Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Lew Tolstoi >

Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 83
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
Schließen

Navigation:

83

Im April wurde das Heer neu belebt durch die Nachricht von der Ankunft des Kaisers beim Heer. Rostow gelang es nicht, zu der Parade zu kommen, welche der Kaiser in Bartenstein abhielt, da die Husaren weit vor diesem Städtchen auf Vorposten standen.

Denissow und Rostow wohnten in einer von den Soldaten für sie ausgegrabenen Erdhütte. Rostow war auf Wache gewesen und kehrte um acht Uhr morgens nach einer durchwachten Nacht nach Hause zurück, wechselte seine vom Regen durchnäßte Kleidung, betete, trank Tee, wärmte sich und räumte seine Sachen in seinem Winkelchen auf. Dann legte er sich in Hemdsärmeln auf den Rücken, mit den Händen unter dem Kopf, dachte mit Behagen daran, daß er bald einen höheren Rang erhalten werde, und erwartete Denissow, der ausgegangen war.

Bald vernahm er die Stimme Denissows, welche mit Heftigkeit sprach. Rostow sah zum Fenster hinaus und erblickte den Wachtmeister Tontschejenko.

»Ich habe dir doch befohlen, du sollst sie nicht diese Wurzel fressen lassen!« schrie Denissow. »Und jetzt habe ich Lasartschuk auf dem Feld erwischt!«

»Ich habe es verboten, Euer Hochwohlgeboren, aber sie gehorchen nicht«, erwiderte der Wachtmeister.

Rostow legte sich behaglich wieder auf sein Bett. Draußen hörte er Denissow rufen: »Der zweite Zug satteln!«

Nach fünf Minuten kam Denissow in die Hütte, legte sich mit schmutzigen Stiefeln auf das Bett, rauchte zornig eine Pfeife, warf alle seine Sachen durcheinander, nahm Peitsche und Säbel und ging hinaus. Auf Rostows Frage: »Wohin?« gab er nur eine unverständliche Antwort. »Gott und der Kaiser mögen mich richten«, sagte Denissow, und Rostow hörte, wie einige Pferde draußen durch den Schlamm vorübergingen. Rostow kümmerte sich nicht darum, wohin Denissow ritt. Er schlief ein, und erst gegen Abend kam er wieder aus der Hütte hervor. Denissow war noch nicht zurückgekehrt. Rostow ging hinüber in die nächste Hütte, wo zwei Offiziere mit einem Junker Swaika spielten. Plötzlich erblickten sie einen herankommenden Wagenzug, dem etwa fünfzehn Husaren auf abgemagerten Pferden folgten.

»Seht doch, Denissow hat sich die Sache zu Herzen genommen«, sagte Rostow, »und hat Proviant angeschafft.«

»Wirklich!« riefen die Offiziere. »Wie werden sich die Soldaten freuen!«

Etwas hinter den Husaren ritt Denissow, begleitet von zwei Infanterieoffizieren, mit denen er sprach. Rostow ging ihm entgegen.

»Ich warne Sie, Rittmeister«, sagte der eine, ein kleinerer, schmächtiger, augenscheinlich zorniger Offizier.

»Ich habe Ihnen schon gesagt, ich gebe nichts heraus«, erwiderte Denissow.

»Dafür werden Sie zur Verantwortung gezogen werden, Rittmeister! Das ist Gewalttat! Den eigenen Kameraden den Proviant wegnehmen! Die unsrigen haben seit zwei Tagen nichts gegessen!«

»Und die meinigen haben seit zwei Wochen nichts gegessen«, erwiderte Denissow.

»Das ist Raub, mein Herr!« wiederholte der Infanterieoffizier mit lauter Stimme.

»Was wollen Sie eigentlich von mir?« schrie Denissow, plötzlich in Zorn geratend. »Ich werde es verantworten, nicht Sie! Hören Sie auf mit Ihrem Gefasel! Marsch!« schrie er den Offizier an.

»Gut«, rief der kleine Offizier, ohne sich einschüchtern zu lassen, »das ist Straßenraub! Und ich werde Ihnen . . .«

»Zum Teufel! Marsch im Geschwindschritt, solange Sie noch bei heiler Haut sind!« Und Denissow wandte sein Pferd gegen die Offiziere um.

»Gut, gut«, sagte der Offizier drohend, wandte sein Pferd und ritt im Trab davon.

»Ein Hofhund!« sagte Denissow und ritt lachend Rostow entgegen. »Der Infanterie habe ich mit Gewalt einen Transport weggenommen«, sagte er, »man kann doch die Leute nicht verhungern lassen!«

Die Wagen waren für ein Infanterieregiment bestimmt gewesen, aber Denissow, welcher von Lawruschka benachrichtigt worden war, hatte mit seinen Husaren die Wagen mit Gewalt weggenommen. Die Soldaten erhielten Zwieback, soviel sie wollten, und teilten sogar den anderen Schwadronen davon mit.

Am andern Tag rief der Oberst Denissow zu sich und sagte ihm, indem er die Augen mit den Fingern bedeckte: »Ich will Ihnen sagen, wie ich die Sache ansehe. Ich weiß von nichts und werde auch nach nichts fragen, aber ich rate Ihnen, zum Stab zu reiten und dort in der Proviantverwaltung die Sache wieder gutzumachen, wennmöglich durch eine Quittung, daß Sie soundsoviel Proviant erhalten haben. Sonst endigt die Sache schlimm.«

Denissow ritt sogleich zum Stab, um diesen Rat zu befolgen. Abends kehrte er in seine Hütte in einem Zustand zurück, wie ihn Rostow noch niemals gesehen hatte. Denissow konnte nicht sprechen und keuchte. Als Rostow ihn fragte, was ihm sei, brachte er mit heiserer, schwacher Stimme nur unverständliche Schimpfworte und Drohungen hervor. Erschrocken sandte Rostow zum Arzt.

»Man will mich wegen Raub vor Gericht stellen! – Gib mir noch Wasser her! – Mir ist alles gleich! Schurken werde ich immer durchhauen! Und dem Kaiser werde ich's sagen! Gib Eis her!« rief er.

Der Arzt kam und sagte, er müsse durchaus zur Ader lassen. Ein großer Teller voll schwarzen Blutes entfloß dem Arme Denissows, und erst dann war er imstande, zu erzählen, was vorgefallen war.

»Ich komme hin«, erzählte Denissow. »›Nun, wo ist euer Chef?‹ frage ich. Man wies mich zu ihm. – ›Ist es nicht gefällig, ein wenig zu warten?‹ – ›Ich bin dreißig Werst weit geritten und kann nicht warten,‹ melde ich. Gut. Da kommt dieser Oberräuber heraus und wollte mir den Text lesen: ›Das ist Raub!‹ – ›Raub?‹ sage ich. ›Der ist kein Räuber, der den Proviant nimmt, um seine Soldaten damit zu füttern, sondern der, der ihn in die Tasche steckt!‹ – ›Gut, rechnen Sie ab mit dem Kommissionär!‹ sagt er, ›Ihre Sache wird dem Kommando übergeben werden!‹ – Ich gehe zum Kommissionär, trete ein – an den Tisch . . . Was meinst du? Nein, du kannst es nicht erraten! Wer läßt uns vor Hunger sterben?« schrie Denissow mit einem Faustschlag, daß der Tisch beinahe umfiel. »Teljanin! – ›Was, du läßt uns verhungern?‹ rief ich. Dann gab ich ihm eins auf die Schnauze und noch eins. Es war nett! . . . Nun, ich habe meinen Spaß gehabt, kann ich dir sagen!« rief Denissow vergnügt und zeigte boshaft seine weißen Zähne. »Ich hätte ihn totgeschlagen, wenn man nicht dazwischengekommen wäre.«

»Was schreist du so?« sagte Rostow. »Beruhige dich! Siehst du, das Blut fließt wieder! Warte, man muß einen neuen Verband umlegen.«

Denissow wurde verbunden und schlafen gelegt. Am andern Tag erwachte er vergnügt und ruhig. Um Mittag aber kam der Regimentsadjutant mit ernster Miene in die Erdhütte und zeigte ein formelles Papier an den Major Denissow von dem Regimentskommando, in welchem Auskunft über den gestrigen Vorfall verlangt wurde. Der Adjutant sagte, die Geschichte werde eine sehr schlimme Wendung nehmen, eine kriegsgerichtliche Kommission sei ernannt, und bei der jetzigen Strenge gegen Marodeure und Eigenmächtigkeit der Soldaten werde die Sache in glücklichem Fall mit Degradation endigen.

Von Seiten der Beleidigten war der Vorfall so dargestellt, daß der Major Denissow nach Wegnahme des Transports ohne jede Aufforderung in trunkenem Zustand beim Oberproviantmeister erschienen sei, ihn Räuber genannt, mit Tätlichkeiten bedroht habe, und als er hinausgeführt worden sei, habe er sich in die Kanzlei gestürzt, zwei Beamte geschlagen und dem einen den Arm ausgerenkt.

Auf Rostows Frage sagte Denissow lachend, wahrscheinlich sei da wirklich noch ein anderer übel weggekommen, aber das sei alles Unsinn, Dummheiten, er fürchte sich vor keinem Gericht, und wenn diese Schurken es wagen sollten, ihn vor Gericht zu ziehen, so werde er ihnen antworten, daß sie daran denken werden.

Denissow sprach in übermütigem Ton, aber Rostow kannte ihn zu gut, um nicht zu bemerken, daß er heimlich sich vor dem Gericht fürchtete und die Sache ihm peinlich war, welche dem Anschein nach schlimme Folgen haben konnte. Jeden Tag kamen Papiere und Zitationen vor Gericht, und am 1. Mai erhielt Denissow den Befehl, dem nächstältesten Offizier die Schwadron zu übergeben und im Stab der Division zu erscheinen, um sich wegen der Gewalttätigkeit in der Proviantkammer zu verantworten. Am Tage vorher machte Platow einen Streifzug mit zwei Kosakenregimentern und zwei Schwadronen Husaren. Denissow ritt wie immer vor die Kette und prahlte mit seiner Tapferkeit, und eine französische Kugel traf ihn in das Fleisch des oberen Beins. Zu einer anderen Zeit hätte Denissow eine so leichte Wunde nicht beachtet, jetzt aber benutzte er diesen Zwischenfall, um nicht vor dem Divisionsstab zu erscheinen, und ging ins Hospital.

 << Kapitel 82  Kapitel 84 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.