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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 96
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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96

Eines Abends kam Natalie, wie gewöhnlich in Jacke und Pantoffeln, zu ihrer Mutter. Die Gräfin war eben bei ihrem Abendgebet. »Wird nicht vielleicht dieses Lager mein Grab sein?« sagte sie mit einem Fußfall auf einem kleinen Teppich. Natalie ging auf Zehenspitzen nach dem Bett, warf die Pantoffel ab und grub sich in dieses Lager ein, von dem die Fürstin befürchtete, es könnte ihr Grab sein. Es war ein hohes Federbett mit fünf Kissen. Die Gräfin beendete ihr Gebet und ging zu Bett, wo sie Natalie unter der Decke vergraben fand.

»Nun, nun!« sagte die Mutter mit strenger Miene.

»Mama, kann ich sprechen?« Und sie umfaßte den Hals der Mutter und küßte sie auf das Kinn.

»Nun, von wem heute?« fragte die Gräfin. Diese Abendbesuche Natalies, vor der Rückkehr des Grafen aus dem Klub, waren das Entzücken von Mutter und Tochter.

»Von Boris . . . deshalb bin ich gekommen«, sagte sie, »Mama, ist er nicht liebenswürdig?«

»Natalie, du bist sechzehn Jahre alt, in deinen Jahren war ich verheiratet! Du sagst, Boris sei liebenswürdig? Nun ja, ich liebe ihn wie einen Sohn, aber was willst du? . . . Woran denkst du? Du hast ihm ganz den Kopf verdreht, das sehe ich, aber du weißt ja, daß du ihn nicht heiraten kannst!«

»Warum nicht?« fragte Natalie, ohne ihre Lage zu verändern.

»Weil er jung ist, weil er arm ist . . . weil du ihn selbst nicht liebst!«

»Wie wissen Sie das?«

»Ich weiß es, und das ist nicht hübsch, Kleine! Es schickt sich nicht! Nicht alle werden eure Jugenderinnerungen begreifen, und es kann dir in den Augen anderer Leute schaden, wenn man sieht, wie er beständig um dich ist. Er hat vielleicht eine reiche Partie gefunden, aber jetzt wird er den Verstand verlieren.«

»Den Verstand verlieren?« wiederholte Natalie.

»Ja, das sage ich dir! Ich hatte einen Vetter . . .«

»Ich weiß, Kirila Matwejitsch! Ist er schon alt?«

»Er war nicht immer ein Greis. Aber siehst du, Natalie, es geht nicht an, daß Boris so oft kommt.«

»Warum nicht? Wenn er Lust hat!«

»Weil ich weiß, daß das zu nichts führen kann! Begreifst du denn das nicht?«

»Mama, er ist sehr verliebt? Was meinen Sie? Waren junge Leute auch so in Sie verliebt? Er ist sehr, sehr liebenswürdig, nur nicht ganz nach meinem Geschmack! – Er ist so schmal wie eine Tischuhr! . . . Begreifen Sie nicht! Schmal! Wissen Sie und grau!«

»Was sprichst du da?« erwiderte die Gräfin.

»Begreifen Sie mich nicht? Nikolai würde es begriffen haben! Besuchow ist dunkelblau, aber er ist viereckig.«

»Und doch kokettierst du mit ihm«, sagte lachend die Gräfin.

»Nein, er ist Freimaurer, wie ich gehört habe! Er ist ein vortrefflicher Mensch! Dunkelblau! . . . Wie soll ich es Ihnen erklären?«

»Mamachen«, rief die Stimme des Grafen von der Tür her, »schläfst du noch nicht?«

Natalie sprang auf, nahm die Pantoffeln in die Hand und lief in ihr Zimmer. Lange konnte sie nicht einschlafen, immer dachte sie daran, daß niemand begreifen könne, was in ihr sei.


Am andern Tage lud die Gräfin Boris zu sich ein und sprach mit ihm, und von diesem Tage an stellte er seine Besuche ein.

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