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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 84
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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84

Im Juni wurde die Schlacht bei Friedland geschlagen, an welcher das Pawlogradsche Regiment nicht teilnahm, und darauf trat Waffenruhe ein. Rostow empfand schmerzlich die Abwesenheit seines Freundes, von dem er gar keine Nachrichten erhalten hatte, und beunruhigt über den Stand seiner Sache und seiner Wunde nahm er Urlaub und ritt nach dem Hospital, um sich zu erkundigen.

Das Hospital befand sich in einem kleinen preußischen Städtchen, das zweimal von den russischen und französischen Truppen zerstört worden war. An dem heiteren Sommertag bot das Städtchen mit seinen verbrannten Straßen, zerlumpten Einwohnern und den betrunkenen und kranken Soldaten, welche darin umherschwärmten, einen besonders traurigen Anblick. Das Hospital befand sich in einem steinernen Hause, vor dem einige verwundete und bleiche Soldaten in der Sonne saßen.

Sobald Rostow in das Haus trat, kam ihm ein fauliger Geruch entgegen. Auf der Treppe begegnete er einem russischen Arzt mit einer Zigarre im Munde, welchem ein Feldscher folgte.

»Ich kann mich nicht zerreißen«, sagte der Arzt zu dem Feldscher, der ihn aber noch um etwas bat.

»Mach, was du willst! Ist denn nicht alles gleich? Was wünschen Sie?« fragte der Doktor, als Rostow an ihm vorüberkam. »Weil die Kugel Sie nicht getroffen hat, wollen Sie sich den Typhus holen? Dies, Väterchen, ist das Haus des Verderbens!«

»Warum?« fragte Rostow.

»Typhus, Väterchen! Wer eintritt, ist dem Tod verfallen! Nur wir zwei, ich und der Feldscher da, schlagen uns hier herum. Von uns Doktoren sind schon fünf hier gestorben. Sowie ein Neuling kommt – nach einer Woche ist er fertig«, sagte der Arzt mit sichtlichem Vergnügen. Rostow sagte ihm, er möchte den hier liegenden Husarenmajor Denissow sehen.

»Kenne ich nicht, Väterchen! Bedenken Sie, ich allein habe drei Hospitäler mit mehr als vierhundert Kranken. Es ist noch gut, daß preußische wohltätige Damen uns Kaffee und Scharpie senden, zwei Pfund monatlich, sonst wären wir verloren!« Er lachte. »Vierhundert, Väterchen! Und mir schickt man alle Neulinge. Sind es vierhundert? Wie?« fragte er den Feldscher.

Der Feldscher wartete mit finsterer Miene verdrießlich darauf, daß der schwatzhafte Doktor bald gehen werde.

»Major Denissow«, wiederholte Rostow, »er ist kürzlich verwundet worden.«

»Wahrscheinlich gestorben. Was, Makejew?« fragte der Doktor gleichmütig den Feldscher. Dieser aber bestätigte die Vermutung des Arztes nicht.

»Ist es so ein langer, ein bißchen rötlich?« fragte der Arzt.

Rostow beschrieb das Äußere Denissows.

»Richtig! So einer war da!« erwiderte der Arzt vergnügt, »aber er muß gestorben sein! Doch will ich im Verzeichnis nachsehen! Hast du es bei dir, Makejew?«

»Das Verzeichnis ist drüben«, erwiderte der Feldscher. »Aber treten Sie in das Offizierszimmer ein, dort können Sie selbst nachsehen«, sagte er zu Rostow.

»Ach, es bist besser, Sie gehen nicht hinein«, meinte der Arzt, »sonst können Sie selbst drinnen bleiben!« Aber Rostow wandte sich mit einer Verbeugung ab und bat den Feldscher, ihn zu führen.

Sie gingen den Korridor entlang. Der faule Geruch wurde so stark in diesem finsteren Korridor, daß Rostow sich die Nase zuhielt und stehenbleiben mußte, um Kräfte zu sammeln. Zur Rechten öffnete sich eine Tür, aus welcher ein hagerer, gelber Mensch im bloßen Hemd herauskam. Mit funkelnden Augen sah er die Vorübergehenden an. Als Rostow durch die Tür blickte, sah er, daß Kranke und Verwundete dort auf dem Fußboden auf Stroh und Mänteln lagen.

»Kann ich hineingehen, um nachzusehen?« fragte Rostow.

»Wozu nachsehen?« sagte der Feldscher. Aber eben weil dieser ihn augenscheinlich nicht einlassen wollte, ging Rostow in das Soldatenzimmer. Der Geruch, an dem er sich auf dem Korridor schon gewöhnt hatte, war hier noch unerträglicher.

In einem langen, hell erleuchteten Zimmer lagen in zwei Reihen, die Köpfe nach der Wand gekehrt, Kranke und Verwundete. Die meisten von ihnen lagen in Ohnmacht, die anderen erhoben sich und sahen mit demselben Ausdruck von Hoffnung auf Hilfe, von Vorwurf und Neid dem fremden, gesunden Rostow nach. Er ging in den Durchgang in der Mitte des Zimmers und hatte zu beiden Seiten immer denselben Anblick. Schweigend blieb er stehen und blickte sich um. Einen solchen Anblick hatte er nicht erwartet. Vor ihm lag quer über dem mittleren Durchgang auf dem kahlen Fußboden ein kranker Kosak auf dem Rücken, mit ausgebreiteten Armen und Beinen. Sein Gesicht war dunkelrot, die Augen ganz verdreht, so daß nur das Weiße zu sehen war, und auf seinen nackten Füßen und den noch roten Händen traten die Adern wie Stricke hervor. Er sprach etwas mit heiserer Stimme und wiederholte dieses Wort. Rostow horchte, was er sagte, und vernahm endlich: »Trinken! Trinken!« Er blickte sich um, um jemand zu suchen, der den Kranken wieder auf seine Stelle legen und ihm Wasser geben konnte.

»Wer wartet hier die Kranken?« fragte er den Feldscher.

In diesem Augenblick kam aus dem Nebenzimmer ein Krankenwärter und richtete sich vor Rostow auf.

»Wünsche Gesundheit, Euer Hochwohlgeboren!« rief der Soldat, indem er die Augen aufriß, da er augenscheinlich Rostow für den Chef des Krankenhauses hielt.

»Nimm diesen auf und gib ihm Wasser!« sagte Rostow, auf den Kosaken deutend.

»Zu Befehl, Euer Hochwohlgeboren«, sagte der Soldat mit Diensteifer und riß noch mehr die Augen auf, aber ohne sich zu rühren.

»Nein, hier ist nichts zu machen«, dachte Rostow, senkte die Augen und wollte schon gehen. Da fühlte er aber einen durchdringenden Blick auf sich gerichtet und blickte sich um. Fast in der Ecke saß auf einem Mantel mit einem gelben, skelettartig abgemagerten, strengen Gesicht ein alter Soldat, der Rostow starr anblickte. Der Nachbar des alten Soldaten flüsterte ihm etwas zu und deutete auf Rostow. Rostow begriff, daß der Alte ihn um etwas bitten wollte. Er trat näher und sah, daß dem Kranken das eine Bein über dem Knie abgenommen war. Der andere Nachbar des Soldaten lag unbeweglich mit zurückgebogenem Kopf da, es war ein junger Soldat mit wachsbleichem, sommersprossigem Gesicht. Beim Anblick desselben überlief Rostow ein Frost.

»Dieser da, scheint mir . . .«, wandte er sich an den Feldscher.

»Wie oft haben wir gebeten, Euer Wohlgeboren«, sagte der alte Soldat mit zitternder Kinnlade. »Schon heute morgen ist er gestorben. Wir sind doch auch Menschen und keine Hunde!«

»Sogleich werde ich ihn forttragen lassen«, sagte hastig der Feldscher. »Belieben Sie einzutreten, Euer Wohlgeboren!«

»Komm«, sagte hastig Rostow und ging mit gesenkten Augen zwischen den Reihen dieser vorwurfsvollen und neidischen Blicke, die auf ihn gerichtet waren, hindurch.

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