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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 87
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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87

Der Tag, an welchem Rostow in Tilsit ankam, war sehr ungeeignet, um für Denissow zu wirken. Er selbst konnte nicht zum dejourierenden General gehen, da er im Frack und ohne Erlaubnis nach Tilsit gekommen war. Boris aber, wenn er auch gewollt hätte, hätte das erst am Tage nach der Ankunft Rostows tun können. An diesem Tag, dem 27. Juni (9. Juli), wurden die Friedenspräliminarien unterzeichnet, die Kaiser beschenkten sich gegenseitig mit Orden. Alexander erhielt den Stern der Ehrenlegion und Napoleon den Andreasorden erster Klasse, und an diesem Tage sollte auch ein Diner stattfinden, an welchem ein Bataillon der französischen Garde und ein Bataillon des Preobraschenskyschen Garderegiments teilnahm. Die Kaiser wollten an diesem Bankett ebenfalls teilnehmen.

Rostow war die Gegenwart Boris' so unbehaglich, daß er sich schlafend stellte, als Boris am andern Morgen ins Zimmer blickte. Am andern Tag verließ er früh am Morgen das Haus, ohne Boris gesehen zu haben. Im Frack, mit rundem Hut schlenderte Nikolai durch die Stadt und besah die Franzosen und ihre Uniformen. Auf einem Platz waren Tische aufgerichtet und es wurden Vorbereitungen zu dem Festessen gemacht. Die Stadt war geschmückt mit russischen und französischen Fahnen mit verschlungenen Namenszügen, A. und N.

»Boris will mir nicht helfen, und ich werde mich auch nicht an ihn wenden«, dachte Nikolai. »Zwischen uns ist alles aus, aber ich gehe nicht fort von hier, ehe ich nicht alles mögliche für Denissow getan und wenigstens den Brief dem Kaiser übergeben habe. Dem Kaiser! . . . Da ist er!« dachte Rostow, indem er sich unwillkürlich wieder dem Hause näherte, welches Alexander bewohnte.

Vor dem Hause standen Reitpferde, die Suite sammelte sich in Erwartung des Erscheinens des Kaisers.

»Jeden Augenblick kann ich ihn sehen«, dachte Rostow. »Wenn ich ihm nur den Brief übergeben und alles sagen könnte! Ob man mich wohl des Fracks wegen arretieren würde? Unmöglich! Er würde begreifen, auf welcher Seite das Recht liegt. Er begreift alles und weiß alles! Da gehen sie hinein«, dachte er, als er einen Offizier in das Haus treten sah, das der Kaiser bewohnte. »Ach, Unsinn, ich gehe auch hinein und gebe dem Kaiser den Brief.« Und plötzlich ging Rostow mit einer Entschlossenheit, über die er sich selbst wunderte, gerade auf das Haus zu. »Nein, jetzt werde ich die Gelegenheit nicht wieder versäumen wie bei Austerlitz«, dachte er. Bei dem Gedanken, daß er jeden Augenblick dem Kaiser begegnen könne, strömte sein Blut zum Herzen. »Ich werde ihm zu Füßen fallen, er wird mich aufheben, mich anhören und mir noch dafür danken. ›Ich bin glücklich, wenn ich Gutes tun kann, und Unrecht wieder gutzumachen, ist das höchste Glück!‹ wird der Kaiser sagen.« Von der Eingangstür führte eine breite Treppe nach oben, rechts war eine verschlossene Tür, unter der Treppe, welche in den oberen Stock führte, war noch eine Tür sichtbar.

»Was wünschen Sie?« fragte jemand.

»Einen Brief abgeben, eine Bittschrift an Seine Majestät«, sagte Nikolai mit zitternder Stimme.

»Eine Bittschrift? – Zum Dejourierenden! Bitte, dorthin!« Man deutete auf die Tür unter der Treppe. »Aber sie wird nicht angenommen werden.« Ein Kammerfurier öffnete ihm die Tür zum Dejourierenden, und Rostow trat ein.

Ein kleiner, dicker Mann von etwa dreißig Jahren mit weißen Beinkleidern und Reiterstiefeln stand im Zimmer. Ein Kammerdiener legte ihm gestickte Tragbänder um. Dieser Mann sprach mit jemand, der sich im nächsten Zimmer befand. »Was wollen Sie?« fragte er Rostow. »Eine Bittschrift?«

»Was gibt's?« fragte jemand aus dem anderen Zimmer.

»Noch ein Bittsteller«, erwiderte der Mann mit den Tragbändern.

»Sagen Sie ihm, er solle später kommen! Gleich wird der Kaiser herauskommen; wir müssen fort.«

»Später! Später! Morgen!«

Rostow wandte sich um und wollte gehen, aber der Mann mit den Tragbändern hielt ihn an. »Von wem? Wer sind Sie?«

»Vom Major Denissow!« rief Rostow.

»Wer sind Sie? Offizier?«

»Leutnant, Graf Rostow.«

»Welche Kühnheit! Geben Sie es auf dem Kommando ab. Und nun gehen Sie! Gehen Sie!« Er zog hastig den Uniformrock an, den ihm der Kammerdiener reichte.

Rostow ging wieder auf den Flur hinaus und bemerkte, daß auf der Vortreppe schon viele Generale in voller Uniform standen, an welchen er vorübergehen mußte. Seine Dreistigkeit verwünschend und halb erstarrt bei dem Gedanken, daß er jeden Augenblick dem Kaiser begegnen könne und daß er schimpflich behandelt und in Arrest geschickt werden könne, verließ Rostow das Haus, das von der glänzenden Suite umgeben war, als eine bekannte Stimme ihn anrief.

»Oho, Väterchen, was machen Sie hier im Frack?« fragte eine Baßstimme. Das war ein Kavalleriegeneral, der in diesem Feldzug die besondere Gewogenheit des Kaisers erworben hatte, der frühere Divisionsgeneral Rostows. Erschrocken begann Rostow sich zu entschuldigen, aber beim Anblick der gutmütigen, scherzhaften Miene des Generals, der ihn beiseite führte, teilte er ihm mit aufgeregter Stimme die ganze Sache mit und bat um seine Unterstützung für den ihm bekannten Denissow.

»Schade, schade um den Jungen!« sagte der General, den Kopf wiegend. »Gib den Brief her!«

Kaum hatte Rostow ihm den Brief übergeben, als man von der Treppe her rasche Schritte vernahm. Der General verließ Rostow und ging auf die Haustür zu. Die Herren der Suite eilten zu ihren Pferden, und auf der Treppe hörte Rostow leichte Schritte, welche er sogleich erkannte. Rostow vergaß die Gefahr, erkannt zu werden, näherte sich mit einigen neugierigen Einwohnern der Vortreppe und jetzt sah er wieder nach zwei Jahren die von ihm verehrten Züge, dasselbe Gesicht, denselben Blick und Gang, dieselbe Majestät und Milde. Entzücken und Liebe zum Kaiser erfüllte Rostows Herz. Der Kaiser in der Uniform des Preobraschenskyschen Garderegiments, mit hohen Stiefeln und einem Rostow unbekannten Orden, dem Stern der Ehrenlegion, trat auf die Vortreppe hinaus mit dem Hut unter dem Arme und zog sich Handschuhe an. Er betrachtete und erleuchtete alles um sich her mit seinem Blick. Er erkannte auch den früheren Divisionsgeneral Rostows, lächelte ihm zu und rief ihn zu sich.

Die ganze Suite trat zurück, und Rostow sah, wie der Kaiser ziemlich lange mit dem General sprach. Der Kaiser machte endlich einen Schritt nach seinem Pferd.

»Ich kann nicht, General«, sagte er ziemlich laut, augenscheinlich mit dem Wunsche, von allen gehört zu werden, »denn das Gesetz ist stärker als ich.« Er stellte den Fuß in den Steigbügel. Der General neigte ehrerbietig den Kopf, der Kaiser stieg zu Pferde und ritt im Galopp die Straße entlang. Außer sich vor Entzücken lief Rostow mit der Menge ihm nach.

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