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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 93
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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93

Wie immer teilte sich auch damals die höchste Gesellschaft bei Hofe und auf den großen Bällen in mehrere Kreise mit besonderen Schattierungen. Der umfangreichste dieser Kreise war der französische, welcher für das Bündnis mit Napoleon wirkte – Graf Rumjanzow und Caulaincourt. Eines der angesehensten Mitglieder dieses Kreises war Helene, sobald sie sich mit ihrem Manne in Petersburg niedergelassen hatte. Die Herren der französischen Gesandtschaft und eine große Anzahl von Persönlichkeiten, welche für ihren Geist und ihre Liebenswürdigkeit bekannt waren, gehörten dieser Richtung an.

Helene war in Erfurt zur Zeit des berühmten Kongresses und von da brachte sie jene Verbindungen mit allen napoleonischen Größen Europas mit. In Erfurt hatte sie glänzenden Erfolg, Napoleon selbst bemerkte sie im Theater, fragte, wer sie sei und bewunderte ihre Schönheit. Ihr Erfolg als schöne, elegante Dame setzte Peter nicht in Erstaunen, denn sie war mit den Jahren noch schöner als früher geworden, aber mit Verwunderung hörte er, daß es ihr in diesen zwei Jahren gelungen war, den Ruf einer entzückenden, mit ebensoviel Geist als Schönheit begabten Dame zu erwerben. Der berühmte Duc de Ligne schrieb ihr acht Seiten lange Briefe, Bilibin sparte seine Wortspiele auf, um sie zum erstenmal bei der Gräfin Besuchow auszusprechen. Es galt für ein Diplom von Geist, bei der Gräfin Besuchow Zutritt zu haben. Junge Leute lasen Bücher vor den Abendgesellschaften Helenes, um im Salon etwas zu sprechen zu haben, und die Gesandtschaftssekretäre und sogar die Gesandten selbst vertrauten ihr diplomatische Geheimnisse an, so daß Helene in gewisser Beziehung eine Macht war. Peter, welcher wußte, daß sie sehr beschränkt war, nahm an diesen Gesellschaften und Diners mit einem seltsamen Gefühl der Verwunderung teil. In diesen Gesellschaften, in welchen von Politik, Poesie und Philosophie gesprochen wurde, empfand er ein Gefühl wie ein Zauberkünstler, welcher jeden Augenblick die Aufdeckung seines Betrugs fürchtet. Aber der Trug wurde nicht entdeckt, vielleicht weil zur Führung eines solchen Salons eben Dummheit nötig war, oder weil die Betrogenen selbst Vergnügen daran fanden. Bald befestigte sich ihr Ansehen als »entzückende, geistreiche Frau« so unerschütterlich, daß sie die größten Plattheiten und Unsinnigkeiten reden konnte und doch dadurch alle Zuhörer in Entzücken versetzte, welche einen tiefen Sinn darin suchten, von dem sie selbst keine Ahnung hatte.

Peter war ein Ehemann, wie er für diese glänzende Weltdame unentbehrlich war. Er war der zerstreute Sonderling, der niemand störte und nicht nur den Eindruck des hohen Tons des Salons nicht verdarb, sondern durch seinen Kontrast mit dem vornehmen Takt seiner Frau ihr als vorteilhafter Hintergrund diente. Während dieser zwei Jahre hatte Peter durch seine beständige eifrige Beschäftigung mit immateriellen Interessen und bei seiner aufrichtigen Verachtung für alles übrige sich in der ihm gleichgültigen Gesellschaft seiner Frau jenen Ton des Gleichmuts, der Nachlässigkeit und Nachgiebigkeit angeeignet, welcher nicht künstlich zu erwerben ist und deshalb unwillkürlich Ehrfurcht einflößt. Er trat in den Salon seiner Frau wie ins Theater, war mit allen bekannt und allen in gleichem Maße gleichgültig. Zuweilen ließ er sich in eine Gespräch ein, das ihn interessierte, und ohne Rücksicht darauf, ob die Herren Gesandten zugegen waren oder nicht, sprach er seine Meinung offen aus, welche zuweilen dem herrschenden Ton durchaus nicht entsprach. Aber die Meinung über den wunderlichen Mann der bemerkenswertesten Frau Petersburgs stand schon so fest, daß niemand seine Ausfälle ernst nahm.

Unter den vielen jungen Leuten, die täglich im Hause Helenes verkehrten, war Boris Drubezkoi, der schon viel Erfolg im Dienste erzielt hatte, nach der Rückkehr Helenes aus Erfurt einer der intimsten. Helene nannte ihn »mein Page«. Sie lächelte ihn ebenso an wie alle andern, zuweilen aber war Peter dieses Lächeln unangenehm. Boris benahm sich gegen Peter mit einer besonders würdevollen, ernsten Höflichkeit. Auch diese Schattierung von Ehrerbietigkeit beunruhigte Peter. Er hatte vor drei Jahren durch die Beleidigung, die ihm seine Frau zufügte, so sehr gelitten, daß er sich jetzt vor der Möglichkeit einer Wiederholung dadurch schützte, daß er nicht der Mann seiner Frau war, und dann auch dadurch, daß er sich nicht erlaubte, eifersüchtig zu werden.

»Nein, jetzt, wo sie Blaustrumpf geworden ist, hat sie sich von den früheren Verirrungen abgewendet«, sagte er sich selbst. »Es gibt kein Beispiel, daß Blaustrümpfe Herzensverirrungen gehabt hätten«, wiederholte er sich selbst, ein Ausspruch, den er einmal irgendwo gelesen hatte und an den er unbedingt glaubte. Aber die Gegenwart Boris' im Salon seiner Frau, wo er fast beständig war, wirkte physisch auf Peter, fesselte seine Glieder und vernichtete die Freiheit seiner Bewegungen.

»Solch eine seltsame Antipathie«, dachte Peter, »und früher hat er mir doch sogar sehr gefallen!«

In den Augen der Welt war Peter ein großer Herr, ein etwas blinder und lächerlicher Ehemann einer berühmten Frau, ein geistreicher Sonderling, der nichts tat und niemand schadete, ein prächtiger, guter Kerl. In seiner Seele aber ging während dieser Zeit eine komplizierte, mühsame Arbeit innerlicher Entwicklung vor sich, die ihm vieles entdeckte, ihm viele Zweifel, aber auch Freuden brachte.

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