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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 85
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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85

Sie gingen durch den Korridor in das Offizierszimmer, welches aus drei Räumen mit offenen Türen bestand. Verwundete und kranke Offiziere lagen und saßen auf Betten, einige gingen in Schlafröcken umher. Die erste Person, welcher Rostow hier begegnete, war ein kleiner, hagerer Mensch mit einer Zipfelmütze in einem Krankenhausschlafrock, dem ein Arm fehlte. Er ging im ersten Zimmer mit einer Pfeife im Munde umher. Rostow blickte ihn an und suchte sich zu erinnern, wo er ihn schon gesehen habe.

»Sehen Sie, wo Gott uns Wiedersehen verleiht!« sagte der kranke Mann. »Tuschin! Tuschin! Erinnern Sie sich, bei Schöngraben habe ich Sie herausgefahren! Jetzt haben sie mir ein Stückchen abgeschnitten, sehen Sie!« sagte er lachend und deutete auf den leeren Ärmel seines Schlafrocks. »Sie suchen Denissow? Der ist auch hier!« Und Tuschin führte ihn in das andere Zimmer, von wo er einige lachende Stimmen vernahm.

»Wie ist es möglich, hier zu leben und sogar zu lachen?« dachte Rostow, der immer noch denselben Leichengeruch wahrnahm wie im Soldatenhospital, und immer noch dieselben neugierigen Blicke sah, die ihn von den Soldaten begleiteten. Denissow lag in einem Bett, obgleich es schon zwölf Uhr mittags war.

»Rostow! Heda! Bist du gesund?« rief er mit derselben Stimme wie beim Regiment, aber Rostow bemerkte mit Trauer, wie in dieser gewohnten Munterkeit und Lebhaftigkeit eine neue, verborgene, trübe Schattierung in dem Gesichtsausdruck, in dem Ton und der Stimmung Denissows sich äußerte.

Die unbedeutende Wunde war noch immer nicht geheilt, obgleich schon sechs Wochen verflossen waren. Doch darüber war Rostow weniger erstaunt, als daß Denissow über sein Kommen kaum erfreut schien und nur gezwungen ihm zulächelte und weder nach dem Regiment noch nach dem Gang der Ereignisse fragte.

Rostow glaubte sogar zu bemerken, daß es Denissow unangenehm war, wenn man vom Regiment sprach, und überhaupt von jenem anderen, freien Leben außerhalb des Hospitals. Er schien dieses Leben vergessen zu wollen und interessierte sich nur noch für seine Angelegenheit mit dem Proviantamt. Auf die Frage Rostows, wie die Sache stehe, zog er sogleich unter seinem Kissen ein Papier hervor, das er von der Kommission erhalten hatte, und den Entwurf seiner Antwort darauf. Er wurde lebhaft, begann sein Papier vorzulesen und machte Rostow besonders aufmerksam auf die Anzüglichkeiten, die er seinen Feinden in diesem Papier gesagt hatte. Die Nachbarn Denissows, welche sich anfangs um Rostow gesammelt hatten, begannen sich zu zerstreuen, sobald Denissow vorzulesen begann. An ihren Gesichtern sah Rostow, daß alle diese Herren das alles schon mehr als einmal gehört hatten, und daß die Geschichte sie langweilte. Nur der nächste Nachbar, ein dicker Ulan, welcher auf seinem Bett saß und mit finsterer Miene seine Pfeife rauchte, und der kleine, einarmige Tuschin hörten zu und wiegten mißbilligend den Kopf. Mitten im Lesen unterbrach der Ulan Denissow.

»Nach meiner Ansicht«, sagte er zu Rostow, »müßte man ganz einfach den Kaiser um Begnadigung bitten! Man sagt, es werden jetzt große Belohnungen ausgeteilt, und wahrscheinlich . . .«

»Ich soll um Begnadigung bitten?« sagte Denissow mit krankhaft erregter Stimme, der er vergeblich die frühere Energie zu verleihen sich bemühte. »Warum? Wenn ich ein Räuber wäre, meinetwegen! Aber jetzt will man mich verurteilen, weil ich die Räuber ans Licht geführt habe. Meinetwegen! Aber ich fürchte mich nicht! Ich habe dem Kaiser und dem Vaterland ehrlich gedient und nicht gestohlen! Das schreibe ich ihnen geradezu! Sehen Sie! ›Wenn ich ein Dieb wäre, der die Krone bestiehlt . . .‹«

»Fein geschrieben! Nichts einzuwenden«, sagte Tuschin. »Aber darum handelt sich's nicht, Denissow!« – Er wandte sich auch an Rostow. – »Man muß sich beugen, sehen Sie, aber das will Denissow nicht! Der Auditor hat Ihnen ja schon gesagt, daß Ihre Sache schlecht steht.«

»Meinetwegen mag sie schlecht stehen«, sagte Denissow.

»Der Auditor hat Ihnen eine Bittschrift aufgeschrieben«, fuhr Tuschin fort, »und diese müssen Sie unterschreiben, und dieser Herr wird sie mitnehmen!« Er deutete auf Rostow. »Eine bessere Gelegenheit finden Sie nicht!«

»Ich habe schon gesagt, daß ich mich nicht bücken werde«, unterbrach ihn Denissow, und las weiter. Rostow wagte nicht, Denissow zu überreden, obgleich er einsah, daß Tuschin recht hatte. Er kannte den unbeugsamen Willen Denissows und seine gerechte Entrüstung.

Als Denissow die Vorlesung seines boshaften Papiers beendigt hatte, die mehr als eine Stunde dauerte, äußerte Rostow nichts darüber und verbrachte den Rest des Tages in düsterer Stimmung in der Gesellschaft der sich wieder um ihn sammelnden Offiziere, erzählte, was er wußte, und hörte die Erzählungen anderer an. Denissow beobachtete während des ganzen Abends ein düsteres Schweigen.

Spät am Abend machte sich Rostow auf den Heimweg und fragte Denissow, ob er ihm keinen Auftrag zu geben habe.

»Ja, warte ein wenig«, sagte Denissow, blickte sich nach den Offizieren um und nahm seine Papiere unter dem Kissen hervor. Dann ging er zum Fenster, wo ein Tintenfaß stand, und setzte sich nieder, um zu schreiben.

»Man kann nicht gegen den Strom schwimmen«, sagte er und reichte Rostow ein großes Kuvert. Das war die Bittschrift an den Kaiser, welche der Auditor verfaßt hatte, in welcher Denissow, ohne die Proviantverwaltung zu beschuldigen, nur um Begnadigung bat.

»Sende es ab!« sagte er mit gezwungenem, krankhaftem Lächeln.

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