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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 92
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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92

Peter wurde wieder von derselben Schwermut überfallen, die er so sehr fürchtete. Eines Tages lag er allein auf seinem Diwan, empfing niemand und ging nicht aus. Da erhielt er einen Brief von seiner Frau, welche ihn um eine Zusammenkunft anflehte, von ihrer Sehnsucht zu ihm und von ihrem Wunsche, ihm ihr ganzes Leben zu weihen, schrieb. Am Ende des Briefes benachrichtigte sie ihn, daß sie in einigen Tagen aus dem Ausland in Petersburg ankommen werde.

Bald darauf wurde die Einsamkeit Peters durch den Besuch eines der weniger angesehenen Freimaurer unterbrochen, der das Gespräch auf die ehelichen Umstände Peters lenkte und ihm als Bruder mitteilte, daß seine Strenge gegen seine Frau ungerecht sei, und daß Peter von dem ersten Gesetze der Freimaurerei abweiche, wenn er Reuigen nicht vergeben wollte.

Um dieselbe Zeit ließ seine Schwiegermutter, die Frau des Fürsten Wassil, ihm sagen, sie lasse ihn dringend bitten, sie wenigstens auf einige Minuten zu besuchen, um eine sehr wichtige Angelegenheit zu besprechen. Peter sah, daß eine Verschwörung gegen ihn bestand, daß man ihn mit seiner Frau wieder vereinigen wollte, und in dem Zustand, in dem er sich befand, war ihm dies sogar nicht einmal unangenehm. Alles war ihm gleichgültig, nichts in seinem Leben erschien ihm als eine Sache von Wichtigkeit, und unter dem Einfluß der Schwermut, die ihn jetzt beherrschte, lag ihm nichts an seiner Freiheit noch an seiner Beharrlichkeit in der Bestrafung seiner Frau.

»Niemand hat recht, niemand ist schuldig, also ist sie wohl auch unschuldig«, dachte er. Nur weil er in seinem trübsinnigen Zustand nicht imstande war, etwas zu unternehmen, erklärte er sogleich seine Einwilligung zur Wiedervereinigung mit seiner Frau. Wäre sie zu ihm gekommen, er hätte sie jetzt nicht zurückgestoßen. War es nicht gleichgültig im Vergleich mit dem, was ihn beschäftigte, ob er mit seiner Frau lebte oder nicht?

Ohne seiner Frau noch seiner Schwiegermutter zu antworten, machte er sich eines Abends spät auf den Weg und reiste nach Moskau, um seinen Freund Joseph Alexejewitsch zu besuchen. In sein Tagebuch schrieb er:

Moskau, den 17. November.

Soeben komme ich von dem Edlen und beeile mich, alles aufzuzeichnen, was ich dabei empfand. Joseph Alexejewitsch lebt in Armut und leidet schon im dritten Jahr an einer schmerzhaften Krankheit. Niemand hat ihn stöhnen oder murren gehört. Er empfing mich gnädig und ließ mich auf das Bett sitzen, in dem er lag. Ich machte ihm das Zeichen der Ritter des Orients und von Jerusalem, und er antwortete ebenso. Mit mildem Lächeln fragte er mich, was ich erfahren und erworben habe in dem preußischen und schottischen Lande. Ich erzählte ihm alles, wie ich es verstand. Er schwieg lange und dachte nach, dann teilte er mir seine Ansicht darüber mit, welche die ganze Vergangenheit und zugleich meinen künftigen Weg beleuchtete. Er setzte mich in Erstaunen durch die Frage, ob ich mich erinnere, worin der dreifache Zweck des Ordens bestehe? »Erstens in der Bewahrung und Erkenntnis des Geheimnisses, zweitens in der Reinigung und Besserung unserer selbst zu unserer Erhebung, drittens in der Veredelung des Menschengeschlechts durch das Streben nach dieser Reinigung. Welches ist der wichtigste und erste Zweck von diesen dreien? Natürlich die eigene Besserung und Reinigung, nur nach diesem Ziel können wir immer streben, unabhängig von allen Umständen. Aber oft verfehlen wir dieses Ziel, irregeführt durch unsern Stolz, und beschäftigen uns mit der Besserung des Menschengeschlechts, während wir selbst noch in Sünde und Laster leben. Die Illuminaten haben nicht die reine Lehre, weil sie von Stolz erfüllt ist.« Ich stimmte ihm von Herzen bei. Über meine ehelichen Umstände sagte er: »Die erste Pflicht eines wahren Freimaurers besteht darin, wie ich Ihnen schon gesagt habe, sich selbst zu vervollkommnen. Wir denken oft, wenn wir alle Mühsale unseres Lebens von uns fernhalten, so werden wir dieses Ziel schneller erreichen. Aber im Gegenteil, nur inmitten der Aufregungen des Weltlebens können wir die drei wichtigsten Ziele erreichen: Erstens die Selbsterkenntnis, denn der Mensch kann sich nur durch Vergleichung kennenlernen, zweitens die Vervollkommnung, welche nur durch den Kampf erreicht wird, und drittens Aneignung der hauptsächlichsten Tugend – der Liebe zum Tod.« Dann erklärte mir der Edle ausführlich die Bedeutung des großen Quadrats des Weltgebäudes und wies darauf hin, daß die dreifache und siebenfache Zahl Grundlage von allem sind, und riet mir, mich nicht von der Gemeinschaft mit den Petersburger Brüdern zu trennen und sie von den Verführungen des Stolzes fernzuhalten. Außerdem riet er mir, für mich persönlich, vor allem mich selbst zu erforschen, und dazu gab er mir ein Heft, dasselbe, in das ich jetzt schreibe und in dem ich auch ferner alle meine Handlungen verzeichnen werde.

Petersburg, den 23. November.

Ich lebe wieder mit meiner Frau. Meine Schwiegermutter kam in Tränen zu mir und sagte, Helene sei gekommen und lasse mich anflehen, sie anzuhören. Sie sei unschuldig und unglücklich darüber, daß ich sie verlassen habe, und noch vieles andere. Ich wußte, wenn ich einwilligte, sie zu sehen, so werde ich nicht mehr die Kraft haben, die Erfüllung ihres Wunsches abzulehnen. In meinem Zweifel wußte ich nicht, an wen ich mich um Hilfe und Rat wenden könnte. Wenn der edle Joseph Alexejewitsch hier wäre, so hätte er mir geraten. Ich zog mich in die Einsamkeit zurück, las den Brief von Joseph Alexejewitsch, erinnerte mich an meine Gespräche mit ihm und gelangte zu dem Schluß, daß ich die Bittende nicht zurückweisen dürfe, und daß ich jedem die Hand zur Hilfe reichen müsse, um so mehr einem mit mir so eng verbundenen Menschen, und daß ich mein Kreuz tragen müsse. Aber meine Wiedervereinigung mit ihr soll nur ein geistiges Ziel haben. So war mein Entschluß, den ich Joseph Alexejewitsch mitteilte. Ich sagte meiner Frau, ich bitte sie, alles Vergangene zu vergessen und mir zu vergeben, worin ich mich gegen sie vergangen habe, und ich habe ihr nichts zu vergeben. Dies sagte ich mit freudigem Mut. Sie soll nicht wissen, wie peinlich es mir war, sie wiederzusehen. Ich habe mich in dem großen Hause, in den oberen Zimmern eingerichtet und empfinde ein beglückendes Gefühl der Selbsterneuerung.

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