wird sich die Bestialität gar herrlich offenbaren?«

»An wem?«

»Nun an dir!«

»Noch nicht, Kaatya – noch nicht – noch immer nicht.«

Ich kannte ihre Frage schon.

– Und sie fragte nicht aus Scherz. – Sie erwartet Gott weiß was von mir – sie ist verbittert, die Arme – nein, nicht verbittert – es ist etwas anderes – ich bin mir selbst noch immer nicht klar darüber. –

Diesmal setzte sie zu ihrer Frage noch hinzu:

»Höre, Dmitri – wenn du mich zehnmal auf einer Gemeinheit ertappst, so fordere ich von dir so viel Vertrauen, daß du den eigenen Augen weniger traust als meinem Wort – wir werden uns mit der Zeit schon verstehen.«

»Gut,« antwortete ich, »aber ich verstehe dich schon jetzt!«

»So,« – jetzt lachte sie – »du verstehst mich schon? da müßtest du erstaunt sein, wenn du wirklich solch einen 27 Menschen gefunden hättest! Wenn dieser Mensch ein altes Weib wäre – auch dann. – Aber so ist's, mein grüner Dmitri.« (Meine liebe Schwester Jekatirina bleibt bei ihrer mäßigen Grobheit.) »Zwischen dem: ›Ich versteh's schon‹ – dem schulmäßigen ›kapieren‹ und dem Selbsterleben ist eine gewaltige Kluft. Wirst es schon später begreifen.«

Als wir einander bei Tisch gegenübersaßen und die Haushälterin, die sie »das Tier« nennt, servierte, nahm Jekatirina ihren Stock in die Hand, klopfte mit dem breiten silbernen Knopf dreimal auf den Tisch.

»Aufmerken,« sagte sie, »damit du dich morgen nicht irgendwie versagst, morgen gibt's dir zu Ehren ein Fest hier bei mir – da werde ich dich mit der Menagerie, die hier gezüchtet wird, bekannt machen. Es ist so eine Maxime von mir, die Nebenbestien, die mich etwas angehen, des Jahres hin und wieder bei mir essen zu lassen – lieber laß ich sie meine Fasanen fressen, als daß sie mich selbst auffressen – abfüttern nennt man das. Ich hab's den ganzen Winter schon versäumt und muß es nachholen, sonst nehmen sie mir's übel. Man muß das tun, wenn man es irgend kann, um Ruh' zu haben und ästimiert zu werden. Auf seine Krippe ist ein jedes Tier leidlich zu sprechen, und mit gutem Futter kommt man jeder Kreatur bei.«

»Wahrhaftig, Kaatya,« sagte ich ihr, »du solltest dich doch schämen, solche Ansichten zu haben.« – Es entfuhr mir dies so, als ich mir vorstellte, während sie sprach, daß sie trotz ihres Alters und ihres außerordentlich gealterten Aussehens meine Schwester sei, und ich als Bruder das Recht habe, mit ihr familiär zu reden, was wohl meist etwas weniger höflich heißen mag; aber es gab mir eine Befriedigung, dies zu versuchen – es war mir ein nie gekostetes Vergnügen.

»Oho«, sagte sie und sah mich an und lachte wieder so herzlich, wie ich nicht dachte, daß diese verbitterte Frau es 28 zuwege bringen könnte – und da sah ich, wie schön meine alte Schwester war – was für gute Rasse, eine vornehme Person in jeder Bewegung – diese Frau Müller. Ihre starken Redensarten, die sie zu lieben scheint, verunstalten sie nicht, ziehen sie nicht herab. Ich freute mich, als ich dies wahrnahm – denn ich muß gestehen, meine alte Schwester Kaatya steht meinem Herzen nah.

Und wunderbar, auch in ihr mochte bei meiner unhöflichen Anrede ein ähnliches Gefühl auftauchen wie bei mir. Sie lehnte sich in den Stuhl zurück und sagte: »Es ist sonderbar, ich denke jetzt an einen alten Menschen, der sagte, als seine Mutter gestorben war: ›Das ist das traurigste, nun lebt kein Mensch auf Erden mehr, der mich alten Kerl einmal ›Du Esel‹ nennen könnte. – Ja, das Einsamstehen auf Erden will ertragen sein!‹ – – Siehst du, ich erzähl' dir immer so dumme deutsche Anekdoten. Aber was meintest du eigentlich damit, daß ich mich schämen sollte, Dmitri – weil ich die Wahrheit sagte? –

– Das mit dem Fressen? Wie kannst du das ehrenrührig finden – weißt du denn nicht, auf was die ganze Welt beruht? Auf fressen und gefressen werden. – Die Natur hat keine ethischen Momente – alles ist fressen – alles ist gefressen werden.

Eine wunderschöne Welt, Brüderchen! Denkt man an irgendein lebendes Wesen, so muß man denken, was frißt's? von welchen Nebengeschöpfen mästet sich's? und von wem wird's wieder gefressen? und so denke ich auch bei meinen Oberlandesgerichtsräten und den Professoren und dergleichen – was fressen sie? was dinieren sie? was soupieren sie? was für Mitgeschöpfe setze ich ihnen vor? – Das macht mir eben Spaß: Nun möcht' ich doch wissen, hat unsere liebe Erde, unsere gesegnete Natur ein Gott oder ein Teufel geschaffen? Da ist besonders einer unter meiner Gesellschaft, 29 ein berühmter Dichter, der sich bemüht, seine Bärenhaftigkeit abzustreifen, und ein außerordentlich feiner Mensch geworden ist. So etwas, dessen Wäsche englisch ist, allerlei an ihm französisch, das Schuhwerk wieder englisch, Zahnbürste und dergleichen auch englisch – das Ganze ist, glaub' ich, aus Hamburg, aber seine Frau aus Finnland. Die sind hierher zu uns übergesiedelt, als du in Paris warst. Siehst du, das hängt alles so ein bißchen mit Rußland zusammen. Er hat es in Eleganz und Feinheit weiter gebracht als je ein Deutscher vor ihm – ein Mensch, der mir außerordentlich Spaß macht, du wirst ja sehen, so ein – Dichter. Im Auslande sind die Deutschen übrigens viel harmloser als in der Heimat. Die Deutschen im Auslande sind angenehme Leute, sehr angenehme Leute. Das weißt du ja!«

»Aber Kaatya, dein Gast zu sein ist doch eine zweifelhafte Ehre!«

»Freilich,« sagte meine Schwester, »ich lade sie ja auch nur zu meinem Vergnügen ein; dafür bekommen sie ihr Futter – du wirst ja sehen – übrigens mein Tier kocht vorzüglich, man ißt gut bei mir. – Und jetzt geh, lies etwas; ich will mich eine Weile schlafen legen.«

Sie erhob sich schwer, stützte sich auf ihren schwarzen Stock, reichte mir die Hand, eine schlanke Hand, die ich küßte. – – Und ich dachte dabei, daß Jekatirina Alexándrowna eine rätselhafte Frau sei – aber ich fühlte mich bei ihr so sicher, wie noch nirgends, solange ich lebe. – Und es macht mir Freude, daß wir zueinander gehören. – Ja, und wie ich schon erwähnte, ihr selbst scheint es lieb zu sein, wieder einmal einen Menschen im Haus zu haben, der sie etwas angeht. – Schade, daß sie von Rußland nichts hören will; ich möchte ihr von Jermák erzählen – der hat nämlich wieder geschrieben – schon vor ein paar Wochen.

Ein unverschämter Brief! 30

»Geliebter Herr Dmitri Alexándrowitsch!

Als Du noch ganz klein warst, da bist Du einmal in den Graben gefallen, der vor unserm Dorfteich abfließt. Du bist selbst wieder herausgekrochen – aber da hättest Du Dich einmal sehen sollen: Dein schönes weißes Hemd und der rotseidene Gürtel über und über beschmutzt! Und die Stulpenstiefel voll Schlamm – und die Haare und Augen ganz verkleistert – voll Schmutz.

Jetzt merk' Dir's: so beschmutzt kommt ihr mir alle vor, trotzdem daß ihr Edelleute seid, darum weil ihr eure Schwester im Stich laßt.

Hab' ich es Dir nicht auf die Seele gebunden, daß Du Deine Schwester aufsuchen solltest und sie wieder mit ihrem Würmchen zu uns zurückbringen?

Herr Gott, Herr Gott! Was für Menschen! Verfolgen sich, statt sich zu lieben, und sagen: Das ist gesetzlich.

Ich bin nur ein armer Bauer und ein Säufer – Gott hat es so gewollt – ich bin nicht gelehrt, und das Schreiben wird mir sauer.

Wenn ich ein großer Herr wäre und ein Zar, ich würde die Welt von oberst zu unterst kehren. Alle Popen fort, denn die lügen und machen uns das Leben voll Gram und hetzen uns gegeneinander –und nur Gott im Himmel soll herrschen.

Gott bewahre uns vor ihnen! In geistlichem Gewande und im Tempel Gottes, da sehen sie ja recht gut aus.

Ob sie wohl überall so sind, oder nur bei uns im heiligen Rußland?

Ich kenne auch Tataren, die müssen sich den Kopf scheren, damit sie keine Läuse haben, und müssen sich alle Tage fünfmal waschen, und alles muß an ihnen rein sein. Sie glauben auch an Jesus Christus, den Heiland, aber noch mehr an Muhamed, der hat noch größere Wunder verrichtet, sagen sie. Wem soll man nun glauben?

31 Sie dürfen auch viele Weiber haben; aber Wein kommt nicht über ihre Lippen, und es gibt keine Säufer unter ihnen. Du bist jetzt lange fort, weit in der Welt, um alles zu wissen und zu lernen. Du hast ein ehrliches Herz, das weiß ich. Und wenn Du dann wiederkommst und hast alles gesehen und gelernt, dann mußt Du mir sagen, wer recht hat und wo die Wahrheit ist.

Wen könnte ich hier fragen? – Sie lügen alle.

Dann kannst Du mir auch sagen, ob es in Germanien auch so ist.

Oder kannst Du mir sagen, ob es sonst auf der Welt einen Fleck gibt, wo Gerechtigkeit ist?

Ob Du mich gleich nicht achtest, weil ich ein Bauer bin und alt und ungelehrt.

Ich verbleibe Dein unterwürfiger Diener

Jermák.    

 

4. Mai.    

Jekatirina hat ihre Gesellschaft gegeben. Es war wirklich erbaulich! Draußen ein stürmischer Abend, die Luft mild und weich – der Sturm kam in vollen Stößen über die weiten Bergrücken her, und als wollte er sich in seiner ganzen Breite durch die engen alten Sträßchen zwängen, so fuhr er hinein, füllte sie aus von unten bis an die Giebel – rannte an jeden Vorsprung an, rüttelte an den Dachrinnen, riß und schleuderte, zerrte an allem und jedem, klappte und wirtschaftete. Ich bin, bis ich zu Schwester Kaatya hinaufgehen mußte, auf und nieder durch Gassen und Gäßchen gestiegen. So gefällt mir die kleine Stadt, so dachte ich mir's von jeher – so gefällt mir Deutschland: eng und heimlich, so träumt man sich's, so ist's echt – nichts anders – kleinbürgerlich. Ich habe den Leuten in die Fenster geschaut – Bäckergesellen sah ich mit Meister und Meisterin, mit Kind 32 und Kegel beim Abendbrot sitzen. Alle weiß eingestäubt und durchwärmt, gesund und rot – durch die Fensterritzen roch es nach warmem Mehl.

Hier im alten Nest stecken an 600 Studenten – in jedem Giebelhaus sind ein halbes Dutzend einquartiert. Alles steckt voll. – Man merkt's fast der Luft im alten Städtchen an, es ist eine lustige Luft. Entfernt singt und johlt es ununterbrochen beinah' Tag und Nacht – die Töne klingen vom Sturme zerrissen hin und wieder durch die Sträßchen. Die hellen Fenster sehen alle einladend aus, wie erleuchtete Fenster in einem Bilderbuche.

Wäre jetzt ein gewisser guter Mensch hier! wäre der Peter Fuhks hier – dann würde ich einen wundervollen Abendgang mit ihm gemacht haben. Der Fuhks wäre ganz verrückt geworden. Ich seh' und höre ihn im Geiste. Er hätte ein Geschrei gemacht über alles und jedes! – Ich sehe ihn mit seinen langen Armen und Beinen umherflankieren – die unsinnige Sehnsucht, die er hat, nach Deutschland zu kommen! Es wäre ein Freudenfest für ihn gewesen – ich hätte meine Not mit ihm gehabt. Und ich wollte, er wäre da.

Welch ein Städtchen! Das Leben sieht sich von hier aus so harmlos an – so, als könnte es keiner Kreatur etwas zuleide tun. Alle meine Ansichten vom Leben kommen mir hier übertrieben vor. Das Bild des Elends von Millionen und Millionen, das in meiner Seele wie eingebrannt zu sein schien, sieht unwahrscheinlich aus – wie ein Traum. Ich fühl's, hier vergißt man die Welt. Man sollte die Feuerköpfe nicht nach Sibirien schicken – besser – viel besser nach kleinen deutschen Städtchen, da würden sie ausheilen, da würden sie ungefährlich.

Zehn Jahre in diesen Gäßchen, zwischen diesen heitern Bergen, bei der Unmasse Bier und den vielen Professoren, in engen, geordneten Verhältnissen, engen Gedanken und 33 Lehr-Tretmühlen – wahrhaftig, keine Faser wäre von dem mehr in mir, was mir jetzt noch einzig wert zu leben scheint – einzig und allein – der Opfermut, der den Mißhandelten helfen möchte, den Unterdrückten helfen, der keine Tugend ist. – Das würde sich hier bald legen – ich würde mich schämen, ich würde alles von obenher belächeln!

Ein Hoch auf Kaatya, mein Schwesterchen – die ist stärker als alle – stärker als ich sein würde – da ist nichts verblaßt – da ist nichts beeinflußt – da ist Natur geblieben. Und wie lange steckt sie nun hier!

Ich kann ihr von mir, meinen Plänen, meinen Gedanken noch nicht reden– erst dann, wenn sie Grund hat, mir ganz zu vertrauen.

Als ich zu meinem Schwesterchen heraufkam, war sie schon mitten unter ihren Gästen.

Sie wanderte mit ihrem Stocke von Gruppe zu Gruppe.

Was soll ich von dieser Gesellschaft sagen?

Komische Leute!

Statt des »Tieres« gingen weißbaumwollene Handschuhe, auf plumpe Burschen gesteckt, ein und aus und trugen Erfrischungen.

Meine Schwester Kaatya schien sich wirklich auf die Bewirtung der Gäste zu verstehen, wenn ich von der Auswahl von Likören und Delikatessen auf die bevorstehende Mahlzeit schließe.

Kaatya nahm mich an der Hand, und wir standen gleich darauf vor einer kleinen, häßlichen, auffallend magern Frau.

Neben ihr ein untersetzter blonder Mann mit rotem Gesicht, ihr Gatte.

Meine Schwester stellte mich vor:

»Du hast hier die Ehre, die Eltern der zwölf Apostel kennenzulernen. – Nicht wahr?«

34 »Bitte, bitte, Durchlaucht, zu viel Ehre, so hoch haben wir uns denn doch noch nicht verstiegen«, sagte der Mann mit dem roten Gesicht außerordentlich höflich.

Kaatya sagte sehr liebenswürdig:

»Sie können sich die Durchlaucht sparen, lieber Herr Professor, ›Frau Müller‹ genügt vollkommen.«

»O weshalb, Ehre dem Ehre gebührt, es macht sich so hübsch«, erwiderte die kleine Dame statt des Gatten mit unheimlicher, jugendlicher Schalkhaftigkeit.

»Eine kleine kluge Frau«, sagte meine Schwester.

»Und wenn du die Ehre haben wirst, Herrn und Frau Professor Majunke kennenzulernen, wirst du ein Rätsel gelöst finden: wahre Frömmigkeit und heiterer Lebensgenuß. Man trifft das nicht oft beieinander. – Ich mache mein Kompliment.«

»O bitte – bitte«, sagte Frau Professor Majunke.

»Und nicht wahr, Sie werden auch gleich Ihr Ziegenlied singen – jetzt schon, statt erst um Mitternacht – kommen Sie – das ist so hübsch, und Dmitri muß es hören, er wird in Petersburg davon erzählen.«

Das Ehepaar stand schon während der ganzen Zeit vor dem geöffneten Flügel. Jetzt schlug die Frau ein paar Akkorde und begann nach dem Takte einer Melodie zu meckern wie eine Ziege, und zwar die erste Stimme, und der Gatte fiel mit der zweiten ein – und so meckerten sie wirklich meisterhaft. Und Jekatirina legte ihren Arm in den meinigen und hörte befriedigt zu:

»Siehst du – hörst du« – sagte sie einigemal, und nicht nur sie allein hörte zu, alle miteinander hatten im Nu das Instrument umdrängt, es herrschte begeistertes Schweigen, und die beiden meckerten nach Herzenslust – der Gatte stieß mit dem Kopfe, und die Gattin preßte die Augen hervor, machte einen langen dünnen Hals. Die Herren lachten, 35 daß ihnen die Tränen herabrollten, und die Damen mochten insgesamt bedauern, nicht etwas Ähnliches leisten zu können, denn die magere Frau gewann die Herzen im Sturm und hatte sie wohl schon oft auf diese Weise gewonnen.

»Köstlich! köstlich!« hörte man von allen Seiten. »Bei so vortrefflichen Leuten diese Heiterkeit!«

Der dünnen, gelben Frau und dem Gatten schien keine dieser Lobeserhebungen verlorenzugehen.

Sie hörten alles.

Es wurde wirklich ganz ausgezeichnet lebhaft. Meine Schwester Kaatya horchte hier und dort – die Unterhaltung bekam in einer Ecke des Zimmers einen wissenschaftlichen Charakter. Die Herren sprachen würdig und ruhig. Jeder von ihnen hörte sich gern reden und langweilte die andern. Meine Schwester Kaatya hörte hier doppelt aufmerksam zu. Nach einer Weile berührte sie die Schulter des eleganten Dichters mit dem Knopf ihres Stockes.

»Ah, Durchlaucht, verehrte Durchlaucht!«

»Ich höre Ihnen zu«, sagte meine Schwester Kaatya, »und wundre mich, wie man so viel über eine Sache reden kann, die so einfach ist.«

»Das scheint Ihnen so, verehrteste Durchlaucht.«

Meine Schwester Kaatya aber ließ sich nicht irremachen.

»Sehen Sie, das ist einfach so: Alles möchte fressen und nicht gefressen werden – alles auf der Welt. Aber es kommt immer so: Eins frißt, und das andere wird gefressen.«

Das klang alles sehr komisch, wie das meine Schwester deutsch sagte.

»Der Pessimist, Sie sprachen doch davon, steht eben auf der Seite derer, die gefressen werden, der Optimist auf der Seite derer, die fressen; und die sich fressend wissen, nennen sich konservativ – und die sich gefressen fühlen nennen sich liberal. Das ist die ganze Geschichte.«

36 Die Herren maßen meine Schwester Kaatya mit erstaunten Blicken – wie einen Eindringling in ihren geheiligten Zirkel.

»Verstehst du, weshalb sie alle Optimisten sind?

Ich sage dir: alle Achtung vor den Pessimisten – ich meine nicht im gewöhnlichen Sinn, daß sie unzufriedene mürrische Leute sind – wie man von ihnen sagt. Ich lobe sie deshalb, weil sie es sind, in denen das Mitleid steckt. Sie stehen auf der Seite der Opfer, sie fühlen mit denen, die gefressen werden – sie leiden mit ihnen. –

Die andern aber können sich aus dem Bann des Vorteils, ihre Nebengeschöpfe nach Lust fressen zu dürfen, nicht frei machen. Wer, glaubst du, hat das Gute auf Erden angestrebt und geschaffen? Die auf der Seite der Fresser – oder die anderen?«

»Die andern, Kaatya – und zu welchen, glaubst du, daß ich zum Beispiel gehöre?«

»Das muß sich zeigen, mein Junge.«

»Es soll sich zeigen«, sagte ich ihr und reichte ihr meine Hand.

»Bravo! Wollen sehen.«

Es ist von Jekatirinas Gesellschaft wirklich nicht viel mehr zu erwähnen – und ich habe diese Geschichten eigentlich nur zu dem Zwecke in mein Buch eingeschrieben, um mir das Bild meiner Schwester festzuhalten.

Ich glaube sicher, sie ist ein Original.

Die Frau des berühmten Dichters, des Henneberg, so schön sie ist, behagt mir wenig. Das einzige, daß man mit ihr über Rußland plaudern kann.

Ihre Familie will zum Sommer hierher nach Jena kommen. Der Vater ist schwer krank und hofft Heilung von den hiesigen Berühmtheiten.

Es sind Deutsche in Finnland – Wiborg, glaub' ich.

 

37 Wieder ein Brief.

Jena, den 8.    

Warum hast Du, geliebter Herr Dmitri Alexándrowitsch, bis heute Dein Versprechen nicht erfüllt, mir von Deiner Schwester Jekatirina Alexándrowna zu berichten?

Warum hast Du sie nicht zurückgebracht mit ihrem Kindlein, hierher in unser Dorf, zu uns auf Dein Stammgut?

Was hält Dich ab, Deine Pflicht zu tun, jetzt, da doch Dein letzter Bruder Alexánder Alexándrowitsch, der General, tot ist, nun Du doch alleiniger Herr bist und alleiniger Erbe der Herrschaft Deines Vaters? der Herrschaft hier bei St. Petersburg, der Dörfer Murino und Malinowka und Deines Landhauses am Pargolowschen See und der Dörfer auf der schwarzen Erde und am Prut und an der Matuschka Wolga und wo ihr sonst noch im heiligen Rußland Häuser und Dörfer und Güter habt.

Wir blicken alle auf zu Dir, und Du vergißt uns Waisen.

Und läßt Sztipann Sztipannowitsch für Dich schalten und walten.

Der Mischka, mein Schwestersohn, ist wiedergekommen, der zwanzig Jahr im Kaukasus unter Deinem Bruder gedient hat. Der hat mir berichtet, warum Dein Bruder gestorben ist, denn von Sztipann Sztipannowitsch erfahren wir gar nichts, nur daß er im Januar nach Tiflis gereist war.

Es hat auch in den Zeitungen gestanden, wie Dein Bruder beim Manöver bei Derbent vom Pferde geschossen worden ist.

Ich weiß etwas anderes, denn er hat alle, Offiziere und Soldaten, Tscherkessen und Rechtgläubige, geschunden. Wir lassen uns alles gefallen, aber eine Tscherkessenkugel fehlt nicht.

Ich war auch im Kaukasus, da sind unendlich hohe Berge, alles Fels und Gestein, das fällt immer wieder herunter, und reißende Bäche schaffen es immer weiter fort ins flache 38 Land. Ich weiß es nicht, ob es so ist: aber einmal, einmal wird alles Gestein heruntergefallen sein, und alle Täler werden ausgefüllt sein, und wo die Berge gestanden sind, wird alles schönes, ebenes Fruchtland sein; aber ob die Menschen besser werden, das weiß ich nicht.

Alexánder Alexándrowitsch ist in hohen Ehren begraben worden. Alle Orden sind ihm vorgetragen worden. Aber nachgeweint hat ihm niemand.

Sztipann Sztipannowitsch ist auch hingekommen, hat das Haus verkaufen lassen und hat alle auseinandergejagt, denn Alexánder Alexándrowitsch hat kein Weib und kein Kind hinterlassen. Da ist denn auch Mischka, mein Schwestersohn fortgejagt worden und ist hierher wiedergekommen, und noch zwei sind mit ihm gekommen und haben mir alles erzählt. Jetzt komm' Du zu uns zurück, Dein Erbe zu verwalten.

Der alte Starosta ist gestorben. Gott im Himmel hab' ihn selig. Es war meiner toten Frau Bruder und noch nicht einer von den schlimmsten. Jetzt hat Sztipann Sztipannowitsch einen jungen Fant eingesetzt, den haben wir wählen müssen.

Dem unreinen versoffenen Hund, unserem Popen, sind alle Kirchenbücher verbrannt. Sztipann Sztipannowitsch sagt, wir Bauern hätten es getan. Warum hätten wir es tun sollen? Vielleicht wollte er es selbst so.

Sztipann Sztipannowitsch schindet uns Bauern sehr.

Geschieht dies mit Deinem Wissen und Willen?

Jetzt komm her, Dein Erbe zu verwalten. Und wenn Du nicht kommst, Dein Erbe zu verwalten, so wirst Du betteln gehen.

Dein unterwürfiger Diener

Jermák.«    

 

Im Januar war Sztipann Sztipannowitsch in Tiflis? Also ist Alexánder im Januar gestorben und ich erfahre bis heute, 39 in vier Monaten, nichts? Entweder ist es eine Phantasie des alten Jermák oder – – –

Ich will gleich jetzt an Sztipann Sztipannowitsch schreiben und mir in aller Form Aufklärung erbitten.

 

15. Mai.    

Acht Tage kein Brief, kein Telegramm.

 

16. Mai.    

Ein langes Schreiben. Alexánder ist im Januar in Derbent gestorben. Sonst nur Ausflüchte und Entschuldigungen und dabei allerlei dumme Redensarten, als ging' mich die ganze Sache nichts an. Sonderbarer Kumpan, mein Herr Schwager. Tut, als ob alles auch ohne mich getan werden könnte. Er beantwortet nicht eine einzige von meinen Fragen, spricht nicht von meinem Bruder, sondern vom General, seinem Schwager; spricht von der großen Arbeitslast, die ihm durch den betrübenden Fall in der Familie zugefallen ist, und über die Schwierigkeiten der Verwaltung, und wie sehr sich Anna Alexándrowna den Tod zu Herzen genommen hat, und von mir ist mit keinem Wort die Rede – nur legt er, wie einem Bettler, einen lumpigen Wechsel auf Mendelssohn, Berlin, bei, da ich vermutlich Geld brauche!!

Dem General wird ein Denkmal in der Familiengruft auf Wolkowa gesetzt. Schön! Ich habe nichts gegen das Denkmal. Ich habe den Bruder nie gekannt, und gehört habe ich nur, daß er stark trinke und sehr lustig lebe – daß er sehr gegen die dritte Heirat Papas mit meiner Mutter war und mit Papa sich vollkommen entzweite.

Damals war er mit Sztipann Sztipannowitsch ein Herz und eine Seele, dann haben sie sich verzankt, und darum ist er auch nach Papas Tode, glaube ich, nie nach Petersburg gekommen, wenigstens nicht zu Sztipann Sztipannowitsch. Soviel ich mich erinnere, habe ich ihn noch als Knabe nur 40 einmal zufällig gesehen. Ich habe nichts gegen das Denkmal, aber man hätte mich doch fragen können.

Sztipann Sztipannowitsch tut aber so, als wenn er zu entscheiden hätte. Ja, wer ist denn Papas Erbe? Sztipann Sztipannowitsch oder ich? Ich weiß nicht, warum ich ihn nie gemocht habe. Er ist mir immer verdächtig vorgekommen, und ich könnte ihm allerlei zutrauen.

Ich schreibe noch einmal und verlange klare Antwort. Indessen mache ich mich gefaßt.

 

23. Mai.    

Ade, schöner Mai! Ade, mein Jena! – Ich muß nach Petersburg. 41

 

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