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Kristine

Helene Böhlau: Kristine - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleKristine
authorHelene Böhlau
year1929
firstpub1929
publisherHermann Böhlaus Nachfolger
addressWeimar
titleKristine
pages291
created20100905
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel

Mein lieber Ker, ich bin ganz allein, sie haben mich alle vergessen, auch mein armes Mamachen – alle, alle –! Ich kann nicht schlafen, weil sie mich so ganz und gar vergessen haben, es ist, als fehlte die Luft zum Atmen. Mich will es oft ersticken, daß die Menschen böse auf mich sind – daß sie so schlecht von mir denken!« So schrieb Kristine in einer Frühlingsnacht in das Unbestimmte hinein. Sie saß in ihrer Stube im Reisberghaus; das flackernde Nachtlicht im Kaffeekännchen warf seinen Schein auf die Wand mit dem verschabten, feuerspeienden Berg und auf die dicke Rauchwolke, die diesem Berg entquoll, und Kristine schrieb in ein blaues Schulheft. – Das Kindchen schlief in seinem Heukorb. Sie hatte es ganz neben sich gerückt, neben ihre schmale Küchenbank, auf der sie saß, und neben den alten kleinen Tisch, dem Rotplätz wieder zu zwei neuen Beinen aus Fichtenstämmchen verholfen hatte, damit das ›Kretur‹ doch stehen könne.

»So lebt es sich auf dem Grund des Meeres –« schrieb Kristine wieder, nachdem sie lange, lange mit verweinten Augen vor sich hingeblickt hatte, ganz in Gedanken verloren – »kein Mensch kann den Weg dahinunter finden – und wer da unten ist, den haben sie verlorengegeben, der ist tot, der ist nicht mehr; und wenn er dennoch wäre, da säh' er die Welt durch das Wasser wie einen Schein – und das Wasser geht über ihn hin, niemand kümmert sich mehr um ihn, niemand ahnt etwas von ihm. – Wie ist es ihm angst und bange! – Wie hebt er die Hände – wie sehnt er sich – und niemand weiß etwas davon. –«

Kristine weinte heftig, und durch ihre Tränen sah sie alles wie einen Schein, und sie dachte, daß es so wäre, als ob sie durch tiefes Wasser hinaus ins Helle schaue.

205 Da rührte sich das Kleine in seinem Korb – und ein Stimmchen weckte Kristine aus ihrer Versunkenheit, ein Stimmchen noch halb im Schlaf, so leise quäkend, so weich wie feuchte Frühlingstöne. Da neigte sie sich über den Korb und sah in blinzelnde Augen; sie sah zwei winzige feuchte Fäustchen, die in einen kleinen, schimmernden Mund sich zwängen wollten, darüber fingen die Tönchen an und gurgelten wie aus einer Wasserpfeife und übergurgelten sich und quäkten wieder, so zart, so hilflos, so jämmerlich. Kristine nahm den warmen kleinen Kerl in die Höhe; da schnaufte er ein wenig, schnellte mit den Beinchen und dem winzigen Körper, und Kristine hielt ihn an sich gedrückt wie einen Vogel und schmiegte ihre Lippen an das weiche Köpfchen, in dem das Leben schnell und warm pulsierte und das einen so knospenhaft zarten Duft ausströmte. Dann wurde der kleine Kerl ruhig, ganz unverschämt zufrieden und lag an der jungen Brust, und wurde so warm gehalten, so mütterlich – und schnaufte – und manchmal kam ein komisch tiefer Atemzug aus der zarten Kreatur – da hatte es sich ein wenig verschluckt und wieder ausgeruht, und dann war es wieder eifrig.

Kristine hielt es wie ein Wunder, das ihr immer noch nicht ganz glaublich schien, mit behutsamer, leidenschaftlicher Liebe. Und draußen war dunkelfeuchte Mainacht. Es zogen Wolken über den Himmel, und die Fichten rauschten. In der rauchigen kleinen Küche lag die alte Frau in tiefem Schlaf, und über dem Zimmer von Kristinen und dem Kind lag Rotplätz mit seinen drei Kindern. Sie schliefen auch alle vier fest und ruhig. Es war so still, so nächtlich, daß Kristine ihr Herz hätte schlagen hören können, und sie saß in dieser Stille der Mainacht, die zu dem halbgeöffneten Fenster eindrang, so sorglich ruhig wie ein Madonnenbild in einer Kapelle.

206 Wenn solch ein mütterliches Bild, vor dem die Leute knien und es anbeten, seine Gedanken und Gefühle äußern könnte, so würden es die schmerzlich leidenschaftlich süßen sein, die die Seele des jungen Weibes in der einsamen Kammer bewegten.

 

30. Mai.    

Mein guter, lieber Vater ist noch immer mit mir – alle anderen schweigen.

Du und mein Vater! – euch höre ich, sonst niemand. –

Und wie du in der letzten Nacht, ehe du gingst, mit mir sprachst, mein Ker, das wird mir nun lebendiger. – Was war mir damals das Elend der Menschen! Ein Wort – ein andächtiges Wort! – Und daß du dein Leben opfern wolltest zu helfen, und daß du zu den Elenden, den Verlassenen, den Zertretenen stehen wolltest, für sie kämpfen wolltest, das schien mir sehr schön und gut von dir. Aber, mein Ker – wenn du zurückkehrst, da findest du nun eine, die es aus tiefstem Herzen empfunden hat viele Tage, viele Nächte lang, verlassen im Elend, und die jetzt anfängt zu ahnen, daß es auf Erden undenkbares Leid gibt.

 

1. Juni.    

Mein lieber Ker, ich bin so einsam, und wenn ich mir vorstelle, daß alle Menschen, die mich kannten, jetzt wie von einem schlechten Geschöpf von mir reden, und daß ich überall ausgestoßen bin, wenn ich an die entsetzlichen Blicke denke, und daran, wie Er mich geschlagen hat – ganz sinnlos vor Abscheu und Entsetzen! Und wie mein Mamachen auf dem Boden lag und lachte und schrie und weinte – da faßt mich eine wilde Angst – und ich komme mir vor wie ein stummes Tier, das zu den Menschen sprechen möchte. 207

 

Weißt du, Ker, wie unser Kindchen heißt? Peregrin, so, wie du einmal sagtest, daß die Menschen heißen müßten, und wie das Bübchen hieß, dem ich im Schneegestöber begegnete und das nicht heim durfte. Der Name legte sich mir damals ans Herz, so weich und schmerzlich – und nun heißt unser Kindchen so.

 

Was Rotplätz für ein sonderbarer Mensch ist! – Die meisten Leute würden es komisch finden, über Rotplätz überhaupt nachzudenken. Wenn er so gebückt geht, als schöbe er einen Schubkarren, so sieht er ganz sonderbar aus, und vollends wenn er abends von der Fabrik nach Hause kommt. Er hat fünfviertel Stunden laufen müssen und macht Schritte, wie ich sie noch bei keinem Menschen gesehen habe, und seine steifen, harten Stiefel, die dröhnen ganz dumpf, so ungefähr wie steife, lederne Glocken. Man hört ihn von weitem schon. Wenn er seine großen Stiefel anhat, da könnte er mit dem besten Willen nicht leise gehen; und wenn er sieht, daß unser Kindchen in seinem Korbe vor dem Hause schläft, da fängt er an zu schleichen – das sieht aus, als wenn er im Sumpf bis an die Knie ginge und nur mit der größten Anstrengung seine Beine mit den großen Stiefeln herausziehen könnte; und wenn dann seine zwei kleinen Buben ihm entgegenlaufen und die Buben ihren Posten hinter den großen Stiefeln einnehmen – sie sind da immer, sowie der Vater sich sehen läßt – da fängt Rotplätz zu zischen an: bst, bst, bst, so laut er nur kann, damit seine Buben unser Kindchen nicht aufwecken; und wenn es sich dann regt, dann schaut er sich nach den Jungen hinter seinen Stiefeln um und brummt: »Daß die Rangen nicht Ruh geem können!« Es gelingt ihm aber nicht oft, ein böses Gesicht zu machen. – Es ist so lang, sein Gesicht, mit lauter kleinen Fältchen um die Augen und den Mund, 208 und ist immer so zum Erdboden gewendet mit einer Freundlichkeit wie der liebe Abendhimmel. – Er ist ein guter Mensch. Kaum ist er zu Haus, so fängt er an zu kochen. Sein Minchen hat das Feuer schon gemacht und die Kartoffeln aufgesetzt, und dann kochen sie sich eine Suppe. Manchmal hat er auch ein Stück Fleisch in seiner Tasche aus Blankenhain mitgebracht – da ist die Fabrik. Dann sind sie alle ganz aufgeregt, und die alte Frau Birnstingel läuft auch hinüber und schaut in den Topf.

Frau Birnstingel wollte unser Kindchen durchaus anmelden, wie sie sagte, und es sollte rasch getauft werden; aber Rotplätz ist immer nicht gegangen, sooft die Alte auch gezankt und den Rotplätz eine Schlafhaube genannt hat. – Als sie es ihn das erstemal geheißen, war er zu mir herangeschlichen – ich saß gerade vor dem Haus, und Peregrin schlief bei mir –, da hat er gefragt: »Soll's angemeld't wärn?« und dabei auf Peregrin geblinzelt. Da wurde mir so angst, und ich fragte, ob es denn durchaus sein müßte. – »Muß schonn,« sagte er, »aber muß vieles was. Nach uns hier draußen fragen se nich viel – weren schon mal angelaufen kommen, die Gockel.«

Und nun ist er immer noch nicht gegangen. Wenn Rotplätz unser Kindchen herumträgt, so redet er es immer an mit »Pfannenstiel«. – Ich habe ihn jetzt einmal gefragt, weshalb er es so nennt – da sagte er: »Weil wir's noch nich getauft haben; so lang heißen die Kinder hierorts Pfannenstiel.«

 

6. Juni.    

Wie gut, mein lieber Ker, daß ich den ganzen Tag zu arbeiten habe – sonst wüßte ich nicht, wie ich alles ertragen sollte; aber Peregrin braucht mich den ganzen Tag von früh bis in die Nacht, und er braucht so viele Dinge.

209 Ich wasche auch für ihn – dann gibt es allerlei zu nähen für ihn und für mich, dann wird etwas gekocht, dann will er getragen sein. Er gibt keine Ruh, und unter aller Arbeit da ist mir's oft, als hinge eine schwere, schwarze Wolke über mir aus lauter Sehnsucht und Erwartung – und Verzweiflung. – Aber solange ich arbeite, bald das, bald jenes, und immer jeden Augenblick nach Peregrin sehen muß, so lange schwebt die schwarze Wolke nur über mir und erst nachts, da sinkt sie auf mich herab und hüllt mich ganz ein und ist so dicht und schwarz und traurig, daß ich nicht weiß, wo ich den Mut zum Weiterleben finden soll.– Wir brauchen hier sehr wenig zum Leben. – Mein Geld reicht schon noch eine Weile. Meinen Pelz soll Rotplätz verkaufen und die kleinen hübschen Schmucksachen auch nach und nach – und dann wirst du ja kommen, mein Ker – und mein Mamachen wird auch kommen. – Ich fühl's an meinem Herzen, wie es immer wartet und wartet, und wie es immer unruhig ist, auch wenn ich nicht gerade an alles denke und mitten in der Arbeit bin, es liegt immer wie auf der Lauer. Wie oft schau' ich eilig einmal zum Fenster hinaus, man kann den Weg so weit hinabsehen.

Und ich stehe da auch oft mit Peregrin am Weg, der Weg ist gepflastert, aber wie eine Wiese mit Grün überwachsen, und da ist mir's, als wenn dieser Weg mich mit der Welt verbände, und als ob auf ihm alle, nach denen ich mich sehne, kommen müßten.

Rotplätz ging einmal vorüber, als er mich mit Peregrin so stehen und sehnsüchtig ausschauen sah.

»Werd schon kommen – werd schon kommen«, sagte er und tätschelte mit seinen großen Fingern ganz zart und fein Peregrins Gesichtchen.

Und als ich nachts lag und Peregrinchen schlafen hörte, da war es das, was Rotplätz gesagt hatte: »Wird schon 210 kommen – wird schon kommen«, was mich so tröstend einschläferte. Er hatte ganz das Rechte gesagt. »Wird schon kommen.« Du wirst schon kommen, mein lieber Ker. Das war das erste lebendige Wort.

 

10. Juni.    

Peregrin gedeiht recht gut. Er wird alle Morgen in Frau Birnstingels altem Backtrog gebadet – wie er da zappelt und sprudelt! Da halte ich ihn am Köpfchen, und der kleine Körper wird vom Wasser getragen, und seine winzigen Beine zappeln wild, und er sieht so rosig aus, und gestern hat er zum erstenmal, wie er im Wasser steckte, sein Mäulchen aufgesperrt, und seine Zunge lag wie aufgerollt darin, ganz hoch und da hat er mit hellen, süßen Tönen gekräht, so silberhell – und dann gesprudelt, ganz wie ein vergnügtes Wasserpfeifchen, so daß ich gar nicht gewagt habe, ihm sein Mäulchen auszuwaschen, weil er immer dabei schreit und vor Zorn krebsrot wird – und ich habe ihm ganz andächtig zugehört, dem kleinen Menschen – und wie ich ihn angezogen hab', da sind wir miteinander hinausgegangen in den wunderschönen Morgen, da hat er neben mir gelegen im Wald in der Morgensonne und hat gestrampelt und mit seinen klaren Augen in den Himmel geschaut, und ich hab' gesessen und genäht und immer halb auf ihn und halb auf die Arbeit gesehen. – Und wie gerade über uns eine Amsel pfiff, hat sein ganzes Körperchen vor Vergnügen geschnickt. Er hat's gehört.

Mein lieber, guter Ker – das sieht alles so aus, als müßte es so sein. Unser Kind fühlt sich wohl auf der Welt – es tut gerade, als wäre alles ganz und gar in Ordnung, doch aus welcher Verwirrung entstand es. Welches Weh und Unrecht luden wir auf uns – und auf Peregrin, auf alle, die ich liebte, und welches Weh trifft uns! Nein – nein – du dürftest nicht da sein, du geliebtes Geschöpf. – Und 211 wenn ich daran denke, wie sie Peregrins arme Mutter in der allergrößten Qual wie ein armes Tier verlassen haben – und wie sie sich voll Angst und Schrecken und Verzweiflung herumgetrieben hat – so elend, mein Ker – so über alles Maß elend –! und wie sie alles überstanden hat und nun neben ihrem Kindchen sitzt – da wieder denke ich, wenn die Menschen alles wüßten und mir ins Herz sehen könnten, – kein Winkel sollte ihnen verborgen bleiben, sie müßten mich wieder liebhaben, müßten gut von mir und von Peregrin denken. Aber es ist Schande, namenlose Schande – für alle – daß Peregrin und ich am Leben blieben.

Mein lieber, guter Ker, komm du nur! Du findest jetzt statt eines Herzens zwei, die dich erwarten! Dies Wunder, Ker! Ich kann es immer noch nicht fassen! So ein schwer errungenes Wunder! Was wirst du denn nur sagen, Ker? – Wie oft denke ich mir's aus, wenn du kommen und Peregrin finden wirst.

 

Wenige Tage, nachdem Kristine diese Zeilen in ihr Tagebuch geschrieben hatte, war ein Sonntag herangekommen, ein heller, sommerlicher Sonntag.

Frau Birnstingel saß auf ihrer Türschwelle und strickte an einem alten Strumpf; die schwarzen Hühner gackerten um das Haus, scharrten und hackten, wie es ihnen von Gottes und Rechts wegen zukommt, ein Räuplein auf, zerpflückten ganz unschuldig einen dicken Maikäfer, schlangen Würmchen aller Art und störten mit ihrem mörderischen Behagen keineswegs den Frieden der jungen, frischen Junipracht, denn wo sich irgend etwas noch so harmlos regte, regte es sich, um irgendeinen lieben Nächsten zu verspeisen oder vor einem lieben Nächsten in Todesangst zu fliehen. Das ist die Ordnung so, und deshalb war es doch ein schöner, friedlicher Junisonntag.

212 Kristine war mit Peregrin hinter das Haus gegangen, wo Peregrins Windeln zum Trocknen ausgebreitet auf dem Rasen lagen.

Da hörte sie schnelle Schritte, das konnte niemand anders als Rotplätz sein, deshalb achtete sie auf diese Schritte auch nicht. Nur, als ihr auffiel, daß sie so besonders und so hastig und so lebhaft läuteten, schlurften und dröhnten, wendete sie sich halb um, und richtig, da bog Rotplätz eben um die Hausecke und fackelte mit den langen Armen und wies auf Kristinen –: »Sie kommen – sie kommen!« rief er gedämpft, mit vor den Mund gehaltenen Händen – und jetzt war er schon bei ihr und sah in ein ganz totenbleiches Gesicht, und sah ein paar Augen auf sich gerichtet, wie er noch nie einen Menschen hatte blicken sehen.

»Gleich werden sie da sein; den Wagen haben sie unten am Kirschweg stehenlassen und kommen zu Fuß herauf – nur sachtchen – sachtchen!« Rotplätz war aufgeregt und schaute ganz sonderbar auf Kristine und das Kind.

»Meine Mutter?« sagte Kristine mit einem rührenden, angstvollen Ausdruck, fragend und doch schon bestätigend.

»Es sind ihrer zwei«, meinte Rotplätz.

Und jetzt ging Kristine vorwärts und hielt ihr Kindchen mit beiden Armen fest an sich gedrückt, wie unbewußt zur Abwehr.

Jetzt war die Stunde gekommen – die Stunde, der sie so bang und sehnsüchtig gewartet hatte. – Kristine fühlte nicht, daß sie ging, sah und hörte nichts, und nur, daß sie jetzt wieder bei ihrem Mamachen sein würde, das empfand sie wie im Traum. Und wie sie um das Haus bog – da stand sie vor Frau Professor Majunke und Mathilde Swensen.

»Es sind ihrer zwei«, hatte Rotplätz gesagt, und so sah sie sich hoffnungslos nicht weiter nach der um, die sie so sehr erwartet hatte.

213 Ihr Herz aber zog sich wie in einem Krampf zusammen, und sie stand da, fest aufgerichtet, ihr Kind im Arm, den Kopf erhoben, und blickte fragend auf die beiden Reisegefährten, und diese sahen wie verwirrt auf sie. Sie mochten ein ganz anderes Bild zu sehen erwartet haben.

Sie sahen sich beide an und bemerkten, daß eine so erstaunt war wie die andere.

Mathilde Swensen war die erste, die das Wort fand.

»Du siehst uns sehr erstaunt, Kristine, sehr erstaunt.«

Kristine aber verzog noch immer keine Miene. Rotplätz und Frau Birnstingel schauten der Sache wie einem Schauspiel zu. Frau Birnstingel saß noch immer auf der Haustürschwelle, die Arme und der alte Strumpf waren ihr auf den Schoß gesunken.

»Herr, mein Gott, wie ist das möglich?« rief Frau Professor Majunke, »man trägt doch nicht seine Schande am hellen Tag herum!« Damit zeigte sie auf Peregrin, der seine Ärmchen hob und lustig krähte. »So gut wie wir hätte auch wer anders kommen und dich sehen können!« ergänzte Mathilde.

Kristine stand aber immer noch stumm und hielt Peregrin noch fester und sicherer.

»Ihr Schwager«, begann jetzt Frau Professor Majunke feierlich wie eine Kirchenglocke, »hat die Großmut, als Oberhaupt der Familie, Sie wieder mit Ihrer Mutter vereinen zu wollen.«

In Kristinens Augen leuchtete es auf.

»Er selbst will und kann Sie nicht wiedersehen, da er ein Ehrenmann durch und durch ist. Sie sollen«, fuhr Frau Professor Majunke feierlich fort, »von hier so bald als möglich abreisen an einen Ort, den wir Ihnen bestimmen, und dort Ihre unglückliche Mutter erwarten.«

»Mama?« rief Kristine erschreckt, »was ist Mama 214 geschehen?!« Das war das erste Wort, das sie sprechen konnte, und sie stieß es angstvoll, wie verzweifelt heraus.

Frau Professor Majunke war es gelungen, das Wort »unglücklich« ganz besonders unheimlich zu betonen.

»Deiner Mutter?« frug Mathilde, als traute sie ihren Ohren nicht, »deiner Mutter?«

»Ihre Mutter?« sagte Frau Professor Majunke, »wenn Ihnen das ganz neu ist, werde ich mir erlauben, es Ihnen zu sagen. Ihre Mutter hat ihr Kind verloren – schlimmer als durch den Tod verloren – und Sie fragen, was Ihrer unglücklichen Mutter geschehen ist?«

Frau Professor Majunke war mit ihrer Ausdrucksweise zufrieden. Kristine blickte ganz verwirrt mit weit offenen Augen, die Worte tanzten so unheimlich von Frau Professor Majunkes Lippen.

Da war sie wieder, die schreckliche Szene, die sich am Sterbebette ihres Vaters abgespielt hatte! Da läuteten wieder die wüsten Glocken – und wieder trafen giftige Blicke wie Blitze, und es wurden wieder Dinge gesagt, Worte gebraucht, die den Boden unter den Füßen fortrissen.

Kristine legte den Arm immer schützender um ihr Kind, legte die eine Hand ausgespreizt auf sein Köpfchen. Niemand sollte es schlagen und treffen können.

Und jetzt sah sie in Wirklichkeit Frau Professor Majunkes Hand im steifen, schwarzledernen Handschuh, und diese Hand legte sie auf Peregrins Körperchen.

In Kristinens Seele stieg es wie eine Ahnung auf.

»Fort von ihm!« sagte Kristine fest.

Frau Professor Majunke aber war vollkommen vorbereitet auf Widerstand, sie hatte sich mit Mathilde schon darüber auf der Fahrt ausgesprochen.

»Was denken Sie denn?! Sie sollen uns auf den Knien danken, daß wir gekommen sind, daß wir für das Kind 215 sorgen wollen und retten wollen, was an Ihrem verlorenen Leben noch zu retten ist.«

»Gib es ihr doch«, sagte Mathilde mit sanfter, überredender Stimme. »Gib ihr das Kind, es ist für alles so gut gesorgt, Kristine.«

Frau Professor Majunke fiel ihrer Freundin in die Rede. Sie war sehr aufgeregt. »Kind sagst du? Das ist kein Kind, meine Liebe, diesen heiligen Ausdruck bitte ich nicht zu mißbrauchen.«

Kristine stand ruhig, ihre Augen strahlten vor Erregung und Schmerz.

»Frau Professor Majunke,« sagte sie ernst, »ich verstehe alles. Ich will Ihnen ein einziges Wort sagen: Ich werde mich von meinem Kinde nie trennen, nie! Der bleibt bei mir!« rief sie erregt. »Mein Vater hat mich auch nicht verlassen, und hatte kein böses Wort für mich, und keinen Zorn, und nur Liebe, und in seinem Namen handle ich. Ich weiß, was ich allen für Weh brachte. – Ich weiß und sehe alles – aber der bleibt bei mir.«

»Damit willst du doch nicht sagen, daß unser edler Verstorbener von deiner Schmach etwas ahnte?«

»Ich habe ihm alles gesagt«, antwortete Kristine und neigte sich über ihr Kind, das unruhig wurde.

»Das ist nicht möglich, du lügst!« rief Mathilde. »Du lügst schamlos – einen Toten im Grab zu beschimpfen!«

Da hob Kristine den Kopf hoch.

»Herr mein Gott, solch einen Narren trug die Welt nicht, wenn das wirklich wahr sein soll!« rief Mathilde. »Ich hab' es immer gesagt, Onkel Ahrensee hat die Kristine mit seinen unreifen Gedanken verrückt gemacht!«

»Mein Vater!« Kristine war außer sich und ging mit fliegendem Atem auf Mathilde zu. Sie war bis in die Lippen bleich geworden.

216 »Ker!« rief Kristine laut, fast unbewußt. »Ker, verlaß mich nicht!«

»Ker?« sagte Frau Professor Majunke stutzend.

»Ker,« sagte Mathilde – »ja Ker! – Das brauchst du uns nicht zu sagen. – Wir wissen alles. – Aber Ker – ich meine, dieser saubere Ker hat recht lange nichts von sich hören lassen – dieser Elende, den wir alle hassen!«

Statt Ker aber, den Kristine in ihrem Jammer angerufen, kam von seinem Posten Rotplätz angeschlurft und stellte sich neben Kristine.

»Nun und Ihre Mutter und Ihr Schwager und Ihre Schwester – die mögen es tragen, wie sie wollen,« rief Frau Professor Majunke aufgebracht, »um die kümmern Sie sich kein Haar – das ist Ihnen gleichgültig, wenn nur dies unsinnige, unnötige Geschöpf da gedeiht!« –

»Mein Schwager und meine Schwester sind ihre eigenen Herren«, sagte Kristine wieder fest – »und meine Mutter –« da rannen ihr die heißen Tränen herab, und sie konnte nicht sprechen, sie preßte ihr Gesicht an Peregrin, der die ganze Zeit sehr geduldig und verständig gewesen war, nur manchmal hatte er gezappelt vor Vergnügen, gerade, wenn Frau Professor Majunke sich auf Kristine und ihn zu bewegte.

»Du gibst uns das Kind also nicht mit – und willst deine Mutter nicht aufsuchen und mit ihr wie ein anständiges Mädchen weiter leben, wie es sich gehört? Noch weiß kein Mensch außer uns von der ganzen Sache – besinne dich, was du tust! – Gib uns eine ernste, ruhige Antwort.«

»Nie!« rief Kristine heftig in fester Entschlossenheit.

Rotplätz setzte jetzt einen Fuß vor den andern und schob vorgeneigt, wie er immer ging, auf die beiden Damen zu.

Für jemand, der Rotplätz kannte, hatte das durchaus nichts Schreckenerregendes. Aber Frau Professor Majunke und Mathilde wichen ängstlich zurück.

217 »Geh mer – geh mer nu!« sagte Rotplätz und rückte immer näher.

Wieder fuchtelte er mit den Armen und machte allerlei geheimnisvolle Zeichen, was die Reisegefährtinnen außerordentlich beunruhigte. Es fuhr ihnen durch den Kopf, daß er seine Spießgesellen so anlockte. Kristine kam ihnen auch verwildert vor, wie sie so sonderbar ruhig dastand, so blaß mit den klaren, blauen Augen, die wie im Fieber glänzten, wie sie das Kind an sich hielt mit einer so unsinnigen Leidenschaft – wie ein Tier sein Junges – so hirnverbrannt, wo doch die einfache menschliche Vernunft hätte sprechen müssen! Sie kam ihnen vor, als wäre sie zu allem imstande, eine ganz Verzweifelte, vor der man sich in acht nehmen muß. Und die Damen retirierten mehr und mehr.

Rotplätz, als er bemerkte, daß seine geheimnisvollen Zeichen nichts fruchteten, rief brummend nach dem Kutscher, immer auf den Boden schauend, wie das seine Art war: »Brav – schon brav – das is andere Art bei uns. – Bei uns gemeine Leite – da is nich so Dings. – Wir machen's schonn durch mit den Kindern – wir machen's schonne durch – so oder so. Abersch,« sagte Rotplätz, als die Gefährtinnen durch sein unwiderstehliches Vorwärtsschlurfen dem Wagen, der inzwischen gewendet hatte, zugetrieben waren, »daß ich's nich vergeß, das richt' aus, daß sie dem Mächen« – Rotplätz machte eine nicht mißzuverstehende Geste – »Geld schicke sollen – umsonst tut's Mutter Birnstingel freilich nich. – Noch hammer schonn – noch hammer schonn – das schonn – das tut's schonn noch. – Aber nich vergessen – he?« sagte er und schaute wieder auf die beiden mit seinem gutmütigen Lächeln. – »Nich vergessen – Sie?

Und wenn das Mächen ihre Leute daheim hat, da sagt ihnen von mir aus, daß ihr Mächen im Walde geboren hat – wie ein verlaufenes Schaf – die Birnstingel hat's 218 gefunden – daß Gott erbarm – vergeß das och nich. Ihr beide werd, scheint's mir, Jungfern sein – na – da muß mer Ihnen manches nachsehen – was so ä Jungfer is. –

Na adjeh, nichts für ungut.«

Frau Professor Majunke machte auf den Rücken des Kutschers mit dem Sonnenschirmknauf nicht mißzuverstehende Zeichen, daß er losfahren sollte.

Sie war so aufgeregt, daß ihr das Sprechen unmöglich war. Der Wagen setzte sich in Bewegung – die Räder knirschten leise auf dem weichen Boden.

Kristine stand immer noch auf demselben Fleck und starrte stumpf auf den Wagen, solange er zu sehen war; dann hob sich ihre Brust, und ein Tränenstrom stürzte ihr aus den Augen, und Peregrins Köpfchen wurde naß von Tränen. Und ohne einen Schritt vor- oder rückwärts zu tun, sank sie auf der Stelle zusammen, wo sie während der ganzen Zeit wie eine Bildsäule gestanden hatte, und kauerte sich hin und weinte und weinte – und Peregrin spielte mit seinen spitzen Fingern in ihrem nassen Gesicht.

Frau Birnstingel auf der Türschwelle hatte ihren alten Strickstrumpf wieder in Gang gebracht und brummte allerlei vor sich hin. Rotplätz schälte bei offener Tür Kartoffeln, und seine beiden kleinen Jungen standen und schauten in aller Gemütsruhe Kristinen zu, wie sie weinte.

 

An diesem Abend ging noch Rotplätz mit einem Brief in der großen Faust nach Blankenhain und steckte diesen Brief vorsichtig in die Spalte des Blankenhainer Postkastens, fuhr mit dem großen, breiten Zeigefinger bedächtig über diese Spalte hin, um auch zu spüren, daß der Brief wirklich und wahrhaftig unten im Kasten angelangt war, und schließlich kehrte er noch einmal um und beschaute sich den alten Blechkasten von allen Seiten, ob auch alles in Ordnung sei, 219 und ob er seine Sache, wie es sich gehörte, ausgerichtet hätte.

So gut und vorsichtig Rotplätz auch das seinige in dieser Sache getan hatte, und unter so heißen Tränen auch dieser Brief geschrieben war, so ist er dennoch nie an seine Bestimmung gelangt.

Der Brief kam in die Hände von Professor Henneberg, der dachte an alles mögliche und bedachte alles mögliche, und wenn die Menschen nicht aus tiefster Seele unwiderstehlich handeln, entsteht Mißgedeutetes, Mißverstandenes.

Er gab diesen Brief nicht an Frau Ahrensee ab.

Zuerst lag er monatelang bei ihm im Schreibpult, der Herr Professor wartete den geeigneten Moment ab, um ihn seiner Schwiegermutter zu übergeben.

Nach einiger Zeit aber war der geeignete Moment vergangen.

Da ging der Brief in Rauch auf, wurde Asche wie alles auf Erden; aber hatte das nicht ausgerichtet, was er hätte ausrichten sollen.

Und Kristine mußte es hinnehmen, daß draußen in der Welt seit jener Reise der beiden Freundinnen eine gespenstige Person unter den Leuten sich umhertrieb, von der man sagte, daß es Kristine sei. Es war ein bejammernswertes Gespenst, gesunken, verwahrlost, eine Person mit einem kleinen Kind, das sie schamlos wie ihre eigene Schande herumtrug, ohne jede Scheu, eine Person, die ihre Mutter, ihre Verwandten verhöhnte, eine Person, der jedes anständige Gefühl abhanden gekommen war, eine Person, die Geld erpreßte durch Drohung. Und dies Gespenst stieg wie ein giftiger Hauch aus der Leute Mäulern auf, ballte sich zusammen und wurde immer ekelhafter, immer elender und verächtlicher und giftiger, und solch ein Gespenst, das mußte sie draußen umherschleichen lassen, da konnte sie nichts tun, 220 konnte sich nicht davor schützen, denn es war mächtiger geworden als sie selbst.

Und dies Gespenst erstickte das Mitleid, das sich hie und da hervorgewagt hätte, verdarb ihr alles und jedes. Und ihre arme Mutter, der sich das entsetzliche Gespenst der eigenen Tochter auch gezeigt hatte, die machte es sinnlos; dieses Gespenst stürzte sie in Verzweiflung, daß sie nicht aus noch ein wußte; sie wurde hilflos und rührend.

Und solch arme Herzen, die so und nicht anders lieben, die sind, wenn das Unglück kommt, wie Sommervögel im Herbste. Habt ihr einmal eine zurückgebliebene Schwalbe im Novembersturm sich herumängstigen sehen? Habt ihr bemerkt, wie sie flattert, wie sie verzweifelt hin und her saust? So, gerade so machen es solch arme Herzen in der Menschenbrust.

 

Als die Sache nun doch einmal unter die Leute gekommen war, da hielt es Frau Professor Majunke nun auch nicht länger aus, sie mußte zu Jekatirina Alexándrowna, zu Frau Müller gehen, um von ihr Rechenschaft über ihren Bruder zu fordern, denn seit Kristinens Ausruf bei der Begegnung am Reisberghaus war jeder Zweifel gehoben. Frau Professor Majunke mußte jetzt Jekatirina Alexándrowna zur Rede setzen, trotzdem sie wußte, daß diese schwer krank war und über ihres Bruders Verbleiben sowenig etwas erfahren hatte wie sonst irgend jemand, und daß sie damals, als Heinrich Ahrensee noch lebte, diesen um Rat gefragt hatte, welche Wege sie einschlagen müsse, um über ihren Bruder Nachricht zu erhalten, aber nichts erfahren hatte. Das alles war Nebensache. Die Hauptsache aber, daß Frau Professor Majunke durchaus ihrem Herzen Luft machen mußte. Und so begab sie sich auf den Weg zu dem von der Stadt abseits und einsam gelegenen Haus.

221 Sie mußte lange, ehe ihr geöffnet wurde, klopfen und an der Tür rütteln, denn das Läutewerk war abgestellt und gab keinen Ton von sich, und so hatte sie Muße, zu betrachten, wie sehr Jekatirina Alexándrowna bestrebt war, sich von der Außenwelt abzuschließen; der kunstvoll in die lebendige Hecke verflochtene Stacheldraht, Drähte aller Art, der nichts weniger als Vertrauen erweckende Hofhund, einladende Tafeln, auf denen in dicken Lettern auf das freundlichste auf Selbstschüsse und Fußangeln aufmerksam gemacht wurde. Das alles ärgerte sie außerordentlich. So eine Närrin, dachte sie.

Frau Professor Majunke war seit Menschengedenken nicht zur hellen Tageszeit bei Jekatirina Alexándrowna gewesen.

Sie klopfte und rüttelte von Zeit zu Zeit energisch, denn sie war durchaus nicht willens, unverrichteter Sache wieder abzuziehen. Endlich wurde ihr von der Haushälterin, die Jekatirina Alexándrowna ›das Tier‹ nannte, geöffnet. Da erfuhr sie, was sie schon wußte, daß Frau Müller seit Tagen schwer krank liege, an einem alten Herzübel, und für niemand zu sprechen sei.

Dadurch aber ließ Frau Professor Majunke, die mit ihrem vollsten Eifer gewappnet war, sich durchaus nicht abschrecken. »Gehen Sie nur,« sagte sie, »sagen Sie, ich käme in einer sehr wichtigen Angelegenheit.« Die Haushälterin tat nach einem stummen Kampfe mit sich selbst, was Frau Professor Majunke sie geheißen hatte, sie blickte sie sonderbar an, schloß die Tür vor Frau Professor Majunkes Nase, was diese begreiflicherweise empörte, und begab sich hinauf zu ihrer Herrin.

»Wird Frau Müller sehr angenehm sein«, sagte sie, als sie zurückkehrte.

Frau Professor Majunke folgte ihr stumm und entschlossen.

Frau Professor Majunke fand Jekatirina Alexándrowna mit ganz sonderbar starren Augen wachsbleich im Bette 222 liegend, in einem äußerst behaglichen Schlafzimmer. Es war das Schlafzimmer einer vornehmen Frau. Sie hatte es noch nie betreten und war von der unbeabsichtigten Eleganz nicht angenehm berührt – es mochten ihr allerlei Erinnerungen und Vergleiche aufsteigen.

In dem offenen Kamin brannte, weil es draußen gerade grau und regnerisch war, ein leichtes Holzfeuer.

Geräuschlos nahm das ›Tier‹ die Reste eines minimalen Krankenfrühstücks vom Tische und trug sie hinaus.

»Diese Person«, dachte Frau Professor Majunke, »ist vortrefflich bedient und lebt wie eine große Dame.«

Solche Beobachtungen währten wenige Sekunden. Da war Frau Professor Majunke wieder im vollen ungeteilten Eifer – ganz sie selbst – ging auf Jekatirina Alexándrowna zu, die wirklich erschreckend gelb in ihren Kissen lag und mit der Hand eine begrüßende Bewegung machte, während sie nach Luft rang. –»Was führt Sie zu mir, Frau Professor Majunke?« sagte sie, »ich bin sehr krank.«

Frau Professor Majunke hielt eine Entgegnung nicht für nötig, sondern machte ungesäumt ihrem Herzen Luft.

»Ich komme in sehr besonderer Angelegenheit, ich wünsche Ihnen aufrichtig Glück zu einem so ausgezeichneten Bruder.«

»Sprechen Sie von meinem Bruder? Was hat man von ihm gehört?« frug Jekatirina Alexándrowna lebhaft und besorgt.

»Nun«, sagte Frau Professor Majunke erregt. Es schien ihr, als wüßte Jekatirina wirklich noch nichts. Das goß Öl ins Feuer. »Sie wissen also nichts?« frug sie.

»Nein«, sagte die Kranke. Die Brust hob sich schwer. Sie sah unsäglich gequält aus.

»Bitte«, sagte Jekatirina Alexándrowna und blickte mit ihren großen, klaren Augen durchdringend auf die kleine Frau, die vor Erregung, endlich zum Sprechen zu kommen, zitterte.

223 »Sie wissen wohl nicht, weshalb Kristine Ahrensee eigentlich ohne weiteres verschwunden ist, gleich nach dem Tode ihres Vaters?« frug Frau Professor Majunke, die nicht wußte, bei welchem Zipfel sie die Sache zuerst anpacken sollte. Daß Jekatirina Alexándrowna noch gar nichts wußte, gar nichts, wie es schien, das hatte sie nicht in Erwägung gezogen; daß man so etwas überhaupt noch gar nicht wissen konnte, befremdete sie aufs äußerste, und so kam es, daß sie nicht mit der vollen Wucht, wie sie sich vorgenommen, auf Jekatirina Alexándrowna einstürzen konnte.

»Also weshalb denn? Weshalb denn?« rief Frau Professor Majunke entrüstet.

»Ich weiß es nicht!« sagte die Kranke ungeduldig. »Ist irgendeine Verbindung zwischen meinem Bruder und Kristine Ahrensee?«

Das war das rechte Wort für Frau Professor Majunke, jetzt war sie mitten drin. Und nun kam es, nun fand Frau Professor Majunke auch die rechten Worte.

»So steht es?« sagte die Kranke kaum hörbar, sehr ernst, und war noch tiefer erbleicht. Es lagen tiefe Schatten unter ihren Augen und sie starrte auf Frau Professor Majunke, die sich mit beiden Händen an den Bettpfosten hielt.

»Tun Sie, bitte, die Hände weg, das schmerzt mich«, rang es sich Jekatirina Alexándrowna von den Lippen. Jekatirina lag wie eine Tote, gestreckt und starr vor Qual.

»Ist das Kind schon geboren?«

Frau Professor Majunke starrte der Kranken ins Gesicht. »Das sind doch keine Ausdrücke!«

»Wie denn? Was sagte ich denn? Wie soll ich denn fragen? Haben Sie da andere Ausdrücke?«

»Leider nicht andere.«

»So – so«, sagte Jekatirina Alexándrowna.

»Ja, es ist geboren«, sagte Frau Professor Majunke.

224 »Das arme junge Geschöpf – so dumm – so unschuldig – nicht wahr? Herzzerreißend – ganz herzzerreißend.«

Frau Professor Majunke stand wie hypnotisiert, steif, und hörte und wollte antworten und konnte nicht.

»Und zu Hause ist sie nicht – sagten Sie das nicht?«

Jekatirina Alexándrowna ballte die wächsernen Hände, um einen Atemzug zu tun.

»Wo ist sie denn? Freilich – freilich – die Mutter ist ja bei ihr! – Wie hat sie die erste Tochter gepflegt, wie ein Königskind es nicht besser haben kann – und die arme kleine Verlassene – da wird sie trösten müssen. Es wird – es soll schon gut werden – es wird – es wird gewiß! Dunkle Schicksalswege, armer Blondkopf«, sagte Jekatirina Alexándrowna erregt wie zu sich selbst.

»Und wo ist es denn geboren, das Kindchen?«

Frau Professor Majunke hatte sich erholt. Sie fand das Wort wieder und teilte Jekatirina mit, was sie wußte.

»Über Gottes Strafgericht sind wir nicht hinaus, gnädige Frau.

Sie hätten's vielleicht anders gewünscht, wie mir scheint, meine gnädige Frau. Nein, sie hatte keine Hilfe, gar keine Hilfe. – Und vordem, da hat sie sich umhergetrieben in ihrem Zustand schamlos, von Wirtshaus zu Wirtshaus, ist auch davongelaufen ohne zu zahlen – das haben wir unterwegs gehört«, sagte Frau Professor Majunke kühl.

»So –«, sagte Jekatirina Alexándrowna. Sie hatte den Kopf erhoben und Frau Professor Majunke, während diese sprach, keuchend angestarrt.

»Da habt ihr sie wohl in Angst gebracht, daß sie fortgelaufen ist?

Nun – und die Mutter – die Mutter! Die Mutter ist doch bei ihr? Und wo ist Kristine denn? – wo ist sie denn?«

225 »Die Mutter ist nicht bei ihr, und Kristine ist in einer Spelunke bei Blankenhain, im Reisberghaus, wenn Sie's zu wissen wünschen, meine Gnädigste.«

Jekatirina Alexándrowna blickte immer noch mit großen, starren Augen auf die zappelige kleine Frau.

»Und die Mutter, fragen Sie – die Mutter – die Mutter?« sagte Frau Majunke höhnisch. »Frau Ahrensee ist beschützt worden, und man kann sagen Tag und Nacht, bis diese haltlose Frau endlich zu Verstand kam. – Glauben Sie mir, meiner Freundin und mir ist das nicht leichte Amt zugefallen, diese Frau auf die Höhe der Moral zu stellen.«

»So?« sagte Jekatirina Alexándrowna und schaute ganz sonderbar.

»Nun, und da ist sie doch nicht etwa allein mit dem Kinde?«

»Allein – freilich, was denn sonst? – Sie steckt übrigens bei allerlei Leuten.«

»Und wer ist denn bei ihr gewesen, woher wissen Sie denn alles?«

»Mathilde und ich – und ich kann Ihnen sagen, gnädige Frau, daß sich Gottes Gericht an ihr sehr schnell vollzieht. Wir fanden sie gesunken in jeder Weise – patzig – verkommen, ein Ritter hat sich auch schon gefunden. Es war alles wie bei einer von Gott Gezeichneten.«

»Weiter! – und was wollten Sie denn bei ihr?«

»Wie fragen Sie denn, verehrte Frau? Mich dünkt, es ist nicht gerade am Platz, daß Sie das große Wort führen. Erlauben Sie mir!«

»Weiter – weiter! – Was wollten Sie von ihr?« schrie Jekatirina auf. »Wollten Sie ihr das Kind abnehmen? – Wollte Gott, es wäre nicht geschehen, das Entsetzliche. Aber da es nun einmal geschehen –.«

»Sie scheinen es ja zu wissen, was wir wollten.«

»Das Kind so einer armen, kleinen, verlassenen Mutter 226 abnehmen! – aber freilich – freilich! – Hat sie denn zu leben, ist denn gesorgt für sie?«

»Sie hat schon dafür gesorgt, verehrte Frau, seien Sie versichert,« sagte Frau Professor Majunke höhnend, »sie hat vorsorglich ihren ganzen Schmuck mitgehen lassen.«

»Das Kind wollten Sie ihr also wirklich abnehmen? Und dann sollte wohl Kristine wieder Fräulein Kristine Ahrensee in aller Unschuld und Seligkeit weiter spielen? Ja?«

»Nun sehen Sie,« sagte Frau Professor Majunke auf ihre alte, spaßige Art, die so beliebt war, »auch in Ihnen, verehrte Frau, ist noch einiger gesunder Menschenverstand und etwas Gottesfurcht sozusagen.«

»Nun und weiter – da ist sie wohl gleich auf alles eingegangen?« frug Jekatirina Alexándrowna gespannt.

Sie war in tiefster Erschöpfung zurückgesunken. In ihren Augen aber lag unheimliches Leuchten.

»Sie hat euch das Kind nicht gegeben! Bravo! Bravo!« rief Jekatirina Alexándrowna, keuchend im Kampf um Luft. »Wißt ihr denn auch, was das heißt? Sie will das Kleine gegen eine ganze Welt verteidigen, so grenzenlos verlassen wie sie ist! – – o, sie weiß es nun – ganz gut – was sie tut – sie weiß es! Ein Leben voll Verachtung – ausgestoßen, verfemt – arm – elend – verworfen, wenn sie ihre heilige Pflicht tut und des Unrechts Folgen mutig trägt – und zu Gnaden aufgenommen, wenn sie schmachvoll lügt, das Heiligste, was das Leben ihr gab, verleugnet – und verläßt.«

»Wenn dich dein Auge ärgert, so reiß es aus und wirf es von dir!« sagte Frau Professor Majunke drohend. »Soll denn etwa die Familie mittun?«

»Ja, ja«, sagte die Kranke schwer, und dann weiter ganz ruhig: »Liebe Frau Professor Majunke, bitte haben Sie einmal die Güte, mir den Stock dort herzugeben, den Stock mit 227 der silbernen Krücke – diesen – ja – danke. Ich merkte schon, wer zu allem geholfen hat. Das ist Ihr Werk, nicht wahr, Frau Professor Majunke?«

»Moral sagten Sie vorhin, dächte ich, Frau Müller?« rief Frau Professor Majunke wie zu einer Harthörigen, als sie den Stock überreichte.

»Ja, Moral!« wiederholte Jekatirina Alexándrowna und stützte sich im Bette mit dem einen Arm auf und hob den Krückstock mit der Rechten drohend, daß Frau Professor Majunke wie vor einer Besessenen zurückwich.

»Moral ist Mitleid – nur Mitleid – nichts weiter, du infames Weib!« rief Jekatirina Alexándrowna.

Frau Professor Majunke stand verblüfft.

»Ah – verrückt sind Sie! – Verrückt also!« – rang es sich leise, aber heftig von den Lippen der kleinen Frau.

Jekatirina aber sah nicht wie verrückt aus, sondern wie eine Tote, die von Haß getrieben aus dem Grab auferstanden ist.

»Bleiben Sie!« schrie die Kranke herrisch, »bleiben Sie!« Sie hielt ihren Stock, als wäre sie bereit, auszuholen.

»So läuft die Pest umher, so wie Sie. Verpesten, alles verpesten! Das ist Ihr Werk – das ist's, zehntausendmal verflucht das, was solch eine Bestie Moral nennt!«

Frau Professor Majunke sah sich ängstlich nach der Tür um.

»Bleiben Sie!« schrie Jekatirina Alexándrowna wieder. »Nicht wahr, strafen – richten – lästern – verunglimpfen – Geschrei machen – zertreten – weil etwas nicht ist, wie ihr wollt – erwürgen – verwüsten – verstoßen – verlassen – das ist, was Sie Moral nennen, verehrte Frau Professor Majunke, nicht wahr? Sie hat euch das Kind nicht gegeben – euch – ihren wütenden Feinden nicht? Das ist freilich schamlos – freilich!«

Jekatirina Alexándrowna richtete ihre großen, klaren, 228 festen Augen auf Frau Professor Majunke, und der war es, als hielten diese Augen, die aus dem totenbleichen Gesicht leuchteten, fester als zwei Fäuste. Sie stand und konnte nicht, wie sie wollte – das war das erstemal in ihrem Leben.

Frau Professor Majunke machte einen Versuch, sich stolz aufzurichten, und wendete sich der Tür zu, als wollte sie hoheitsvoll verschwinden.

»Bleiben Sie, ich bin noch nicht fertig!« rief Jekatirina Alexándrowna, und Frau Professor Majunke blieb halbwegs stehen, ohne ihres Willens Herr zu sein.

»Dieser Blondkopf, die Kristine, hat ihr Kind Ihnen also wirklich nicht gegeben?« fragte Jekatirina Alexándrowna noch einmal mit eigentümlich weicher Stimme. »Aus Schamlosigkeit? Nicht wahr, aus Schamlosigkeit?«

»Was weiß ich,« antwortete Frau Professor Majunke, »ich dächte, einer ehrbaren Frau und Mutter stände es nicht besonders an, über dergleichen unzüchtige Dinge nachzudenken und sich damit abzugeben und darauf zu antworten.«

»Ehrbar?« rief die Kranke jetzt wieder in vollem Zorn, der über jede Krankheit Herr war. »Ehrbar, Frau! Ehrbar? Wollen Sie damit sagen, daß Sie ehrbarer als der Blondkopf sind? – He! – Wollen Sie das vielleicht sagen?«

Frau Professor Majunke schickte sich an, zu erwidern und Kraft zu sammeln.

»Still jetzt! Nicht ein Wort!« rief Jekatirina Alexándrowna ihr herrisch zu und schwang den schwarzen Ebenholzstock. »Ich denke an Ihre Kinder, Frau Professor Majunke, ich denke an Ihre armseligen Kinder!« rief sie außer sich, »an Ihre armseligen, elenden Kinder! An alle Verwahrlosung! An allen Unsinn! An allen erbärmlichen Leichtsinn! An die ganze verrückte Wirtschaft bei Ihnen zu Hause! Ja, 229 ja, regen Sie sich nur, wagen Sie es nur, springen Sie mir an den Hals! Ich schlage Sie! Gewiß, ich schlage Sie! Kommen Sie nur, sprechen Sie nur!

Was meinen Sie denn eigentlich? Glauben Sie, Sie dürfen in aller Ehrbarkeit Kinder in die Welt setzen, ins Elend hinein, wie es Ihnen behagt? Kinder, die so einem erbärmlichen, kranken, armseligen Leben entgegensehen, denen die Kindheit in Unordnung, Ungepflegtheit, Verkommenheit hingeht, Kinder, die Sie nicht imstande sind, zu erziehen und zu ernähren, denen Sie nicht einmal so viel Gesundheit und Lebenskraft mitgeben konnten, um das Dasein und die Armut tapfer zu ertragen? Solche elende, verlassene Kreaturen! So schlecht bei Kraft! So nervös und schwach geraten, so gelb und zappelig – und so en masse und so erbärmlich erzogen, so doppelt schlechte Fabrikware!

Und Sie, Sie wagen, von dem armen, tapferen Blondkopf in verächtlichen Ausdrücken zu sprechen, in solcher lächerlichen Überhebung? Naiv und frech!«

Jekatirina Alexándrowna schwang heftig ihren Stock. »O du infames Weib!« Ihre blitzenden Augen waren geisterhaft auf Frau Professor Majunke gerichtet.

»So, jetzt bin ich fertig –«, sagte Jekatirina Alexándrowna keuchend. Sie zeigte mit ihrem Stock nach der Tür. »So – jetzt gehen Sie!«

Frau Majunke ging ganz willenlos vorwärts, schaute nicht nach rechts und links und wollte hinaus, atmete schwer und machte eine Gebärde, als wollte sie sagen: Ich werde dir schon einmal dienen, wenn auch jetzt nicht!

Da schrie die Alte kreischend auf: »Halt, nehmen Sie Ihren Regenschirm mit – dort in der Ecke! Ich will nichts von Ihnen bei mir haben – nichts – fort – fort!«

Im Augenblick, als Frau Professor Majunke die Tür hinter sich geschlossen hatte, drückte Jekatirina Alexándrowna 230 auf ihre Klingel und schrie nach ihrer Haushälterin, die sie das ›Tier‹ nannte.

Und Frau Professor Majunke hörte hinter sich her eine schauerliche, keuchende Stimme, die sie nun sehr wohl kannte: »Tier! Tier! Tier!« rufen.

Als die Haushälterin bei ihrer Herrin eingetreten war, fand sie diese aufrecht, an allen Gliedern schlotternd, mit von Krampf verzerrten Zügen im Bette sitzen.

»Reisberghaus bei Blankenhain. Wir reisen! Wir reisen jetzt!« sagte Jekatirina Alexándrowna zu der verblüfften Dienerin. »Wir müssen gleich fort.«

Die Haushälterin schüttelte bedenklich den Kopf. Jekatirina Alexándrowna aber hieß sie sofort einen Wagen bestellen und schnitt alle weiteren Einwände kurz ab.

Und ehe eine Stunde vergangen war, fuhr eine Schwerkranke, die wachsbleich in ihren Kissen zurückgelehnt saß, langsam zur Stadt hinaus.

Sie fuhren den Weg nach Blankenhain zu.

Die Haushälterin saß oben auf dem Bock bei dem Kutscher und wußte nicht, was sie von der ganzen Sache denken sollte. Es war ihr unheimlich dabei zumute und sie schaute alle Augenblicke fragend auf ihre Herrin.

Jekatirina Alexándrowna litt entsetzlich an Atemnot.

Aber: »Weiter – weiter – weiter!« war die einzige Antwort, die sie dem ›Tier‹ gab, wenn die gutmütige Person sie ängstlich bat, umzukehren.

 

Doch es kam anders, als Jekatirina Alexándrowna gewollt hatte . . .

Spät abends fuhr unter dem hochgewölbten Sternenhimmel hin, den Weg, den Kristine einst in größter Lebensnot ging, ein geschlossener Wagen langsam im Schritt. Er fuhr der Richtung nach Jena wieder zu; durch junges 231 Buchenholz, dann durch Felder, die im Nachtwind leise schwelten und wogten und würzig nach Brot dufteten zur Kornblütenzeit.

Und außen auf dem Wagen, auf dem Kutschersitz, da saßen zwei, eng aneinandergedrückt; kein Liebespaar, ein paar Furchthasen, denen es grauste, zurückzuschauen, und die den Pferden auf die Köpfe sahen, um nicht rechts und links zu sehen.

Sie hatten eine Leiche hinter sich, die beiden, eine in die Wagenecke weit zurückgelehnte Leiche – und das auf nächtlichem Feldwege in herzbeklemmender Einsamkeit.

Jekatirina Alexándrowna war plötzlich an Herzschlag gestorben, ehe sie ihr Erlösungswerk begonnen hatte.

Der Tod hatte Kristinen zum zweiten Male Barmherzigkeit und Hilfe versagt. Das Leben komponiert seine Geschichten wunderlich, nicht immer zur Zufriedenheit weiser Kunstrichter, ganz nach eigener Laune.

So kam es, daß Kristine allein blieb, für Jahre allein. 232

 

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