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Houston Stewart Chamberlain: Kriegsaufsätze - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorHouston Stewart Chamberlain
titleKriegsaufsätze
publisherF. Bruckmann A.-G.
addressMünchen
printrunElfte Auflage
year1915
firstpub
translator
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100522
projectid2b3720ed
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Deutsche Freiheit

Freiheit ist Menschenwerk. (I.Kant)

Auffallend häufig begegnet uns in ausländischen offiziellen Kundgebungen und Zeitungsaufsätzen die Behauptung: Deutschlands Feinde kämpften für die Freiheit und wider die Tyrannei. Schon lange wird die Meinung durch die Welt getragen: wohin es kommt, vernichtet Deutschland Freiheit. Auch ernste Männer habe ich angetroffen – z.B. Gelehrte in England und in Frankreich – welche warme Sympathie für deutsche Wissenschaft und Litteratur hegten und dennoch meinten: politisch wäre es ein Unglück, wenn Deutschlands Einfluß in Europa zunehmen sollte; denn dann wär's aus mit der Freiheit. Daß König Georg V. in seinem Manifest an die englischen Kolonien diese Phrase wiederholt hat, würde an sich nicht viel besagen; denn dieser Monarch fand bisher so wenig Muße für seine humanistische Ausbildung, daß er vor wenigen Jahren den Namen Goethe noch niemals gehört hatte; wir erfahren aber daraus, wie sehr diese Behauptung zu einem Gemeinplatz geworden ist. Versuchte ich nun öfters im mündlichen Disput die entgegengesetzte Ansicht überzeugend vor Augen zu führen – Deutschland seit Jahrhunderten die eigentliche und einzige Heimat menschenwürdiger, menschenerhebender Freiheit – so gelang es mir nicht, Verständnis zu finden oder zu wecken; Engländer und Franzosen – auch gebildete – denken nicht nach über das Wesen der Freiheit, über ihre unvergleichliche Bedeutung innerhalb der verwickelten Organisation der Menschenseele; vielmehr handelt es sich für sie lediglich um überkommene politische Begriffe; immer glaubten sie mich widerlegt, wenn sie als Trumpf ausspielten: der deutsche Reichskanzler werde vom Kaiser ernannt und gehalten und könne auch gegen Reichstagsmajoritäten fest im Sattel bleiben. Also, Kanzler nach Belieben stürzen zu dürfen: das soll das Wesen der Freiheit ausmachen! Wollte man hier gründlich aufklären – die falschen Vorstellungen zerstören, die richtigen auferbauen – man müßte ein ganzes Buch schreiben. Ich beschränke mich darauf, von hüben und drüben Einiges anzudeuten; nur Stoff zum Nachdenken will ich geben.

Fragen wir uns zunächst: wie steht es in Wirklichkeit mit der so viel gerühmten politischen Freiheit Englands? Wollte man die bis 1688 heroische und blutige, später machiavellistische, ränkereiche innere Geschichte Englands in eine Formel zusammenfassen, man könnte sie nennen: die Geschichte des Kampfes zwischen den Vertretern des Adelsstandes und dem Träger der Königswürde; Keiner dieser beiden Machtfaktoren dachte an Freiheit, Jeder wollte nur die Macht an sich reißen. Als Cromwell auftrat, vereinten sich die beiden gegen den einzigen Mann und die einzige Richtung, welche fähig gewesen wären, wahre Freiheit in England zu begründen. Weiterhin war dann der Verlauf – dank der insularen Lage des Landes – sehr einfach, und daraus entstand nun das bis zum Überdruß als unerreichtes Muster gepriesene englische Parlament, in welchem das Unterhaus bis vor wenigen Jahren genau ebenso aristokratisch war wie das Oberhaus. Seit lange wird England von einer Oligarchie regiert; der König ist eine Puppe – wenn er nicht, wie Eduard VII., ein Intrigant ist. Bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts konnte der Monarch, wenn er die nötige Energie besaß, bei der Wahl des Premierministers noch mitreden; dann verlor er auch dieses Recht, und das geheime Komitee der parlamentarischen Oligarchie herrscht seitdem allein. Zwar wird die Fiktion der beiden Hauptparteien aufrecht erhalten, und die stimmberechtigte Minderheit der männlichen Bevölkerung entscheidet über die Zeit der Ablösung der einen durch die andere; doch stecken die Führer beider Parteien unter einer Decke und halten gemeinsam alles fern, was sich in ihre Macht- und Beuteverteilung einzumengen Lust verspürt. Einzig die berufsmäßig regierende Kaste vergibt die Ämter; der Führer der vorübergehend obsiegenden Partei muß Premierminister sein; auch alle anderen Minister werden nicht etwa von der Partei, sondern von dem geheim waltenden Komitee auserkoren; König und Volk haben nichts dabei oder dazu zu sagen. Die Disziplin innerhalb der Parteien wird von den sogenannten »Whips«, d. h. Peitschenschwingern, drakonisch geführt; wehe dem Mitglied, das eine eigene Meinung auszusprechen sich erkühnen sollte! Wohl hat, in Folge der Wahlrechtserweiterungen, die erst Disraeli, später Gladstone einführte, das Haus der Gemeinen einen demokratischeren Anstrich bekommen; doch ist das System unverändert geblieben: die Aristokratie weicht der Plutokratie. Verlor das Haus an Vornehmheit, so gewann es in den letzten Jahren an tyrannischer Gewalt: durch die Beschrankung der Redefreiheit, namentlich durch Einführung des sogenannten »Guillotineverfahrens«, welches erlaubt, jede Debatte zu einer bestimmten Stunde abzubrechen und kurzweg zur Abstimmung zu schreiten, wurde aus diesem angeblich freiesten Parlament eine Art Maschine, mit Hilfe derer eine kleine Gruppe von Politikern sieben Jahre lang nach Belieben schaltet und waltet. Vollendet wurde die Tyrannei dieser Clique – welche, wie der Marconiskandal kürzlich zeigte, nicht einmal mehr vor schmutzigen Börsenmanövern zurückschrickt – als vor zwei Jahren auch dem Oberhaus das Recht der entscheidenden Einwirkung auf die Gesetzgebung genommen wurde. Des Königs Vetorecht ist schon längst entschlummert. Und so wird denn England von einem Konvent, besser gesagt, von einem Konventikel regiert. Das soll Freiheit heißen?

Ich möchte aber tiefer greifen. Denn Freiheit ist ein gar zartes Wesen und sticht oft erschreckt das öffentliche Leben, um sich im stillenergischen Dasein des Einzelnen zu behaupten; man kann das in den Vereinigten Staaten Nordamerikas beobachten. In einem gewissen Maße ist das auch in England der Fall: ich glaube nicht, daß man in irgend einem Lande so viele Sonderlinge antrifft, Menschen, die sich um keine Meinung, um kein Herkommen, um keinen guten oder üblen Ruf kümmern, sondern denken, handeln und leben, wie es ihnen persönlich paßt. Diese Ausnahmen bestätigen aber nur die Regel und stellen in ihrer barocken Eigenart die Kehrseite der allgemeinen Unfreiheit dar; denn die Regel ist eine für uns Bewohner des Festlandes schier unglaubliche, erdrückende Einförmigkeit. Als ich mich das letzte Mal einige Wochen in England aufhielt, empörte ich meine Freunde, indem ich mich nicht enthalten konnte auszurufen: »Ihr seid ja eine Nation von Schafen!« Das beginnt bei den kleinsten Angewohnheiten des täglichen Lebens und führt hinauf bis zu politischen Ansichten; Alles und Alle über einen Leisten geschlagen. Jeder Mann trägt die selbe Hose, jede Frau den gleichen Hut; ich erinnere mich, daß einmal in ganz London kein blauer Schlips aufzutreiben war: blau war nicht Mode; so etwas ist in Berlin, Paris, Wien undenkbar. Alle Menschen beiderlei Geschlechts lesen die selben Romane, verschlingen sie, einen Band pro Tag, »die Romane der Woche«. Findet das Bootrennen zwischen den Universitäten Oxford und Cambridge statt, so geht man in der Riesenstadt London durch buchstäblich leere Straßen; die älteste Herzogin und der jüngste Schornsteinfeger, Alle sind von der gleichen Begeisterung wie von einem Wahnsinn erfaßt für diesen Vorgang, von dem sie im besten Falle wenig erblicken und auf keinen Fall etwas verstehen, da zu einer Beurteilung der Leistung die genaue Kenntnis von allerlei Umständen – wie Strom und Gegenstrom, Wind usw.–, erforderlich sind, die nur der ausgebildete Ruderer besitzt. Hand in Hand mit diesem Sportidiotismus geht eine völlige Mißachtung, ja eine verachtende Geringschätzung aller geistigen Güter. Ich rede nicht allein von Ignoranz; allerdings ist diese, abgesehen von der kleinen Klasse geradezu exquisit gebildeter Gelehrten, so horrend, daß ein Deutscher sie sich kaum vorzustellen vermag: in einer Stadt von 40000 Einwohnern gelang es vor fünf Jahren nicht, einen einzigen Mann aufzutreiben, fähig einem Kranken gegen Honorar Englisch korrekt vorzulesen – bei dreisilbigen Wörtern stockten sie, bei viersilbigen litten sie vollends Schiffbruch! Doch davon will ich im Augenblick nicht reden, vielmehr von der grundsätzlichen Ablehnung jeder intellektuellen Betätigung, die in England vorherrscht. Schon vor Jahren bemerkte der Schwede Steffens mit Recht (in seinem vortrefflichen Buche »England als Weltmacht und Kulturstaat«), es handle sich bei den Engländern um »eine abergläubische Furcht vor der Mitarbeit des Geistes an menschlichen Angelegenheiten«. Jeder höher gebildete Mensch ist in England verdächtig; man achtet ihn erst von dem Augenblick ab, wo seine geistige Tätigkeit tüchtig Geld einbringt; sonst gilt er als Narr. Vor einigen Jahren kam ich – leider einige Wochen zu spät – in die Stadt, wo die alljährliche englische Naturforscherversammlung stattgefunden hatte; einen der vornehmsten Einwohner – ein ungewöhnlich begabter Mann, Ritter hoher Orden, angesehen bei Hofe, in allen Kreisen bekannt und beliebt – beglückwünschte ich zu dieser Tagung aller bedeutendsten Gelehrten Englands sowie vieler vom Auslande, die ihm reiche Anregung und Belehrung gebracht haben müsse. Zuerst verstand mich der Betreffende nicht; dann rief er lachend aus: »Ach, Sie meinen den Britischen Esel, wie wir den Verein nennen!« (Wortspiel auf den Namen British Association, woraus » British Ass« gemacht wird.) »Gottlob ist es mir gelungen, den Herrschaften so gründlich aus dem Wege zu gehen, daß ich keinen einzigen erblickt habe!« So ehrt man reine Wissenschaft in den besten Kreisen Englands. Ich könnte noch viele Beispiele geben, interessante, weil aus dem Leben gegriffen; doch möchte ich in dem Zusammenhang dieser Betrachtung lediglich andeuten, daß wahre Freiheit bei einer solchen Geistesanlage gar nicht bestehen kann; nicht allein gehen englische Industrie und Manufaktur, geht der ganze Ton des öffentlichen Lebens an dieser bildungsfeindlichen Richtung zugrunde, sondern sie vernichtet die Möglichkeit der Freiheit.

Freiheit ist ein Gedanke: das wissen wir seit Kant. Kein Mensch wird frei geboren; Freiheit muß von jedem Einzelnen errungen werden. Nötig dazu ist eine Ausbildung und Stärkung, eine methodische Emporhebung des Geistes über das anfänglich Gegebene, bis dann jene Entfesselung stattfindet, die den Namen »Freiheit« verdient. Freiheit ist die Fähigkeit, Verhältnisse zu überblicken und selbständig über sie zu urteilen. Äußere Freiheit ist nur Zügellosigkeit, wenn nicht innere Freiheit vorangeht. Der Engländer versteht unter »Freiheit«, daß er auf dem Rasen spazieren darf, ohne von einem Schutzmann angeschnauzt zu werden; daß ihn keine Militärpflicht hemmt, mit sechzehn Jahren auf Abenteuer in die weite Welt auszuziehen; daß er von Sekunda ab die Schule verlassen kann, um bei einem Rechtsanwalt Schreiberdienste zu leisten und auf diesem Wege, ohne die lästige Verpflichtung zu juristischen Studien, nach wenigen Jahren Anwalt wird usw. usw. Dagegen darf der Deutsche allerdings nicht auf den Rasen treten; er darf auch nicht sein Leben nach reiner Willkür einrichten, sondern er ist verpflichtet, kostbare Jugendjahre und auch manche spätere Erholungswochen dem gemeinsamen Vaterland zu widmen, dazu sein Blut, sobald es nottut; kein höherer Beruf steht ihm offen, wenn er sich nicht in den Besitz ausgedehnter allgemeiner und fachlicher Kenntnisse gesetzt hat. Ist er deswegen weniger frei als der Engländer? Liegt nicht die unbezwingbare Überlegenheit des deutschen Soldaten vor Allem im Moralischen? Und was wird damit gesagt, wenn nicht, daß er frei handelt? Er allein will, was er soll, will es von ganzem Herzen; der englische und französische und russische Soldat soll etwas, wozu sein persönlicher Wille gar keine Beziehung besitzt; im besten Falle gehorcht er einer ihm nicht natürlichen, nur durch systematische Lügen angefachten blinden Zerstörungsleidenschaft. Und ist es nicht seine Bildung, welche den deutschen Mittelstand über jeden ausländischen erhebt? Jene Bildung, die ihm von der Nation mit unnachsichtiger Strenge auferlegt wird, und dank welcher der Einzelne dann eine frei urteilende Persönlichkeit wird? Selbst die zahlreichen Quengeleien, die uns Westländern in Deutschland zuerst recht lästig fallen, was man Alles, sobald man vor die Türe geht, darf und nicht darf, soll und nicht soll: handelt es sich im Grunde um etwas anderes als um eine Allen zugute kommende allgemeine Ordnung, die wohl bisweilen etwas übertrieben werden mag, im Ganzen aber als gesunde Schule der Selbstzucht und der Rücksicht auf Andere wirkt? Martin Luther belehrt uns: »Fleisch soll keine Freiheit haben«, vielmehr solle jeder Mensch sich als »Aller Knecht« wissen. Dann aber fährt er fort: »Aber im Geist und Gewissen sind wir die Allerfreiesten von aller Knechtschaft: da glauben wir Niemand, da vertrauen wir Niemand, da fürchten wir Niemand, ohne allein Christum.« Ich weiß nicht, ob die heutigen Engländer Martin Luther für einen freien Mann halten; die überwiegende Mehrzahl, auch unter den sogenannten Gebildeten, weiß dort, fürchte ich, ebenso wenig von ihm wie ihr König von Goethe, wahrscheinlich kaum mehr als den Namen. Und wollte ich nun Friedrich den Großen reden lassen: »Ach, ohne Freiheit gibt's kein Glück!« so würden sie sicher einwerfen, er sei ein Tyrann gewesen. Wir dagegen erfahren, auf welchen Wegen Freiheit erworben wird. Freiheit ist kein abstraktes Ding, das in der Luft herumschwebt und nach der Jeder die Hand nur auszustrecken braucht; das ist Afterfreiheit, was er da erhascht, ein trügendes Rauchgebilde, das Pandora's Kypsele entschwebt:

... steigend jetzt empor und jetzt gesenkt
Die Menge täuschte stets sie, die verfolgende.

Deutsche Freiheit – echte Freiheit – wurde von Martin Luther, von Friedrich, von Kant, von Goethe, von Wilhelm v. Humboldt, von Bismarck gewollt und geschaffen, und von Tausenden Anderer, die – ein Jeder nach dem Maßstab seiner Kräfte – in die Fußtapfen der großen Freiheitsschöpfer traten. Eine undeutsche Freiheit ist keine Freiheit. Das wußte Goethe, als er, gegen 1792, beobachtete, daß »ein gewisser Freiheitssinn, ein Streben nach Demokratie« sich vieler deutscher Gemüter zu bemächtigen begann; »man schien nicht zu fühlen«, schreibt er, »was Alles erst zu verlieren sei, um zu irgendeiner Art zweideutigen Gewinnes zu gelangen«, und bitter tadelt er dieses »Schwanken der Gesinnung ... leider nach deutscher Art und Weise zur Nachahmung aufgeregt.«

Im Laufe jahrhundertelanger Kämpfe – mit Waffen und im Geiste – hat sich Deutschland nach und nach dieses kostbarste Gut, die Freiheit, errungen. Diese deutsche Freiheit ist ein durchaus originales Erzeugnis; nichts Ähnliches hat bisher die Menschheit gekannt; sie steht ungleich höher als die hellenische Freiheit, außerdem viel breiter und fester angelegt als jene ephemere Erscheinung, die weder dem äußeren Feinde, noch dem inneren Gebrechen Widerstand zu leisten vermochte. Bezeichnend für die deutsche Freiheit ist die bewußte Voranstellung des Ganzen: alle einzelnen Teile innerhalb des Reiches bewahren ihre unabhängige Eigenart, überwinden sich aber nichtsdestoweniger, sich dem Ganzen einordnen zu lassen; ebenso überwindet sich jeder einzelne Mann von Kindheit auf zugunsten der Gesamtheit: das ist der erste Schritt auf dem Wege zur Freiheit. Diese Freiheit, ja, diese kann auf Dauer hoffen! Zum ersten Male in der Geschichte der Welt wird die Freiheit als umfassende, dauernde Erscheinung überhaupt möglich: das beachte man vor Allem! »Freiheit ist nicht Willkür, sondern Wahrhaftigkeit«, sagte Richard Wagner. Wie soll aber ein ganzes Gemeinwesen, eine ganze Nation in ihrem politischen Aufbau und Wesen nicht mehr willkürlich, sondern wahrhaftig sein? Der erhabene Anblick, den Deutschland in dem Kriege 1914 bietet, lehrt es uns. Das stelle man den trivialen Dummheiten entgegen, die wir von Königen, Ministern, Rednern, Dichtern zu hören bekommen. Welche Freiheit Rußland zu verschenken hat, darüber zu reden ist unnötig; welche Freiheit das arme, verratene und verlotterte Frankreich uns verheißen könnte, das Land der politischen Korruption, der hohlen Phrasen, das bedarf ebenso wenig Auseinanderlegungen; England aber versteht unter Freiheit nur Faustrecht, und zwar Faustrecht für sich allein; man wird aus seinem ungeheuren Kolonialreich nicht einen einzigen Funken geistigen Lebens aufweisen können: Alles nur Viehhalter, Sklavenhalter, Warenaufstapler, Bergwerkausbeuter, und allerorten die Herrschaft jener unbedingten Willkür und Brutalität, die überall auftritt, wo nicht Kultur des Geistes sie dauernd abwehrt, die Brutalität, die Englands populärster heutiger Dichter, Rudyard Kipling, als höchste Kraft und höchsten Ruhm des englischen Volkes zu verherrlichen die Dreistigkeit hat.

Das Weiterfortbestehen und die Weiterentwickelung der Freiheit auf Erden ist an den Sieg der deutschen Waffen geknüpft, und daran, daß Deutschland sich nach dem Siege treu bleibt. Und ebenso wie innerhalb Deutschlands die Freiheit – die zuerst nur der Traum und das Hoffnungswerk einzelner Gottbegnadeten war, und auch heute nur von denen vollkommen bewußt erfaßt werden kann, die von Natur und Geschick begünstigt sind – dennoch nach und nach das ganze Volk durchdringt, wie wir es jetzt im Kriege erleben, wo Millionen sofort zu den Waffen eilten, die nicht dienstpflichtig gewesen wären, also aus freiem Entschlusse: ebenso wird diese deutsche Freiheit sich nach und nach über die ganze Welt erstrecken, soweit die deutsche Zunge reicht. Einen anderen Kitt als Jingo wird wahre Freiheit abgeben. Und die deutsche Sprache – die heilige Aufbewahrerin dieser Geheimnisse –, nicht mehr von ihren eigenen Kindern in fernen Landen geringgeschätzt und bald vergessen, vielmehr allerorten gepflegt und gefördert, ein Weltdeutschtum begründend, wird nach und nach die andern Völker, so weit es ihnen von der Natur gegönnt sein mag, zum Verständnis der Freiheit erziehen, und damit auch zu ihrem Besitze.

Gott gebe diesen Sieg!

Bayreuth, 15. September 1914.

 

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