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Kristine

Helene Böhlau: Kristine - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleKristine
authorHelene Böhlau
year1929
firstpub1929
publisherHermann Böhlaus Nachfolger
addressWeimar
titleKristine
pages291
created20100905
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erster Gesang
Sulamiths Sehnsucht

              »Wer ist sie, die hervorschimmert
Unter den Rosenbüschen,
Schön wie die Morgenröte
Und wie das erste Licht des Tages
Unter den Palmen im Tal?«
*
Sulamith:
  In den Hain hinab will ich gehn,
Zu schaun nach den Blumen im Tal,
Schaun, ob der Ölbaum schon sprosset,
Ob die Knospen sich öffnen,
Und ob die Granate schon blüht.

  Einer ist's, den meine Seele liebt . . . .
Wer sagte mir doch, wo du weilest,
Und wohin du deine Herden getrieben,
Wo du zu Mittage ruhst –
Daß ich hinschauen dürfte über die Berge,
Daß ich dich suchte, daß ich dich fände.

  Dunkel bin ich, sonnengebräunt
Wie der Kedarener Hirtenzelte,
Wie die Estrichdecken Salomos; 276
Dunkelgebräunt, aber schön . . . .
Euch vertrau' ich's, ihr Rosen und Lilien,
Ihr Töchter unseres Tals!

  O wer es mir doch gewähren könnte,
Daß du mein Bruder seist,
Genährt an derselben Mutterbrust;
Daß ich dich küssen dürfte,
Träf' ich dich draußen,
Und niemand höhnte mich darum.
Dann brächte ich dich, ich führte dich
In meiner Mutter Haus.
Dort füllen Edelfrüchte unsere Hürden,
Alte und neue, Geliebter, für dich.
Du lehrtest mich, ich labte dich
Mit dem Saft der Granate
Und mit würzigem Wein.

*
  Ich beschwör' euch, ihr Töchter Jerusalems,
Bei den Gazellen und den Hindinnen unserer Fluren,
Wenn ihr ihn findet, den Inniggeliebten,.
Sagt ihm, daß ich krank bin vor Liebe! 277

 

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