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Houston Stewart Chamberlain: Kriegsaufsätze - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHouston Stewart Chamberlain
titleKriegsaufsätze
publisherF. Bruckmann A.-G.
addressMünchen
printrunElfte Auflage
year1915
firstpub
translator
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100522
projectid2b3720ed
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Die deutsche Sprache

(Brief an E. E.)

Das köstliche Gut, die deutsche Sprache, die alles ausdrückt, das Tiefste und das Flüchtigste, den Geist, die Seele, die voller Sinn ist: die deutsche Sprache wird die Welt beherrschen.
(Schiller)

Gewiß, Du hast Recht; es wäre frevelhaft, wollte man gerade in diesen Septembertagen, wo die erste große Entscheidung noch schwebt – diejenige, die wahrscheinlich über alle weiteren Entscheidungen »entscheiden« wird –, es wäre frevelhaft, wollte man sich dem Rausch einer übermütigen Zuversicht hingeben; von einem Denker wenigstens verlangt man mehr Logik, als daß er Gott demütig um Hilfe bitte und zugleich überzeugt sei, der Deutsche könne nicht anders als siegen. Ich glaube, der Deutsche hat Alles getan, was menschenmöglich war, um siegreich aus dem ihm aufgezwungenen Kampfe hervorzugehen; ich weiß aber, welche Rolle unscheinbare Nebendinge, Zufälle, wie man sie nennt, in der Geschichte gespielt haben; aus Grund des Herzens wende ich mich zu Gott und sage, wie der Heiland es uns vorgebetet hat: »Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst.« Wahre Demut heißt auf Alles gerüstet sein; wissen wir denn, was schwerer zu tragen sein wird: Niederlage oder Sieg?

Aber, aber ... wie soll ich's sagen? ... ich fürchte, ich werde nun doch unlogisch oder gar unfromm: eine Niederlage der Deutschen könnte ich nur als hinausgeschobenen Sieg betrachten; ich würde mir sagen: die Zeit ist also noch nicht reif, es gilt, des Heiligtums noch weiter im Kreise des engeren Vaterlandes treu zu hüten. Denn Deutschland allein unter allen Nationen wahrt heute noch ein lebendiges, entwickelungsfähiges Heiliges; unausdenkbar ist es, wie Alles, was von Gott kommt, und ich fühle mich mehr als bloß unfähig, es zu beschreiben oder auch nur zu umschreiben; man muß deutsch geboren oder geworden sein, um zu wissen, wovon die Rede ist, zu verstehen, wenn Einer davon spricht; man muß mitten in diesem mannigfaltigen Segen leben und weben, muß dessen Luft atmen, in dessen Licht arbeiten, in dessen Sonne lieben, unter dessen gütigem Schutze ruhen ... Ach, und da fällt mir unsers so ganz und ausschließlich deutschen Schiller's Wort ein: »Sobald es Licht wird in dem Menschen, ist auch außer ihm keine Nacht mehr.« Vorläufig soll mir an diesem Worte genügen: was wir »deutsch« nennen, ist das Geheimnis, wodurch es in dem Menschen Licht wird; und das Organ dieses Lichtwerdens ist die Sprache.

Durch nichts lasse ich mich irremachen: dieser Sprache ist gewiß der Sieg bestimmt! Auch andere Sprachen gibt es, reich an Werken des Geistes; wer möchte das in Abrede stellen? Ich am allerwenigsten, der ich von Kindheit an und bis zur Stunde im Englischen und im Französischen daheim bin, so daß Shakespeare, Hume und Sterne, Ronsard, Pascal und Rousseau meinem Ohre und meinem Verstande in ihren ureigenen Worten und in den unübertragbaren Redewendungen der schillernden, aus Geschichte und Klang entstehenden Beziehungen ebenso nahe und vertraut sind, wie Luther, Herder, Goethe. Auch besitze ich wenigstens eine Art Ahnung von dem Gefüge und der Kraft der alten Sprachen, kann Italienisch lesen und verdanke dauernde Eindrücke dem Studium des Spanischen und des Serbokroatischen. Auf Grund dieser Kenntnisse und auch anderer, aus den Ergebnissen der vergleichenden Sprachwissenschaft gewonnenen, behaupte ich: unter lebenden Sprachen steht fraglos die deutsche einzig da, in einer Majestät und einer Lebensfülle, die jeden Vergleich ausschließen. Dies liegt zum Teil in der Struktur dieser Sprache begründet, wie sie sich aus ihrer Geschichte ergibt, zum Teil in dem Inhalt, den sie durch eine beispiellose Reihe tüchtiger, bedeutender, hervorragender, zum Teil heroischer Geister gewonnen hat. Dieser Inhalt – das sei gleich hinzugefügt – reicht über das Sprachgefüge hinaus: so ist z. B. Johann Sebastian Bach, der Wundermann, den Goethe nur mit Gott zu vergleichen wußte, undenkbar außerhalb des Gebietes der deutschen Sprache und außerhalb der Richtung, die Martin Luther dem Geist, dem diese Sprache entwächst, angewiesen hatte. Es ist das Alles ein und derselbe Strom.

Was nun zunächst die Struktur betrifft: es ist so viel Treffendes darüber gesagt worden, und so Manches davon wird Deinem treu haftenden Gedächtnisse eingeprägt sein, daß ich mich fast darauf beschränken kann. Dich an die vierte von Fichte's »Reden an die deutsche Nation« zu erinnern. Mir fallen Fichte's Schriften im Allgemeinen, ich gestehe es, nicht leicht; meistens gehen sie mir gegen den Strich; doch dieser Vortrag über die »Hauptverschiedenheit zwischen den Deutschen und den übrigen Völkern germanischer Abkunft« lese ich immer wieder von Zeit zu Zeit und erbaue mich stets daran. Erstens freut es mich, daß er zu den »Völkern germanischer Abkunft« auch die Franzosen, die Spanier, die Italiener zählt; zwar liegt es auf der Hand, wie viel germanisches Blut in ihren Adern als Quelle ihrer Kraft fließen muß –, es genügt zu wissen, was der Begriff »Germane« bedeutet, und ein klein wenig Geschichte studiert zu haben; und doch mußte diese im Wintersemester 1807/08 als selbstverständlich ausgesprochene Wahrheit in unseren Tagen neu entdeckt werden. Zweitens spricht Fichte in schlichten Worten eine geradezu entscheidende Wahrheit aus, indem er den Grund der zunehmenden Verschiedenheit vor Allem in den Sprachen findet: unter den Sprachen Europas ist die deutsche die einzige lebendige. Aus dieser Tatsache folgt Alles Andere; denn, wie Fichte bemerkt: »Zwischen Leben und Tod findet gar keine Vergleichung statt, und das erste hat vor dem letzten unendlichen Wert; darum sind alle unmittelbaren Vergleichungen der deutschen und der neulateinischen Sprachen durchaus nichtig und sind gezwungen, von Dingen zu reden, die der Rede nicht wert sind.« Die Katastrophe, die alle jene Sprachen – die englische nicht ausgenommen – vom Leben abgeschnitten hat, entstand dadurch, daß sie auf fremden Wurzeln, also aus totem Material, aufgebaut sind; darum waren sie von Anfang an künstliche, nicht naturgeborene Sprachen; jene Völker haben, sagt Fichte mit Recht, »genau genommen eine Muttersprache garnicht«, eine Tatsache, für welche Richard Wagner den schlagenden Ausdruck fand: »Ihre Sprache spricht für sie, nicht aber sprechen sie selbst in ihrer Sprache.« Sobald nämlich alle Wörter, die nicht bloß greifbare Dinge bezeichnen, sondern dem Denken und Mitteilen des Gedachten dienen, nicht mehr dem sinnlich Bekannten entstammen – wenn z.%bsp;B. Erfolg » succès« heißt, und somit an Stelle der lebendigen Vorstellung eines Hinrennens auf ein Ziel zu, gekrönt durch das den Abschluß andeutende »er« zwei Silben » suc« und » cès« stehen, die beide für den heutigen Franzosen keine Bedeutung besitzen – sobald das geschieht, sind die Wörter nur mehr abstrakte Rechenpfennige, keiner Steigerung, keiner Modulation, keiner Verbindungen fähig; und das Volk, das eine solche Sprache redet, kennt dann keine Stufenleiter des Verständnisses: der gemeine Mann denkt garnicht, das Genie findet kein Organ vor, woraus es Neues gestalten könnte; la médiocrité est de rigueur – Mittelmäßigsein ist Pflicht. Da hingegen in einer lebendig gebliebenen Sprache, wie die deutsche, »der übersinnliche Teil sinnbildlich ist, zusammenfassend bei jedem Schritte das Ganze des sinnlichen und geistigen in der Sprache niedergelegten Lebens der Nation in vollendeter Einheit, um einen, ebenfalls nicht willkürlichen, sondern aus dem ganzen bisherigen Leben der Nation notwendig hervorgehenden Begriff zu bezeichnen.« Man darf nicht übersehen, daß die lateinische Sprache, als sie gegen Ende der Republik eine Kultursprache zu werden anfing, sich aufs Borgen verlegen mußte; von ihr kann man nicht im selben Sinn wie von der griechischen sagen, daß sie »lebe«; denn sie entnimmt der griechischen zahlreiche Bezeichnungen für Gedanken, Gefühle und Ahnungen, fix und fertig, wie sie aus der durchaus originellen, Jahrhunderte alten Entwickelung der hellenischen Völker hervorgegangen waren; und bei dem Versuch, eigene lebendige Wörter dem fremden Inhalt anzupassen, entstanden Konfusionen, unter denen wir noch heute leiden; Du brauchst nur in meinem Goethebuche den Abschnitt über das Wort »Natur« nachzuschlagen. Teils also verstand man garnicht und teils verstand man falsch; die lateinische Sprache der klassischen Zeit besaß in Folge dessen – sobald sie sich über das Alltägliche erhob – keine lebendigen Beziehungen mehr zu der Sprache des Volkes; vielmehr war sie eine künstliche, dem Volke unverständliche Sprache geworden, »in der eigenen Heimat halb tot«. Hieraus geht hervor, daß die heutigen Sprachen Westeuropas auf zwiefach abgestorbenen Wurzeln aufgebaut sind; außer der deutschen blieben einzig die skandinavischen rein.

Nur so viel über die Struktur der deutschen Sprache; nur ein andeutendes Weckrufen des Gedächtnisses. Die deutsche Sprache lebt, und weil sie lebt, ist sie geeignet, einem Göttlichen zum Gefäß zu dienen.

Nun aber bitte ich Dich, Dein Auge auf den kritischen Punkt zu richten, wo dem Gefäß ein Inhalt zugeführt werden soll. »Mit dem Besitzer einer solchen Sprache spricht unmittelbar der Geist, und offenbart sich ihm, wie ein Mann dem Manne,« sagt Fichte. Und Goethe ruft aus:

Komm' heil'ger Geist, du schaffender,
Und alle Seelen suche heim!

Dazu gehört aber Manches: eine vereinzelte Seele, hier und da, fähig, Offenbarungen des heiligen Geistes unmittelbar zu empfangen und mitzuteilen, das genügt nicht; soll die Sprache an dem Inhalt Kraft gewinnen, so muß jede dieser begnadeten Seelen einem breitangelegten völkischen Leben angehören, reich an Kräften, an Begabungen, an leidenschaftlichem Daseinsdrang; im Nebeneinander und im Nacheinander muß sich Seele an Seele ketten; Sprache und Inhalt bedingen sich gegenseitig, sie wachsen an einander; vereint streben sie wie ein sich verästelnder Baum empor. Zwar bilden die skandinavischen Sprachen eine kostbare Reserve, eine Art Stärkung der deutschen im Hintergrunde; doch versagte die geographische Lage in ihrer strengen Unwirtlichkeit dem Leben dieser Nationen breite und üppige Entfaltung. Hingegen fand diese Entfaltung in Deutschland in idealer Weise statt. Mag der Historiker Deutschlands Zerrissenheit beklagen, sowie die unsäglichen von ihr in früheren Zeiten verursachten Leiden; das Geistesleben gewann daraus die unvergleichliche Mannigfaltigkeit der Lebensbedingungen und daher auch die Verschiedenheit der richtenden Einflüsse innerhalb der durch die Sprache gegebenen Einheit des Erlebens und des Denkens. Die Sprache wurde hierdurch und wird noch heute beständig in Fluß erhalten. Wer das Französische etwa von Rabelais und Montaigne an bis zu Voltaire verfolgt, gewahrt eine zunehmende Verarmung, sowohl des Wortschatzes, wie der Sprachformen, bis dann das Gefüge endgültig zu blankem Stahl verhärtet ist und nur mehr maschinenmäßig arbeitet; diese von einem höheren Standpunkt aus betrachtet unstreitig rückwärtige Bewegung entspricht einem genialen Instinkt: da die Sprache eine künstliche war, so gab es für sie nur ein Mittel, relative Vollendung zu erreichen: sie mußte ganz Kunst – gar nicht mehr Natur – werden. Ein heute lebender Montaigne müßte stillschweigen ... oder Deutsch lernen. Worauf ich Dich nun besonders aufmerksam machen möchte, ist folgendes: reifte dieser merkwürdige Vorgang zu beispiellosem Erfolg, so ist das nicht allein der zwingenden Logik der sprachlichen Lage zuzuschreiben, vielmehr namentlich auch der politischen Entwickelung; die französische Sprache ward genau so wie ihre die unbedingte Einheit und Einheitlichkeit und Einförmigkeit fordernde Monarchie sie wollte: die äußere Bastille konnte die französische Revolution vernichten, nicht aber die innere; der Geist dieses Volkes ist auf immer eingekerkert. Auch die deutsche Sprache hat an Wort- und Sprachbildungen seit Luther's Zeiten manche Einbuße gelitten; namentlich die unselige Vorherrschaft des Lateinischen unter den Gebildeten bis etwa 1750 wirkte zerstörend; gerade die politische Mannigfaltigkeit war es nun, die, neben den oben besprochenen Kerneigenschaften der Sprache, eine Katastrophe abwendete. Man braucht nur auf Ober- und Niederösterreich, auf Steiermark, auf die Schweiz, auf das Niederdeutsche zu schauen, um gewahr zu werden, welcher Reichtum an lebendigen Wörtern und Wendungen dank der politischen Spaltung erhalten blieb, fähig, jeden Augenblick wieder Allgemeingut zu werden; ein großer Teil des heutigen Wortschatzes ist im Laufe des 18. Jahrhunderts, von Gottsched bis Adelung, der drohenden Vergessenheit entrissen worden; Leibniz hat in seinen »Unvorgreiflichen Gedanken« den Weg gewiesen, Goethe und Richard Wagner griffen kühn bis auf die Wurzeln zurück; hier bleibt noch viel zu tun. Ein unsagbarer Segen ist es, daß politische Nation und Sprache nicht zusammenfallen: Deutsch ist, wer die deutsche Sprache redet. Kein Völkergebilde der Gegenwart und der Vergangenheit – außer dem hellenischen – kann sich der reichen Mannigfaltigkeit dessen, was Deutsch ist, vergleichen. Und auf diesem reichen Boden hat nun »der Geist sich offenbart« in einer solchen seit Jahrhunderten ununterbrochenen Fülle, daß auch der Inhalt der deutschen Sprache heute einzig dasteht.

Für sehr wichtig ist zu erachten, daß die Anfänge der deutschen Sprache in die Urzeit zurückreichen, ohne Unterbrechung: hierauf beruht ja das Lebendigsein der Wortwurzeln, von dem ich vorhin sprach. Ähnliches bietet keine andere Sprache der Gegenwart, wenigstens keine Kultursprache. Namentlich das Französische zeigt schon an seinen Ursprüngen einen zufälligen, willkürlichen Werdegang. Es entsteht als ein Kompromiß zwischen zwei widerstreitenden Sprachen: der germanische Eroberer, als der weitaus begabtere, erlernt die Sprache des besiegten Galliers, haut aber die ihm unerträglichen Abwandlungsendungen kurzerhand ab, so weit tunlich, und muß in Folge dessen die schwankende Wortfolge unter ein Gesetz stellen, pfropft außerdem auf den dürren lateinischen Stamm zahlreiche neue, kräftige, seinem heimischen Deutsch entlehnte Ausdrücke; bis ins 16. Jahrhundert hinein blieben noch Spuren von germanischer Kraft rege, Montaigne nahm sich noch die Freiheit, Worte zu erfinden und zusammenzustellen; doch drang er damit nicht durch, und gleich nach ihm verlosch die Flamme auf immer. Ungleich mehr Kraft wohnt der englischen Sprache inne; sie allein besitzt Eigenschaften, die sie befähigen, der deutschen eine gefährliche Rivalin zu sein. Hier nämlich lagen die Verhältnisse umgekehrt: der normannische Besieger war bereits dem Französischen verfallen; der im Kampf unterlegene, doch numerisch überlegene Angelsachse besaß die stärkere Sprache; aus dieser Mischung, in welcher das Deutsche die Oberhand behält – namentlich in Bezug auf die allgemeine Struktur – ist nun ein so wunderbares Organ für menschliche Mitteilung geworden, daß ein Shakespeare aus ihrer Mitte heraus ins Leben treten konnte. Und dennoch! Sobald wir genauer zuschauen, entdecken wir einen furchtbaren, nie gutzumachenden Mangel: das Englische ist fähig, dem Erhabenen und dem Überschwenglichen zu dienen, ebenso der energischen Tat, der politischen Debatte, überhaupt allem unmittelbar Gegebenen, damit auch dem Geschäft, dem Spiel, sowie dem Trivialen und dem Rohen, nicht aber ist es möglich, auf Englisch tief und zart zu denken. Selbst das Denken von glänzenden Köpfen versiegt und versandet, und der Halbschotte Kant mußte in Deutschland geboren werden, damit die geniale Gedankenarbeit seines Landsmannes Hume zu Ende geführt werden konnte. Das kommt daher, weil für alle höhere geistige Tätigkeit einzig die lateinisch-französischen Wurzeln in Verwendung genommen worden waren; zum Denken hatte nur der Adelige Muße gefunden, das in Hörigkeit verfallene Sachsenvolk mußte die harte Arbeit verrichten und gewann sich höchstens noch zum Dichten einen Feierabend. Somit fand sich, als die Zeiten für neue Gedankengänge gereift waren, kein gestaltungsfähiges Material zur Hand, sondern nur ungelenke, verrostete Rüstung. Die Folge ist aber, daß England von den höchsten Errungenschaften der letzten zwei Jahrhunderte wie abgeschnitten bleibt, indem es an dem bewußten und unbewußten geistigen Leben des führenden Deutschland nicht teilzunehmen vermag; daher ein von Tag zu Tag zunehmendes Zurückbleiben, das dem schärfer Blickenden schon lange nicht mehr verborgen bleiben konnte. Denn unter Denken verstehe ich beileibe nicht bloß und nicht in erster Reihe Philosophie, vielmehr den wertvollsten Teil von Wissenschaft und von Kunst, sowie von Allem, was zu Bildung und Besitz einer Weltanschauung und überhaupt zu einem geistig ausgefüllten Leben beiträgt. Englische Naturwissenschaft z. B. ist selbst dem gebildeten Manne ein gänzlich unverständliches Abracadabra, aus lauter barbarischen griechischen und lateinischen Brocken zusammengesetzt, durchspickt mit noch unverständlicheren und dazu unaussprechlichen deutschen Kunstausdrücken, – sie ist also eine Technik, nicht ein Kulturelement; ein englischer Theolog – um ein anderes Beispiel zu nennen – der der deutschen Sprache nicht mächtig ist, weiß heute nicht mehr, wovon in diesem Fache die Rede ist. Darum dringt in England keine Spur wahrer Bildung ins Volk: die Sprache, in der das geschehen könnte, ist nicht vorhanden. Bei dem Vergleich zwischen der deutschen und der englischen Sprache trifft das zu, was Fichte gesagt hatte: »Beim Volke der lebendigen Sprache greift die Geistesbildung ein ins Leben; beim Gegenteile geht geistige Bildung und Leben, jedes seinen Gang für sich fort.« Die sehr hohe, vornehme, freie Bildung, die man in England antrifft, steht völlig außerhalb des nationalen Lebens; sie übt auf die Haltung der Bevölkerung, auf die regierenden Kreise, auf Ziele und Wege des Staates nicht den geringsten Einfluß.

Daher nun die zwingende Notwendigkeit, daß die deutsche Sprache – nicht die englische – die Weltsprache werde. Siegt die englische Sprache, so steht die Kultur der Menschheit vor einem Abgeschlossenen, und das heißt vor dem Tode. Der moralische Verfall Englands hat sich seit dem Beginn des gegenwärtigen Krieges in erschreckendem Maße offenbart: Verlogenheit, Roheit, Gewalttätigkeit, Prahlerei, dabei Mangel an Haltung, Würde, Gerechtigkeitssinn, Mannhaftigkeit: es ist ein trauriger Anblick. Nun lasse man die immensen Kolonialreiche und auch die anderen Länder englischer Sprache in die Lage kommen, ebenfalls Gesinnung und Seele bloßzustellen: man wird mit Entsetzen gewahren, welcher Verrohung wir entgegengehen – der endgültigen Verrohung des ganzen Menschengeschlechts. Deswegen muß der Deutsche – und mit ihm das Deutsche – siegen; und hat er erst gesiegt – heute oder in hundert Jahren, das Muß bleibt das gleiche–so gibt es keine einzige Aufgabe, die so wichtig wäre, wie diese: die deutsche Sprache der Welt aufzuzwingen. Überall, auch in fremden Rassen, gibt es unter Hunderttausenden einzelne Hochbegabte und Hochgesinnte; ohne Kenntnis der deutschen Sprache bleiben sie von höchster Kultur ausgeschlossen. Und ich habe nicht bloß den genialen Menschen im Auge; auf Alle, namentlich auch auf die Einfachen, Schlichten, der Natur Nahestehenden wirkt die deutsche Sprache wie ein Segen, der unmittelbar aus Gottes Hand ins Herz sich senkt. Welche Sprache bietet uns Märchen, wie die von den Gebrüdern Grimm gesammelten? Und – hält man uns ewig Shakespeare vor, der übrigens einzig in Deutschland wirkend lebt, nicht in England – besitzt die deutsche Sprache nicht in Luther einen vergleichbaren Schatz, eine unversiegbare Quelle volkskräftiger Rede, dazu entströmend einer heroischen Gestalt ohnegleichen? Warum gelang die Reform nicht in England, nicht in Polen, nicht in Frankreich? Weil einzig die deutsche Sprache die Kraft in sich barg, das Fremde zu überwinden. Das sage ich nicht den deutschen Katholiken zuleide; mögen sie ihrem Glauben treu bleiben; deutsch aber wurden wir Alle in erster Reihe durch Luther; er lehrte uns, im deutschen Volk und im deutschen Staatswesen ein von Gott Gewolltes, Heiliges erkennen, wert der Liebe und der Ehrfurcht; damit legte er die Grundlage. Und von hier an – ich meine von der in den deutschen Volksmärchen sich offenbarenden Volksseele und von der in dem gewaltigen Manne sich offenbarenden Volkskraft – von hier an steigt der göttliche »Inhalt« der deutschen Sprache bis zu jenem mächtigen Schöpfer von Gedanken und von Wörtern, in denen neue Erkenntnis Gestalt und dadurch erst Leben findet – Immanuel Kant, dem Keiner nachdenken kann, der nicht die deutsche Sprache beherrscht; er steigt bis zu dem Kant ergänzenden, erhabenen Weltweisen Goethe, von dem Jakob Grimm schön sagt: »Ohne ihn könnten wir uns nicht einmal recht als Deutsche fühlen, so stark ist diese heimliche Gewalt vaterländischer Sprache und Dichtung«; er steigt bis zu jenem Gipfel, wo die deutsche Tonsprache – diese den Himmel erstürmende Schöpfung – mit der deutschen Wortsprache so innig verschmolz, daß nunmehr der letzteren auch für alles Unaussprechbare die Fähigkeit des Ausdrucks eignet, womit der Menschheit ein neues Organ geschenkt ist in Kunstwerken, die untrennbar an die einzige deutsche Sprache verknüpft sind, weil Wort und Ton eine Einheit bilden.

Durchführbar ist dieser Traum der weltbeherrschenden deutschen Sprache: es liegt nicht bloß im Interesse der Deutschen, vielmehr ist ihnen hier eine Pflicht vorgezeichnet. Das Pflichtgebot umfaßt zwei Absätze: zum ersten, es darf niemals ein Deutscher von seiner Sprache lassen, weder er, noch seine Kindeskinder; zum zweiten, an jedem Ort, zu jeder Zeit soll er eingedenk sein, sie Anderen aufzunötigen, bis sie allerorten ebenso triumphiert wie mit seinen Waffen das deutsche Volksheer. Der Geschäftsmann gehe voran und verlange von seinen Korrespondenten die deutsche Sprache – wie das bisher der Engländer und Amerikaner mit seiner Sprache tat. Durch Ausbreitung des Kolonialreiches und ständige Vermehrung der Handelsflotte wird nach allen Winkeln der Welt mit der deutschen Flagge auch das deutsche Wort ziehen, und nicht mehr als ein geduldetes, untergeordnetes, nach besten Kräften mit englischen Brocken durchsetztes Element, sondern überall als die Sprache der Tüchtigkeit, Redlichkeit, Bildung, und daher als die höchste geachtet. Soweit das Reich sich erstreckt, unterrichte und predige der Geistliche nur Deutsch; der Lehrer lehre nur in deutscher Sprache. Im Ausland begehe kein Deutscher das Verbrechen, seine Sprache preiszugeben; er lerne begreifen, daß er hiermit einer niederträchtigen Schande sich schuldig macht. Wenn alle Deutschen in den Vereinigten Staaten, in Kanada, in Australien usw. an ihrer Sprache, auch Geschlechter hindurch, treu festhalten, dann kommt bald der Tag, wo diese Sprache auch in den gesetzgebenden Körperschaften und Verwaltungen Gleichberechtigung genießt, und ist es erst soweit, dann dringt sie siegend ins Leben ein. Inzwischen muß durch Schulen und auf jedem möglichen Wege dahin gewirkt werden, daß die deutsche Sprache die Sprache aller höheren Bildung werde. Die Menschen müssen einsehen lernen, daß, wer nicht Deutsch kann, ein Paria ist. Die fremden Völker werden Deutsch lernen aus Neid, aus Interesse, aus Pflicht, aus Ehrgeiz, – mir ist jede Veranlassung recht; mit der deutschen Sprache schenken wir Jedem ein so unermeßliches Gut, daß wir uns kein Gewissen über die Veranlassung zu machen brauchen. So ungefähr denke ich mir den Siegeszug der deutschen Sprache, und kann ich ihn auch nicht mehr erleben, der heutige Krieg läßt mich hoffen, daß ich vielleicht nicht die Augen schließe, ohne den Anfang der Verwirklichung des brennendsten aller meiner Herzenswünsche erblickt zu haben. Wie Du siehst, es mischt sich in die Zuversicht, von der ich anfangs sprach, ein subjektives Element: ich glaube, wie an Gott, an die heilige deutsche Sprache!

Bayreuth, 22. September 1914.

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